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22.12.2009 | Von:
Mateusz Stachura

Politische Führung: Max Weber heute

Opportunistisches und idealistisches Handeln

Was ist opportunistisches Handeln? Zentral ist hier die Einsicht, dass sich soziales Handeln auf zwei Ebenen abspielt: auf einer materiellen und einer ideellen Ebene. Die Dynamik auf der materiellen Ebene kommt dadurch zustande, dass die Ressourcen für die Realisierung der Handlungsentwürfe knapp sind. Der Akteur muss sich ständig "bewegen" auf der Suche nach den günstigsten Realisierungsmöglichkeiten. Die Dynamik auf der ideellen Ebene kommt dadurch zustande, dass Menschen unterschiedlich gewichtete Präferenzen oder Werte haben, deren Geltung in konkreten Situationen aber nicht selbstevident ist. Der Akteur muss also die Welt ständig neu deuten im Hinblick auf die Frage, welcher Wert in der gegebenen Situation gilt. Wichtig ist, dass sich die beiden "Dynamiken" unabhängig voneinander entfalten; es kann Handlungsalternativen geben, die sich materiell billig realisieren lassen, aber ideell "inkorrekt" sind. Und es gibt Alternativen, die ideell "korrekt", aber materiell nur sehr teuer zu verwirklichen sind.

Daraus lassen sich zwei Grenzfälle des sozialen Handelns ableiten, je nachdem, welcher Ebene Vorrang eingeräumt wird. Im einen Grenzfall wird von der materiellen Ebene ausgegangen, indem günstige Gelegenheiten für das Handeln den Ausschlag geben. Das "Heischen nach Augenblickschancen" kann als opportunistisches Verhalten bezeichnet werden, da die ideelle Ebene der materiellen angepasst wird. Der andere Grenzfall geht von der ideellen Ebene aus und passt die materiellen Gegebenheiten an die ideellen Vorgaben an. Es kann als idealistisches Verhalten bezeichnet werden, und zwar nicht deshalb, weil die Ressourcenfrage hier keine Rolle spielt, sondern weil diese immer der Wertfrage nachgeordnet ist. Dies führt dazu, dass in vielen Fällen nicht die billigste Alternative gewählt wird. Zwischen beiden Grenzfällen liegt das ökonomische Verhalten, bei dem Alternativen gewählt werden, die den besten materiellen und ideellen Durchschnitt repräsentieren. Man "trifft sich in der Mitte".

Ist das ökonomische Verhalten nicht ein guter Kompromissvorschlag? Das ist es nach Weber nicht immer, und zwar deshalb, weil für ihn, im Unterschied etwa zur neoklassischen Ökonomik, die Werte untereinander nicht harmonisieren, sondern konfligieren: "Es handelt sich nämlich zwischen den Werten letztlich überall und immer wieder nicht nur um Alternativen, sondern um unüberbrückbar tödlichen Kampf, so wie zwischen Gott und Teufel."[2] Wer an den "Gott" der wissenschaftlichen Wahrheit glaubt, für den sind wissenschaftsfeindliche religiöse Dogmen der "Teufel" selbst - und vice versa. Ethik steht hier gegen Profit, Lust gegen Glauben und Kunst gegen Wahrheit. Daher kann man sich, zumindest auf der ideellen Ebene, nicht "in der Mitte treffen". Eine "halbe Wahrheit" und eine "halbe Kunst" ergeben kein besseres Ergebnis als die "volle Wahrheit" und "keine Kunst".

Weber sieht natürlich, dass in der Wirklichkeit Kompromisse gemacht werden und dass "idealistisches" Verhalten empirisch nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme ist. Dennoch muss es in der Gesellschaft Orte geben, wo idealistisches Handeln möglich wird. Wenn sich die Menschen nur noch ökonomisch oder gar opportunistisch verhalten würden, wären die Wertsphären der Wissenschaft, der Kunst, aber auch der Wirtschaft in Gefahr.[3] Würden sich die Menschen in einem bestimmten Bereich opportunistisch verhalten, könnte dieser Bereich der Aggression benachbarter Bereiche zum Opfer fallen. Weber thematisiert dies am zeitgeschichtlichen Fall der Strangulierung des modernen Kapitalismus durch die patriarchal ausgerichtete "kontrollfreie Beamtenherrschaft" im Kaiserreich. Jenseits dieser besonderen historischen Konstellation sieht er aber auch die Gefahr einer opportunistischen Minimierung des politischen Handelns, die zur allmählichen Domestizierung einer freiheitlichen politischen Ordnung durch den rationalen "Hochkapitalismus" führen kann.[4]

Was hat opportunistisches Verhalten mit Führungslosigkeit zu tun? Politik steht für Weber in enger Beziehung zum Wertkonflikt,[5] denn sie ist selbst eine Sphäre dieses Konflikts. Doch nicht bei allen Teilen des Herrschaftsverbands ist diese Beziehung gleich stark ausgeprägt. Das Verwaltungshandeln, die Interessenvertretung oder das Kontrollhandeln haben mit den Wertkonflikten weniger zu tun als jener Kernbereich, in dem sich die Macht konzentriert: die politische Führung. Sie ist der Ort, wo der Wertkonflikt immer wieder aufs Neue ausgetragen wird, indem für einen bestimmten Wert auf Kosten anderer Werte eingetreten wird. Führungslosigkeit degradiert daher politische Verbände zur bloßen Verwaltung und genuin politisches Handeln zum bloßen Management. Dadurch wird einem inopportunen Eintreten für bestimmte Politikinhalte der Boden entzogen. Nun gilt es zu fragen, welche institutionellen Bedingungen die Führungslosigkeit begünstigen und welche Mechanismen die Erosion genuin politischer Qualitäten der Herrschaft verhindern können. Dazu muss man sich dem Konzept der "plebiszitären Führerdemokratie" zuwenden.

Fußnoten

2.
Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 1988, S. 507.
3.
Vgl. Thomas Schwinn, Der Nutzen der Akteure und die Werte der Systeme, in: Rainer Greshoff/Uwe Schimank (Hrsg.), Integrative Sozialtheorie? Esser - Luhmann - Weber, Wiesbaden 2006, S. 39 - 62, hier: S. 47.
4.
"Es ist höchst lächerlich, dem heutigen Hochkapitalismus (...) Wahlverwandtschaft mit Demokratie oder gar mit Freiheit (in irgend einem Wortsinn) zuzuschreiben, während doch die Frage nur lauten kann: wie sind, unter seiner Herrschaft, alle diese Dinge überhaupt auf die Dauer möglich? Sie sind es tatsächlich nur da, wo dauernd ein entschlossener Wille einer Nation, sich nicht wie eine Schafherde regieren zu lassen, dahinter steht." Max Weber, Gesammelte politische Schriften, Tübingen 1988, S. 63f.
5.
Vgl. Hans Henrik Bruun, Science, Values and Politics in Max Weber's Methodology, Aldershot 2007, S. 243ff.

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