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22.12.2009 | Von:
Mateusz Stachura

Politische Führung: Max Weber heute

Beim Umgang mit Max Weber geht es heute um die Anerkennung und Nutzbarmachung jener Qualitäten seiner Theorie, die in der handlungs-, ordnungs- und kulturtheoretischen Fundierung bestehen.

Einleitung

Was kann die Leadership-Forschung von einem Klassiker des soziologischen Denkens lernen, dessen politische Schriften im Erfahrungskontext des Ersten Weltkriegs entstanden sind? Sind seine Erkenntnisse nicht von der Forschung überholt oder, umgekehrt, zu einem wenig umstrittenen und daher auch wenig interessanten Grundwissen kanonisiert worden? Überraschenderweise sind sie es nicht, obwohl die sozialwissenschaftliche Forschungsmaschinerie ständig neue Ergebnisse mithilfe von immer neuen Modellen produziert. Gewiss liefern Max Webers Schriften weder mathematisch fundierte Modelle für die Analyse der Regierungszusammensetzung oder Koalitionsbildung noch quantitative Analysen politischer Rekrutierungsmechanismen.[1] Dafür ist bei Weber das Problem der politischen Führung jenseits kleinteiliger Fragestellungen in einen universalgeschichtlichen Kontext eingebettet und damit von der Frage geleitet, wie unter Bedingungen des modernen okzidentalen Rationalismus, der Differenzierung sozialer Teilbereiche, insbesondere aber unter den Bedingungen des modernen Kapitalismus, politische Freiheit überhaupt noch möglich sein kann.






Die Führungsfrage beschäftigt Weber im Zusammenhang mit der zuweilen technischen Debatte über die angemessene Staatsform für das Deutschland der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Die Fragen der politischen Freiheit, der Verantwortungsübernahme, der Ideen und Werte politischen Handelns gehören in einen übergreifenden sozialphilosophischen Kontext. Wie konstruiert Weber den Zusammenhang zwischen der politischen Führung und der Freiheit, oder aber: zwischen der Führungsschwäche, dem politischen Opportunismus und dem Freiheitsverlust?

Opportunistisches und idealistisches Handeln

Was ist opportunistisches Handeln? Zentral ist hier die Einsicht, dass sich soziales Handeln auf zwei Ebenen abspielt: auf einer materiellen und einer ideellen Ebene. Die Dynamik auf der materiellen Ebene kommt dadurch zustande, dass die Ressourcen für die Realisierung der Handlungsentwürfe knapp sind. Der Akteur muss sich ständig "bewegen" auf der Suche nach den günstigsten Realisierungsmöglichkeiten. Die Dynamik auf der ideellen Ebene kommt dadurch zustande, dass Menschen unterschiedlich gewichtete Präferenzen oder Werte haben, deren Geltung in konkreten Situationen aber nicht selbstevident ist. Der Akteur muss also die Welt ständig neu deuten im Hinblick auf die Frage, welcher Wert in der gegebenen Situation gilt. Wichtig ist, dass sich die beiden "Dynamiken" unabhängig voneinander entfalten; es kann Handlungsalternativen geben, die sich materiell billig realisieren lassen, aber ideell "inkorrekt" sind. Und es gibt Alternativen, die ideell "korrekt", aber materiell nur sehr teuer zu verwirklichen sind.

Daraus lassen sich zwei Grenzfälle des sozialen Handelns ableiten, je nachdem, welcher Ebene Vorrang eingeräumt wird. Im einen Grenzfall wird von der materiellen Ebene ausgegangen, indem günstige Gelegenheiten für das Handeln den Ausschlag geben. Das "Heischen nach Augenblickschancen" kann als opportunistisches Verhalten bezeichnet werden, da die ideelle Ebene der materiellen angepasst wird. Der andere Grenzfall geht von der ideellen Ebene aus und passt die materiellen Gegebenheiten an die ideellen Vorgaben an. Es kann als idealistisches Verhalten bezeichnet werden, und zwar nicht deshalb, weil die Ressourcenfrage hier keine Rolle spielt, sondern weil diese immer der Wertfrage nachgeordnet ist. Dies führt dazu, dass in vielen Fällen nicht die billigste Alternative gewählt wird. Zwischen beiden Grenzfällen liegt das ökonomische Verhalten, bei dem Alternativen gewählt werden, die den besten materiellen und ideellen Durchschnitt repräsentieren. Man "trifft sich in der Mitte".

