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22.12.2009 | Von:
Jan C. Behrends

Politische Führung in der Diktatur

Politische Führung und Radikalisierung

In den Jahren nach Lenins Tod setzte sich Stalin im innerparteilichen Machtkampf als Nachfolger durch. Dabei nutzte er wechselnde Allianzen, um sämtliche Mitstreiter Lenins auszuschalten.[14] Stalin gelang es, politische Gegner zu stigmatisieren, in dem er sie als Verräter an der Einheit der Partei bezeichnete. Als "Opposition" oder linke und rechte "Abweichler" bezeichneten der Generalsekretär und seine Kamarilla diejenigen, die gegen die von ihnen bestimmte "Linie" der Partei verstießen. Mit Stalin siegte auch seine Vorstellung von der Fortsetzung der Revolution. Er setzte auf den "Sozialismus in einem Land" als Programm autoritärer Modernisierung und Staatsbildung. Dabei verabschiedete er sich von der marxistischen Vorstellung, wonach der Staat beim Aufbau der sozialistischen Gesellschaft absterbe. Im Gegenteil: Stalins Anliegen war der Ausbau der Staatsmacht und die Stärkung der Staatspartei.

Die institutionelle Ordnung, die sich in den 1920er Jahren herausgebildet hatte, tastete Stalin zunächst nicht an. Als Generalsekretär stand er offiziell dem Zentralkomitee der bolschewistischen Partei vor, der höchsten Instanz zwischen Parteitagen. Unter Lenin lag das Zentrum der Macht noch bei der Regierung, dem "Rat der Volkskommissare". Doch alsbald entwickelte sich das Politische Büro ("Politbüro") zum Schattenkabinett mit Stalin als grauer Eminenz. Neben der Partei und stets auf Distanz zum übrigen Staatsapparat entwickelte sich die Geheimpolizei außerdem zum zentralen Machtinstrument. Das Politbüro traf 1928/29 die weitreichenden Entscheidungen zur gesellschaftlichen Umgestaltung in Stalins "Revolution von oben". Stalins persönlicher Einfluss wurde in der Versetzung, Abberufung oder Beförderung loyaler Funktionäre deutlich. Zugleich förderte er die Karriere ergebener Mitstreiter wie Wjatscheslaw Molotow, Lasar Kaganowitsch oder Anastas Mikojan, deren Namen für eine Generation das politische Leben in der UdSSR prägen sollten. Selbst hielt sich der Generalsekretär, der ein moderates und bescheidenes Image pflegte, gern im Hintergrund. Zugleich versuchte Stalin, die Macht in wenigen Händen zu konzentrieren. So schlug er 1930 Molotow als Regierungschef vor, um die "Partei- und Staatsführung zu vereinen" und die Stärke der Macht "zu verdoppeln".[15] Zeitgleich begann in der Öffentlichkeit mit seinem 50. Geburtstag 1929 die Verehrung als vozd' - Führer.

Stalins Stärke bestand im Ausbau informeller Netzwerke.[16] Anfang der 1930er Jahre hatte er es geschafft, enge Mitstreiter in allen Führungsgremien zu platzieren. Die hieß jedoch nicht, dass er zu diesem Zeitpunkt keine Zugeständnisse mehr machen musste. Im Zuge der ökonomisch-sozialen Katastrophe, die sich während der Zwangskollektivierung und Industrialisierung entspann, spielte Stalin häufig die Rolle eines Vermittlers in zahllosen Konflikten, die sich um die Verteilung von Ressourcen drehten. Dass das Regime Aufstände und Hungersnot überstand, trug dazu bei, dass die Parteiarbeiter Stalin Charisma zuschrieben. Im Angesicht der Katastrophe bewährte er sich durch die Verteidigung der Macht. Die Ermordung des Leningrader Parteisekretärs Sergei M. Kirow im Dezember 1934 führte in eine Spirale der Gewalt, die im großen Terror der Jahre 1937/38 endete.

