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20.11.2009 | Von:
Nasrin Alavi

Kinder der Revolution - Die iranische Blogosphäre

Wir sind der Iran

Ich habe ein Buch über die Anfangsjahre der lebendigen iranischen Blogosphäre mit dem Titel "Wir sind der Iran" verfasst; in jener Zeit wurzelt die E-Community, die zum sogenannten "Aufstand der Generation Twitter" führte. Es wird sich noch zeigen, ob die iranischen Blogs eher ein Platz sind für diejenigen, die mit dem Rücken zur Wand stehen und sich Luft verschaffen wollen oder doch eine Art moderner "Gutenberg'scher Druckerpresse", die uns in die Zeiten der Demokratie führt.

Die Zeitzeugen der Iranischen Revolution des Jahres 1979 bilden mittlerweile eine Minderheit und die Alphabetisierungsrate für die Generation der unter Dreißigjährigen liegt auch in ländlichen Gebieten deutlich über 90 Prozent. Seit 2005 sind mehr als 65 Prozent der Studienanfänger an den Universitäten Frauen. Diese Generation war und ist die Babyboom-Generation der Nachkriegsjahre (d.h. des Iran-Irak-Krieges von 1980 - 88), die die Zukunft ihres Landes bestimmen wird.

Es handelte sich allerdings nicht, wie viele meinten, um eine "Twitter Revolution", sondern vielmehr um ein "mächtiges Werkzeug, um Aufmerksamkeit zu erregen"[3] und ins Rampenlicht zu gelangen, wie es Ethan Zuckerman ausdrückte. Der Mikroblogger "persiankiwi" konnte mit mehr als 35 000 Folgeeinträgen ohne Zweifel die größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen und wurde von der Huffington Post als "einer der glaubwürdigsten und produktivsten Iraner auf Twitter" gepriesen.[4] Die meisten Leser konnten seinen friedlichen Kampf für demokratische Rechte nachvollziehen, allerdings haben viele von ihnen möglicherweise übersehen, dass seine Einträge mit Koranversen versehen waren. Paradoxerweise haben diejenigen, die sich zum Kampf gegen einen islamischen Staat entschlossen haben, den islamischen Kampfruf "Allahu akbar" ("Gott ist groß") gewählt: Er wird nachts von den Dächern gerufen und ist auf jeder Straßenkundgebung zu hören. Es handelt sich um eine neue Generation, die der tyrannischen Gewalttätigkeit demokratische Gewaltlosigkeit entgegensetzt und die zur großen Verärgerung religiöser wie auch weltlicher Respektspersonen die Menschen, die in Folge der Proteste umkommen, als islamische Märtyrer bezeichnet.

Fußnoten

3.
Ethan Zuckerman vom Berkman Center for Internet and Society im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema "Social Network or Sanction? Web 2.0 Technology, Trade Sanctions, and Democratic Participation" am 11.9. 2009.
4.
Nico Pitney, Iran Uprising Live-Blogging vom 27.6. 2009, in: www.huffingtonpost.com/2009/06/27/iran- uprising-live-bloggi_n_221809.html (11.11. 2009).

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Iran ist ein sehr junges Land: Drei Viertel der Menschen sind unter 40 Jahren, und sie sind unzufrieden über die wirtschaftliche Situation. Trotz staatlicher Zensur und Repressionen hat sich in Iran eine vielfältige Zivilgesellschaft entwickelt.

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