Ist das ökonomische Verhalten nicht ein guter Kompromissvorschlag? Das ist es nach Weber nicht immer, und zwar deshalb, weil für ihn, im Unterschied etwa zur neoklassischen Ökonomik, die Werte untereinander nicht harmonisieren, sondern konfligieren: "Es handelt sich nämlich zwischen den Werten letztlich überall und immer wieder nicht nur um Alternativen, sondern um unüberbrückbar tödlichen Kampf, so wie zwischen Gott und Teufel."[2] Wer an den "Gott" der wissenschaftlichen Wahrheit glaubt, für den sind wissenschaftsfeindliche religiöse Dogmen der "Teufel" selbst - und vice versa. Ethik steht hier gegen Profit, Lust gegen Glauben und Kunst gegen Wahrheit. Daher kann man sich, zumindest auf der ideellen Ebene, nicht "in der Mitte treffen". Eine "halbe Wahrheit" und eine "halbe Kunst" ergeben kein besseres Ergebnis als die "volle Wahrheit" und "keine Kunst".

Weber sieht natürlich, dass in der Wirklichkeit Kompromisse gemacht werden und dass "idealistisches" Verhalten empirisch nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme ist. Dennoch muss es in der Gesellschaft Orte geben, wo idealistisches Handeln möglich wird. Wenn sich die Menschen nur noch ökonomisch oder gar opportunistisch verhalten würden, wären die Wertsphären der Wissenschaft, der Kunst, aber auch der Wirtschaft in Gefahr.[3] Würden sich die Menschen in einem bestimmten Bereich opportunistisch verhalten, könnte dieser Bereich der Aggression benachbarter Bereiche zum Opfer fallen. Weber thematisiert dies am zeitgeschichtlichen Fall der Strangulierung des modernen Kapitalismus durch die patriarchal ausgerichtete "kontrollfreie Beamtenherrschaft" im Kaiserreich. Jenseits dieser besonderen historischen Konstellation sieht er aber auch die Gefahr einer opportunistischen Minimierung des politischen Handelns, die zur allmählichen Domestizierung einer freiheitlichen politischen Ordnung durch den rationalen "Hochkapitalismus" führen kann.[4]

Was hat opportunistisches Verhalten mit Führungslosigkeit zu tun? Politik steht für Weber in enger Beziehung zum Wertkonflikt,[5] denn sie ist selbst eine Sphäre dieses Konflikts. Doch nicht bei allen Teilen des Herrschaftsverbands ist diese Beziehung gleich stark ausgeprägt. Das Verwaltungshandeln, die Interessenvertretung oder das Kontrollhandeln haben mit den Wertkonflikten weniger zu tun als jener Kernbereich, in dem sich die Macht konzentriert: die politische Führung. Sie ist der Ort, wo der Wertkonflikt immer wieder aufs Neue ausgetragen wird, indem für einen bestimmten Wert auf Kosten anderer Werte eingetreten wird. Führungslosigkeit degradiert daher politische Verbände zur bloßen Verwaltung und genuin politisches Handeln zum bloßen Management. Dadurch wird einem inopportunen Eintreten für bestimmte Politikinhalte der Boden entzogen. Nun gilt es zu fragen, welche institutionellen Bedingungen die Führungslosigkeit begünstigen und welche Mechanismen die Erosion genuin politischer Qualitäten der Herrschaft verhindern können. Dazu muss man sich dem Konzept der "plebiszitären Führerdemokratie" zuwenden.

Gleichgewichtssystem "plebiszitärer Führerdemokratie"

