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22.12.2009 | Von:
Jan C. Behrends

Politische Führung in der Diktatur

Diktatur als Begriff und moderne Regierungsform

Der Begriff Diktatur geht auf das außerordentliche Amt des Diktators in der Römischen Republik zurück, eines politischen Führers, der im Krieg oder während innerer Unruhen für begrenzte Zeit mit weitgehenden Machtbefugnissen ausgestattet wurde. Wer bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts von "Diktatur" sprach, hatte vor allem diese Institution des römischen Verfassungsrechts vor Augen. Illegitime Herrscher wurden dagegen als Tyrannen oder Despoten gebrandmarkt.

Der Sturz der legitimen Monarchien Europas nach 1789 schuf die Voraussetzung für die Rückkehr des antiken Begriffs in die politische Sprache.[2] Schließlich entwickelte Karl Marx den Begriff der Diktatur weiter; er sah nicht mehr in einem einzelnen Diktator, sondern in der sozialen Gruppe des "Proletariats" den Träger einer autoritären Herrschaft, die insofern begrenzt sein sollte, als ihr Ziel das "Absterben" des Staates an sich in der kommunistischen Gesellschaft war. Seine gegenwärtige Bedeutung erhielt der Begriff Diktatur im Ergebnis der russischen Revolution. In Lenins Schrift "Staat und Revolution" stellte der russische Revolutionsführer eine Verbindung her zwischen dem Klassenkampf und der Errichtung einer auf Gewalt gestützten Herrschaft des Proletariats: "Die Lehre vom Klassenkampf, von Marx auf die Frage des Staates und der sozialistischen Revolution angewandt, führt notwendig zur Anerkennung der politischen Herrschaft des Proletariats, seiner Diktatur, d.h. einer mit niemand geteilten und sich unmittelbar auf die bewaffnete Gewalt der Massen stützenden Macht."[3] Wie Marx sah auch Lenin die "Volksmassen" als Souverän, dem allein die legitime Macht in dieser neuen Form von Staatlichkeit zustand.

Nur wenige Jahre nach Lenin hat der Staatsrechtler Carl Schmitt versucht, den Begriff der Diktatur dadurch zu schärfen, dass er die Unterscheidung zwischen "kommissarischer" und "souveräner" Diktatur einführte.[4] Während die "kommissarische Diktatur" auf die Bewahrung der bestehenden Staatsordnung durch zeitweilige Aufhebung der Verfassung ziele, will die "souveräne Diktatur" eine neue gesellschaftliche Ordnung etablieren. Im Unterschied zur marxistischen Tradition, die Diktatur als Herrschaft der entrechteten Massen begriff, und abweichend von der Analyse Schmitts, der Diktatur als Scharnier zur neuen Ordnung sah, waren die Diktaturen des 20. Jahrhunderts von langer Dauer, innerer Stabilität und lebenslanger Führerschaft einzelner Personen geprägt. "Kommissarische Diktaturen", das heißt befristete Ausnahmezustände zum Schutz oder der Wiederherstellung der politischen Ordnung, waren die Ausnahme.

Aus den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts bildete sich eine Verwendung des Begriffs der Diktatur, der jegliche Form unumschränkter Machtentfaltung bezeichnet, die sich in Gegensatz zum liberalen Verfassungsstaat westlicher Prägung befindet. Um die Form der Diktatur zu charakterisieren, ist die historische Forschung dazu übergegangen, von "kommunistischer", "faschistischer" oder "nationalsozialistischer Diktatur" ebenso zu sprechen wie von "moderner Diktatur" oder auch von "Wohlfahrtsdiktatur". Bei diesen Bezeichnungen handelt es sich um Interpretationsangebote, die einen spezifischen Akzent - Ideologie, Wirtschaft, Sozialpolitik - diktatorischer Herrschaft betonen.

Für die Frage nach politischer Führung in der Diktatur ist es zielführender, sich auf Max Weber zu beziehen, der charismatische Führerschaft als "außeralltäglich (...) geltende Qualität einer Persönlichkeit" bezeichnete, "um derentwillen sie als mit nicht jedem andern zugänglichen Kräften oder Eigenschaften oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als Führer gewertet wird".[5] Weber wies darauf hin, dass nicht die Eigenschaften des Charismaträgers, sondern die soziale Beziehung zwischen Führern und Geführten entscheidend sei. Der unbedingte Gehorsam bedingt zudem die Gewaltstruktur charismatischer Herrschaft, die eines rechtlichen Fundamentes nicht bedarf. Bedroht wird dieses Führercharisma nach Weber durch Veralltäglichung, Entzauberung, Bürokratisierung und fehlenden Erfolg.

In der Geschichte des 20. Jahrhunderts lassen sich sowohl Anhaltspunkte für eine Interpretation von Diktatur als permanentem Ausnahmezustand wie auch als Form charismatischer Herrschaft finden. Zentral ist in beiden Fällen, dass einzelne Personen politische Macht in beispielloser Weise auf sich vereinigen konnten. Erst diese Machtfülle erlaubte ihnen, die Verbrechen zu befehlen, von denen das vergangene Jahrhundert geprägt wurde.[6]

Fußnoten

2.
Vgl. Ernst Nolte, Diktatur, in: Otto Brunner u.a. (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. 1, Stuttgart 1972, S. 900 - 924.
3.
W. I. Lenin, Staat und Revolution, in: ders., Ausgewählte Werke, Moskau 1987, S. 275.
4.
Vgl. Carl Schmitt, Die Diktatur. Von den Anfängen des modernen Souveränitätsgedankens bis zum proletarischen Klassenkampf [1921], Berlin 20067.
5.
M. Weber (Anm. 1), S. 140 - 148; S. 654 - 681, hier: S. 140.
6.
Für eine vergleichende Perspektive und exzellente Bibliografie siehe Michael Geyer/Sheila Fitzpatrick (eds.), Beyond Totalitarianism. Stalinism and Nazism Compared, Cambridge 2009.

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