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22.12.2009 | Von:
Ludger Helms

Leadership- Forschung als Demokratiewissenschaft

Aufgaben einer demokratiewissenschaftlichen Leadership-Forschung

Herrschaftskritische Ansätze der Leadership-Forschung sehen sich in Zeiten erhöhten Problemlösungsbedarfs mit dem Vorwurf konfrontiert, sich mit "Luxusargumenten" gegen die notwendige Steigerung von Effektivität und Effizienz politischer Führung zu stellen. Solche Vorbehalte sind nicht gerechtfertigt. Für politische Führung in der Demokratie darf das Streben nach maximaler gesellschaftlicher Anerkennungswürdigkeit nicht lediglich als wünschenswerte Zusatzleistung betrachtet werden.

Ebenso wenig genügt es, sich bei der Formulierung von Standards "guter politischer Führung" allein auf die "output"-bezogene Dimension der politischen Legitimation von "leadership" zu konzentrieren. Zu den Aufgaben der praxisbezogenen Leadership-Forschung gehört neben der gezielten Suche nach technischen oder strategischen Optimierungspotentialen politischer Führung auch die Beteiligung an Diskussionen über Felder übergreifende Entwürfe für die Demokratie der Zukunft.

In der jüngeren Vergangenheit haben vor allem Konzepte "deliberativer Demokratie" von sich Reden gemacht. Deliberation steht im demokratischen Prozess zwischen der öffentlichen Meinungsbildung und dem Regierungshandeln, wurde aber gleichwohl gelegentlich gezielt auf seine Qualitäten als "neuer Regierungsstil" befragt.[26] Dabei würde es sich in Erweiterung der klassischen Trias von "government"-Dimensionen ("government of, by and for the people") gleichsam um ein "government with the people" handeln.[27] Das Potenzial deliberativer Verfahren bleibt freilich umstritten.[28] Bis auf Weiteres ist jedoch nicht auszuschließen, dass es mögliche positive Effekte von Deliberation auf den demokratischen Leadership-Prozess geben kann - von einer verbesserten Qualität politischer Entscheidungen bis hin zu einer besseren gesellschaftlichen Legitimierung der Entscheidungspolitik.

Mit dem Selbstverständnis einer Teildisziplin der Demokratiewissenschaft ausgestattet, darf sich die Leadership-Forschung nicht darauf beschränken, nach Möglichkeiten der Demokratisierung von "leadership" im Kontext konsolidierter liberaler Demokratien zu fragen.[29] Eine weitere Aufgabe bildet die Analyse der Bedingungen und Manifestationen von "leadership" in jungen oder defekten Demokratien. Diese wäre zu ergänzen durch das Studium von politischer Führung in transnationalen bzw. supranationalen Regimen, sofern diese mit dem Anspruch auftreten, demokratischen Standards zu genügen.[30]

Fußnoten

26.
Vgl. Claus Leggewie, Deliberative Politik. Modebegriff oder neuer Regierungsstil?, in: K. Kamps/J.-U. Nieland (Anm. 20), S. 21 - 53.
27.
Der Begriff stammt von Vivian A. Schmidt, Democracy in Europe: The Impact of European Integration, in: Perspectives on Politics, 3 (2005), S. 761 - 779, hier: S. 768.
28.
Vgl. etwa Michael Th. Greven, "Politik" als Problemlösung und als vernachlässigte Problemursache, in: Klaus Dieter Wolf (Hrsg.), Staat und Gesellschaft - fähig zur Reform?, Baden-Baden 2007, S. 329 - 339, hier: S. 338.
29.
Dabei ist "Demokratisierung" nicht auf ihren terminologischen Kern, die Erweiterung demokratischer Partizipationsrechte, beschränkt. Vielmehr scheint es zeitgemäß, von einem signifikant erweiterten Demokratisierungsbegriff auszugehen, dem es auch um die Stärkung von Komponenten wie Transparenz, Verantwortlichkeit oder Kontrolle geht. Vgl. Claus Offe (Hrsg.), Demokratisierung der Demokratie, Frankfurt/M.-New York 2003.
30.
Vgl. etwa Ingeborg Tömmel, Political Leadership in der Europäischen Union, in: A. Zimmer/R.M. Jankowitsch (Anm. 10), S. 121 - 146.

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