Bei der Kritik am Konzept der "plebiszitären Führerdemokratie" muss im Auge behalten werden, dass Weber hier nicht etwa sein "Wunschmodell" der Demokratie entwickelt, sondern danach fragt, wie Demokratie in der modernen Massengesellschaft funktionieren kann. Der Kern des Konzepts ist ein Gleichgewichtssystem, das sich zwischen den politischen Parteien, dem Parlament, der Führung und der Staatsbürokratie unter bestimmten Bedingungen einstellen kann. Dabei ist es kein konsensuelles, sondern ein konfliktgeladenes Gleichgewicht, das im Wesentlichen dadurch funktioniert, dass jedes Element des Gleichgewichtssystems in ein Netz von Restriktionen eingebettet wird, das aus den übrigen Systemelementen besteht.[6] Indem jedes Element eine Aufgabe erfüllt, reguliert es zugleich das Funktionieren aller übrigen. Man kann von einer konstitutiven und einer regulativen Funktion sprechen. Der springende Punkt des Modells ist, dass die Bewältigung der konstitutiven Eigenaufgabe ohne regulativen Druck von außen nicht möglich ist. Ohne die Kontrolle seitens des Parlaments arbeitet die Staatsbürokratie nicht mehr, sondern weniger effizient, da sie zunehmend Eigeninteressen verfolgt, welche die Rationalität ihrer Funktionsweise bedrohen.

Weber, den eine zutiefst pessimistische Sichtweise moderner Bürokratien als Bedrohung der politischen und sozialen Freiheit geprägt hat, lehnte zugleich die Abschaffung der Bürokratie als politisches Heilmittel entschieden ab. Und zwar nicht aufgrund der bloßen Faktizität ihrer Machtstellung, sondern aus verwaltungstechnischen Effizienzgründen: Herrschaft funktioniert durch Verwaltung. Rational-bürokratische Verwaltung ist in Sachen Schnelligkeit, Präzision, Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit allen anderen Verwaltungsstrukturen weit überlegen, was nicht nur den Herrschenden, sondern auch den Beherrschten zugute kommt. Die Abschaffung rational-bürokratischer Verwaltungsstäbe würde in Massengesellschaften Effizienzverluste katastrophalen Ausmaßes mit sich bringen. Damit wäre die konstitutive Rolle der Verwaltung gefährdet.

Doch ohne regulativen Gegendruck, ohne die Kontrolle des Parlaments, der straff organisierten Parteien und vor allem ohne den Druck einer demokratisch bestellten Führung tendiert die Bürokratie zur Monopolisierung des Herrschaftswissens, zum Ausschluss der Öffentlichkeit und zu ständischer Schließung. Die Hypertrophie der bürokratischen Verwaltung kann im Grenzfall zur offenen oder verdeckten Entmachtung der Exekutive führen. Die wirtschaftspolitischen Folgen dieser Konstellation hat Weber eindrucksvoll geschildert: "Durch die Staatsbürokratie legitimierte und (angeblich!) kontrollierte Interessenverbände wären aktiv die Träger der Syndikats-Selbstverwaltung und passiv Träger der staatlichen Lasten. Die Beamten würden dann durch diese syndizierten Erwerbs- und Profit-Interessenten, aber weder durch den dazu gar nicht fähigen Monarchen, noch durch die vertretungslosen Staatsbürger kontrolliert werden."[7] Die Beamtenherrschaft führt also unter modernen Bedingungen nicht etwa zum Zerfall der kapitalistischen Wirtschaftsweise, sondern vielmehr zur Entfaltung eines politischen (autoritären) Kapitalismus - eine polit-ökonomische Konstellation, die Weber an empirischen Fällen des Kaiserreichs und am vorrevolutionären Russland analysiert hat und für die heute exemplarisch in erster Linie China steht. Die kontrollfreie Beamtenherrschaft im Kaiserreich hat nach Weber im Wesentlichen die politischen Fehler zu verantworten, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs und zum weltpolitischen Abstieg Deutschlands geführt haben.

Weber thematisiert politische Führung aus einem anderen Blickwinkel als die Bürokratie. Diese muss gezähmt, der konstitutive Bereich der Führung jedoch gestärkt werden. Darum steht zuerst die diagnostische Frage nach den Ursachen der Führungsschwäche im Vordergrund. Generell kann zwischen strukturellen und ideellen Ursachen unterschieden werden: Die Exekutive kann strukturell durch die Machtansprüche der Verwaltungsstäbe in ihrer konstitutiven Tätigkeit eingeschränkt werden. Sie kann aber auch ihren "Geist" verlieren, ohne strukturell ernsthaft bedrängt zu werden. Während die Analyse der strukturellen Bedrohung stärker an den historischen Kontext der Weber'schen Analyse gebunden bleibt, ist die Analyse der ideellen Schwäche des Führungsbereichs universeller angelegt. In diesem Sinne wurde Webers These von der Verselbstständigung der Bürokratie als unzulässige Generalisierung einer einmaligen historischen Konstellation kritisiert,[8] der Analyse der inneren Bedingungen der politischen Führung in der modernen Welt aber hohe Aktualität bescheinigt.[9] In der Tat scheinen die aktuellen politischen Probleme weniger durch formalistische, blind-legalistische, bürokratische "Maschinen" als vielmehr durch zu schwache oder zu starke politische Führungen verursacht zu sein.

