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18.1.2008 | Von:
Helke Rausch

Wie europäisch ist die kulturelle Amerikanisierung?

Bundesrepublik Deutschland

Anders als im französischen und britischen Fall ging der Verbreitung der amerikanisch inspirierten Komsumkultur in der semisouveränen Bundesrepublik seit Mitte der 1950er Jahre zunächst eine gezielte Infiltrationsoffensive der USA voraus, die auf die Eliten und Meinungsbildner als erhoffte Multiplikatoren demokratischer Denkart zielte. Allzu eindeutige Fälle hegemonialer Amerikanisierung lagen aber selbst hier kaum vor. Zum einen stieß die verordnete re-education in Deutschland auf erhebliche Beharrungskräfte. Zum anderen verlagerten sich die amerikanischen Interessen bald ganz auf die Priorität, "den Kommunismus" zu bekämpfen, und lenkten folglich den amerikanischen Steuerungswillen in Bildung und Presseöffentlichkeit zügig weg vom Vorhaben der "Entnazifizierung".[9] Mit den "Amerikahäusern" wollten die USA nicht zuletzt demonstrativ amerikanische "high culture" nachweisen, erzielten bis Mitte der 1950er Jahre aber lediglich in den bildungsnahen Schichten Rezeptionserfolge.[10] Dass ihr Kulturdruck machtpolitisch unterfüttert war, sicherte den USA insofern letztlich keine absolute Transferhoheit. Dies gilt wohl auch für den Bereich von Presse, Rundfunk und Fernsehen, die bei aller anfänglichen informationspolitischen Kontrolle keine dauerhafte Totalamerikanisierung leisteten.[11]


Wichtige Voraussetzungen für eine breitere kulturelle Amerikanisierung entstanden zunächst punktuell dort, wo die westdeutsche Bevölkerung u.a. im Rahmen von humanitären Versorgungsleistungen mit der amerikanischen Besatzungsmacht vor Ort in Berührung kam.[12] Von hier ergaben sich fließende Übergänge zur Adaption jener Massenkultur, die ab Mitte der 1950er Jahre für weite Teile der konsolidierten "Wirtschaftswundergesellschaft" zugänglich wurde.

An der amerikanischen Massenkultur reizte aber mehr als nur ihre leichte Zugänglichkeit: "Halbstarke" Jugendliche, die Ende der 1950er Jahre in Jeans und mit Elvistolle zu Rock 'n' Roll tanzten, absorbierten nicht einfach Amerikanismen, sondern setzten sich zuallererst in Kleidung, Musik- und Verhaltenskonventionen vom Stilkodex der Elterngeneration ab.[13] Die dort übliche Trennung zwischen Hoch- und Populärkultur sollte unterlaufen und das Recht zur Selbstbestimmung erstrebenswerter Verhaltensformen beansprucht werden. Ähnlich missachteten sprachliche Amerikanismen absichtsvoll traditional bürgerliche Kommunikationsregeln und enthierarchisierten bislang geltende Normen des Ausdrucks.[14] An der kulturellen Amerikanisierung in der Bundesrepublik waren daher neben den US-amerikanischen Akteuren immer auch die "Selbstamerikanisierer" mit ihrem eigenen Interesse an einer "Amerikanisierung von unten" beteiligt. Die von der neuen "Subkultur" provozierten westdeutschen Eliten reagierten in den 1950er Jahren besonnen, um die freiheitlichen Vorzüge der neuen Grundordnung als Gegenmodell zum Sozialismus in Ostdeutschland zu demonstrieren.[15]

Fußnoten

9.
Vgl. Hans Braun/Uta Gerhardt/Everhard Holtmann (Hrsg.), Die lange Stunde Null. Gelenkter sozialer Wandel in Westdeutschland nach 1945, Baden-Baden 2007; Arnd Bauerkämper/Konrad H. Jarausch/Marcus M. Payk (Hrsg.), Demokratiewunder. Transatlantische Mittler und die kulturelle Öffnung Westdeutschlands 1945-1970, Göttingen 2005; Volker R. Berghahn, European Elitism, American Money and Popular Culture, in: R. Laurence Moore/Maurizio Vaudagna (eds.), The American Century in Europe, Ithaca-London 2003, S. 117-130; Detlef Junker u.a. (Hrsg.), Die USA und Deutschland im Zeitalter des Kalten Krieges, 2 Bände, Stuttgart-München 20012.
10.
Vgl. Axel Schildt, Sind die Westdeutschen amerikanisiert worden? Zur zeitgeschichtlichen Erforschung kulturellen Transfers und seiner gesellschaftlichen Folgen nach dem Zweiten Weltkrieg, in: APuZ, (2000) 50, S. 3-10.
11.
Vgl. Christina von Hodenberg, Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit, 1945-1973, Göttingen 2006.
12.
Vgl. Michaela Höhn, GIs and Fräuleins: The German-American Encounter in 1950s West Germany, Chapel Hill 2002.
13.
Vgl. Kaspar Maase, Amerikanisierung von unten. Demonstrative Vulgarität und kulturelle Hegemonie in der Bundesrepublik der 50er Jahre, in: Alf Lüdtke u.a. (Hrsg.), Amerikanisierung. Traum und Alptraum im Deutschland des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1996, S. 291-313; Detlef Siegfried, Vom Teenager zur Pop-Revolution. Politisierungstendenzen in der westdeutschen Jugendkultur 1959-1968, in: ders./A. Schildt/K. Lammers (Anm. 6), S. 582-623.
14.
Vgl. Angelika Linke, Sprachliche Amerikanisierung und Popular Culture. Zur kulturellen Deutung fremder Zeichen, in: Jakob Tanner/dies. (Hrsg.), Attraktion und Abwehr. Die Amerikanisierung der Alltagskultur in Europa, Köln-Weimar-Wien 2006, S. 37-51.
15.
Vgl. Uta G. Poiger, Jazz, Rock, Rebels. Cold War Politics and American Culture in a Divided Germany, Berkeley 2000.