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18.1.2008 | Von:
Helke Rausch

Wie europäisch ist die kulturelle Amerikanisierung?

Kulturelle Amerikanisierung im europäischen Vergleich

Eine europäisch vergleichende Geschichte der Amerikanisierung scheint besonders lohnend, wenn sie, wie hier angedeutet, den Blick auf europäische Kreativstrategien im Umgang mit der amerikanischen Massenkultur richtet. Für den beträchtlichen Verbreitungseffekt der amerikanischen Populärkultur gibt es dabei eine starke Hypothese, die auf deren singuläre Beschaffenheit zielt: Als Amalgam aus europäischen und außereuropäischen Elementen entstanden, barg sie das Potential, an die lebensweltliche Bedarfslage und den Massengeschmack von Konsumenten auch in Europa effektvoll anzuschließen. Zum Teil transferierten die Amerikanisierer aus den USA in einer Art Schleife an die Europäer zurück, was im Zuge eines jahrhundertealten Prozesses ehedem aus Europa in den Kulturhaushalt der USA eingespeist und zwischenzeitlich weiterentwickelt worden war.[31] Für die Amerikanisierungsforschung geht es folglich darum, die hybriden Kulturmischungsverhältnisse beiderseits des Atlantik zu inspizieren und weder das Maß amerikanischen Transferdrucks noch die Möglichkeiten der Europäer zu überschätzen, Amerikanisierungsgrade eigenmächtig auszuhandeln. Mit einzubeziehen ist in jedem Fall der zentrale strategische Diskurswert, den das Beharren auf vermeintliche eigenen Kulturstandards oder umgekehrt die demonstrative Aneignung in den innergesellschaftlichen Zusammenhängen vor allem im jungen Nachkriegseuropa haben konnte.

Während der ersten Nachkriegsdekade war die westeuropäische Bedarfslage keineswegs ausschließlich, aber insofern doch ähnlich davon geprägt, dass jüngere Generationen gegen jene Dichotomisierung von Hoch- und Massenkultur Sturm liefen, die sie als Inbegriff eines nicht mehr glaubwürdigen Deutungsmonopols alter Eliten über Verhaltensnormen und Leitwerte erachteten. Dass zum gleichen Zeitpunkt die Elitenkultur in den USA kaum entkanonisiert und die Massenkultur nicht derart entgrenzt erschien, wie in Europa zum Teil behauptet,[32] belegt weniger europäische Rezeptionsfehler als den symptomatischen Umstand, dass "Amerika" vor allem als Chiffre in einem deutschen, französischen oder britischen Diskurszusammenhang diente.

Den westdeutschen Fall unterschied von Frankreich und Großbritannien womöglich weniger der Umstand, dass die Amerikanisierung hier nachweislich rigoroser erfolgt wäre, sondern dass sie eng mit einernachholenden "Fundamentalliberalisierung"[33] der westdeutschen Gesellschaft in den 1960er Jahren verwoben war, in deren Zuge man sich demonstrativer als in Frankreich oder Großbritannien, aber - wie dort - entlang eigener Präferenzen an den USA oder dem "Westen" orientierte.

Fußnoten

31.
Vgl. Richard Pells, From Modernism to the Movies: The Globalization of American Culture in the 20th Century, in: H. Rausch (Anm. 7), S. 34-47 und Rob Kroes, Views of the Good Life: America's Commercial Culture in Europe, in: ebd., S. 48-57.
32.
Vgl. Michael Böhler, High and Low. Zur transatlantischen Zirkulation von kulturellem Kapital, in: A. Linke/J. Tanner (Anm. 14), S. 69 - 93.
33.
Vgl. Edgar Wolfrum, Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2006; Ulrich Herbert (Hrsg.), Wandlungsprozesse in Westdeutschland, Göttingen 2002.