Während die Kernaufgabe der Bürokratie in der effizienten Gestaltung des Verwaltungshandelns besteht, bedeutet politische Führung für Weber ein persönliches Eintreten für eine Sache und eine persönliche Verantwortungsübernahme:[10] "Weber wurde nicht müde, immer wieder die ausschließliche Eigenverantwortlichkeit des Politikers hervorzuheben, welcher nicht Weisungen, welchen Ursprungs diese auch immer seien, zu folgen habe, sondern ausschließlich seinen ureigenen Überzeugungen, für die er Gefolgschaft im Parlament und in den Massen zu erkämpfen habe."[11] Der Politiker verfolgt eigene Ideen, im Unterschied zum Beamten, der ausschließlich fremde Organisationsziele und Verfahren verfolgt. Der Politiker tritt für diese Ideen ein, im Unterschied etwa zum ökonomisch orientierten Manager, im Sinne des oben definierten idealistischen Handlungstypus. Natürlich tut er dies nicht in jeder Situation, nicht einmal in den meisten Handlungssituationen, aber zumindest in bestimmten, genuin politischen Situationen. Weber besetzt den Politiker nicht mit der Rolle eines Managers oder eines Schlichters, der zwischen den Wertkonflikten zu vermitteln versucht, sondern mit der Rolle eines, der ",wider den Strom der materiellen Konstellationen" schwimmt und nach dem "Unmöglichen" greift, um das "Mögliche zu erreichen".[12]

Dieser "Geist" der Führung kann durch Huldigung fremder "Geister" verloren gehen. Sobald das Handeln im "idealistischen" Modus zum Erliegen kommt, erscheinen alle politischen Probleme lediglich als Probleme rein technischer Natur. Eine in diesem Sinne "sterilisierte" Politik führt überhaupt keine Zieldiskussion mehr, sondern ergeht sich in technischen Überlegungen über die optimalen Mittel für invariant gesetzte Ziele. Die Führung ergreift keine Eigeninitiative, sondern folgt den Weisungen mächtiger Sponsoren. "Die ausschließliche Eigenverantwortlichkeit des Politikers", die Weber immer wieder als dessen Wesensmerkmal betont hat, schwindet. Ein zunehmend unbewegliches System wechselseitiger Dependenzen entsteht, das von verantwortungsfreien Politikmanagern instand gehalten wird. Die Folgsamkeit politisch "verdrossener" Bevölkerung wird mit paternalistischen Maßnahmen erkauft. Ein Glaube an die Notwendigkeit der "Anpassung" an die Welt und seine Restriktionen entsteht und bereitet den Boden für ein neues "Gehäuse der Hörigkeit". Opportunismus führt letztlich zum Freiheitsverlust.

Wie kann der konstitutive Bereich der politischen Führung gegen Erosion geschützt werden? Entgegen den Interpretationen, die Weber ein gestörtes Demokratieverständnis vorwerfen (etwa Dolf Sternberger), soll hier das Konzept der "plebiszitären Führerdemokratie" als überzeugende Reaktion auf die Erosionsgefahren gedeutet werden. Natürlich ruft die Wortwahl "plebiszitär" und "Führer" nach der Erfahrung mit der nationalsozialistischen Herrschaft Berührungsängste hervor. Bei der Theoriearbeit geht es aber nicht um Worte, sondern um Argumente. Was ist der Kern der Weber'schen Lösung? Damit eine Kettenreaktion nicht zur Entfaltung kommt, muss das erste Kettenglied entschärft werden. Und das erste Glied in der Kette, die über die Technisierung des Politbetriebs, den Paternalismus, die Passivität entpolitisierter Bevölkerung zum Freiheitsverlust führt, besteht nach Weber in der falschen Institutionalisierung des Führungsbereichs. Folgerichtig setzt seine Lösung nicht an der "Demokratisierung" oder Mobilisierung der Bürger an, sondern an der Wurzel des Problems: an den Institutionen der politischen Führung, die dem Opportunismus und der Verantwortungslosigkeit der Herrschenden den Weg bereitet.

