30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Männer in historischen Uniformen laufen anlässlich der Nachstellung der Völkerschlacht bei Leipzig 2019 an einem Dixi-Klo vorbei. Mitglieder militärhistorischer Vereine marschieren zum Gelände für die Nachstellung der historischen Gefechte der Völkerschlacht in der Nähe von Liebertwolkwitz. Mehrere hundert Akteure in Uniformen begehen den 206. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig und gedenken der zahllosen Opfer. Im Herbst 1813 tobte vor den Toren der Stadt die größte und blutigste Feldschlacht bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts.

7.8.2020 | Von:
Achim Landwehr

Magie der Null. Zum Jubiläumsfetisch - Essay

Wir schreiben das Jahr 2020. Zweimal die Zwei, zweimal die Null. Eine jubiläumsbegünstigende Jahreszahl. Hübsche palindromische Daten lassen sich daraus basteln, wie der 02.02.2020. Beliebt bei Hochzeitspaaren, die wissen, wie bedeutsam solche merkfähigen Daten sind. Sie beugen nicht nur der Gefahr vor, den Tag der eigenen Vermählung zu vergessen, sondern transportieren auch die wenig subtile Botschaft, diesem Datum sei eine ganz besondere Bedeutung eigen. Wir scheinen uns kaum wehren zu können gegen diesen Eindruck, dass hinter bestimmten Zahlen und Zahlenkombinationen tiefere Bedeutungen stecken als die oberflächlich sichtbaren. Ist es denn Zufall, wenn das Wort zählen auch im Verb erzählen vorkommt? Erzählen diese Ziffern denn nicht von untergründigen Sinnebenen, die sich auf den ersten Blick nicht offenbaren?

Selbst für weniger mystisch Veranlagte scheint außer Frage zu stehen, dass insbesondere im Zeitverlauf runden Zahlen eine besondere Relevanz zukommt. Insofern kann es auch nicht verwundern, wenn das metrische System in der Gedenkkultur einen unübersehbaren Siegeszug absolviert hat. Alle Vielfachen von 5 oder 10 sind dazu geeignet, als Jubiläum herzuhalten. Diesen Umstand dürfen wir einerseits der physischen Ausstattung des Homo sapiens zuschreiben. Dass Menschen üblicherweise über zwei Hände mit jeweils fünf Fingern verfügen, verleiht den Zahlen 5 und 10 eine gewisse Natürlichkeit und selbstverständliche Evidenz. Daher ist selbst das 35-jährige Bestehen der Metzgerei um die Ecke einen Bericht in den Lokalnachrichten wert. Aber als jubiläumstechnische Ehrfurchtsregel kann gelten: je mehr Nullen, desto besser. 100 Jahre sind schon eine Respekt gebietende Zahl, weil sie die Grenzen üblicher Zeitzeugenschaft überschreitet. 1000 Jahre sind eine Zeitspanne, die das eigene Vorstellungsvermögen bereits überfordert und als Zahl so übermächtig wirkt, dass sie – zumindest innerlich – das Knie beugen lässt. Bei der aktuell zu beobachtenden historischen Jubiläumskultur handelt es sich also um eine Glaubensform – um den Glauben an eine "Geschichte", die unter anderem dadurch beglaubigt wird, markanter Daten ausgiebig zu gedenken, sobald sie ein Alter erreicht haben, dem unser numerisches System eine hinreichende Anzahl an Nullen zugedacht hat.

Angesichts dieser Ehrfurchtsregel mag man ausrufen: Ausgerechnet die Null! Ausgerechnet diese das Nichts bezeichnende Ziffer! Dieses Monstrum von einem Zeichen, das etwas bezeichnen soll, das nicht bezeichnet werden kann, weil es gar nicht existiert. Ausgerechnet in dieses Nichts, dessen kreisrunde Form an einen alles verschlingenden Höllenschlund gemahnen kann, wird so viel Bedeutung gelegt.

