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12.6.2008 | Von:
Günter Seufert

Religiöse Minderheiten in der Türkei

Religiöse Minderheiten in der Zeit des Nationalismus

Wichtige Zwischenschritte im Übergang von einem zum anderen Bild waren der osmanisch-russische Krieg von 1879, die Balkankriege 1912/13 sowie der Unabhängigkeitskrieg nach dem Ersten Weltkrieg. Die Niederlagen der Osmanen auf dem Balkan führten zur Massenflucht von mehreren Hunderttausend Türken und Muslimen in die Gebiete Anatoliens und transportierten das Bild vom aggressiven Christen.[12] Das Gegeneinander von Christen und Muslimen wiederholte sich im türkischen Unabhängigkeitskrieg (1918 - 1923), als sich die türkischen und kurdischen Muslime im Namen der Rettung von Reich und Kalifat gegen die christlichen Besatzer (Italiener, Franzosen und Griechen) erhoben. "Amtlich" und international "gerechtfertigt" wurde die Gleichsetzung von religiöser und nationaler Zugehörigkeit durch den Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei, der 1923 auf Vorschlag des griechischen Ministerpräsidenten Elefthérios Venizélos abgeschlossen wurde. Rund 1,2 Millionen "Griechen" mussten damals die Türkei, etwa 400 000 "Türken" Griechenland verlassen. Das Kriterium für die Volkszugehörigkeit war nicht die Sprache, sondern die Religion. Über 400 000 weitere Muslime kamen zwischen 1923 und 1939 im Rahmen ähnlicher Verträge aus Bulgarien, Rumänien und Jugoslawien nach Anatolien.[13]

Dieser auf zwischenstaatlicher Abmachung beruhenden, "zivilen" ethnischen Säuberung von Griechenland, Teilen des Balkans und der Türkei war bereits während des Ersten Weltkrieges die Auslöschung armenischen Lebens in Anatolien vorausgegangen. Die offizielle Türkei bestreitet noch heute, dass die "Deportationen" von rund 800 000 Armeniern auf die Vernichtung des armenischen Volkes zielten, und erhält dabei von einigen westlichen Akademikern Unterstützung.[14] Gleichzeitig sind jedoch in den vergangenen Jahren erstmals auch in der Türkei diejenigen zu Wort gekommen, die von einer von langer Hand vorbereiteten Ausrottung der Armenier sprechen.[15]

Zwei Dinge stehen im Zentrum dieser gewaltsamen Konflikte zwischen Christen und Muslimen: zum einen das Aufkommen des modernen Nationalstaats in Europa, zu dessen Credo es gehört, dass er nur einer kulturellen Gruppe, seiner Nation, verpflichtet ist; zum zweiten die Entwicklung nationaler Identität aus religiöser Zugehörigkeit. Auf dem Balkan und auch bei den Armeniern waren die Kirchen und ihre Schulen Keimzellen des Nationalgedankens und die ersten nationalen bzw. nationalistischen Institutionen.[16] Die Türken übernahmen dieses Konzept von Staatsbürgerschaft, das auf der Deckungsgleichheit von Religion und Nation und damit auf der ausschließlich kulturellen Begründung von Staatszugehörigkeit und Staatsbürgerrechten beruht. Für die Nichtmuslime der Türkei bedeutete dies freilich, dass sie in eine so verstandene moderne türkische Nation im Grunde genau so wenig integrierbar sind wie Muslime in die christlichen Nationen des Balkans.

Fußnoten

12.
Von 1876 bis 1927 kamen nach offiziellen Dokumenten 1 994 999 Muslime aus dem Balkan und dem Kaukasus in das Osmanische Reich bzw. ab 1923 in die Republik Türkei; vgl. Cem Behar (Hrsg.), Omanli Imperatorlugu ve Türkiye nüfusu, Bd. II, Ankara 1996, S. 51 und S. 62.
13.
Vgl. Ahmet Içduygu: Türkiye'de uluslararasi göçün siyasal arka plani (Der politische Hintergrund internationaler Migration in der Türkei), erscheint auf Deutsch in: Barbara Pusch, Facetten internationaler Migration in die Türkei, Würzburg 2008 (i.E.).
14.
Darunter Norman Stone, Bernard Lewis, Guenter Lewy und Standford Shaw.
15.
Vgl. zuletzt Taner Akçam, Ermeni meselesi hallolumustur (Die armenische Frage ist gelöst), Istanbul 2008.
16.
Für das bulgarische Bespiel vgl. Ch. Eliot (Anm. 10), S. 314 ff.; Tobias Heinzelmann, Die Balkankrise in der osmanischen Karikatur, Istanbul 1999, S. 36ff. Für die Armenier vgl. H. Dink (Anm. 9), Artikel vom 14.11. 2003.