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22.12.2009 | Von:
Mateusz Stachura

Politische Führung: Max Weber heute

Gleichgewichtssystem "plebiszitärer Führerdemokratie"

Bei der Kritik am Konzept der "plebiszitären Führerdemokratie" muss im Auge behalten werden, dass Weber hier nicht etwa sein "Wunschmodell" der Demokratie entwickelt, sondern danach fragt, wie Demokratie in der modernen Massengesellschaft funktionieren kann. Der Kern des Konzepts ist ein Gleichgewichtssystem, das sich zwischen den politischen Parteien, dem Parlament, der Führung und der Staatsbürokratie unter bestimmten Bedingungen einstellen kann. Dabei ist es kein konsensuelles, sondern ein konfliktgeladenes Gleichgewicht, das im Wesentlichen dadurch funktioniert, dass jedes Element des Gleichgewichtssystems in ein Netz von Restriktionen eingebettet wird, das aus den übrigen Systemelementen besteht.[6] Indem jedes Element eine Aufgabe erfüllt, reguliert es zugleich das Funktionieren aller übrigen. Man kann von einer konstitutiven und einer regulativen Funktion sprechen. Der springende Punkt des Modells ist, dass die Bewältigung der konstitutiven Eigenaufgabe ohne regulativen Druck von außen nicht möglich ist. Ohne die Kontrolle seitens des Parlaments arbeitet die Staatsbürokratie nicht mehr, sondern weniger effizient, da sie zunehmend Eigeninteressen verfolgt, welche die Rationalität ihrer Funktionsweise bedrohen.

Weber, den eine zutiefst pessimistische Sichtweise moderner Bürokratien als Bedrohung der politischen und sozialen Freiheit geprägt hat, lehnte zugleich die Abschaffung der Bürokratie als politisches Heilmittel entschieden ab. Und zwar nicht aufgrund der bloßen Faktizität ihrer Machtstellung, sondern aus verwaltungstechnischen Effizienzgründen: Herrschaft funktioniert durch Verwaltung. Rational-bürokratische Verwaltung ist in Sachen Schnelligkeit, Präzision, Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit allen anderen Verwaltungsstrukturen weit überlegen, was nicht nur den Herrschenden, sondern auch den Beherrschten zugute kommt. Die Abschaffung rational-bürokratischer Verwaltungsstäbe würde in Massengesellschaften Effizienzverluste katastrophalen Ausmaßes mit sich bringen. Damit wäre die konstitutive Rolle der Verwaltung gefährdet.

Doch ohne regulativen Gegendruck, ohne die Kontrolle des Parlaments, der straff organisierten Parteien und vor allem ohne den Druck einer demokratisch bestellten Führung tendiert die Bürokratie zur Monopolisierung des Herrschaftswissens, zum Ausschluss der Öffentlichkeit und zu ständischer Schließung. Die Hypertrophie der bürokratischen Verwaltung kann im Grenzfall zur offenen oder verdeckten Entmachtung der Exekutive führen. Die wirtschaftspolitischen Folgen dieser Konstellation hat Weber eindrucksvoll geschildert: "Durch die Staatsbürokratie legitimierte und (angeblich!) kontrollierte Interessenverbände wären aktiv die Träger der Syndikats-Selbstverwaltung und passiv Träger der staatlichen Lasten. Die Beamten würden dann durch diese syndizierten Erwerbs- und Profit-Interessenten, aber weder durch den dazu gar nicht fähigen Monarchen, noch durch die vertretungslosen Staatsbürger kontrolliert werden."[7] Die Beamtenherrschaft führt also unter modernen Bedingungen nicht etwa zum Zerfall der kapitalistischen Wirtschaftsweise, sondern vielmehr zur Entfaltung eines politischen (autoritären) Kapitalismus - eine polit-ökonomische Konstellation, die Weber an empirischen Fällen des Kaiserreichs und am vorrevolutionären Russland analysiert hat und für die heute exemplarisch in erster Linie China steht. Die kontrollfreie Beamtenherrschaft im Kaiserreich hat nach Weber im Wesentlichen die politischen Fehler zu verantworten, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs und zum weltpolitischen Abstieg Deutschlands geführt haben.