Ohne die Null sähe unsere Welt fraglos anders aus, und wahrlich nicht nur in jubiläumsgeschichtlicher Hinsicht. Es hat eine Weile gedauert, bis diese Zahl im europäischen Kontext etabliert werden konnte. Die griechischen und lateinischen Zahlensysteme kannten die Null nicht, und das Christentum hatte aus theologischen Gründen erhebliche Probleme mit der Bezeichnung des Nichts – vor allem mit einem Nichts, das trotz seines Nichts-Seins bezeichnet werden und durch sein Vorhandensein erhebliche Unterschiede machen konnte, zum Beispiel als Platzhalter an Dezimalstellen.[1]

Schattengleiche Gegenwärtigkeit

Also zweimal die Zwei und zweimal die ominöse Null. Mit dieser Jahreszahl verbindet sich unter anderem der 100. Jahrestag des Versailler Vertrags (10. Januar 1920), der 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz (27. Januar 1945), der 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa (8. Mai 1945), ebenso der 75. Jahrestag der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki (6. und 9. August 1945) und der 30. Jahrestag der Deutschen Einheit (3. Oktober 1990). Nicht zuletzt aufgrund des 75-jährigen Endes des Zweiten Weltkrieges darf auch das Jahr 2020 als ein besonderes Gedenkjahr gelten. Wie schon die Jahre 2018 (100 Jahre Ende des Ersten Weltkrieges), 2017 (500 Jahre Reformation), 2014 (100 Jahre Beginn des Ersten Weltkrieges) …

Man kann die nicht ganz unberechtigte Frage stellen, wie unser Verhältnis von (und zu) Geschichte und Vergangenheit aussähe, wenn es das Jubiläum nicht gäbe. Anders formuliert: Man darf zuweilen den Eindruck haben, die Bewusstwerdung über das Historische findet wesentlich (oder gar schon ausschließlich?) mittels solcher Gedenkveranstaltungen statt. Es ist schon häufiger festgestellt worden, dass unsere Geschichtskultur jubiläumsfixiert ist.[2] Aber woher rührt diese Fixierung, diese Attraktion der runden Jahreszahl, die Magie der Null? Warum gedenken wir bestimmten Geschehnissen nicht dann, wenn sie an der Zeit wären, sondern wenn sie im Kalender stehen?

Giacomo Leopardi, ein italienischer Schriftsteller des frühen 19. Jahrhunderts, hielt in seiner Aphorismensammlung fest, dass Jahrestage deswegen so beliebt seien, weil sie die Illusion nähren, "als kehrten jene Dinge, die unwiederbringlich für immer dahin sind, ins Leben zurück und wären, zwar schattengleich, gegenwärtig; dies aber gibt uns unendlichen Trost, es verbannt den Gedanken der Zerstörung, des Auslöschens, der uns so sehr widerstrebt, und spiegelt die Gegenwart jener Dinge vor, die wir uns wirklich anwesend wünschen oder deren wir doch aus besonderem Anlaß gerne gedenken."[3]

Bestimmter Ereignisse zu gedenken, soll nicht nur Erinnerung bewahren, nicht nur dem Vergessen vorbeugen, soll dem alles verschlingenden Wandel nicht nur ein Schnippchen schlagen, sondern auch ein wenig dabei helfen, die eigene Vergänglichkeit wenn schon nicht zu verhindern, so doch zumindest abzumildern und in freundlichere Farben zu tauchen – weil die Möglichkeit des eigenen Überlebens qua Gedenken immerhin gegeben ist. Stellvertretend wird dieses Fortdauern über die eigene Existenz hinaus immer dann vollzogen, wenn ein Jubiläum begangen wird.

Wie groß das sozialpsychologische Bedürfnis nach einer zumindest partiellen Aufhebung der Zeit ist, ließe sich volkswirtschaftlich verhältnismäßig leicht berechnen, würde man all die Arbeitszeit, Arbeitskraft und finanziellen Aufwendungen addieren, die jährlich aufgebracht werden, um sowohl die Gründung des Kleingärtnervereins im Jahr Soundso als auch das Bestehen staatlicher Institutionen seit diversen Jahrzehnten feierlich zu begehen. Ein Homo oeconomicus müsste sich unweigerlich die Frage stellen, ob wirtschaftliche Ressourcen nicht effektiver genutzt werden könnten.

