APUZ Dossier Bild

22.12.2009 | Von:
Mateusz Stachura

Politische Führung: Max Weber heute

Würdigung

Weber definiert das Führungsproblem als Problem der Führungsschwäche. Dies mag heute eher kontraintuitiv erscheinen. Negativ fallen im politikwissenschaftlichen Diskurs eher Hypertrophie als Unterentwicklung der Machtorgane, eher Machtexzesse als Minimierung der Herrschaft, eher Einschränkung und Aushöhlung der Menschen- und Bürgerrechte als deren Wildwuchs auf. Braucht die Welt heute mehr Führung, oder vielleicht doch mehr good governance? Lag Weber mit seiner Einschätzung der Gefahren massendemokratischer Herrschaft falsch?

Bei der Beantwortung dieser Frage muss man beachten, dass Weber den Führungsbegriff sehr eng fasste. Er bedeutet lediglich die Bereitschaft, für eine überpersönliche Sache zu kämpfen und dafür Verantwortung zu übernehmen. Machtexzesse der sich mit links- oder rechtsorientierten Ideologien schmückenden Staatsapparate bedeuten in dieser Perspektive keine Hypertrophie der Führung, sondern eine der kontrollfreien Bürokratien. Sie verweisen des Weiteren auf eine oligarchische Schließung der Herrschaftsbeziehung durch Interessengruppen, die ihre Besitzbestände blind verteidigen. In diesem Kontext behält die Weber'sche Therapie, die auf das Aufbrechen der ideell und materiell verkrusteten sozialen Ungleichheitsbeziehungen zielt, durchaus Aktualität.

Letztlich geht es beim Umgang mit Weber weder nur darum, über die Triftigkeit einzelner von ihm vorgeschlagener Maßnahmen zu debattieren, noch darum, die bleibende "Aktualität" seines Werkes zu beschwören, sondern um die Anerkennung und Nutzbarmachung jener Qualitäten seiner Theorie, die ihn vor dem Hintergrund der zeitgenössischen politikwissenschaftlichen Ansätze sehr vorteilhaft erscheinen lassen und die in der handlungs-, ordnungs- und kulturtheoretischen Fundierung der Demokratietheorie bestehen. Diese ist in eine Theorie der okzidentalen Moderne eingebettet und zeichnet somit mögliche Konsequenzen der Herrschaft in einer Welt, "die ökonomisch voll und intellektuell satt zu werden beginnt".[20] Es geht in Max Webers Werk sowohl um die Kräfte, welche die "moderne Freiheit" im Geflecht ökonomischer Interessen der "intellektuell satten" Welt ersticken, als auch um solche, welche die immer deutlicher und unentrinnbar werdende Schließungslogik überraschenderweise durchkreuzen.

Fußnoten

20.
W. Schluchter (Anm. 9), S. 102; M. Weber (Anm. 4), S. 65.

Dossier

Deutsche Demokratie

In der deutschen Demokratie ist die Macht auf mehr als 80 Millionen Menschen verteilt: Alle Bürger sind für den Staat verantwortlich. Aber wie funktioniert das genau? Wer wählt den Kanzler, wer beschließt die Gesetze? Und wie wird man Verfassungsrichter?

Mehr lesen