Seine Lösung konzentriert sich auf die Frage, wie die Politik erneut mit "Ideen" angereichert werden kann. Wie können politische Akteure dazu gebracht werden, inopportune Ziele eigenverantwortlich zu verfolgen? Sicher, man braucht keine besondere Motivation, um bloß materielle (und in diesem Sinne: außerpolitische) Ziele zu verfolgen. Nichts anderes bewerkstelligt der Politikmanager. Sicher ist auch, dass man keine besondere Motivation braucht, um frei verfügbare Machtmittel einzusetzen, um ideelle Ziele zu erreichen. Jeder würde die Welt gerne nach seinem Belieben umgestalten. Doch um solch ein verantwortungsfreies "Bramarbasieren mit Macht" geht es Weber nicht. Politik bedeutet für ihn persönliches Eintreten für eine Sache und persönliche Verantwortungsübernahme.[13] Hier liegt das Problem: So sehr man auch bereit wäre, verantwortungsfrei Macht zu übernehmen, so wenig ist man bereit, diese Macht aufzubauen und sie unter das Verantwortungsprinzip zu stellen. Es scheint so, dass man die drei Elemente von Motivation, Ideen und Verantwortung nicht unter einen Hut bringen kann. Materielle Ziele können also die Akteure zu politischem Handeln motivieren und obendrein über Interessendependenzen die Verantwortung erzwingen, jedoch auf Kosten der Ideen. Diese haben zwar motivationale Kraft, die sich aber der Verantwortung entzieht.

Soll man Verantwortung normativ erzwingen? Weber schlägt eine Lösung vor, die nicht mit negativen, sondern mit positiven Sanktionen arbeitet: Auf die Verantwortungsübernahme sollen Machtprämien ausgezahlt werden. Damit wird die ideelle Motivation um eine machttechnische Motivation ergänzt und die ideelle Politik unter das Verantwortungsprinzip gestellt.[14] In einem institutionellen Regime, in dem sich eine klare persönliche Verantwortungsübernahme in politisches Kapital ummünzen lässt, wird "idealistische" Politik eine Chance bekommen. Damit diese vom Wahlvolk politisch goutiert wird, müssen klare Zurechnungsmöglichkeiten geschaffen werden. In einem Proporzsystem etwa wird die Zurechnung schon institutionell verhindert. Daher setzt sich Weber für stark kompetitive, im Grenzfall plebiszitär angelegte Wahl- und Regierungssysteme ein. "Er spricht auch von einer plebiszitär-repräsentativen Regierung, die sich von einer rein repräsentativen Regierung dadurch unterscheidet, dass sie die Ausbildung eines politischen Führertums institutionell stütze. Die rein repräsentative Regierung dagegen, die parlamentarische Demokratie, tendiere zu Führerlosigkeit. Dies gelte insbesondere dann, wenn die Repräsentation auf einem Mehr-Parteien-System mit Verhältniswahlrecht beruhe. Es ist nicht schwer, in den USA des Barack Obama und in der Bundesrepublik Deutschland der Angela Merkel heute Annäherungen an den einen bzw. den anderen Idealtyp zu sehen."[15]

Ein kompetitives Wahlsystem hat den Vorteil, dass es einen "charismatischen" Persönlichkeitstypus fördert. Doch muss man dabei stets beachten, dass Weber nicht persönlichkeitstheoretisch argumentiert; es sind für ihn nicht Personen, die erwünschte Institutionen schaffen, sondern Institutionen, die erwünschte Persönlichkeitstypen in gegebene Positionen bringen. In diesen Zusammenhang gehört die berühmte Trias von Persönlichkeitsmerkmalen ("Leidenschaft - Verantwortungsgefühl - Augenmaß"), die mit den demokratischen Führungsinstitutionen kompatibel sind.[16]

Die strukturelle Komponente der Weber'schen Lösung besteht in der Einsicht, dass Strukturen, welche Schließungstendenzen des Herrschaftsverbandes begünstigen, mit Hilfe von Gegenstrukturen aufgebrochen werden müssen. Gegen die Macht der organisierten (Wirtschafts-)Interessen kann eine schwache parlamentarische Regierung nicht angehen. Eine Gegenmacht muss aufgebaut werden, und diese sieht Weber in der von Massen getragenen, von Millionen Stimmzetteln legitimierten präsidialen Führungsspitze.[17] Es wäre ein grobes Missverständnis der Weber'schen Konzeption, wollte man die Stärkung der Führung mit einer Autokratisierung der Herrschaftsbeziehungen gleichsetzen. Kompetitive Führung steht nicht für Schließung, sondern gerade umgekehrt für die Öffnung der bürokratisch, oligarchisch oder plutokratisch geschlossenen Herrschaftsbeziehung.

