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7.9.2011 | Von:
Jutta Allmendinger

Geschlecht als wichtige Kategorie der Sozialstrukturanalyse - Essay

Das Problem stellt sich nicht

"Schauen Sie sich nur die langfristigen Trends an, den enormen Zuwachs der Erwerbstätigkeit von Frauen. Ihre massiven Bildungs- und Ausbildungsgewinne, die dazu führen, dass Frauen heute wesentlich besser als Männer gebildet sind. Schauen Sie sich die Veränderung des Arbeitsmarktes an, den Zuwachs an Dienstleistungsberufen und deren weitere Expansion im Zuge einer immer älter werdenden Gesellschaft. Es sind die Männerjobs, die wegbrechen, ausgelagert werden in andere Länder oder weg rationalisiert durch eine immer noch anhaltende Technisierung. Und es sind die typischen Frauenberufe, die weiterhin goldene Jahrzehnte vor sich haben. Selbst wenn das Geschlecht noch einen Unterschied macht, warum sollte man sich mit diesen Unterschieden beschäftigen? Angesichts des rapiden Wandels ist es nur eine Frage von (kurzer) Zeit bis Frauen gleichgezogen, ja Männer überholt haben. Wenn das Geschlecht dann überhaupt eine wesentliche Kategorie sein sollte, so doch höchstens im Sinne einer Benachteiligung von Männern." So lässt sich eine zweite Hauptrichtung in der Debatte zusammenfassen.

Auf den ersten Blick ist diese Argumentation verführerisch. Die Bildungsgewinne, die Entwicklung des Arbeitsmarktes - diese Feststellungen sind nachvollziehbar. Dicke Fragezeichen aber sind zu setzen, wenn es um die Stellung von Frauen, insbesondere von Müttern geht. Das Arbeitsvolumen von Frauen unterscheidet sich heute wenig von dem Arbeitsvolumen vor 40 Jahren. Sicher, heute sind mehr Frauen als damals erwerbstätig, allerdings häufiger in Teilzeit. Top-Positionen bleiben Frauen nach wie vor verschlossen. In den Vorständen der großen DAX-Unternehmen sitzen kaum Frauen, im Laufe von vier Jahrzehnten hat sich auch hier sehr wenig getan.[9] Die Selbstverpflichtung der deutschen Wirtschaft blieb weitgehend folgenlos. Unverändert ist auch die niedrige Bezahlung in typischen Frauenberufen, etwa bei der Altenpflege und der Kindererziehung.

Warum sollten sich diese Sachverhalte zügig verbessern? Welche Prozessannahmen liegen hier zugrunde? Gehen wir von einer linearen Entwicklung aus, braucht es noch viele Jahrzehnte, bis Frauen und Männer in Top-Führungspositionen gleichgezogen haben, bis Frauen und Männer sich Erwerbs- und Erziehungsarbeit gerecht teilen. Das Geschlecht bleibt also relevant. Das heißt natürlich nicht, dass es keine anderen wichtigen Kategorien der Sozialstrukturanalyse gibt. Natürlich Bildung. Natürlich das Herkunftsland und der familiäre Hintergrund. Zunehmend wohl auch die regionale Herkunft innerhalb Deutschlands. Diese Dimensionen können aber mitnichten einfach gegeneinander aufgerechnet werden: Die Relevanz einer Dimension untergräbt nicht die Wichtigkeit anderer Dimensionen. Viele Aspekte hängen zudem eng miteinander zusammen. Die erreichte Bildung vom familiären Hintergrund. Die Übersetzung von Bildung in Arbeitsmarkterfolg vom Geschlecht. Die intersektorale Ungleichheitsforschung untersucht diese Phänomene. Wunden nicht zu verbinden, nur weil es woanders auch blutet, ist lebensgefährlich.

Die Kategorie Geschlecht lenkt dabei nicht nur den Blick auf die Diskriminierung von Frauen. Unsere Aufmerksamkeit muss sich auch auf Männer richten. Dies betrifft insbesondere das Ausmaß ihrer Bildungsarmut und die Arbeitsmarktlage für Bildungsarme, die immer schlechter wird. Nach der PISA-Erhebung 2009 sind 24 Prozent der 15-jährigen Jungen funktionale Analphabeten. Unter den Mädchen liegt die Quote nur bei 13 Prozent. Viele dieser jungen Männer werden später keinen Schul- oder Ausbildungsabschluss erreichen, im Übergangsarbeitsmarkt landen und wohl dauerhaft prekär beschäftigt sein. Zwar finden sich auch viele Frauen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, die Gründe dafür liegen aber eher in der familiären Situation.

Fußnoten

9.
Vgl. Elke Holst/Julia Schimeta, 29 von 906: Weiterhin kaum Frauen in Top-Gremien großer Unternehmen, in: DIW Wochenbericht, 78 (2011) 3, S. 2-10.