Die ältere Forschung hat die Konflikte Mitte der 1930er Jahre - analog zum Machtkampf nach Lenins Tod - als Auseinandersetzung zwischen moderaten und radikalen Elementen in der sowjetischen Führung gedeutet. Dabei wurde Stalin die Rolle eines Vermittlers zwischen den beiden Lagern zugeschrieben. Die partielle Öffnung der Archive hat diese Deutung jedoch widerlegt. Es ist nun unbestritten, dass Stalin kein Getriebener, sondern der Motor des Terrors war. Nachdem er in den Jahren zuvor im Umgang mit Widersachern stets laviert hatte - auf Disziplinarstrafen folgten neue Posten, auf Parteiausschluss die Wiederaufnahme -, setzte er nun zur Abrechnung an. Durch diese Radikalisierung verschoben sich die politischen Gewichte erneut. Jede einzelne Frage wurde nun Stalin zur Entscheidung vorgelegt.[17]

Es fiel das Tabu, Mitglieder des eigenen Führungszirkels zu töten. Die Bevölkerung wurde gezwungen, der Vernichtung der Opposition in den Schauprozessen 1936/37 zuzustimmen. Diese Prozesse waren Bühne für Unterwerfungsrituale gegenüber einem Diktator, der totale Macht erreicht hatte, und Ausdruck eines Weltverständnisses, das überall feindliche Agenten und Spione am Werk sah. Im Führungszirkel wurde die Verhaftung enger Verwandter oder Ehepartner zur Loyalitätsprobe. Wer an der Spitze bleiben wollte, musste zeigen, dass die Loyalität zu Stalin für ihn mehr bedeutete als das Schicksal seiner Familie. Die sozialen Beziehungen in der sowjetischen Führung blieben bis zu Stalins Tod von Angst und Misstrauen geprägt. Die "Stalin-Verfassung" des Jahres 1936 verschleierte das reale Machtgefüge. Sie war ein Versuch, der Herrschaft Stalins den Anschein von Legalität und Rationalität zu verleihen. Zugleich dominierte der Führerkult um Stalin die Bildende Kunst, Literatur und auch den Film. Das Regime setzte auf das paternalistische Bild des "Vaters der Völker", das zunehmend vom Alltag abgekoppelt war. Die Persona Stalins wurde zum Symbol für Staat und Herrschaft in der UdSSR.

In Deutschland begann Mitte der 1930er Jahre der von den Nationalsozialisten postulierte "Führerstaat" Gestalt anzunehmen. Der "Führerabsolutismus", wie Ian Kershaw Hitlers personalisierte Herrschaftsform genannt hat, bedeutete, dass Institutionen an Bedeutung verloren und durch ein Geflecht konkurrierender Ämter, Stäbe und persönlicher Beziehungen überlagert wurden. Dies zeigte sich an den immer seltener werdenden Sitzungen des Kabinetts und des Reichstags und der Bedeutung, die nun dem persönlichen Kontakt zu Hitler zukam. Kershaw hat anhand einer Rede des preußischen Staatssekretärs Werner Willikens gezeigt, auf welchem Fundament Hitlers Herrschaft stand. Willikens führte 1934 im Kreise von Regierungsvertretern aus: "Jeder, der Gelegenheit hat, das zu beobachten, weiß, dass der Führer sehr schwer von oben her alles befehlen kann (...). Im Gegenteil, bis jetzt hat jeder an seinem Platz im neuen Deutschland dann am besten gearbeitet, wenn er sozusagen dem Führer entgegenarbeitet. (...) Wer aber dem Führer in seiner Linie und seinem Ziel richtig entgegenarbeitet, der wird bestimmt wie bisher so auch in Zukunft den schönsten Lohn darin haben, daß er eines Tages plötzlich die legale Bestätigung seiner Arbeit bekommt."[18] Willikens beschrieb die politische Dynamik, die durch die Zerschlagung der verfassungsmäßigen Grundlagen und rechtlichen Verfahren entstehen konnte. So sollten Akteure auf allen Ebenen den "Führerwillen" antizipieren und mit ihren Initiativen die beständige Radikalisierung des Regimes gleichsam "von unten" vorantreiben.