Ebenso dezidiert, wie Weber für die Stärkung der politischen Führung eintritt, so klar sieht er auch die Notwendigkeit der Regulation von außen. Eine demokratisch (oder plebiszitär) gewählte Führung ohne ein Parlament und ohne rational-bürokratische Parteien bedeutet eine Emotionalisierung und Unstetigkeit der Politik, denn "die Masse als solche (...) denkt nur bis Übermorgen".[18] Letztlich kann plebiszitäre Führung nicht ohne rational-bürokratische Parteien funktionieren. Die konstitutive Aufgabe der Parteien ergibt sich aus der massendemokratisch bedingten Notwendigkeit, "flächendeckende" politische Willensbildung, Propaganda und Wahlagitation zu betreiben. Ihr regulativer Einfluss auf die Führung hat vor allem damit zu tun, dass sie "festorganisierte Interessengruppen" darstellen, die den Spielraum der Exekutive einschränken.

Natürlich birgt die Weber'sche Strategie trotz aller regulativen Sicherungen auch Gefahren. Die gravierendste besteht in der Domestizierung der bürokratischen Maschine durch den charismatischen Führer. Dass diese Gefahr vor allem bei der Schwäche der anderen regulativen Kräfte, allen voran der politischen Parteien, entsteht, hätte Weber angesichts der von ihm klar diagnostizierten politischen Situation nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs stärker sensibilisieren müssen. Offensichtlich war für ihn die negative Erfahrung der kontrollfreien Beamtenherrschaft derart dominant, dass er die Möglichkeit einer nachhaltigen Umstellung der Kräfteverhältnisse unterschätzt hat. Er hat für die Nachkriegszeit lediglich "syndikalistische Putschversuche" und ein "mächtiges Anschwellen der politischen Stimmung" kommen sehen, nicht aber eine tiefgreifende Umgestaltung der Herrschaft in Richtung des charismatischen Prinzips.[19]

Würdigung

Weber definiert das Führungsproblem als Problem der Führungsschwäche. Dies mag heute eher kontraintuitiv erscheinen. Negativ fallen im politikwissenschaftlichen Diskurs eher Hypertrophie als Unterentwicklung der Machtorgane, eher Machtexzesse als Minimierung der Herrschaft, eher Einschränkung und Aushöhlung der Menschen- und Bürgerrechte als deren Wildwuchs auf. Braucht die Welt heute mehr Führung, oder vielleicht doch mehr good governance? Lag Weber mit seiner Einschätzung der Gefahren massendemokratischer Herrschaft falsch?

Bei der Beantwortung dieser Frage muss man beachten, dass Weber den Führungsbegriff sehr eng fasste. Er bedeutet lediglich die Bereitschaft, für eine überpersönliche Sache zu kämpfen und dafür Verantwortung zu übernehmen. Machtexzesse der sich mit links- oder rechtsorientierten Ideologien schmückenden Staatsapparate bedeuten in dieser Perspektive keine Hypertrophie der Führung, sondern eine der kontrollfreien Bürokratien. Sie verweisen des Weiteren auf eine oligarchische Schließung der Herrschaftsbeziehung durch Interessengruppen, die ihre Besitzbestände blind verteidigen. In diesem Kontext behält die Weber'sche Therapie, die auf das Aufbrechen der ideell und materiell verkrusteten sozialen Ungleichheitsbeziehungen zielt, durchaus Aktualität.