Weber thematisiert politische Führung aus einem anderen Blickwinkel als die Bürokratie. Diese muss gezähmt, der konstitutive Bereich der Führung jedoch gestärkt werden. Darum steht zuerst die diagnostische Frage nach den Ursachen der Führungsschwäche im Vordergrund. Generell kann zwischen strukturellen und ideellen Ursachen unterschieden werden: Die Exekutive kann strukturell durch die Machtansprüche der Verwaltungsstäbe in ihrer konstitutiven Tätigkeit eingeschränkt werden. Sie kann aber auch ihren "Geist" verlieren, ohne strukturell ernsthaft bedrängt zu werden. Während die Analyse der strukturellen Bedrohung stärker an den historischen Kontext der Weber'schen Analyse gebunden bleibt, ist die Analyse der ideellen Schwäche des Führungsbereichs universeller angelegt. In diesem Sinne wurde Webers These von der Verselbstständigung der Bürokratie als unzulässige Generalisierung einer einmaligen historischen Konstellation kritisiert,[8] der Analyse der inneren Bedingungen der politischen Führung in der modernen Welt aber hohe Aktualität bescheinigt.[9] In der Tat scheinen die aktuellen politischen Probleme weniger durch formalistische, blind-legalistische, bürokratische "Maschinen" als vielmehr durch zu schwache oder zu starke politische Führungen verursacht zu sein.

Während die Kernaufgabe der Bürokratie in der effizienten Gestaltung des Verwaltungshandelns besteht, bedeutet politische Führung für Weber ein persönliches Eintreten für eine Sache und eine persönliche Verantwortungsübernahme:[10] "Weber wurde nicht müde, immer wieder die ausschließliche Eigenverantwortlichkeit des Politikers hervorzuheben, welcher nicht Weisungen, welchen Ursprungs diese auch immer seien, zu folgen habe, sondern ausschließlich seinen ureigenen Überzeugungen, für die er Gefolgschaft im Parlament und in den Massen zu erkämpfen habe."[11] Der Politiker verfolgt eigene Ideen, im Unterschied zum Beamten, der ausschließlich fremde Organisationsziele und Verfahren verfolgt. Der Politiker tritt für diese Ideen ein, im Unterschied etwa zum ökonomisch orientierten Manager, im Sinne des oben definierten idealistischen Handlungstypus. Natürlich tut er dies nicht in jeder Situation, nicht einmal in den meisten Handlungssituationen, aber zumindest in bestimmten, genuin politischen Situationen. Weber besetzt den Politiker nicht mit der Rolle eines Managers oder eines Schlichters, der zwischen den Wertkonflikten zu vermitteln versucht, sondern mit der Rolle eines, der ",wider den Strom der materiellen Konstellationen" schwimmt und nach dem "Unmöglichen" greift, um das "Mögliche zu erreichen".[12]

Dieser "Geist" der Führung kann durch Huldigung fremder "Geister" verloren gehen. Sobald das Handeln im "idealistischen" Modus zum Erliegen kommt, erscheinen alle politischen Probleme lediglich als Probleme rein technischer Natur. Eine in diesem Sinne "sterilisierte" Politik führt überhaupt keine Zieldiskussion mehr, sondern ergeht sich in technischen Überlegungen über die optimalen Mittel für invariant gesetzte Ziele. Die Führung ergreift keine Eigeninitiative, sondern folgt den Weisungen mächtiger Sponsoren. "Die ausschließliche Eigenverantwortlichkeit des Politikers", die Weber immer wieder als dessen Wesensmerkmal betont hat, schwindet. Ein zunehmend unbewegliches System wechselseitiger Dependenzen entsteht, das von verantwortungsfreien Politikmanagern instand gehalten wird. Die Folgsamkeit politisch "verdrossener" Bevölkerung wird mit paternalistischen Maßnahmen erkauft. Ein Glaube an die Notwendigkeit der "Anpassung" an die Welt und seine Restriktionen entsteht und bereitet den Boden für ein neues "Gehäuse der Hörigkeit". Opportunismus führt letztlich zum Freiheitsverlust.

Wie kann der konstitutive Bereich der politischen Führung gegen Erosion geschützt werden? Entgegen den Interpretationen, die Weber ein gestörtes Demokratieverständnis vorwerfen (etwa Dolf Sternberger), soll hier das Konzept der "plebiszitären Führerdemokratie" als überzeugende Reaktion auf die Erosionsgefahren gedeutet werden. Natürlich ruft die Wortwahl "plebiszitär" und "Führer" nach der Erfahrung mit der nationalsozialistischen Herrschaft Berührungsängste hervor. Bei der Theoriearbeit geht es aber nicht um Worte, sondern um Argumente. Was ist der Kern der Weber'schen Lösung? Damit eine Kettenreaktion nicht zur Entfaltung kommt, muss das erste Kettenglied entschärft werden. Und das erste Glied in der Kette, die über die Technisierung des Politbetriebs, den Paternalismus, die Passivität entpolitisierter Bevölkerung zum Freiheitsverlust führt, besteht nach Weber in der falschen Institutionalisierung des Führungsbereichs. Folgerichtig setzt seine Lösung nicht an der "Demokratisierung" oder Mobilisierung der Bürger an, sondern an der Wurzel des Problems: an den Institutionen der politischen Führung, die dem Opportunismus und der Verantwortungslosigkeit der Herrschenden den Weg bereitet.

