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20.11.2009 | Von:
Nasrin Alavi

Kinder der Revolution - Die iranische Blogosphäre

"Sie haben Gott verboten"

Es ist dieser Wunsch nach Veränderung, der die Menschen dazu bringt, noch fünf Monate nach den Wahlen - trotz der Strafprozesse, Massenverhaftungen und Todesfälle - auf die Straße zu gehen. Die Regierung hat sogar eine Reihe jährlich stattfindender bedeutender schiitischer Veranstaltungen abgesagt, da sie befürchtet, diese könnten in Protestkundgebungen umschlagen. Ein führender iranischer Satiriker schreibt als Kommentar: "Sie haben Gott verboten."

Aber anscheinend gibt es in der Islamischen Republik wichtigere Dinge als Gott, denn Veranstaltungen, die für Irans Selbstverständnis als Feind des Westens von zentraler Bedeutung sind, werden nicht abgesagt. Am 20. September 2009 berichtete die Agence France-Presse (AFP): "Zehntausende Anhänger von iranischen Oppositionsführern haben Proteste während des jährlichen pro-palästinensischen Al-Quds-Tag organisiert. Dabei kam es zu Zusammenstößen zwischen einigen Demonstranten, Hardlinern und Sicherheitskräften."

Blogger boten aus erster Hand Informationen über ihre Eindrücke von diesem Tag an. Bamdad ist ein junger Vater zweier Grundschulkinder mit politisch stark linken Überzeugungen und bloggt seit dem Jahr 2001. Er beschreibt, wie er von "wie Roboter aussehenden" Sicherheitskräften auf Fahrrädern durch die Gassen von Zentral-Teheran gejagt wurde, und fügt hinzu: "Wir waren am Ende unserer Kräfte, als wir eine Frauenstimme durch eine Sprechanlage hörten: ,Ich habe die Tür aufgemacht, ihr könnt hereinkommen. Wir waren zu fünft und gingen hinein. Eine Dame in einem Tschador begrüßte uns mit einem Krug Wasser und einem Glas. (...) Die grüne Bewegung ist (nach wie vor) eine Angelegenheit der Mittelklasse und sie wird sich erst dann richtig entwickeln, wenn auch die unterprivilegierten Menschen mitmachen."

Da Mussawi aus den Massenmedien verbannt wurde, spielt bei ihm inzwischen auch der Reiz des Verbotenen eine Rolle, und seit den Protesten werden seine Äußerungen mittlerweile von zahllosen Bloggern gepostet, analysiert und diskutiert. Ein Eintrag von Ende September lautet: "Gewalt ist keine Lösung, sie ist wie ein Pferd, das den Reiter abwirft", und er fügte hinzu: "Die Bedeutung des diesjährigen Quds-Tag liegt im Folgenden: An diesem Tag wurde deutlich, dass das von den Menschen neu gewählte Leben nicht vorübergehend und flüchtig ist."

Die meisten konservativen Blogger ignorierten diese Einträge entweder oder sie kommentierten sie mit Ausdrücken wie: "Sie sind die schmerzerfüllten, hoffnungslosen Verlierer" oder auch "Sie sind eine Handvoll betrunkener Hooligans". "Lady Plum" begann ihren Blog vor etwa sechs Jahren. Die zahlreichen Leser ihres Blogs nahmen an ihren Gedankengängen während der Schwangerschaft und ihrer Zeit als junge Mutter Anteil. Im Allgemeinen kümmert sie sich nicht um Politik. Nach den Protesten am Quds-Tag allerdings schrieb sie unter dem Titel "Bekenntnisse eines politischen Hooligans":

"Der Gedanke an unsere Gesellschaft hinterlässt einen bitteren Geschmack, den man nicht leicht wieder losbekommt. Wir haben die Demokratie nicht verdient, sie haben uns nach unserem Äußeren in zwei Lager gespalten. Die einen strenggläubig gekleidet, die anderen westlich, die einen wie die Intellektuellen des Arbeiterviertels, die anderen wie Almosenempfänger (...). Aber die Einigkeit von uns allen hat diese Unterschiede zunichte gemacht. Dieses magische grüne Armband hat Wunder in unserer Kultur, unseren Gefühlen und unseren Herzen bewirkt. (...) Hier stehen wir, wie wir wirklich sind."

Für viele Iraner ist dies mehr als nur eine vorübergehende Auseinandersetzung wegen eines Wahlergebnisses. Während der Konstitutionellen Revolution im Jahre 1906 wurde in Iran die Hoffnung auf Demokratie zerschlagen und mit der Hilfe fremder Mächte ein autoritäres Regime eingesetzt. 1953 wurde die demokratisch gewählte Regierung von Premierminister Mohammed Mossadegh durch einen Putsch gestürzt, der von den USA und Großbritannien gebilligt wurde. Viele sind der Ansicht, dass die Gegenwart derzeit von der Vergangenheit eingeholt wird und in den damaligen Vorkommnissen der Ursprung der aktuellen Probleme zu suchen ist. Während der jüngeren Geschichte haben sich verschiedene Generationen bemüht, in diesem Land eine politische Wende herbeizuführen. Die absolutistischen Monarchen des Iran wurden während der vergangenen 150 Jahre vom Volk entweder vertrieben oder dazu gezwungen zu fliehen und im Exil zu sterben, mit Ausnahme von Muzaffar ad-Din Schah (von 1896 bis 1907 Schah von Persien), der pro-demokratische Aktivisten gewähren ließ und der Schaffung eines Parlaments und der Abhaltung von Wahlen zustimmte.

Mit den Reaktionen auf das Wahlergebnis, den brutalen Razzien und Massenverhaftungen, hat das herrschende System nunmehr offen gezeigt, dass es totalitäre Ambitionen hat. "Sie", um das Wort zu benutzen, mit dem die Iraner allgemein die Mächtigen bezeichnen, werden heute als diejenigen angesehen, die sich selber ihr eigenes Grab schaufeln. "Sie" sind es, die aus dieser Auseinandersetzung einen Kampf bis zum Ende gemacht haben. Blogger "Opium" schreibt: "Was auch immer diese Wahl gewesen sein mag, sie hat uns groß und euch klein gemacht."


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