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22.12.2009 | Von:
Ludger Helms

Leadership- Forschung als Demokratiewissenschaft

Eine demokratiewissenschaftliche Leadership-Forschung entwickelt herrschaftskritische Perspektiven auf das Phänomen politischer Führung und fragt nach Möglichkeiten einer Demokratisierung von "leadership".

Einleitung

Wie die Politik kennt auch die Politikwissenschaft thematische Konjunkturen. Und nicht nur das: Sehr häufig besteht ein greifbarer Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Interessensbereiche der Politikwissenschaft und den thematischen Konjunkturzyklen der Politik. Wenn sich Politikwissenschaftler auch gelegentlich wünschen, größeren Einfluss auf das politische "Agenda-Setting" zu haben, so entspricht die insgesamt stärker nachvollziehende Rolle der Politikwissenschaft doch ihrem dominanten Bestreben, politische Prozesse zu erklären und verständlich zu machen.[1] Der internationale Aufschwung der Leadership-Forschung während der vergangenen Jahre kann als gutes Beispiel für den maßgeblichen Einfluss externer Impulse auf die Entwicklung politikwissenschaftlicher Forschungsagenden gelten.






"Political Leadership" - mit Blick auf die Regierung verstanden als das Dirigieren des gouvernementalen Willensbildungs- und Entscheidungsprozesses und die Herstellung politischer Legitimität von Regierungsentscheidungen durch Spitzenrepräsentanten der politischen Exekutive[2] - hat in den Augen vieler Bürgerinnen und Bürger an eigenständiger Bedeutung gewonnen. Dies ist nicht ausschließlich einer Zunahme des politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Problemdrucks und einem daraus resultierenden verstärkten Bedürfnis nach Führung geschuldet. Strukturell begünstigt wird der Eindruck einer Aufwertung von Inhabern politischer Spitzenämter als den politisch maßgeblichen Entscheidungsakteuren durch den Personalisierungseffekt der kommerziellen Massenmedien. Dem Personalisierungsinteresse der Medien kommt dabei die tatsächliche Aufwertung der Inhaber exekutiver Spitzenämter zugute, die im Innern der Exekutive vor allem etwas mit dem erhöhten Koordinierungsbedarf sektoralisierter Politiken, im Außenbereich viel mit der Herausbildung eines Systems internationaler Gipfeldiplomatie zu tun hat.[3]

Fußnoten

1.
Freilich war die auf Erklärung hin ausgerichtete Variante nie die einzige Richtung der Politikwissenschaft; ihr komplementäres Pendant findet diese in Ansätzen, denen es stärker um die Prognose politisch-sozialer Prozesse geht. Vgl. Klaus von Beyme, Political Theory: Empirical Political Theory, in: Robert E. Goodin/Hans-Dieter Klingemann (Hrsg.), A New Handbook of Political Science, Oxford 1996, S. 519 - 530, hier: S. 519.
2.
Diese speziellere Ausprägung von "political leadership" wird in der internationalen Literatur zumeist als "executive leadership" bezeichnet. Das Feld der politikwissenschaftlichen Leadership-Forschung ist freilich bedeutend weiter dimensioniert und schließt die Analyse der Bedingungen, Manifestationen und Ergebnisse politischer Führung auch in regierungsfernen Kontexten ein. Vgl. Jean Blondel, Political Leadership: Towards a General Analysis, London 1987.
3.
Vgl. Ludger Helms, Presidents, Prime Ministers and Chancellors: Executive Leadership in Western Democracies, London-New York 2005, S. 6f.

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