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20.11.2009 | Von:
Nasrin Alavi

Kinder der Revolution - Die iranische Blogosphäre

Virtuell unverschleiert

Die Islamische Revolution hatte zutiefst widersprüchliche Auswirkungen auf die Frauen: Einerseits bot sie ihnen neue Möglichkeiten, andererseits errichtete die Revolution ein extrem repressives Kontrollsystem für das Leben der Frauen. Vor der Islamischen Revolution entschied sich eine Mehrheit der Frauen, in der Öffentlichkeit auf die eine oder andere Art verhüllt zu erscheinen. Die Bedingung, sich islamisch zu verhüllen, mag für manche Frauen, insbesondere aus traditionellen Familien, den Weg zu einer Ausbildung eröffnet haben, da sie dank der Verschleierung keine drastische kulturelle Veränderung durchmachen mussten, um Teil der Erwerbsbevölkerung zu werden. Im Jahr 1975 betrug die Analphabetenrate unter Frauen in ländlichen Gebieten 90 Prozent, in Städten über 45 Prozent. Inzwischen ist bei den Mädchen im Alter von 15 bis 24 Jahren die Alphabetisierungsrate landesweit auf 97 Prozent angestiegen, während die weiblichen Studenten an den staatlichen Universitäten zahlreicher sind als ihre männlichen Kommilitonen. Nikki R. Keddie beobachtete schon vor zehn Jahren: "Mehr als sonst irgendwo in der islamischen Welt, nehmen iranische Frauen ihren Platz in der Öffentlichkeit ein. Auch als Ehefrauen und Mütter gehen sie ihrer Arbeit nach, sie wählen, fahren Auto, kaufen ein und sind beruflich als Ärztinnen, Rechtsanwältinnen, Führungskräfte in Firmen und als Parlamentsabgeordnete tätig."[5] Der Blogger "Opium" wiederum erklärt: "In der Islamischen Republik ist es ein Verbrechen, ein Mann, und eine Sünde, eine Frau zu sein."

Auch wenn Frauen diskriminiert werden, ist die Erklärung hierfür sicherlich nicht in westlichen Medienklischees zu finden, nach denen mutige, heroische Frauen von einer Karikatur eines brutalen muslimischen Mannes unterdrückt werden. Derartige Stereotype tragen nur dazu bei, dass selbst kultivierte Leser in ihrem fest gefügten Weltbild verharren, und gleichzeitig von ihrer persönlichen Achtung gegenüber Frauen überzeugt sind. Manchmal erhält man beim Lesen der persönlichen Online-Kommentare von Iranern einen kurzen Einblick in das Leben hinter diesen plumpen Stereotypen:

"Für meine Frau zu unserem 16. Hochzeitstag. Wir haben gekämpft und überlebt. Wir wurden gedemütigt, aber wir haben unsere Würde nicht verloren. Erinnerst du dich noch an die Zeit, als wir gerade erst verheiratet waren? Wir hatten dieses Zimmer im Süden Teherans gemietet und mussten die Toilette mit dem Vermieter teilen. Es gab kein Badezimmer und wir mussten in ein öffentliches Bad gehen. Erinnerst du dich an den Tag, als wir unser gesamtes Geld nahmen und in ein Nobelrestaurant im vornehmen Teil der Stadt gingen? Wir hatten ein wunderbares Abendessen und gaben den Rest unseres Geldes dem Ober als Trinkgeld. Für das Taxi hatten wir kein Geld mehr übrig. Also liefen wir zu Fuß den Weg durch die ganze Stadt nach Hause. Damals hatten wir viel Kraft.

Inmitten der Bomben und des Krieges. In diesem Klima des Todes bauten wir uns ein neues Leben auf. Und der Abend, als unsere Tochter geboren wurde. Mit zwei Kindern und deiner Arbeit gingst du trotzdem noch in die Universität und warst die Beste in deinem Kurs. Erinnerst du dich, als wir Kriegsrationen getrockneter Milch bekamen - und um zu beweisen, dass du keine Milch hattest, musstest du der "Schwester" des (Revolutions-)Komitees jede Woche deine Brüste zeigen. Aber wir wollten das nicht. Wir werden Überstunden machen und Trockenmilch auf dem freien Markt kaufen. Aber deine Brüste werden wir niemandem zeigen!

Ich sage all diese Dinge, damit du weißt, ich habe sie nicht vergessen. Unsere gemeinsamen Sorgen, unsere Erfahrungen und unsere Liebe können nie zerstört werden. Denn wir fangen gerade erst an. Mit mehr Kraft als jemals zuvor. Wir werden vorwärts gehen, um eine Welt zu ändern, die nicht gerecht war zu unseren Kindern. Wir werden aus ihr eine bessere Welt für unsere Enkelkinder machen."

Fußnoten

5.
Nikki R Keddie, Iran: Understanding the Enigma, in: Middle East Review of International Affairs, 2 (1998) 3.

Dossier

Iran

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