Das Bauchgefühl sagt jedoch, dass es nicht weniger, sondern eher mehr Gedenkveranstaltungen anlässlich runder Jahreszahlen gibt. Vielleicht konnten wir uns also immer noch nicht von den Bedürfnissen befreien (aber wäre es denn überhaupt eine Befreiung?), die sich seit alttestamentarischen Zeiten mit dem Jubeln verbinden: sich in der Zeit zu orientieren und sich von der Zeit zu befreien.

Eine rhythmisierte "Stunde Null"

Das alttestamentarische Jubelfest lässt sich als eine Vergegenwärtigung begreifen. Das hebräische Wort jobel bedeutet Widder und verweist auf die Praxis, nach dem Ablauf von sieben mal sieben Jahren, also in jedem 50. Jahr, ein Erlassjahr zu begehen. In einem Jobeljahr sollten alle zu ihren Sippen und ihrem Grundbesitz zurückkehren, Sklaven sollten freigelassen, Äcker nicht bestellt und verpfändetes Land zurückgegeben werden (3. Buch Mose 25, 8–55). Das Blasen des Widderhorns, des Schofar, war das akustische Signal für ein solches Erlassjahr: eine "Stunde Null", um die Zeit von Neuem beginnen zu lassen.[4]

Etymologisch verband sich über die Jahrhunderte der hebräische jobel mit dem lateinischen iubilare zum inzwischen praktizierten Jubiläum. Die römische Papstkirche bezog sich auf das alttestamentarische Vorbild, als Papst Bonifatius VIII. das Jahr 1300 zu einem Heiligen Jahr erklärte, in dem für Rompilger ein vollständiger Sündenablass zu erlangen war.[5] Die Heiligen Jahre sollten zunächst nach mosaischem Vorbild und streng mathematischer Teilbarkeit zunächst alle 100, dann alle 50 Jahre stattfinden. Schon im 15. Jahrhundert wurde der Rhythmus auf 25 Jahre verkürzt – und falls nötig, wurde auch mal ein Heiliges zwischendurch und außer der Reihe eingefügt.[6] Diese Praxis zeigt aber schon eine andere Ausrichtung an. Neben die Aufhebung der Zeit, die Vergebung der Sünden und die runde Zahl trat nun auch die Ökonomisierung der Aufmerksamkeit. Für das Papsttum und die Stadt Rom waren (und sind bis heute) die Heiligen Jahre ein gutes Geschäft. Glücklich kann sich daher ein Ort schätzen, der eine Institution beherbergt, die die Stellvertretung Gottes auf Erden samt monopolisierter Heilsgarantie für sich beansprucht.

Schon sehr früh manifestiert sich in der Praxis der Jubiläumsfeierlichkeiten eine Einsicht, für die man wahrlich keine Marketingabteilung benötigt: Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut, und Jubiläen können zu ihrer Steuerung wirksam beitragen. Vergangenheitsbewirtschaftung entwickelt sich zu einem lukrativen Geschäftsmodell.[7]

Das gelang noch besser und noch umfänglicher, als sich das Jubiläum von der kalendarischen Zeit ablöste und an die historische Zeit anheftete.[8] Auch hierfür sind die Heiligen Jahre der Papstkirche bedeutsam. Denn weil die protestantischen Kirchen nicht wie der Papst von der Garantie des Heils und dem Ablassversprechen profitieren konnten, mussten sie ihre eigene Tradition begründen und auf Geschichte setzen. Das Phänomen des neuzeitlichen historischen Jubiläums ist daher wohl mit dem ersten Reformationsjubiläum im Jahr 1617 anzusetzen.[9] Seither wird nicht einfach an die Tatsache erinnert, dass (Schöpfungs-)Zeit vergeht, sondern dass sich Geschichte ereignet. Das mag auch eine Begründung dafür sein, weshalb das historische Jubiläum eine stetig wachsende Bedeutung erfährt: Anstatt der Tatsache zu gedenken, dass Zeit (durch den Schöpfer) für uns gemacht und gegeben wird, feiern wir den Umstand, selbst unsere Zeit und unsere Geschichte zu machen. Und wenn sich dies auf vorteilhafte Weise zu einem geldwerten Vorteil verarbeiten lässt, werden sich wohl nur notorische Kapitalismuskritiker beschweren.

