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20.11.2009 | Von:
Renate Kreile

Verliert die Islamische Republik die Jugend?

Perspektiven

Zweifellos prägen die unterschiedlichen sozialen Zugehörigkeiten der jungen Frauen und Männer ihre jeweiligen politischen Präferenzen und soziokulturellen Orientierungen. Unter den Jugendlichen aus dem ländlichen Raum und den städtischen Armenvierteln finden sich sicherlich mehr Anhänger des Regimes als unter Studierenden aus den modernen Mittelschichten Teherans. Gleichzeitig entziehen sich zahlreiche junge Menschen gängigen und vereinfachenden Zuordnungen. So begegnet Khosravi beispielsweise einem jungem Basidsch, der aus einer wohlhabenden Teheraner Arztfamilie stammt[41] oder einem jungen Dorfschullehrer, der über Habermas diskutieren möchte.[42] Nicht wenige säkular orientierte Jugendliche wenden sich der Religion in einer modernisierten Form von Sufi-Mystik ("Sufi-Cool") zu und veranschaulichen dergestalt die Vereinbarkeit von Religiosität und Lebensfreude.[43]

Die Beispiele verweisen auf eine komplexe und dynamische soziale Realität, in der Jugendliche sich in Iran bewegen und handeln. Angesichts weitreichender sozialer Restriktionen und politischer Repression verabschieden sich viele junge Menschen in die innere oder äußere Emigration. Hunderttausende haben sich der Protestbewegung angeschlossen und versuchen mit demokratischen Mitteln eine freiere Gesellschaft zu erringen. Die Hoffnung, dass die Sehnsucht nach Freiheit sich nicht dauerhaft unterdrücken lässt, beschwört der eingangs erwähnte Song junger Teheraner Demonstranten: "Himmel, lass es regnen auf diese dunkle Nacht/in der sie das Feuer auf Liebende eröffnen/sie antworten uns mit Blei und Kugeln/Aber, Mann mit der Axt: Der Wald stirbt nicht." Realistisch betrachtet mag die Zukunft der Reformbewegung nicht zuletzt auch davon abhängen, wie weit sie überzeugende Antworten auf die sozialen Nöte der jungen und alten Menschen aus den ärmeren Schichten der Bevölkerung findet.

Fußnoten

41.
Vgl. ebd., S. 38f.
42.
Ebd., S. 172.
43.
Vgl. R. Varzi (Anm. 5), S. 21.

Dossier

Iran

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