Das Feld, auf dem Hitler sich profilierte, war die Außenpolitik. Durch den Austritt aus dem Völkerbund, die Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935 und den Einmarsch ins Rheinland im folgenden Jahr erreichte seine Popularität neue Höhen. Hier trafen seine Aktionen auf einen Konsens in der deutschen Gesellschaft, der weit über die überzeugten Nationalsozialisten hinausreichte.[19] Weit weniger populär war die Gewalt gegen die jüdischstämmige Bevölkerung. Sie ist jedoch ein Beispiel für den innenpolitischen Radikalisierungsprozess, der durch Druck aus der "Bewegung" am Laufen gehalten wurde. Auf Straßengewalt an der Basis folgte Zustimmung der politischen Führung und schließlich die pseudolegale Festschreibung der Diskriminierung durch Verordnungen und Gesetze. So war die NS-Herrschaft ein System, das zwar von großer Machtfülle an der Spitze gekennzeichnet war, das jedoch auf Druck seiner radikalen Basis reagierte. Es entwickelte sich eine wechselseitige Beziehung zwischen dem "Führer" und seiner Gefolgschaft: Während die Aktivisten "dem Führer entgegenarbeiteten", versuchte die politische Führung, den Elan der Basis zu kanalisieren. Hitler selbst forderte das Engagement der Bevölkerung, ihre Teilhabe an der Führung: "Man kann (...) diese Krise der heutigen Zeit beheben, durch einen wirklichen Führungs- und damit Führerstaat. Dabei ist ganz klar, dass der Sinn einer solchen Führung darin liegt, zu versuchen (...) immer aus dem Volk heraus, die Menschen zu gewinnen, die für eine solche Führung geeignet sind. (...) Das ist die schönste Art der Demokratie, die es gibt..."[20]

Die Diktaturen Hitlers und Stalins erlangten einen Teil ihrer Attraktivität dadurch, dass sie jungen Männern sozialen Aufstieg ermöglichten. Durch "Säuberungen", Expansion des Parteistaates und Krieg wurden beständig neue Kanäle in den Apparat frei. Ohne diese Möglichkeiten zur Teilhabe an der politischen Führung, die in geringerem Umfang auch Frauen offenstanden, ist die Stabilität der Diktaturen nicht zu erklären.

Im Zweiten Weltkrieg blieben die Machtpositionen Stalins und Hitlers unangetastet. Beide verknüpften als Oberste Befehlshaber ihre charismatische Ausstrahlung und letztlich ihr politisches Schicksal mit dem Ausgang des militärischen Konflikts. Die neuere Forschung betont, dass es der Sowjetunion besser gelang, ihre Kriegswirtschaft zu organisieren, während das "Dritte Reich" keine rationale Ordnung etablierte.[21] Gerade im Krieg wogen persönliche Bindungen schwerer als institutionelle Ordnungen. So trug das nationalsozialistische Imperium in Osteuropa, das von Männern wie Hans Frank oder Erich Koch brutal regiert wurde, neofeudale Züge. Ihre Gewaltherrschaft bedurfte keiner anderen Legitimation als der Loyalität zum "Führer". Auch die Entfesselung des Terrors im Zweiten Weltkrieg, der Völkermord an den europäischen Juden und die ethnischen "Säuberungen" gingen auf Initiativen der politischen Führung zurück.[22] Wie andere Verbrechen blieben sie jedoch undurchführbar ohne die Mittäterschaft großer Bevölkerungsgruppen - von den akademischen Eliten als Vordenkern, den Verwaltungen bis hinunter zu den mordenden Schergen. Die Legitimität der Diktaturen des 20. Jahrhunderts fußte auf dem Charisma, das ihren Führern zugeschrieben wurde, und in ihrer verbrecherischen Funktionalität stützten sie sich auf parteistaatliche Apparate, die absolut loyal zur Führung standen.

Fußnoten

14.
Vgl. J. Baberowski (Anm. 7), S. 77 - 93.
15.
Stalin an Molotow, 22.9. 1930, in: Lars T. Lih u.a. (ed.), Stalin's Letters to Molotov, New Haven 1995, S. 217f.
16.
Vgl. Oleg V. Khlevniuk, Master of the House. Stalin and his Inner Circle, New Haven 2009.
17.
Vgl. R. W. Davis u.a. (ed.), The Stalin-Kaganovich Correspondence. 1931 - 36, New Haven 2003.
18.
Zit. nach I. Kershaw (Anm. 9), S. 665.
19.
Vgl. Ian Kershaw, Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung, Stuttgart 1999, S. 151 - 171.
20.
Rede Adolf Hitlers vom 29.4. 1937, zit. nach: Norbert Frei, Der Führerstaat, München 2007, S. 236 - 241, hier: S. 238f.
21.
Vgl. Yoram Gorlizki/Hans Mommsen, The Political Disorders of Stalinism and National Socialism, in: M. Geyer/S. Fitzpatrick (Anm. 6), S. 41 - 86.
22.
Vgl. Jörg Baberowski/Anselm Doering-Manteuffel, Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und im stalinistischen Imperium, Bonn 2006.

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