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12.6.2008 | Von:
Günter Seufert

Religiöse Minderheiten in der Türkei

Nichtmuslime in der Türkei heute

Von den etwa 300 000 Armeniern, die bei Gründung der Republik noch in der Türkei gelebt haben sollen, sind heute noch rund 60 000 übrig. Nach einer Kampagne des Istanbuler Patriarchats zur Umsiedlung leben sie fast ausschließlich in Istanbul.[28] Die Istanbuler Griechen, die zusammen mit den Türken in Westthrazien von Bevölkerungsaustausch ausgenommen worden waren, zählten noch Anfang der 1940er Jahre etwa 125 000 Personen. Heute ist die Gemeinde auf weniger als 2000 Mitglieder geschrumpft und ist aus eigener Kraft nicht überlebensfähig. Obwohl die jüdische Gemeinde von allen Minderheitengruppen die besten Beziehungen zum Staat unterhält, ist ihre Zahl von rund 80 000 in den 1930er Jahren auf heute 17 000 zurückgegangen. Die Syrisch-Orthodoxe Kirche, die Anfang des 20. Jahrhunderts etwa 200 000 Gläubige in ihren Zentren an der syrischen Grenze hatte, verfügt dort heute nur noch über rund 4500 Mitglieder. Etwa 10 000 syrische Christen leben in Istanbul. In Schweden und Deutschland leben heute jeweils etwa 60 000 Mitglieder dieser Kirche.

Die Liste der Probleme der Gemeinden ist lang, und den Bemühungen, sie zu verkürzen, war bisher nur wenig Erfolg beschieden. Obwohl der Vertrag von Lausanne allen nichtmuslimischen Minderheiten die Weiterführung und Neugründung ihrer Institutionen zusicherte, gewährt der Staat diese Rechte nur äußerst selektiv. Die ostanatolischen Kirchen (Syrer und Nestorianer) können bis heute keine eigenen Schulen betreiben, und die syrischen Christen wurden selbst für den außerschulischen Unterricht ihrer Kinder in der Muttersprache häufig vor den Kadi gezerrt. Die protestantischen Gemeinden meist türkischer Konvertiten (etwa 5000) sind für den Staat nicht existent. Bis Juli 1990 mussten die Kinder beider Gruppen am staatlichen Religionsunterricht teilnehmen, der aus islamischer Perspektive unterrichtet wird und noch immer auch islamischen Kult lehrt und abfragt. Alle Staatsbürger zahlen die gleichen Steuern, doch nur (sunnitische) Muslime erhalten religiöse Dienstleistungen. Die Minderheiten müssen nicht nur die Kosten für Religionslehrer und Geistliche selbst tragen, der Staat erlaubt auch nicht, dass geistlicher Nachwuchs ausgebildet wird. Die Priesterseminare der Griechisch-Orthodoxen und der Armenisch-Gregorianischen Kirche (Chalki und Tibrevank) wurden in den 1970er Jahren ohne Ersatz staatlicherseits geschlossen.

In den Schulen der Minderheiten wird seit Jahrzehnten um Unterricht in der Muttersprache gestritten. Ein obligatorischer stellvertretender Direktor, der immer "Türke" (sprich: Moslem) ist, führt in den Schulen der Minderheiten oft das eigentliche Regiment.[29] Das finanzielle Rückgrat der Gemeinden bilden ihre Kirchen-, Schul- und Sozialstiftungen. Mit den verschiedensten Begründungen werden seit den 1960er Jahren immer wieder Immobilien beschlagnahmt und Stiftungen willkürlich dem staatlichen Stiftungsdirektorium unterstellt; die Eintragung von Schenkungen wird verhindert.[30] Insgesamt sollen 150 Milliarden US-Dollar auf dem Spiel stehen. Die bisherigen Reformen erlaubten bisher nur in einem Fünftel der Fälle eine befriedigende Lösung.[31]

Fußnoten

28.
Vgl. H. Dink (Anm. 9), Artikel vom 5.1. 2001.
29.
Vgl. ebd., Artikel vom 6.12. 2002.
30.
Vgl. Dilek Kurban, Vakiflar Kanunu tasarisi gayrimüslim Cemaat Vakflari'nin sorunlari için çözüm getirmiyor (Der Entwurf des Stiftungsgesetzes löst die Probleme der Minderheitenstiftungen nicht), TESEV-Bericht, in: Agos vom 7.12. 2007, S. 12f.
31.
Oran 2008, Ausgabe vom 7.2. 2008.