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22.12.2009 | Von:
Jan C. Behrends

Politische Führung in der Diktatur

Ausblick und Zusammenfassung

Nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg dauerte die persönliche Diktatur Stalins in der UdSSR an. Die Gremien des Parteistaates verloren weiter an Bedeutung; die Herrschaft im sowjetischen Nachkriegsimperium fußte mehr denn je auf persönlichen Beziehungen und Patronage.[23] Der Kult um Stalin als "Befreier" und Sieger bildete den emotionalen Kitt des Regimes, der bis heute in der politischen Kultur Russlands nachwirkt. Hinter einer (volks-)demokratischen Fassade entstanden in Osteuropa Parteistaaten sowjetischen Typs, die sich am sowjetischen Vorbild orientierten.

Da er die Autonomie der Satellitenstaaten erhöhte, bildete der Tod Stalins 1953 einen gewissen Einschnitt. Im eigentlichen Sinne souverän wurden die "Volksdemokratien" jedoch bis 1989 nicht. Auch wenn sie - mit Ausnahme Rumäniens unter Nicolae Ceau?escu - keine persönlichen Diktaturen wie die Stalin'sche Sowjetunion darstellten, waren auch sie von autoritären Generalsekretären geprägt, die wie Walter Ulbricht, W?adys?aw Gomu?ka oder Janos Kádár über Jahrzehnte regierten und erhebliche Machtfülle besaßen. Dennoch bildeten die Staatspartei, die Regierung und ökonomische Interessengruppen ein zunehmendes Gegengewicht zu ihrem Einfluss. Eine Rückkehr zu den Verhältnissen der 1930er und 1940er Jahre war nicht möglich.

Die moderne Diktatur war eine Reaktion auf die europäische Krise zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie war nicht der temporäre, sondern der permanente Ausnahmezustand. Den Parteiführern gelang es, beispiellose Machtfülle anzuhäufen. Dabei waren, wie die neuere Forschung gezeigt hat, informelle Beziehungen wichtiger als (partei-)staatliche Institutionen. Die Institutionenordnung der modernen Diktatur blieb primär Fassade; personale Macht, Patronage, Stäbe und lokale Netzwerke waren weitaus wichtiger. Zentrale Fragen, etwa das Verhältnis zwischen Partei und Staat, blieben letztlich ungeklärt.

Dabei unterschied sich die Begründung politischer Führerschaft beträchtlich. Während Hitler sich von Beginn seiner Karriere an zum "Führer" stilisierte, verleugneten Lenin und Stalin - trotz des Führerkultes um sie - diese Rolle und betonten ihren Dienst an der Partei. Mit seiner Stilisierung zum "Führerstaat" stand der Nationalsozialismus allein. Jenseits dieser phänomenologischen Differenzen hat die Forschung deutlich gemacht, dass politische Führung in der Diktatur von Personen abhängig war. Sie gründete sich auf persönliche Netzwerke im Innern der Macht und dem Versuch, eine charismatische Beziehung, eine "emotionale Vergemeinschaftung" (Max Weber) zwischen Herrscher und Beherrschten zu inszenieren und herzustellen.

Fußnoten

23.
Vgl. Yoram Gorlizki/Oleg Khlevniuk, Cold Peace. Stalin and the Soviet Ruling Circle, 1945 - 1953, Oxford 2004.

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