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20.11.2009 | Von:
Renate Kreile

Verliert die Islamische Republik die Jugend?

Das Private ist politisch

Seit ihren Anfängen ist eine strikte Reglementierung des Alltagslebens und der Geschlechterbeziehungen konstitutiv für das religiös-politische Selbstverständnis der Islamischen Republik, die eine "makellose Gesellschaft" schaffen wollte. Eine speziell eingerichtete Moralpolizei erzwang mit dem Auftrag, "das Gute durchzusetzen und das Schlechte zu verbieten" islamische' Verhaltensweisen am Arbeitsplatz, auf den Straßen und in den Parks der Städte. Zentral in diesem Zusammenhang wurden die für Frauen vorgeschriebene "islamische Bedeckung" (hedschab) und die Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum. Seit Ende der 1990er Jahre ließen sich zunehmend weniger Menschen durch die Moralpolizei einschüchtern. Viele Frauen und Männer lehnten die staatliche Reglementierung ihres Alltagslebens unter dem Vorzeichen des Islam ab und favorisierten eine Individualisierung und Privatisierung der Religionsausübung. Insbesondere in den großen Städten überschritten die jungen und gebildeten Angehörigen der modernen Mittelschichten in ihrem Alltagsverhalten unübersehbar die Tugend-Regeln der "Republik der Frömmigkeit"[20]. Verkleinerte und farbenfrohe Kopftücher, Lippenstift, figurbetonte Mäntel, Wochenendpartys im Freundeskreis oder Satellitenschüsseln, die zuvor die Tugendbrigaden alarmiert hatten, wurden zu Selbstverständlichkeiten.

Während in der Reform-Ära unter Präsident Mohammed Chatami (1997 bis 2005) die sozialen Restriktionen in Alltagsleben, Freizeitverhalten und den sozialen Beziehungen der Geschlechter gelockert worden waren, setzte mit der neokonservativen Machtverschiebung seit 2005 ein moralpolitischer Backlash ein.[21] Im Einklang mit den konservativen kulturellen Vorstellungen ihrer Machtbasis unter den städtischen und ländlichen Armen, den Revolutionsgarden und Basidsch-Verbänden und unterstützt von Teilen der traditionsverhafteten Geistlichkeit, leitete die Regierung unter Präsident Ahmadinedschad energische Schritte ein, die kulturelle Liberalisierung der Reformära rückgängig zu machen und die vermeintlich authentischen islamischen Werte der Revolution wieder durchzusetzen. Die neuerlichen staatlichen Bemühungen, Alltagsverhalten und Privatleben der Bevölkerung islamistisch zu gängeln, verschärften die Frustrationen zahlloser junger Frauen und Männer, die sich beruflich und privat um ihre Lebenschancen wie um ihre kleinen Freiheiten betrogen sahen. Im Frühling 2006 war die Moralpolizei wieder allgegenwärtig, verhaftete oder maßregelte Passanten wegen ihrer Kleidung oder ihres Verhaltens, konfiszierte Satellitenschüsseln und bestrafte Händler, die "unangemessene" Bekleidungsartikel verkauften.[22] Beliebte Restaurants, Café-Treffpunkte junger Leute, Schönheitssalons, Sportstudios und Privathäuser wurden zur Zielscheibe der Tugend-Wächter.[23]