Das Teilprojekt Historisierung war im Rahmen des Metaprojekts Aufklärung einst dazu angetreten, religiöse Antworten nach dem "Woher kommen wir?" ("Und wo gehen wir hin?") durch eine empirisch fundierte Alternative abzulösen. Anstatt in der Vertikalen nach Auskünften zu suchen, sah man sich nun in der Horizontalen um. Aber ähnlich wie im Rahmen des Gesamtvorhabens namens Aufklärung war wohl auch in der Unterabteilung Historisierung lange Zeit nicht aufgefallen, dass an die Stelle der Fetischisierung göttlicher Schöpfermacht nun die Fetischisierung des Historischen trat.

Identitäten in der Rückkopplungsschleife

Die neue Fetischisierung, wie sie sich in der Verehrung der Null manifestiert, scheint sich immer weiter in die Höhe zu schrauben. Jubiläen kommen sich selbst schon zuvor, weil die wichtigen Veröffentlichungen, Bücher, Fernsehdokumentationen und Ausstellungen inzwischen deutlich vor dem eigentlichen Jubiläum auf dem Markt sein müssen, um in der allgemeinen Reizüberflutung noch wahrgenommen zu werden. Rückkopplungsschleifen stellen sich ein, wenn nicht nur – wie im Falle des Luther- oder korrekter: Reformationsjubiläums 2017 geschehen – ein Jubiläumsgeschehen auf sich selbst zurückblickt,[10] sich also schon selbst historisiert, sondern wenn diese Selbsthistorisierung so weit reicht, dass eine Jubiläumsfeierlichkeit selbst schon wieder Jubiläen gebiert.[11]

Gedenktage und Jubiläen sind also in der Lage, in unsere linearen Zeitmodelle retardierende Schleifen einzubauen, die eigentlich mehr irritieren müssten, als sie das tatsächlich tun. Unter der Ägide einer sich selbst als weitgehend säkular, weitgehend rational und weitgehend ökonomisch verstehenden Kultur müssten regelmäßig wiederkehrende Besinnungen auf Geschehnisse eigentlich als Fremdkörper wirken. In die vermeintlich eindeutige, homogene, unidirektionale Bewegung der Zeit, aus der Vergangenheit kommend und sich in die Zukunft bewegend, werden zirkuläre Abzweigungen eingelassen. Der Zeitpfeil wird mit kreisförmigen Ornamenten garniert.

Eine "moderne" Auffassung von Zeit scheint solcherart durch ein "traditionelles" Zeitverständnis in Unruhe gebracht zu werden. Denn, so meinen wir zu wissen, während sich "moderne" Gesellschaften linear in eine offene Zukunft hineinbegeben, drehen sich "traditionelle" Gesellschaften zirkulär im Kreis des Immergleichen. Diese Entgegensetzung ordnet sich ein in die Kategorisierung des französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss, der von "kalten" und "heißen" Gesellschaften gesprochen hat, von denjenigen, die auf Beständigkeit Wert legen, und denjenigen, die Neuerungen bevorzugen.[12] Das Beispiel Jubiläum zeigt – wie viele andere Phänomene auch –, dass häufig Mischformen zu beobachten sind, die vielleicht gerade erst die Dynamik provozieren, die man ausschließlich der "modernen" Existenzweise zuzurechnen geneigt ist.

Neben die Fixierung auf rhythmisiert wiederkehrende Ereignisse und die Ökonomisierung der Aufmerksamkeit treten noch weitere Probleme im Kontext einer ausgefeilten Jubiläumskultur.