Seine Lösung konzentriert sich auf die Frage, wie die Politik erneut mit "Ideen" angereichert werden kann. Wie können politische Akteure dazu gebracht werden, inopportune Ziele eigenverantwortlich zu verfolgen? Sicher, man braucht keine besondere Motivation, um bloß materielle (und in diesem Sinne: außerpolitische) Ziele zu verfolgen. Nichts anderes bewerkstelligt der Politikmanager. Sicher ist auch, dass man keine besondere Motivation braucht, um frei verfügbare Machtmittel einzusetzen, um ideelle Ziele zu erreichen. Jeder würde die Welt gerne nach seinem Belieben umgestalten. Doch um solch ein verantwortungsfreies "Bramarbasieren mit Macht" geht es Weber nicht. Politik bedeutet für ihn persönliches Eintreten für eine Sache und persönliche Verantwortungsübernahme.[13] Hier liegt das Problem: So sehr man auch bereit wäre, verantwortungsfrei Macht zu übernehmen, so wenig ist man bereit, diese Macht aufzubauen und sie unter das Verantwortungsprinzip zu stellen. Es scheint so, dass man die drei Elemente von Motivation, Ideen und Verantwortung nicht unter einen Hut bringen kann. Materielle Ziele können also die Akteure zu politischem Handeln motivieren und obendrein über Interessendependenzen die Verantwortung erzwingen, jedoch auf Kosten der Ideen. Diese haben zwar motivationale Kraft, die sich aber der Verantwortung entzieht.

Soll man Verantwortung normativ erzwingen? Weber schlägt eine Lösung vor, die nicht mit negativen, sondern mit positiven Sanktionen arbeitet: Auf die Verantwortungsübernahme sollen Machtprämien ausgezahlt werden. Damit wird die ideelle Motivation um eine machttechnische Motivation ergänzt und die ideelle Politik unter das Verantwortungsprinzip gestellt.[14] In einem institutionellen Regime, in dem sich eine klare persönliche Verantwortungsübernahme in politisches Kapital ummünzen lässt, wird "idealistische" Politik eine Chance bekommen. Damit diese vom Wahlvolk politisch goutiert wird, müssen klare Zurechnungsmöglichkeiten geschaffen werden. In einem Proporzsystem etwa wird die Zurechnung schon institutionell verhindert. Daher setzt sich Weber für stark kompetitive, im Grenzfall plebiszitär angelegte Wahl- und Regierungssysteme ein. "Er spricht auch von einer plebiszitär-repräsentativen Regierung, die sich von einer rein repräsentativen Regierung dadurch unterscheidet, dass sie die Ausbildung eines politischen Führertums institutionell stütze. Die rein repräsentative Regierung dagegen, die parlamentarische Demokratie, tendiere zu Führerlosigkeit. Dies gelte insbesondere dann, wenn die Repräsentation auf einem Mehr-Parteien-System mit Verhältniswahlrecht beruhe. Es ist nicht schwer, in den USA des Barack Obama und in der Bundesrepublik Deutschland der Angela Merkel heute Annäherungen an den einen bzw. den anderen Idealtyp zu sehen."[15]

Ein kompetitives Wahlsystem hat den Vorteil, dass es einen "charismatischen" Persönlichkeitstypus fördert. Doch muss man dabei stets beachten, dass Weber nicht persönlichkeitstheoretisch argumentiert; es sind für ihn nicht Personen, die erwünschte Institutionen schaffen, sondern Institutionen, die erwünschte Persönlichkeitstypen in gegebene Positionen bringen. In diesen Zusammenhang gehört die berühmte Trias von Persönlichkeitsmerkmalen ("Leidenschaft - Verantwortungsgefühl - Augenmaß"), die mit den demokratischen Führungsinstitutionen kompatibel sind.[16]

Die strukturelle Komponente der Weber'schen Lösung besteht in der Einsicht, dass Strukturen, welche Schließungstendenzen des Herrschaftsverbandes begünstigen, mit Hilfe von Gegenstrukturen aufgebrochen werden müssen. Gegen die Macht der organisierten (Wirtschafts-)Interessen kann eine schwache parlamentarische Regierung nicht angehen. Eine Gegenmacht muss aufgebaut werden, und diese sieht Weber in der von Massen getragenen, von Millionen Stimmzetteln legitimierten präsidialen Führungsspitze.[17] Es wäre ein grobes Missverständnis der Weber'schen Konzeption, wollte man die Stärkung der Führung mit einer Autokratisierung der Herrschaftsbeziehungen gleichsetzen. Kompetitive Führung steht nicht für Schließung, sondern gerade umgekehrt für die Öffnung der bürokratisch, oligarchisch oder plutokratisch geschlossenen Herrschaftsbeziehung.

