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22.12.2009 | Von:
Ludger Helms

Leadership- Forschung als Demokratiewissenschaft

Grundrichtungen der Leadership-Forschung

Als dominante Ausprägung der Beschäftigung mit "Political Leadership" können Zugänge gelten, die nach den Bedingungen durchsetzungsstarker politischer Führung sowie gegebenenfalls nach Möglichkeiten der Optimierung politischer Führungsleistungen fragen.[4] Vor allem die machtpolitischen Aspekte dieser Perspektive stehen in einer langen Tradition, deren Ursprünge bis zu Niccolò Machiavelli zurückreichen.[5] Ging es bei Machiavelli unverhohlen um die notfalls gewaltsame Ausschaltung politischer Gegner, beschäftigen sich moderne Studien dieser Richtung eher mit Aspekten wie strategischer Wahlkampfführung, Koalitionspolitik oder "media management". Abgesehen davon geht es selten ausschließlich um den Gewinn und die Verteidigung politischer Macht, sondern zugleich um die Lösung gesamtgesellschaftlich relevanter Probleme.[6] Dabei werden, empirisch wie normativ, jeweils vor allem "Effektivität" und "Effizienz" politischer Führung betont.[7]

Daneben gibt es verstreute Ansätze, die man unter die Überschrift einer demokratiewissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand stellen könnte. Die Bezeichnung "Demokratiewissenschaft" ist durchaus geläufig, aber gleichwohl nicht scharf definiert. Am bekanntesten ist gewiss jenes in der Frühphase der Bundesrepublik begründete Verständnis von Demokratiewissenschaft, das der Politikwissenschaft die Rolle zuwies, der Gesellschaft in erzieherischer Absicht politische Allgemeinbildung zukommen zu lassen. In Abgrenzung zu diesem Verständnis meint Demokratiewissenschaft hier eine professionelle politikwissenschaftliche Beschäftigung mit Fragen der Demokratie, die durch eine Reihe weiterer Merkmale bestimmt ist. Dazu gehören "eine normative Pro-Einstellung zur Demokratie" und "das Bewusstsein einer reflexiven Beziehung von Politikwissenschaft und Demokratie".[8]

Als zentrales Merkmal einer demokratiewissenschaftlichen Leadership-Forschung kann eine eher herrschaftskritische Grundeinstellung gegenüber "leadership" gelten. Positionen dieser Richtung blicken ebenfalls auf eine ansehnliche Tradition zurück, deren neuzeitliche Kapitel auf staatspolitischer Ebene mit dem amerikanischen Verfassungsgebungsprozess von 1787 beginnen. Den amerikanischen Verfassungsvätern ging es noch primär um eine institutionelle Einhegung der Exekutive als Teil eines komplexen Systems institutioneller Gewaltenkontrolle. In ihrer weiter demokratisierten Variante lautet die normative Maxime der demokratiewissenschaftlich inspirierten Leadership-Forschung dagegen in etwa: "so viel leadership wie nötig, so viel Demokratie wie möglich". "Representation from above"[9] wird als Ausdruck einer evolutionären Rationalisierung des Parlamentarismus noch weithin akzeptiert. Aber bestimmte Formen von "transforming leadership" - "heroischer politischer Führung", bei denen Regierungschefs auch ohne spezielles demokratisches Mandat politisch vorpreschen - gelten als problematisch.[10]

Die Bewertungskriterien guter politischer Führung sind aus dieser Sicht deutlich weniger stark auf die Organisationsfähigkeit regierender Mehrheiten, die Durchsetzungsfähigkeit von Regierungen und das erzielte Maß an politischer Veränderung konzentriert. Es zählt nicht ausschließlich, "was am Ende herauskommt"; vielmehr werden Fragen nach der demokratischen Qualität des gouvernementalen Willensbildungs- und Entscheidungsprozesses als gleichberechtigt betrachtet. Eine in diesem Geiste operierende Leadership-Forschung muss nicht lange nach würdigen Gegenständen suchen. In ihrem Streben nach Begründung eines reflexiven Verhältnisses zur Demokratie kann sie Themen aufgreifen, die länderübergreifend einen Zuwachs an gesellschaftlicher Aufmerksamkeit erfahren haben. Dazu gehören Fragen nach der angemessenen Repräsentation von Frauen in politischen Führungsämtern, das Kommunikationsverhalten von Regierungen sowie die Qualität demokratischer Kontrollmechanismen gegenüber Inhabern exekutiver Spitzenämter.

Fußnoten

4.
Vgl. für einen umfassenderen aktuellen Überblick Ludger Helms, Politische Führung in der Demokratie: Möglichkeiten und Grenzen der vergleichenden Forschung, in: Zeitschrift für Politik (ZfP), 56 (2009), S. 375 - 396.
5.
Zuweilen wird diese Traditionslinie ausdrücklich betont, so bei Carnes Lord, The Modern Prince: What Leaders Need to Know Now, New Haven-London 2003.
6.
Allerdings kann in den seltensten Fällen von einer systematischen Integration beider Dimensionen gesprochen werden. Eher scheint es so, als wenn problemlösungsorientierte Perspektiven zuweilen "machtvergessen" sind, auf Machterwerb und -behauptung konzentrierte Arbeiten hingegen allzu wenig Interesse an "policy leadership" haben.
7.
Vgl. z.B. Mark T. Fliegauf/Andreas Kießling/Leonard Novy, Leader and Follower - Grundzüge eines inter-personalen Ansatzes zur Analyse politischer Führungsleistung, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft, 18 (2008), S. 399 - 421, hier: S. 410 - 415.
8.
So Peter Niesen, Politische Theorie und Demokratiewissenschaft, in: Hubertus Buchstein/Gerhard Göhler (Hrsg.), Politische Theorie und Politikwissenschaft, Wiesbaden 2007, S. 126 - 155, hier: S. 141, S. 151.
9.
Aus dieser Perspektive betrachtet steht nicht die Artikulation von Interessen durch die Wähler, sondern das Handeln der mit Führungsämtern betrauten Akteure im Zentrum der Beziehung zwischen Wählern und Repräsentanten: "In representation from above (...) the process of political representation starts with the representatives, who enter the political process with their views and put these views to the citizens for their approval." Rudy B. Andeweg/Jacques J. A. Thomassen, Modes of Political Representation: Toward a New Typology, in: Legislative Studies Quarterly, 30 (2005), S. 507 - 528, hier: S. 511.
10.
Vgl. Anton Pelinka, Kritische Hinterfragung eines Konzepts - demokratietheoretische Anmerkungen, in: Annette Zimmer/Regina Maria Jankowitsch (Hrsg.), Political Leadership, Berlin u.a. 2008, S. 43 - 67, hier: S. 48.

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