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Einschussloecher in der Tür der Synagoge in Halle.

19.6.2020 | Von:
Frederik Schetter

Editorial

Obwohl Antisemitismus den freiheitlich-demokratischen Leitwerten der Gesellschaft nach geächtet ist, sind judenfeindliche Einstellungen relativ konstant bei rund einem Viertel der deutschen Bevölkerung verankert. Seit einigen Jahren schlagen antisemitische Ressentiments zunehmend in offen gezeigten Hass um. Bei "Hygiene-Demos" im Zuge der Corona-Pandemie etwa wird über eine "jüdische Weltverschwörung" fabuliert und durch das Tragen gelber Sterne der Holocaust relativiert, und "Du Jude" ist eine der häufigsten Beleidigungen auf deutschen Schulhöfen. Die jüngeren Fallzahlen zur Hasskriminalität belegen einen deutlichen Anstieg antisemitischer Straftaten, der Anschlag auf die Synagoge in Halle an der Saale im Oktober 2019 war nur die Spitze des Eisbergs.

Was ist neu am Antisemitismus der Gegenwart? Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es, um vor dem Hintergrund eines rechtspopulistischen "Grundrauschens" in der Gesellschaft Antisemitismus und seinem Mobilisierungspotenzial analog und digital etwas entgegenzusetzen? Um aktuellen Ausprägungen des Antisemitismus besser begegnen zu können, ist auch der Anspruch entstanden, diese für Nichtregierungsorganisationen und staatliche Institutionen wie die Polizei alltagstauglicher zu erfassen und so wissenschaftliche Definitionsdiskurse in eine anwendungsorientierte Form zu gießen. Getragen von einem parteiübergreifenden Konsens hat die Bundesregierung 2017 beschlossen, die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance, die auch israelbezogenen Antisemitismus umfasst, politisch anzuwenden. Gleichwohl scheiden sich an der Frage, ab wann Kritik an Israel antisemitisch wird, auch im internationalen Diskurs immer wieder die Geister.

Bei der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus gilt es in jedem Fall, Gruppenkonstruktionen zu hinterfragen, die diesen allein als Problem der jeweils "Anderen" ausmachen, sowie zu verdeutlichen, dass antisemitische Weltbilder unabhängig vom Verhalten der Jüdinnen und Juden entworfen werden. Für den gesellschaftlichen Resonanzraum, in dem Antisemitismus verhandelt wird, kann es eine Chance sein, die Diversität jüdischen Lebens sichtbarer zu machen. Dass diese Sichtbarkeit für Jüdinnen und Juden keine Gefahr bedeuten darf, ist ebenso Bedingung wie gesamtgesellschaftliche Verpflichtung.

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