Ebenso dezidiert, wie Weber für die Stärkung der politischen Führung eintritt, so klar sieht er auch die Notwendigkeit der Regulation von außen. Eine demokratisch (oder plebiszitär) gewählte Führung ohne ein Parlament und ohne rational-bürokratische Parteien bedeutet eine Emotionalisierung und Unstetigkeit der Politik, denn "die Masse als solche (...) denkt nur bis Übermorgen".[18] Letztlich kann plebiszitäre Führung nicht ohne rational-bürokratische Parteien funktionieren. Die konstitutive Aufgabe der Parteien ergibt sich aus der massendemokratisch bedingten Notwendigkeit, "flächendeckende" politische Willensbildung, Propaganda und Wahlagitation zu betreiben. Ihr regulativer Einfluss auf die Führung hat vor allem damit zu tun, dass sie "festorganisierte Interessengruppen" darstellen, die den Spielraum der Exekutive einschränken.

Natürlich birgt die Weber'sche Strategie trotz aller regulativen Sicherungen auch Gefahren. Die gravierendste besteht in der Domestizierung der bürokratischen Maschine durch den charismatischen Führer. Dass diese Gefahr vor allem bei der Schwäche der anderen regulativen Kräfte, allen voran der politischen Parteien, entsteht, hätte Weber angesichts der von ihm klar diagnostizierten politischen Situation nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs stärker sensibilisieren müssen. Offensichtlich war für ihn die negative Erfahrung der kontrollfreien Beamtenherrschaft derart dominant, dass er die Möglichkeit einer nachhaltigen Umstellung der Kräfteverhältnisse unterschätzt hat. Er hat für die Nachkriegszeit lediglich "syndikalistische Putschversuche" und ein "mächtiges Anschwellen der politischen Stimmung" kommen sehen, nicht aber eine tiefgreifende Umgestaltung der Herrschaft in Richtung des charismatischen Prinzips.[19]

Fußnoten

6.
Vgl. Peter D. Breiner, Max Weber & Democratic Politics, Ithaca 1996.
7.
M. Weber (Anm. 4), S. 396.
8.
Vgl. Stefan Breuer, Bürokratie und Charisma. Zur politischen Soziologie Max Webers, Darmstadt 1994, S. 1; Peter Wagner, Sozialwissenschaften und Staat. Frankreich, Italien, Deutschland 1870 - 1980, Frankfurt/M. 1990, S. 169.
9.
Vgl. Andrea Maurer, Herrschaft und soziale Ordnung, Opladen 1999; Wolfgang Schluchter, Rationalismus der Weltbeherrschung: Studien zu Max Weber, Frankfurt/M. 1980.
10.
Vgl. M. Weber (Anm. 4), S. 422, S. 547; David Beetham, Max Weber and the Theory of Modern Politics, London 1974, S. 76; H. H. Bruun (Anm. 5), S. 264.
11.
Wolfgang J. Mommsen, Max Weber: Gesellschaft, Politik und Geschichte, Frankfurt/M. 1974, S. 49.
12.
M. Weber (Anm. 4), S. 64, S. 560.
13.
M. Weber (Anm. 4), S. 422, S. 547; W. J. Mommsen (Anm. 11), S. 48.
14.
Vgl. Mateusz Stachura, Rationale Demokratie, in: Zeitschrift für Politik, 53 (2006) 4, S. 393 - 410.
15.
Wolfgang Schluchter, Was heißt politische Führung?, in: ders., Die Entzauberung der Welt. Sechs Studien zu Max Weber, Tübingen 2009, S. 104.
16.
Vgl. M. Weber (Anm. 4), S. 545.
17.
Vgl. ebd., S. 394, S. 470, S. 544.
18.
Ebd., S. 404.
19.
Ebd., S. 405. Vgl. M. Rainer Lepsius, Das Modell der charismatischen Herrschaft und seine Anwendung auf den "Führerstaat" Adolf Hitlers, in: ders., Demokratie in Deutschland, Göttingen 1999, S. 85-118.

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