Der erste Satz meines Textes lautet: "Wir schreiben das Jahr 2020." Das sollte man sich vielleicht auf der sprichwörtlichen Zunge zergehen lassen. Nicht, weil es sich bei dieser trivialen Aussage um eine irgendwie herausragende Formulierung handeln würde, sondern weil sie selbstentlarvend ist. Denn in der Tat: Wir schreiben. Da ist ein Wir, das (für sich) festlegt (also festschreibt), dass nach einer bestimmten Zähl- und Datier- und Erzählweise nun ein bestimmtes Jahr sei.

Und die anderen "Wirs"? Und die anderen Zähl- und Datier- und Erzählweisen? Kommen die da auch vor? Wenn Jubiläen von Daten und Zahlen und Nullen abhängen, sind sie dann nur für bestimmte Wirs von Bedeutung?

An dieser unscheinbaren Formulierung, dass wir das Jahr 2020 schreiben, lässt sich ersehen, wie falsch der Gedanke ist, historische Jubiläen hätten etwas mit historischer Rückvergewisserung oder gar geschichtlicher Bewusstseinsbildung zu tun. Dem ist selbstredend nicht so. Es geht vielmehr – neben den bereits genannten Punkten – wesentlich um gegenwartszentrierte Identitätsproduktion. Solcherart werden traditionelle Geschichtsbilder weitergetragen. Denn die historische Jubiläumskultur ist nicht nur personenfixiert, weshalb es irgendwie immer noch große (weiße, tote) Männer sind, die Geschichte machen. Zusätzlich wird über Jubiläen weiterhin in einer national aufgeladenen Manier gesprochen, wenn diese Jubiläen immer noch und immer wieder daraufhin befragt werden, was sie denn im Guten wie im Schlechten für dieses Kollektiv bewirkt haben.

Wie bedeutsam Gedenkveranstaltungen für die kollektive Identitätsbildung sind, lässt sich an dem kriegstreibenden Potenzial ersehen, das ihnen eigen ist.[13] Ein Beispiel unter vielen ist die Rede von Slobodan Milošević anlässlich der 600-Jahr-Feier der Schlacht auf dem Amselfeld am 28. Juni 1989 – ein bedeutsames Ventil für den serbischen Nationalismus und den folgenden Ausbruch des Jugoslawien-Krieges.

Alternative Jubiläen?

Nun scheint der Eindruck nahezuliegen, ich wollte am (historischen) Jubiläum kein gutes Haar lassen. Dem möchte ich widersprechen (und damit mir selbst). Ich habe nichts gegen Jubiläen. Ich habe nur etwas gegen die dominierende Praxis des Jubilierens, gegen ihre vorherrschenden Charakterzüge der Kommerzialisierung, Personalisierung, Nationalisierung und Ereignisfixierung.

Die Gefahr, die mit repetitiven Gedenktagen verbunden ist, liegt auf der Hand. Wiederholung kann zu Übermüdung führen, im schlimmsten Fall gar zu Ablehnung. Nachdem ein Thema seinen Neuigkeitswert verloren hat, besteht die akute Gefahr, dass es nur noch als Pflichtübung abgeleistet wird, aber damit ein Gedenken der Inhalte gerade nicht mehr stattfindet.

Die weltweit etablierte Gedenkkultur, mit all ihren Spezifika und regionalen Eigenheiten, steht also vor einem echten aufmerksamkeitsökonomischen Dilemma: Einerseits ist es gelungen, bestimmte Themen und Ereignisse über den Weg der Jubiläen fest in der Öffentlichkeit zu verankern, ihnen regelmäßige mediale Berichterstattung zukommen zu lassen und damit nicht zu einem ereignisabhängigen, sondern regelmäßig wiederkehrenden Thema zu machen. Andererseits birgt gerade die regelmäßig wiederkehrende Behandlung eines Gedenkthemas die Gefahr jeder Routinisierung, dass nämlich Aufmerksamkeit schwindet, sobald sie in den immer gleichen Abständen zu den immer gleichen Gegenständen eingefordert wird.

