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22.12.2009 | Von:
Kristof Steyvers

Kommunalpolitische Führung im europäischen Vergleich

Bei der kommunalpolitischen Führung in Europa wird ein Trend in Richtung eines starken Bürgermeisters als unternehmerischer Visionär festgestellt. In vielen europäischen Verfassungen überwiegt dagegen Kollektivismus.

Einleitung

Für viele europäische Länder bedeuteten die vergangenen Jahrzehnte eine Zeit tief greifender Veränderungen in der Kommunalpolitik.[1] Eines der Gebiete, auf denen sich im Sinne von Diskurs, Reform und Veränderung sehr viel getan hat, ist die kommunalpolitische Führung. Sie gilt als Bereich, in dem Anpassungen in besonderem Maße geboten sind, um den sich ständig verändernden Anforderungen an Städte und Gemeinden gerecht zu werden.






Es lassen sich eine Reihe grundlegender Faktoren definieren, die den Begriff Führung charakterisieren. Zuallererst bezieht sich Führung auf eine spezifische Art der Beziehung. Sie wird von einer begrenzten Zahl von Individuen gegenüber einer Mehrheit ausgeübt; Führung ist insofern asymmetrisch, als sie die Macht impliziert, andere dahingehend zu leiten, dass bestimmte Dinge geschehen. Zweitens wandelt sich bei politischer Führung Macht zumeist in Einfluss, da Führer und Anhänger gemeinsame oder zumindest kompatible Ziele haben; Führung produziert also eine einheitliche Richtung und Kontrollabsicht. Auf die politische Ebene übertragen bedeutet das, dass Führung ein Maß an Kontrolle über die Werteverteilung in der Gesellschaft oder, im Speziellen, auf das Ergebnis öffentlicher politischer Entscheidungen ausübt.[2]

Die Entwicklung des modernen Staates brachte eine Institutionalisierung politischer Führung mit sich, die oft in der Exekutive beheimatet ist. Als solche und zusammen mit Laien und der Verwaltung ist sie einer der Hauptakteure jeder Art von Kommunalverwaltung, unabhängig von Ort oder Zeit. Es sind ihr spezifischer Aufbau und die Wechselbeziehungen zwischen den Akteuren, die für das innerstaatliche System charakteristisch sind.[3] In diesen Wechselbeziehungen liegen viele Reformbestrebungen bezüglich kommunalpolitischer Führungsstrukturen begründet.

Wie weiter unten aus vergleichender Perspektive behandelt wird, haben zahlreiche Länder in Europa eine Stärkung ihrer kommunalen Exekutive vorgenommen (oft zum Nachteil der entsprechenden Gegenüber in der Legislative). Der Trend geht in eine Richtung, die als Modell "Starker Bürgermeister" bezeichnet wird. Die politikwissenschaftliche Literatur versucht seit einiger Zeit zu ergründen, wie es zu dieser institutionellen Entwicklung gekommen ist.[4] Dabei sollten zwei zusätzliche Faktoren nicht vergessen werden. Erstens zielt Führung immer darauf ab, dass Schlüsselrollen oder Aufgaben übernommen werden. Wenn Bedürfnisse und Forderungen außerhalb von Routineprozessen zutage treten, liefern Führungskräfte eine Diagnose, geben eine Handlungslinie vor und mobilisieren die beteiligten Netzwerke.[5] Zweitens ist Führung immer situationsbezogen: Das Ausmaß, in dem eine Führungskraft die öffentliche Entscheidungsfindung beeinflussen kann, hängt von der Interaktion mit ihrer Umgebung ab. Menschen in Führungspositionen sind weder uneingeschränkt großartig noch bloße Marionetten ihres Umfeldes, sondern Akteure innerhalb gesellschaftlicher Strukturen.[6]

Übersetzung aus dem Englischen: Doris Tempfer-Naar, Wien/Österreich.

Fußnoten

1.
Vgl. Bas Denters/Larry Rose, Towards Local Governance?, in: dies. (eds.), Comparing Local Governance, London 2005, S. 246 - 262.
2.
Vgl. Kristof Steyvers/Thomas Bergström/Henry Bäck/Marcel Boogers/José Ruano De La Fuente/Linze Schaap, From Princeps to President? Comparing Local Political Leadership Transformation, in: Local Government Studies, 34 (2008) 2, S. 131 - 146.
3.
Vgl. Poul-Erik Mouritzen/James Svara, Leadership at the Apex. Politicians and Administrators in Western Local Governments, Pittsburgh 2002.
4.
Vgl. Rikke Berg/Nirmala Rao (eds.), Transforming Local Political Leadership, Houndmills 2005.
5.
Vgl. Steve Leach/David Wilson, Local Political Leadership, Bristol 2000.
6.
Vgl. Robert Elgie, Political Leadership in Liberal Democracies, Houndmills 1995.

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