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12.6.2008 | Von:
Günter Seufert

Religiöse Minderheiten in der Türkei

Muslimische Zivilgesellschaft?

Es ist kein Zufall, dass das Bild religiöser Vielfalt in der Türkei, welches am Anfang dieses Beitrags steht, primär von muslimischen Kreisen geschaffen und von ihnen benutzt wird. Muslimische Zusammenschlüsse wie die "Stiftung für Schriftsteller und Journalisten" waren die ersten, die den interreligiösen Dialog betrieben, und die muslimisch-konservative AKP (Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei) von Erdogan benutzt Auftritte wie den in Hatay für ihren EU-Kurs. Die AKP war es auch, welche die bescheidenen Verbesserungen für Nichtmuslime durchsetzte: Das 6. Anpassungspaket ersetzte im Bebauungsplangesetz (Imar Kanunu) den Ausdruck "Moschee" durch "Gebetshaus" und machte damit die formelle Gleichbehandlung und Neuerrichtung von Kirchen möglich. Die Verwaltung darf seither auch Minderheitenstiftungen Schenkungsimmobilien überschreiben. Erste Schritte zur Gleichbehandlung der Syrisch-Orthodoxen Kirche im Rahmen der Lausanner Vorschriften wurden eingeleitet, und diskriminierende Nummernfolgen in den Pässen der Minderheiten fielen weg. Gleichzeitig machte die Regierung Vorstöße zur Öffnung des griechischen Priesterseminars und verabschiedete ein neues Stiftungsgesetz. Unter allen türkischen Politikern sprach sich bisher nur der Premierminister klar dagegen aus, "religiösen Nationalismus" zu betreiben, denn es sei nicht Aufgabe des säkularen Staates, den Titel " christlicher Geistlicher" zu bewerten.[32]

Die Opposition sieht in alldem "Verrat" an der Türkei und eine Schwächung des spezifischen türkischen Laizismus. Denn dieser kennt keine Selbstorganisation der Mehrheitsreligion und deshalb auch keine Trennung von Staat und Religion.[33] Ein Recht der Nichtmuslime auf selbstbestimmte Ausbildung ihres geistlichen Nachwuchses, so fürchtet man, ziehe schnell ähnliche Forderungen von muslimischen Kreisen nach sich. Gleiches gilt für die Gewährung eines rechtlichen Status für die Kirchen jenseits ihrer Verfasstheit als eine Reihe von "Immobilienstiftungen".

Religion als Aufgabe der Zivilgesellschaft zu verstehen, würde ganz von selbst die Trennung von Staat und Religion, religiöse Vielfalt und rechtliche Regelungen des Verhältnisses von Staat und Religion bedeuten. Für die Türkei ist ein solches Konzept noch immer Neuland. Es setzt voraus, dass sich die Geisteshaltung ändert, wonach der Staat seine Nation kulturell formen darf, ja muss, weil es für den Bestand des Staats als unabdingbar gilt. Das bedeutet jedoch auch, dass sich die Republik Türkei von ihrem Misstrauen den eigenen muslimischen Bürgern gegenüber lösen müsste.

Fußnoten

32.
Dabei geht es um den Titel "Ökumenisches Patriarchat", den das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat beansprucht und der es zum Primus inter pares seiner Zunft machen soll, während es für die türkischen Behörden nur der Bischofssitz von Istanbul ist.
33.
Vgl. dazu Günter Seufert, Staat und Islam in der Türkei, SWP-Bericht, Berlin 2004.