Auch der Erfahrungsraum der jungen Generation im Iran ist heute von globalen Dynamiken bestimmt. Hunderttausende haben Kontakte zur iranischen Diaspora. Zahllose Jugendliche, die medial zwischen Teheran und Tehrangeles vernetzt sind, vergleichen die Verheißungen der globalen Konsumgesellschaft und die Bilder jugendlicher Lebenswelten anderswo nicht nur mit den restriktiven Möglichkeiten, die ihre eigene Gesellschaft ihnen bietet, sondern sie leiten aus den wahrgenommenen Ungleichheiten den Impuls ab, gegen ihre Einschränkungen zu rebellieren. Dabei setzen sie nicht zuletzt diejenigen Mittel ein, durch die sie sich subjektiv als Teil des globalen Bezugsrahmens erleben können. Nicht untypisch für viele Jugendliche aus den materiell privilegierteren Schichten Teherans mag folgende Äußerung der jungen Anahita sein: "Oh, es ist die meiste Zeit so langweilig. Wir sehen im Satelliten-Fernsehen, wie frei und glücklich die Jugend in anderen Ländern ist. Aber schauen Sie uns an: wir können uns nicht kleiden, wie wir wollen, können nicht die Musik hören, die uns gefällt, wir können nicht mit einem Jungen sprechen ohne Angst schikaniert oder verhaftet zu werden. Uns wird die ganze Zeit vorgehalten, was gut und was schlecht ist. Und wir machen das Gegenteil!"[24]

Wo Alltagsleben und Freizeitverhalten so weitgehend politisiert sind wie im Iran, nehmen "spielerische Rebellionen" im Hinblick auf Kleidung, Frisur oder bevorzugte Musik, mit denen Jugendliche anderswo sich einfach nur von der Elterngeneration abgrenzen mögen, rasch die Funktion widerständiger kommunikativer Statements gegenüber dem Regime an,[25] auch wenn sie gleichzeitig Elemente einer globalisierten kapitalistischen Konsumkultur sein und nur wenig nachhaltiges emanzipatorisches Potential bergen mögen.[26] Im Hinblick auf den ambivalenten Charakter der von ihren Interviewpartnerinnen zur Schau getragenen Verhaltensweisen bemerkt Pardis Mahdavi kritisch: "Ich fragte mich, ob es um Opposition gegen die Islamische Republik ging, wenn sie ein Gucci-Kopftuch trugen, einen Martini tranken oder zahlreiche Boyfriends hatten oder ob sie einfach wie die Frauen in "Sex and the City" sein wollten ... und weil sie sich als Teil einer wohlhabenden und eleganten Elite sahen."[27] Im Hinblick auf das freiere Sexualverhalten unter Jugendlichen machen Norma Claire Moruzzi und Fatemeh Sadeghi kritisch auf die fort dauernde asymmetrische Machtverteilung zwischen Jungen und Mädchen in der Privatsphäre und eine ungebrochene sexuelle Doppelmoral aufmerksam.[28]

Zahllose Jugendliche quer durch alle Schichten ersehnen nicht unbedingt einen Regimewechsel, aber ein Leben mit mehr Freiheiten, ohne die rigiden sozialen Restriktionen des Alltagsverhaltens und ohne staatliche Sittenwächter. "Ich will mit meiner Freundin Hand in Hand durch die Straßen laufen dürfen", erklärte ein junger Mann während der Demonstrationen im Juni 2009.[29]

Fußnoten

20.
Azam Khatam, The Islamic Republic's Failed Quest for the Spotless City, in: Middle East Report, (2009) 250, S. 46.
21.
Vgl. A. Ehteshami/M. Zweiri (Anm. 19), S. 91f.
22.
Vgl. A. Khatam (Anm. 20), S. 44ff.
23.
Vgl. P. Mahdavi (Anm. 5), S. 22.
24.
Zit. nach K. Basmenji (Anm. 5), S. 25.
25.
Vgl. P. Mahdavi (Anm. 5), S. 8f.
26.
Vgl. Norma Claire Moruzzi/Fatemeh Sadeghi, Out of the Frying Pan, Into the Fire. Young Iranian Women Today, in: Middle East Report, (2006) 241, S. 22ff.
27.
P. Mahdavi (Anm. 5), S. 37.
28.
Vgl. N. Moruzzi/F. Sadeghi (Anm. 26), S. 26f.
29.
Spiegel Online vom 6.6. 2009, siehe: www. spiegel.de/politik/ausland/
0,1518,628932,00.html (3.11. 2009).

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