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12.6.2008 | Von:
Abdel Mottaleb El Husseini

Die Religionsgemeinschaften im Libanon

Die Machtspiele von Maroniten, Sunniten und Schiiten erwiesen sich bisher als größtes Hindernis für die politische Stabilität und die Demokratie im Libanon.

Einleitung

Die religiöse Vielfalt gehört zu den Hauptmerkmalen der Gesellschaften im Vorderen Orient. Kein Wunder, denn in dieser Region entstanden die drei monotheistischen Religionen: das Judentum, das Christentum und der Islam. Und hier wurde von Anfang an mal argumentativ, mal temperamentvoll und oft sehr heftig um die Auslegung der heiligen Schriften gestritten. Die geopolitische Lage des Libanons als Schwelle zu Syrien machte ihn zur ersten Station der Heere aller Herrscherländer, die ihre Religionen und Kulturen ins Land mitbrachten. Gleichzeitig baten seine schwer zu überwindenden Berge vielen verfolgten Minoritäten und Häretikern sicheres Asyl und ermöglichten ihnen, ihr religiöses Leben weit weg von den jeweiligen Orthodoxien und von der Zentralmacht frei zu gestalten. Hinter dem religiösem Diskurs kamen im Laufe der geschichtlichen Entwicklung auch verdeckt politische und nationale Interessen zum Ausdruck, was zu Schismen innerhalb der jeweiligen Religionen und damit zur Entstehung der verschiedenen Religionsgemeinschaften geführt hat. Dies lag zum größten Teil daran, dass die Religionen immer auch zur Durchsetzung politischer Interessen missbraucht wurden. Dies gilt für alle Religionen und insbesondere für den Islam, der von vornherein keine Trennung zwischen irdischem und himmlischem Reich macht.






Hinsichtlich seiner vielfältigen religiösen und konfessionellen Struktur unterscheidet sich der Libanon im Großen und Ganzen nicht wesentlich von den benachbarten arabischen Ländern. Seine Besonderheit besteht jedoch darin, dass zum einen 18 christliche und islamische Konfessionen wie ein Mosaik auf einer sehr kleinen Fläche von 10 452 km 2 zusammenleben. Zum anderen nehmen die Religionsgemeinschaften als solche im libanesischen Staat eine politische und gesellschaftliche Rolle ein. Nach Artikel 24 der libanesischen Verfassung werden die 128 Sitze im libanesischen Parlament gleichermaßen zwischen christlichen und muslimischen Konfessionen nach einem Proporzsystem aufgeteilt. Die höchsten Staatsämter gehören jedoch den Vertretern der größten Religionsgemeinschaften. Der Staatspräsident muss Maronit, der Parlamentspräsident Schiit und der Regierungschef Sunnit sein. Dieses System wird deshalb auf Arabisch Al Taifia genannt - zu Deutsch Konfessionalismus: Die Macht geht nicht etwa vom Volk aus, sondern von den Konfessionen, die ein Bindeglied zwischen ihren Angehörigen und dem Staat bilden. Dazu kommt die Tatsache, dass die Religionsgemeinschaften auch im ganzen Staatsapparat vertreten sind. Eine Trennung von Religion und Politik existiert folglich im Libanon nicht. Laizistische Parteien oder Personen können nicht als solche an den Parlamentswahlen oder an der Regierung teilnehmen. Es gibt im Libanon kein einheitliches Familien- und Erbrecht. Insbesondere existiert keine Zivilehe, was ein Hindernis für gemischtkonfessionelle Ehen darstellt. Jede Konfession hat ihre eigenen Gesetze und Regelungen und unterhält zum Teil Bildungsinstitutionen und soziale Einrichtungen. All diese Faktoren tragen dazu bei, die Religionsgemeinschaften zu Staaten im Staat zu machen.

Die Erhebung des konfessionellen Systems zum unveränderlichen Wesenszug des libanesischen Staates widerspricht dem demokratischen Prinzip, das die Gleichheit der Bürger beinhaltet. Auch werden demographische Veränderungen nicht berücksichtigt. So bekommen die Vertreter der Christen, die gegenwärtig nach Schätzungen ca. 35 Prozent der Gesamtbevölkerung stellen, die Hälfte der Sitze im Parlament. Bekanntlich war das politische System eine der Hauptursachen des Bürgerkrieges von 1975 bis 1990 und der gegenwärtigen politischen Krisen. Der ständige Verteilungskampf zwischen den Vertretern der Konfessionen trägt dazu bei, sie in Einflusssphären regionaler und internationaler Mächte zu verwandeln und eine integrierende Rolle des Staates unmöglich zu machen. Deshalb ist eine Analyse der Rolle der Konfessionen im Libanon notwendig, um den Ursprung, das Wesen, und die Erscheinungsformen der Konflikte zu verstehen. Dieser Beitrag wird sich jedoch auf die Darstellung der Maroniten, Sunniten und Schiiten beschränken, da sie gegenwärtig die Hauptakteure der libanesischen Politik sind. Der Vollständigkeit halber sollen aber alle Konfessionen in der Reihenfolge ihrer geschätzten Zahl (absteigend) im Folgenden aufgelistet werden: Zu den Muslimen zählen Schiiten, Sunniten, Drusen, Alawiten und Ismailiten. Christen sind Maroniten, Griechisch-Orthodoxe, Griechisch-Katholiken, Armenisch-Orthodoxe, Armenisch-Katholiken, Römisch-Katholiken, Protestanten, Syrisch-Orthodoxe, Assyrisch-Chaldäer, Syrisch-Katholiken, Chaldäer und Kopten. Ferner gibt es eine unbekannte kleinere Anzahl von Juden.