Daher lohnt es sich, die Frage zu stellen, ob Gedenktage tatsächlich der angemessene und beste Weg sind, um Aufmerksamkeit für einen bestimmtes (historisches) Thema zu erzeugen, oder ob nicht andere Wege versucht werden sollten. Und es lohnt sich die Frage, ob andere Wege überhaupt möglich sind. Denn Gedenktage funktionieren gerade wegen der Magie der Null, gerade wegen ihrer Vorhersehbarkeit, gerade aufgrund der Tatsache, dass der Aussage "100 Jahre Wasauchimmer" an sich schon ein Nachrichtenwert zukommt, ganz unabhängig davon, was dieses Wasauchimmer ist. Der historische Sachbuchmarkt zeigt es ja in aller Deutlichkeit: Einen erheblichen Teil seiner Produktion verdankt er genau dieser routinisierten Gedenkkultur.

Wie wäre es also, Jubiläen zu feiern, die tatsächlich zu einer gegenwärtigen Beschäftigung mit vergangenen Zuständen passen, die uns heute auch inhaltlich etwas zu sagen haben – und die sich nicht darauf beschränken, ein historisches Früher jubiläumsmäßig solange auszusaugen, bis nichts mehr davon übrigbleibt?

Ich will daher gar nicht übersehen, dass es durchaus andere Möglichkeiten gibt, mit Jubiläen umzugehen. Sie könnten genutzt werden, um Themen zu ventilieren, die ansonsten eher im Hintergrund verkümmern würden.

Man könnte sich von einer Fixierung auf die Null lösen und Jubiläen in den Mittelpunkt stellen, die nicht der runden Zahl gehorchen, die aber zeigen, welcherart unsere Gegenwart mit vergangenen Zeiten verstrickt ist. Man könnte eine Aufmerksamkeitsökonomie um Jubiläen in den Mittelpunkt rücken, die uns heute etwas lehren könnte und nicht einer rhythmisierten Rückkopplungsschleife gehorcht.

Ich bin mir gänzlich darüber im Klaren, dass eine alternative Jubiläumskultur schon deswegen spinnert erscheinen muss, weil sie sich schwerlich verkaufen lässt – aber ich will wenigstens nicht auf die Möglichkeit verzichten, mir das einen Moment lang vorzustellen.

Ein interessantes Beispiel ist ausgerechnet der Internet-Konzern Google, der auf der Startseite seiner Suchmaschine ab und an sogenannte Google-Doodles platziert. Zu bestimmten Anlässen wird das Google-Logo verändert, um die Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, die nicht dem Gedenkkalender gehorchen, sondern der Dringlichkeit eines Themas. Am 26. Juni 2020 wurde beispielsweise des 78. Geburtstages von Olive Morris gedacht, einer 1979 verstorbenen britischen Aktivistin gegen Rassismus. Am 23. Juni gab es einen Doodle zum 141. Geburtstag von Hudā Schaʿrāwī, einer ägyptischen Feministin und Pionierin der Frauenbewegung. Solche Google-Doodles haben etwas für sich, nämlich das eindeutige Überraschungsmoment. Die Frage drängt sich auf, wer ist das, dem da gedacht wird? So gänzlich ohne Nullen und ohne bereits vorgeformtes Jubiläumswissen?

Eine theoretische Herausforderung

Vielleicht lauert in solchen Formen doch noch die eine oder andere Möglichkeit für Jubiläen – auch wenn ich mir relativ wenig Illusionen mache bezüglich ihrer tatsächlichen Nutzung. Denn die Bewirtschaftung des seltenen Guts namens Aufmerksamkeit ist dann doch anders ausgestaltet und richtet sich nicht nach theoretischen Wünschbarkeiten.

Aber wenn es diese Aufmerksamkeitsökonomien nicht gäbe, dann, ja dann … – dann würden historische Jubiläen sich nicht darin erschöpfen, entweder in einem präsentischen Sinn die Vergangenheit zur Beschreibung oder gar zur Bestätigung der Gegenwart zu degradieren oder in einem antiquarischen Sinn diese Vergangenheit in ihrem separierten Eigenleben belassen zu wollen.

