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12.6.2008 | Von:
Günter Seufert

Religiöse Minderheiten in der Türkei

Religiöse Minderheiten im Osmanischen Reich

Das harmonische Bild ist Ausdruck einer spezifischen Lesart der türkischen Geschichte, nach der das Osmanische Reich, der Vorgängerstaat der Republik Türkei, als ein für seine Zeit mustergültiger Hort von Toleranz und religiöser Vielfalt aufscheint. Ein prominentes Beispiel dafür liefert der Historiker Kemal Karpat: "Der Osmanische Staat war vielleicht der perfekteste islamische Staat, der je bestand. Sein Streben war darauf gerichtet, mit Hilfe des religiösen Rechts (Scheriat) einen homo islamicus hervorzubringen, während die Nichtmuslime über die liberalen Vorschriften des Millet-Systems in der Lage waren, ihren Glauben und ihre Identität zu bewahren."[7]

Karpat ist einer der angesehensten Historiker des Osmanischen Reichs und lehrt in den USA. Mit dieser Einschätzung steht er auch international nicht allein.[8] In der Türkei wird diese Ansicht mit Nachdruck vertreten, und selbst Sprecher der christlichen Minderheiten beziehen sich positiv auf die historische Erfahrung der türkischen Gesellschaft mit Multikulturalität.[9] Das von Karpat angeführte Millet-System ordnete alle Untertanen des Reiches Religionsgruppen, so genannten Millets, zu, die ihre religiösen, schulischen, sozialen und juristischen inneren Angelegenheit selbstverantwortlich regeln durften. An der Spitze stand die herrschende muslimische, danach kamen die griechisch-orthodoxe, die armenisch-gregorianische und dann die jüdische Millet. Auch wenn dieses "System" zeitlich und geographisch große Unterschiede aufwies, sicherte die ihm zugrunde liegende Haltung, dass die christlichen Völker des Balkans und Anatoliens mehrere hundert Jahre osmanischer Herrschaft mit ihrem Glauben, ihrer Sprache und ihrer Sozialorganisation überdauert haben.[10] Gleichheit implizierte dieses System ebenso wenig wie die Verhältnisse im vormodernen Europa, doch kennt die Geschichte des Osmanischen Reichs keine Pogrome gegen Angehörige anderer Religionen, wie sie beispielsweise im christlichen Abendland gegen Juden verübt wurden.[11]

Der wirtschaftliche Aufstieg Europas sowie die Nationalbewegungen des Balkans brachten das Millet-System allmählich zum Erliegen. Letztere führten zunächst zur Ausweitung der Zahl der Millets: Es kamen die bulgarische, die rumänische, die protestantische und die (römisch-)katholische Millet hinzu. Die Idee des Nationalstaats und die Gründung von Staaten christlicher Völker auf altem osmanischem Territorium verwandelten die früher "beschützten nichtmuslimischen Untertanen" (dhimmî) zuerst in Gegner des Reiches und später in Feinde der neuen türkischen Nation. Das Reich versuchte mit "Neuordnungen" (tanzimat) eine politische Modernisierung, die auf die Schaffung einer osmanischen Staatsnation gerichtet war, deren Mitglieder unabhängig von der Religion die gleichen Staatsbürgerrechte haben sollten. Doch die Reformen konnten die Frontenbildung zwischen Muslimen und Christen nicht aufhalten, denn die "Neuordnungen" stellten Nichtmuslime den Muslimen rechtlich gleich und machten aus ihnen zuerst politische und wirtschaftliche Konkurrenten und dann "Fünfte Kolonnen" der europäischen Kolonialmächte. Das Bild der friedlichen, wenngleich hierarchischen Ordnung der Religionen, welches in Hatay beschworen wurde, wich dem Bild von der Frontstellung zwischen Christen und Muslimen, wie es uns im Befreiungstheater von Askale entgegentritt.

Fußnoten

7.
Kemal Karpat, Balkanlar'da Osmanli mirasi ve ulusçuluk, zit. nach: www.turkdirlik.com (25.4. 2008).
8.
Vgl. z.B. Benjamin Braude/Bernard Lewis (eds.), Christian and Jews in the Ottoman Empire: the functioning of a plural society, New York 1982.
9.
Vgl. Hrant Dink, Die Saat der Worte, hrsg. von Günter Seufert, Berlin 2008 (Schiler-Verlag, i.E.), Artikel vom 14.12. 2001.
10.
Vgl. aus erster Anschauung: Charles Eliot, Turkey in Europe, London 1900, hier: Ausgabe 1965, S. 65f.
11.
Vgl. Çetin Yetkin: Türkiye'nin devlet yasaminda Yahudiler (Juden im türkischen Staatsleben), Istanbul 1992.