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20.11.2009 | Von:
Nasrin Alavi

Kinder der Revolution - Die iranische Blogosphäre

Gewaltlose Shahids (Märtyrer)

Die verhängnisvolle Erschießung der "Shahid" Neda Soltan (26), wie sie seither oftmals genannt wird, wurde mit einer Handykamera gefilmt, ins Netz gestellt und viele Millionen Mal angesehen. Die Behörden allerdings hinderten nicht nur Nedas Familie daran, sie nach islamischem Brauch zu bestatten, sondern beschuldigten "CIA Agenten" der Tat. Ein spöttischer iranischer Online-Kommentar dazu: "Es ist nicht nur so, dass die CIA Neda umgebracht hat, nein, sie schafft es auch, sämtliche Menschenansammlungen vor Nedas Haus zu unterbinden und es allen Moscheen in Teheran zu untersagen, ihr ein Begräbnis auszurichten. Erstaunlich, zu was diese CIA alles fähig ist."

Neda wurde sogar vom US-amerikanischen Senator John McCain gepriesen, der ihrem Kampf für "die grundlegenden Menschenrechte" seine Ehrerbietung erwies. Die computererfahrenen iranischen Jugendlichen allerdings, denen Senator McCain gnädigerweise dafür applaudierte, dass sie die Informationen über Neda im Netz verbreitet hatten, erfahren auch sonst, was alles in der Welt passiert. Viele von ihnen kennen McCain für seine Aufrufe zu einem Militärschlag gegen Iran, und einige erinnern sich sogar an seinen berühmten Youtube-Hit, in dem er einen berühmten Song der Beach Boys mit "Bomb Iran" uminterpretierte. Auf seine Rede reagierten sie mit Online-Kommentaren im Sinne von: Wenn er könnte, hätte er "den Iran angegriffen und im Namen der Demokratie Hunderte von Nedas ausgelöscht".

Die iranischen Blogger sind für ihre eigenen Politiker naturgemäß in doppelter Weise unangenehm. Als Präsident Mahmoud Ahmadinedschad am 23. September 2009 kurz vor einer Rede an die Vereinten Nationen von einem CBS-Moderator zu den Verhaftungen, den Folterungen und insbesondere zum Tod Nedas befragt wurde, antwortete er, dass ihm die Sache "sehr leid" tue. Daraufhin zeigte er allerdings das Foto einer ägyptischen Frau - Marwa al-Sharbini -, die im Juli 2009 in einem deutschen Gerichtssaal von einem Mann ermordet worden war, gegen den sie aussagte, weil er sie wegen ihres Kopftuchs beschimpft hatte. Er argumentierte, dass der Westen Marwas Geschichte keine Beachtung geschenkt habe, um gleichzeitig Neda zu einer Märtyrerin zu machen. Die konservative Presselandschaft Irans zollte der Antwort Ahmadinedschads großen Beifall, da ihrer Ansicht nach so die westliche Heuchelei offenbar wurde. Aber viele der iranischen Blogger machten es ihm nicht so einfach. Moeeni, ein junger Techniker und Anhänger Mussawis, der während der vergangenen fünf Jahre gebloggt hat, schrieb:

"Marwa al-Sharbini ist ein anderer Name für Neda Agha-Soltan, aber Deutschland ist nicht ein anderer Name für den Iran. Der Mörder von Marwa bekam nicht die Möglichkeit zu entkommen; die deutsche Regierung erklärte ihre Ermordung nicht zu einem Filmtrick, die deutsche Regierung machte ihre Sympathie für die Familie Marwas deutlich. Die deutsche Regierung versuchte nicht mit allen Mitteln, die Schuld im Ausland zu finden. Die deutsche Regierung zeigte sich beschämt und als Angela Merkel zu Marwa befragt wurde, zog sie kein Foto von Neda heraus, um sich selbstzufrieden als etwas Besseres zu fühlen."

Zur großen Verärgerung von Hardlinern wie dem jungen Geistlichen und Parlamentsmitglied Hamid Rassai ("rasaee.ir") versucht die Opposition die heiligen Symbole des Staates und sogar einige der "Großen Märtyrer", wie die Helden des Iran-Irak-Krieges, z.B. Mohammad-Ali Dschahanara, für sich zu vereinnahmen. Der 26 Jahre alte Dschahanara kommandierte die einfachen Bürger der Stadt Khorramshahr, die im Grenzgebiet als Puffer diente. Sie kämpften 45 Tage lang gegen die Irakische Invasionsarmee, bevor die Stadt vom Feind eingenommen wurde. Ein geläufiger Tweet in der Zeit nach den Wahlen 2009 lautete: "Sag Dschahanara, dass die Baathisten in Teheran sind, und sie schießen auf unsere Mädchen."


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