Dann ließe sich dem Irritationspotenzial hinreichend Raum geben, das auch historische Jubiläen entfalten können. Mit anderen Worten: Wir wissen nie, welche Möglichkeiten und Wirklichkeiten in den Vergangenheiten noch schlummern, von denen wir heute noch gar nichts ahnen, die uns aber in absehbarer oder auch fernerer Zukunft durchaus beschäftigen können. Dieses Irritationspotenzial vergangener Zeiten für eine Gegenwart muss man aber auch zulassen können, nicht zuletzt, indem man an das Vergangene nicht nur Fragen stellt, deren Antworten schon längst feststehen, sondern indem man sich die Frage stellt, welche Fragen man denn in einer Vergangenheit gestellt hat.

Doch genau das geschieht viel zu selten. Historische Jubiläen werden vornehmlich als Sprungbrett benutzt, um vermeintlich historisch informiert in die Vergangenheit einzutauchen; sie werden zur passiven Folie, um der Vergangenheit flugs etwas zuzuschreiben, das sich in unserem eigenen Hier und Jetzt ganz gut ausmacht. Wie bei anderen Fremdheitserfahrungen, so geht es auch bei Jubiläen häufig um Anpassung an die gegebenen (gegenwärtigen) Verhältnisse, aber nicht um die Verunsicherung durch das Fremde (Vergangene).

Mir würde es bereits genügen, die Möglichkeit der Irritation durch das historische Jubiläum zu seinem Recht kommen zu lassen. Denn entgegen subkutaner Einschätzungen ist es weit weniger klar, was ein Jubiläum auch und gerade in theoretischer Hinsicht sein könnte, als man gemeinhin vermuten würde.

Wie sieht es beispielsweise aus mit dem Verhältnis von Einmaligkeit und Regelmäßigkeit? Wie ist es möglich, ein jubiläumsartig gefeiertes Ereignis begreifen, bezeichnen und sogar einordnen zu können, obwohl es sich doch um eine Einzigartigkeit handeln soll? Oder wie sieht es aus mit dem Verhältnis von Gegenwärtigkeit und Nachträglichkeit? Wie ist es möglich, ein historisches Ereignis als Jubiläum zu feiern, dessen Sich-Ereignen immer nur dadurch zum Thema gemacht werden kann, dass man es einer schriftlichen, bildlichen oder sonstwie zeichenförmigen Beschreibung zuführt – und zwar immer erst im Nachhinein? Aus diesen und einigen anderen Schwierigkeiten, die einem das Jubiläum eigentlich aufgibt, ließe sich durchaus Kapital schlagen, um dem Verhältnis der Zeiten auf den Grund zu gehen, um zu eruieren, wie wir mit anderen Zeiten umgehen wollen.

Jubiläen hätten das Potenzial, zu einer Inversion der Zeiten zu führen. Als Knotenpunkt, als Relativum ohne eigene Substanz, ist es dazu in der Lage, das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft nicht nur immer wieder auszutarieren, sondern beständig infrage zu stellen. Das wäre möglich, wenn auch die anderen Verzeitungen bedacht würden, die Ereignisse und deren Jubiläen mit sich bringen, wenn man heute schon bedächte, welche Jubiläen zukünftig mit Blick auf heutige Entscheidungen begangen würden, wenn man sich fragte, ob auch in anderen Ländern Jubiläen begangen werden, die ein bestimmtes Wir des Feierns für wert erachten. (Schließlich hat jede gefeierte Schlacht nicht nur einen Sieger, sondern auch einen Verlierer.)

Coda

Wir schreiben bald das Jahr 2021. Auch das eine durchaus jubiläumsbegünstigende Jahreszahl. Auch daraus lassen sich hübsche palindromische Daten formen. Vor allem aber werden im kommenden Jahr die heute noch so bedeutsamen und nach Aufmerksamkeit heischenden Jubiläen schon unbedeutend geworden sein und Staub angelegt haben.

