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18.1.2008 | Von:
Helke Rausch

Wie europäisch ist die kulturelle Amerikanisierung?

Großbritannien

Aus Großbritannien zogen sich die USA nach der extrem engen Kooperation während der Kriegsjahre zwar militärisch zunächst zurück.[22] Dennoch wurden die USA frühzeitig kulturdiplomatisch tätig, indem sie bereits 1946 Austauschprogramme lancierten, die zunächst auf den akademischen Sektor zielten (Fulbright), zügig aber auch andere Berufsmärkte erfassten (Smith-Mundt Act 1948).[23] Mitunter blieben britische Intellektuelle aber ähnlich wie jene auf dem europäischen Kontinent gegenüber amerikanischen Hochkulturerzeugnissen aus Sorge vor einer drohenden "Kolonisierung" reserviert.[24] Auch deshalb warben die USA seit den frühen 1950er Jahren im Einzugsbereich britischer Linksintellektueller und der Labour Partei um transatlantischen Konsens.[25] Tatsächlich schienen früher als im französischen Fall Vorbehalte in den Reihen der britischen Eliten abgebaut werden zu können. So avancierten z.B. amerikanische Autoren zu Vertretern einer gemeinsamen literarischen "Moderne" und thematisierten Londoner Kunstausstellungen die ästhetische Nähe zu US-amerikanischer "Modern Art."[26] Dabei spielten allerdings immer auch strategische Eigeninteressen britischer Künstler eine Rolle, die den Kunstbetrieb transatlantisch öffnen wollten, um die Dominanz britischer lokaler Oberschichten zu unterlaufen.

Ob allerdings jenseits solcher Elitenkontakte amerikanische Güter und Lebensstile von der Masse der britischen Gesellschaft besonders bereitwillig oder voraussetzungsloser als in Deutschland oder Frankreich absorbiert wurden, ist noch nicht ausgemacht. Immerhin versuchte ähnlich wie in Frankreich die Attlee-Regierung (allerdings langfristig vergeblich) das heimische Kino durch Quotierungen vor einer Überschwemmung des Marktes mit Hollywoodproduktionen zu schützen.[27] Bei erfolgreichen Transfers, wie z.B. der von amerikanischen Geschäftsleuten angeregten Verbreitung von Supermarktketten seit den 1950er Jahren, spielte für deren Akzeptanz und Erfolg eine erhebliche Rolle, dass an ähnliche Distributionsmechanismen angeknüpft werden konnte und keine komplett neue Konsumhaltung aus den USA kopiert werden musste.[28]

Die zügige Popularisierung amerikanischer Lebensstile im Bereich der britischen Jugendkultur wies ihrerseits Züge einer produktiven Anverwandlungsstrategie auf: Die Teenage-Kultur entstand als eine Art transatlantisches Stilkonglomerat, indem neben die auffälligen Anleihen bei der amerikanischen Populärmusik zugleich Reminiszenzen an die Distinktionskleidung der traditionalen britischen upper class traten, die sich nun die working-class-Jugend zum Zeichen stilistischer Demokratisierung aneignete.[29] Kaum anders als besonders für die Bundesrepublik nachgewiesen, erfand sich auch hier eine jugendliche Subkultur, deren Anhänger aus dem US-amerikanischen Lifestyle-Modell auswählen wollten, was im britischen Kontext provokant genug wirkte, um traditionale Erziehungsspielregeln sichtbar aufzukündigen.

Im Vergleich zur deutschen und französischen Entwicklung hatte wohl am ehesten die britische Populärkultur Chancen zum Rücktransfer einzelner Elemente in die USA. So lässt sich z.B. der Erfolg der "Beatles" in Bezug auf Musikstil und Habitus auch darauf zurückführen, dass hier britische Skiffle- und Music-Hall- mit amerikanischen Rock-Stilelementen effektvoll neukombiniert und dann, gleichsam um britische Stilelemente angereichert, in die USA und die Welt exportiert werden konnten.[30]

Fußnoten

22.
Vgl. Paul Addison/Harriet Jones (eds.), A Companion to Contemporary Britain, 1939-2000, Oxford 2005.
23.
Vgl. Hugh Wilford, The CIA, the British Left and the Cold War: Calling the Tune?, London 2003.
24.
Vgl. David W. Elwood, American myth, American Model, and the Quest for a British Modernity, in: R. L. Moore/M. Vaudagna (Anm. 9), S. 131 - 150; Lawrence Black/Hugh Pemberton (eds.), An Affluent Society? Britain's Post-War Golden Age' Revisited, Aldershot 2004.
25.
Vgl. H. Wilford (Anm. 23).
26.
Vgl. Anne Massey, The Independent Group: Modernism and Mass Culture in Britain 1945 - 1959, Manchester 1995.
27.
Vgl. Jane Stokes/Anna Reading, The Media in Britain, Basingstoke 1999.
28.
Vgl. Peter Gurney, The Battle of the Consumer in Postwar Britain, in: Journal of Modern History, 77 (2005) 4, S. 956-987; Gareth Shaw/Louise Curth, Selling Self-Service and the Supermarket: The Americanization of Food Retailing in Britain, 1945 - 60, in: Business History, 46 (2004) 4, S. 568-582.
29.
Vgl. Hugh Wilford, Britain: In Between, in: A. Stephan (Anm. 3), S. 23-43.
30.
Vgl. Laura E. Cooper/B. Lee Cooper, The Pendulum of Cultural Imperialism: Popular Music Interchanges between the United States and Britain 1943-67, in: Journal of Popular Culture, 27 (1993) 3, S. 61-78.