Letztlich geht es beim Umgang mit Weber weder nur darum, über die Triftigkeit einzelner von ihm vorgeschlagener Maßnahmen zu debattieren, noch darum, die bleibende "Aktualität" seines Werkes zu beschwören, sondern um die Anerkennung und Nutzbarmachung jener Qualitäten seiner Theorie, die ihn vor dem Hintergrund der zeitgenössischen politikwissenschaftlichen Ansätze sehr vorteilhaft erscheinen lassen und die in der handlungs-, ordnungs- und kulturtheoretischen Fundierung der Demokratietheorie bestehen. Diese ist in eine Theorie der okzidentalen Moderne eingebettet und zeichnet somit mögliche Konsequenzen der Herrschaft in einer Welt, "die ökonomisch voll und intellektuell satt zu werden beginnt".[20] Es geht in Max Webers Werk sowohl um die Kräfte, welche die "moderne Freiheit" im Geflecht ökonomischer Interessen der "intellektuell satten" Welt ersticken, als auch um solche, welche die immer deutlicher und unentrinnbar werdende Schließungslogik überraschenderweise durchkreuzen.
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Fußnoten

1.
Vgl. Ludger Helms, Regierungsorganisation und politische Führung in Deutschland, Wiesbaden 2005, S. 29ff.
2.
Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 1988, S. 507.
3.
Vgl. Thomas Schwinn, Der Nutzen der Akteure und die Werte der Systeme, in: Rainer Greshoff/Uwe Schimank (Hrsg.), Integrative Sozialtheorie? Esser - Luhmann - Weber, Wiesbaden 2006, S. 39 - 62, hier: S. 47.
4.
"Es ist höchst lächerlich, dem heutigen Hochkapitalismus (...) Wahlverwandtschaft mit Demokratie oder gar mit Freiheit (in irgend einem Wortsinn) zuzuschreiben, während doch die Frage nur lauten kann: wie sind, unter seiner Herrschaft, alle diese Dinge überhaupt auf die Dauer möglich? Sie sind es tatsächlich nur da, wo dauernd ein entschlossener Wille einer Nation, sich nicht wie eine Schafherde regieren zu lassen, dahinter steht." Max Weber, Gesammelte politische Schriften, Tübingen 1988, S. 63f.
5.
Vgl. Hans Henrik Bruun, Science, Values and Politics in Max Weber's Methodology, Aldershot 2007, S. 243ff.
6.
Vgl. Peter D. Breiner, Max Weber & Democratic Politics, Ithaca 1996.
7.
M. Weber (Anm. 4), S. 396.
8.
Vgl. Stefan Breuer, Bürokratie und Charisma. Zur politischen Soziologie Max Webers, Darmstadt 1994, S. 1; Peter Wagner, Sozialwissenschaften und Staat. Frankreich, Italien, Deutschland 1870 - 1980, Frankfurt/M. 1990, S. 169.
9.
Vgl. Andrea Maurer, Herrschaft und soziale Ordnung, Opladen 1999; Wolfgang Schluchter, Rationalismus der Weltbeherrschung: Studien zu Max Weber, Frankfurt/M. 1980.
10.
Vgl. M. Weber (Anm. 4), S. 422, S. 547; David Beetham, Max Weber and the Theory of Modern Politics, London 1974, S. 76; H. H. Bruun (Anm. 5), S. 264.
11.
Wolfgang J. Mommsen, Max Weber: Gesellschaft, Politik und Geschichte, Frankfurt/M. 1974, S. 49.
12.
M. Weber (Anm. 4), S. 64, S. 560.
13.
M. Weber (Anm. 4), S. 422, S. 547; W. J. Mommsen (Anm. 11), S. 48.
14.
Vgl. Mateusz Stachura, Rationale Demokratie, in: Zeitschrift für Politik, 53 (2006) 4, S. 393 - 410.
15.
Wolfgang Schluchter, Was heißt politische Führung?, in: ders., Die Entzauberung der Welt. Sechs Studien zu Max Weber, Tübingen 2009, S. 104.
16.
Vgl. M. Weber (Anm. 4), S. 545.
17.
Vgl. ebd., S. 394, S. 470, S. 544.
18.
Ebd., S. 404.
19.
Ebd., S. 405. Vgl. M. Rainer Lepsius, Das Modell der charismatischen Herrschaft und seine Anwendung auf den "Führerstaat" Adolf Hitlers, in: ders., Demokratie in Deutschland, Göttingen 1999, S. 85-118.
20.
W. Schluchter (Anm. 9), S. 102; M. Weber (Anm. 4), S. 65.

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