Bis siebenmal sieben Jahre ins Land gezogen sind, die historische Erinnerung wiederbelebt werden kann, die letzte Gedenkveranstaltung schon so lange her ist, dass sich nur noch die Alten daran erinnern können und der Prozess von Erinnerung und Erneuerung wieder von vorne beginnen darf. Das Widderhorn kann wieder hervorgeholt und geblasen werden. Und auch diesmal wird – fraglos mit großer Berechtigung – betont werden, dass diesem wie auch immer zu bezeichnenden historischen Ereignis, das nun nicht mehr nur 50, sondern bereits 100 Jahre zurückliegt, gänzlich neue Bedeutungen abgewonnen werden können. Und auch diesmal wird, nicht minder berechtigt, betont werden, wie bedeutsam dieses vergangene Ereignis für das Verständnis der Gegenwart ist. Und auch diesmal wird diese Bedeutsamkeit durch eine nicht nur hinreichende, sondern sogar überschüssige Anzahl medialer Angebote befriedigt werden. Und auch wenn dieses Gedenken mit dem Hauch einer Ahnung versehen sein mag, all das geschehe zum ersten Mal, so wird man doch wissen können, dass alles schon einmal geschehen ist, und nun alles wieder von vorne beginnt.

Fußnoten

1.
Vgl. Brian Rotman, Signifying Nothing. The Semiotics of Zero, Stanford 1996; Robert Kaplan, Die Geschichte der Null, München–Zürich 20042.
2.
Vgl. etwa Marko Demantowsky, Vom Jubiläum zur Jubiläumitis, in: Public History Weekly 11/2014, https://public-history-weekly.degruyter.com/2-2014-11/vom-jubilaeum-zur-jubilaeumitis«; Martin Sabrow, Zeitgeschichte als Jubiläumsreigen, in: Merkur 789/2015, S. 43–54.
3.
Giacomo Leopardi, Das Gedankenbuch. Aufzeichnungen eines Skeptikers, hrsg. v. Hanno Helbling, München 1985, S. 21.
4.
Vgl. Gerhard Dohrn-van Rossum, Jubiläum, in: Friedrich Jaeger (Hrsg.), Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 6, Stuttgart–Weimar 2007, Sp. 52–56.
5.
Vgl. Arndt Brendecke, Die Jahrhundertwenden. Eine Geschichte ihrer Wahrnehmung und Wirkung, Frankfurt/M.–New York 1999.
6.
Vgl. Gerhard Dohrn-van Rossum, Heiliges Jahr, in: Jaeger (Anm. 4), Bd. 5, Sp. 312–316.
7.
Exemplarisch: Ralph Bollmann, Luther. Ein Sommermärchen. Millionen Besucher, Milliarden Umsatz: Das Reformationsjubiläum wird ein Riesengeschäft. Und jeder will dabei sein, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.8.2016, S. 23.
8.
Vgl. Winfried Müller, Vom "papistischen Jubeljahr" zum historischen Jubiläum, in: Paul Münch (Hrsg.), Jubiläum, Jubiläum … Zur Geschichte öffentlicher und privater Erinnerung, Essen 2005, S. 29–44.
9.
Vgl. Thomas Kaufmann, Reformationsgedenken in der Frühen Neuzeit. Bemerkungen zum 16. bis 18. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Theologie und Kirche 3/2010, S. 285–324.
10.
Vgl. Hartmut Lehmann, 500 Jahre Reformation. Neuerscheinungen aus Anlass des Jubiläums, in: Historische Zeitschrift 1/2018, S. 85–131; Matthias Pohlig, Jubiläumsliteratur? Zum Stand der Reformationsforschung im Jahr 2017, in: Zeitschrift für Historische Forschung 2/2017, S. 213–274.
11.
Vgl. Hartmut Lehmann, Luthergedächtnis 1817 bis 2017, Göttingen 2012. Dieses Buch ist fünf Jahre vor dem Reformationsjubiläum erschienen.
12.
Vgl. Claude Lévi-Strauss, Das wilde Denken, Frankfurt/M. 1973.
13.
Vgl. Johannes Burkhardt, Die kriegstreibende Rolle historischer Jubiläen im Dreißigjährigen Krieg und im Ersten Weltkrieg, in: ders. (Hrsg.), Krieg und Frieden in der historischen Gedächtniskultur. Studien zur friedenspolitischen Bedeutung historischer Argumente und Jubiläen von der Antike bis in die Gegenwart, München 2000, S. 91–102.
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