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22.12.2009 | Von:
Ludger Helms

Leadership- Forschung als Demokratiewissenschaft

Repräsentation von Frauen in der Exekutive

Die Frage nach der Repräsentation von Frauen in politischen Leadership-Positionen ist, vor allem durch das damit angesprochene Kriterium der Gleichheit (als eine der beiden Grundnormen der liberalen Demokratie neben jener der Freiheit), für eine demokratiewissenschaftliche Leadership-Forschung von direkter Relevanz.

Wie steht es um die empirische Dimension? In den vergangenen zehn Jahren hat der Frauenanteil in europäischen Kabinetten deutlich zugenommen. In der EU-27 lag der Durchschnittswert in der Gruppe der Kabinettsminister Mitte 2009 bei 24 Prozent, mit allerdings außerordentlich großen Unterschieden zwischen Ländern bzw. Gruppen von Ländern. In den Ländern der alten EU-15 betrug der Durchschnittswert 31,2 Prozent, in der Gruppe der zwölf jüngeren Mitgliedstaaten lediglich 15 Prozent. Mit einem Frauenanteil von 60 und null Prozent verkörperten Finnland und Ungarn die Extreme. Aber auch innerhalb einer Ländergruppe gab es signifikante Unterschiede: In Finnland, Dänemark, Schweden, Deutschland und Spanien lagen die Werte bei jeweils über 40 Prozent; in Griechenland, Portugal und Großbritannien dagegen lediglich zwischen elf und 17 Prozent.[11]

Während Ministerinnen in vielen Ländern zum selbstverständlichen Erscheinungsbild gehören, bleiben die Positionen des Regierungschefs bzw. des Staatsoberhaupts, von Ausnahmen abgesehen, Männern vorbehalten. In der Gruppe der G-8-Staaten gab es während der vergangenen Jahrzehnte lediglich vier Regierungschefinnen: Margaret Thatcher (Großbritannien, 1979 - 1990), Édith Cresson (Frankreich, 1991 - 1992), Kim Campbell (Kanada, 1993) und Angela Merkel (Deutschland, seit 2005). Ein differenziertes Bild zeichnet Farida Jalalzai in ihrer bahnbrechenden empirischen Studie über Frauen in exekutiven Spitzenämtern von 1960 bis 2007.[12] Sie konnte zeigen, dass Frauen überwiegend in solchen institutionellen Kontexten in die Spitzenpositionen der Exekutive vorrückten, in denen das von ihnen gehaltene Amt (sei es das der Regierungschefin, sei es das der Präsidentin) Teil eines exekutiven "power sharing arrangements" ist, in dem der andere und zumeist mächtigere Teil der Exekutivspitze von einem Mann gehalten wird. Die Repräsentation von Frauen in Spitzenämtern der Exekutive wird ferner offenbar von unstabilen politischen Verhältnissen und durch die Existenz von Regimen mit einem geringen politischen Institutionalisierungsgrad strukturell begünstigt (so besonders in Afrika, Asien und Lateinamerika). Bemerkenswert ist der Befund, dass die Repräsentation von Frauen in Spitzenämtern der politischen Exekutive offensichtlich nicht Ausdruck eines allgemein hohen Entwicklungsstands der geschlechterbezogenen Gleichberechtigung ist (wie wiederum Erfahrungen aus Afrika und Asien lehren).[13]

Die jüngere Leadership-Forschung greift über die Analyse genderbezogener Repräsentationsmuster hinaus und fragt danach, welchen Unterschied die Präsenz von Frauen in Führungsämtern auf den politischen Führungs- und Entscheidungsprozess macht. Dabei geht es um das Verhältnis zwischen "deskriptiver Repräsentation" und "substantieller Repräsentation".[14] Vor allem aus der amerikanischen Legislativforschung gibt es Hinweise darauf, dass Frauen ein anderes Führungsverhalten an den Tag legen als ihre männlichen Kollegen, dass sie etwa kooperationswilliger und kompromissorientierter sind und bei komplexen Entscheidungen andere Aspekte betonen. Dabei handelt es sich allerdings um graduelle Unterschiede, die in der jüngeren Literatur im Übrigen kaum noch mit biologisch bedingten Eigenschaften erklärt werden, sondern als Ausdruck unterschiedlicher lebensweltlicher Erfahrungen von Inhabern und Inhaberinnen politischer Ämter mit bestimmten sozialen Rollen gelten.[15]

Ein progressives Urteil über diese Entwicklungen setzt kein "feministisches Glaubensbekenntnis" voraus. Eine angemessene Repräsentation von Frauen in politischen Führungsämtern bliebe selbst dann eine legitime Forderung und ein erstrebenswertes Ziel, wenn sich die Hinweise auf spezifische Führungsstile oder gar besondere Führungsqualitäten von Frauen nicht erhärten lassen sollten. Schließlich gibt es keinen guten Grund, die Privilegien hoher politischer Ämter allein dem männlichen Teil der Bevölkerung vorzubehalten. Abgesehen davon konnte die jüngere Forschung zeigen, dass die Repräsentationsstärke von Frauen in politischen Ämtern (zumindest auf der Ebene des Parlaments) in einem positiven Zusammenhang mit der Anerkennungswürdigkeit eines demokratischen Systems auch in den Augen männlicher Bürger steht.[16]

Fußnoten

11.
Berechnungen des Autors nach Zahlen der Europäischen Kommission gemäß http://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=774&langId=en&intPageId=659 (1.12. 2009). Der Frauenanteil an den Kabinettsministern der im Herbst 2009 gebildeten christlich-liberalen Regierungskoalition unter Angela Merkel betrug auch nach der Kabinettsumbildung Ende November 2009 deutlich unter 40 Prozent.
12.
Vgl. Farida Jalalzai, Women Rule: Shattering the Executive Glass Ceiling, in: Politics & Gender, 4 (2008), S. 205 - 231.
13.
Ebd., S. 223.
14.
Vgl. Karen Celis/Sarah Childs, Introduction: The Descriptive and Substantive Representation of Women: New Directions, in: Parliamentary Affairs, 61 (2008), S. 419 - 435.
15.
Vgl. statt vieler Barbara Kellerman/Deborah L. Rhode (eds.), Women and Leadership: The State of Play and Strategies for Change, San Francisco 2007.
16.
Vgl. Jeffrey A. Karp/Susan A. Banducci, When Politics Is Not Just a Man's Game: Women's Representation and Political Engagement, in: Electoral Studies, 27 (2008), S. 105 - 115, hier: S. 113 - 114.

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