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12.6.2008 | Von:
Günter Seufert

Religiöse Minderheiten in der Türkei

Religion als Aufgabe der Zivilgesellschaft zu verstehen, würde die Trennung vom Staat und religiöse Vielfalt bedeuten. Für die Türkei ist ein solches Konzept noch immer Neuland.

Einleitung

Am 25. September 2005 fand in der Stadt Antakya, dem alten Antiochien, in der türkischen Provinz Hatay an der Grenze zu Syrien die "I. Hatay-Zusammenkunft der Zivilisationen" statt. Der Gouverneur hatte eingeladen, und der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hielt die Eröffnungsrede. Auch Papst Benedikt XVI. und Samuel P. Huntington, Autor des vielzitierten Clash of Civilizations, waren nach Hatay gebeten worden. "Wenn der Papst wirklich kommt, sieht er, wie friedlich in Hatay die Angehörigen der Religionen miteinander leben", hatte schon zwei Monate zuvor die Zeitung "Hürriyet" geschrieben. Sollte er die Einladung annehmen, würde Huntington klar werden, hieß es auch in der "Sabah", dass seine These, die Türkei passe nicht nach Europa, widerlegt sei.






Zwar folgten weder der Papst noch Huntington der Einladung, doch die Häupter der einheimischen Kirchen und Religionsgruppen saßen auf dem Podium: der Präsident der staatlichen Religionsbehörde Ali Bardakoglu, der Ökumenische Patriarch der Griechisch-Orthodoxen Kirche Bartholomäus I., der Patriarch der Gregorianischen Armenier Mesrop Mutafyan, Oberrabbiner Izak Haleva, Bischof Yusuf Çetin von der Syrisch-Orthodoxen Kirche und Edmont Farhat, der Botschafter des Vatikans in der Türkei. Selbst die kleinen Gemeinden der Chaldäer und Nestorianer hatte ihre Priester geschickt.[1]

Das Treffen war keine Eintagsfliege. Ähnliche Zusammenkünfte gibt es immer wieder. Bereits am 15. Januar 2004 hatte in Istanbul mit nahezu denselben Teilnehmern eine Art Generalprobe für Hatay stattgefunden, und im Dezember 2007 trafen sich die lokalen Religionsführer in der türkischen Mittelmeerstadt Mersin.[2] Was will man mehr, als dass sich der Regierungschef, die Spitzen der örtlichen Verwaltung und das staatliche Haupt der Mehrheitsreligion, des sunnitischen Islams, für Religionsvielfalt und Toleranz aussprechen? Doch es gibt eine zweite Seite der Medaille.

Am 3. März eines jeden Jahres feiert der Landkreis Askale in der ostanatolischen Provinz Erzurum seine Befreiung von der "armenischen Besatzung".[3] Wie jedes Mal zu diesem Tag seit nunmehr 20 Jahren wurde auch am 3. März 2008 den Kindern Askales die Schlechtigkeit und Grausamkeit der Armenier als Straßentheater vorgeführt: Nachdem sie sich betrunken haben, stecken armenische Banden erst die Moschee in Brand, dann erhängen sie den Imam und ermorden schließlich mit dem Seitengewehr das Baby in der Wiege. Endlich tauchen die türkischen Milizen auf, töten alle Armenier und machen dem Spuk ein Ende. Der Bürgermeister von Askale sagt, die Armenier hätten damals 600 Menschen ermordet, darunter 106 Frauen und 63 Kinder. Er lobt die Darstellung, die der Jugend die nationalen Werte einimpfe, und behauptet, die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK bestehe letztendlich aus Armeniern.[4] Ein Hauptmann der Armee ergreift das Wort, pflichtet dem Bürgermeister bei und sagt, die Armenier schrieben den Türken heute die Taten zu, die sie damals selbst begangen hätten.[5]

Wie Askale gedenken viele türkische Städte jährlich ihrer "Befreiung" vor nun fast 90 Jahren im Rahmen des Unabhängigkeitskriegs. Im Süden feiert man den Sieg gegen französisch-armenische Truppen, im Westen die Abwehr der griechischen Invasion. Zwar wird nicht überall blutiges Geschichtstheater aufgeführt, doch dass der Feind noch heute lauert, wird überall betont, und immer ist auch eine der einheimischen christlichen Gemeinden, Armenier oder Griechen, Teil des Feindbilds.[6]

Im Hinblick auf die religiösen Minderheiten in der Türkei spiegeln die beiden Szenen vollkommen konträre Vorstellungswelten wieder, die doch beide gleichzeitig Realität sind. Mehr noch, idealtypisch betrachtet stehen die Grundaussagen beider Szenen für zwei gegensätzliche Auffassungen von Geschichte und Religion. Doch bevor darauf eingegangen werden kann, muss zugestanden werden, dass die Szene friedlichen Nebeneinanders der Religionen selbstverständlich auch Teil einer gezielten Propaganda der Regierung ist, welche nach dem 11. September 2001 sowie den Terroranschlägen von Madrid und London 2004/05 dem wachsenden Widerstand gegen eine türkische Mitgliedschaft in der Europäischen Union begegnen will. Die Regierung Erdogan macht aus der Not eine Tugend. Sie präsentiert die Mitgliedschaft eines muslimischen Landes in der EU als Chance für den interreligiösen Ausgleich und will damit Bedrohungsängste aushebeln. "Unser Islam ist anders", lautet die Botschaft; "seht nur, wie wir mit Minderheiten umgehen."

Fußnoten

1.
Vgl. Hürriyet vom 10.7. 2005; Sabah vom 19.6. 2005; Yeni Safak vom 25.8. 2005; Radikal-Iki vom 2.10. 2005.
2.
Vgl. Günter Seufert/Christopher Kubaseck, Die Türkei, München 2006, S. 161, und Hürriyet Çukurova vom 22.12. 2007.
3.
Nach dem Ersten Weltkrieg versuchten armenische Freischärler, ein unabhängiges Armenien in Anatolien zu gründen.
4.
Vgl. Radikal vom 4.3. 2008.
5.
Vgl. www.kenthaber.com/Arsiv/Haberler/2008/
Mart /03/Haber_344761.aspx (25.4. 2008).
6.
Vgl. Murat Belge, Askale zevksizligi, in: Radikal vom 7.3. 2008.