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7.9.2011 | Von:
Ina Wunn

Neue Wege für Musliminnen in Europa

Islambild des Westens und Migrationsproblematik

Es sind jedoch nicht nur die veralteten innerislamischen Vorstellungen von Frauenrollen, die für Musliminnen eine Herausforderung darstellen, sondern es ist gleichzeitig das westliche Islambild, das es muslimischen Frauen schwer macht, sich in einer säkularen Öffentlichkeit zu behaupten: Viele Bürgerinnen und Bürger westlicher Staaten halten Muslime generell für fanatisch, gewaltbereit und intolerant, hegen starke Zweifel an ihrer Demokratiefähigkeit und sind mehrheitlich der Ansicht, dass das Leben in einer modernen, westlich geprägten Gesellschaft und ein Leben als frommer Muslim sich ausschließen.[5] Entsprechend reagiert die Politik, die mit Diskussions- und Integrationsforen wie zum Beispiel der Deutschen Islam Konferenz auf der Basis eines "langfristig angelegten Dialogs zwischen staatlichen und muslimischen Vertretern (...) das Miteinander und den gesellschaftlichen Zusammenhalt (...) fördern",[6] aber auch einen Beitrag zur inneren Sicherheit leisten will.

Die Antwort der deutschen Musliminnen auf dergleiche Angebote ist eindeutig: "Ich dachte, wir könnten nach der Sarrazin-Debatte endlich wieder sachlich miteinander umgehen, aber dann fängt der neue Innenminister wieder mit dem Islam an."[7] Gemeint ist hier einerseits die Aussage des deutschen Innenministers Hans-Peter Friedrich, dass der Islam zu Deutschland gehöre, sei eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen ließe, andererseits der Bestseller des Volkswirts und ehemaligen Mitglieds im Vorstand der Bundesbank, Thilo Sarrazin, der Muslimen pauschal den Willen zur Integration abspricht. Die Aussagen dieser beiden im Fokus der Öffentlichkeit stehenden Männer (!) sind durchaus exemplarisch für die öffentliche Meinung.[8]

Die Vorbehalte der Mehrheitsgesellschaft gegenüber muslimischen Zuwanderern machen sich also sowohl an ihrer Herkunft als auch an ihrer Religion fest,[9] eine Tatsache, die deshalb umso schwerer wiegt, da religiöse Frauen oft durch religionskonforme Kleidung sofort erkennbar sind. Ihre Religiosität wird ihnen in einer Gesellschaft zum Vorwurf gemacht, die sich als säkular begreift und in der die Position der Frauen zum Prüfstein der Moderne, zum "Maßstab für Modernität, Demokratie und für die Einhaltung der Menschenrechte" geworden ist.[10]

Unterschlagen wird in dieser Debatte um eine generelle Integrationsfähigkeit des Islam und die Bringschuld der Migranten das persönliche Schicksal der Eingewanderten einschließlich der zweiten und dritten Generation, das häufig durch Erfahrungen von Gewalt und Unterdrückung gekennzeichnet ist. Es waren bedrückende politische wie wirtschaftliche Bedingungen in den Entsenderländern, die vor allem jungen Menschen und Angehörigen religiöser Minderheiten die Migration in solche Länder erstrebenswert erscheinen ließen, von denen sie sich politische Freiheit und wirtschaftliche Prosperität erhofften.[11] Gerade für religiöse Migranten, welche die Arbeitsmigration unter anderem auch gewählt hatten, um Unterdrückung und Verfolgung in ihrem Heimatland zu entgehen, bedeutete dies, dass sie ihrer Religion meist sehr bewusst anhingen und an die Migration die Erwartung knüpften, ihre religiösen Überzeugungen in der Fremde ungehindert leben zu können. Dabei bedeutete das neue Leben in einem säkularen Staat mit seiner Trennung von Heiligem und Profanem für sie eine ebenso große Herausforderung wie das Thema der ethnischen Identität oder der religiösen Organisation - Fragen, die in der Heimat gar nicht oder in einem anderen Kontext auftauchten.[12] Anders stellt sich die Diskussion für eine Reihe von sogenannten Kulturmuslimen dar, die ihre Heimat verlassen mussten, weil sie dort von einer religiös-politischen Gruppe wie den Taliban oder von einem fundamentalistischen Regime verfolgt wurden. Viele dieser Migranten, unter ihnen viele Frauen, lehnen jeden Kontakt zu einer muslimischen Gruppierung ab, weil für sie der Islam inzwischen ein Synonym für Verfolgung und Unterdrückung darstellt.[13]

Für einen nicht unbedeutenden Prozentsatz der Migranten bedeutete und bedeutet ihre Religion jedoch gerade in der Fremde Lebensorientierung und Halt. Der Islam in seiner doppelten Funktion als Glaubenssystem und Lebensordnung kann Orientierung hinsichtlich der konkurrierenden eigenen kulturellen Werte und derjenigen der Aufnahmegesellschaft bieten und die Maßstäbe für zwischenmenschliches Handeln setzen.[14] Wenn auch die vorläufige Beibehaltung von traditionellen Werten daher zumindest langfristig nicht als Integrationshindernis anzusehen ist, sondern meist als protektiver Faktor im Rahmen einer psychischen Stabilisierung gewertet werden muss, kann eine - auch sekundäre - religiöse Orientierung der Familie gerade für junge Frauen eine starke Belastung darstellen.[15]

Fußnoten

5.
Vgl. The Great Divide: How Westerners and Muslims View Each Other, in: The Pew Global Attitudes Project, Conflicting Views in a Divided World. How Global Publics View, Washington, DC 2006, S. 29, S. 31, S. 33.
6.
Vgl. Aufgaben und Ziele der Deutschen Islam Konferenz, online: www.deutsche-islam-konferenz.de/nn_1877052/SubSites/DIK/
DE/AufgabenZiele/aufgabenziele-node.html?__nnn=true (9.7.2011).
7.
M. Kormbaki (Anm. 2).
8.
Vgl. Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.), Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen, Wiesbaden 2009.
9.
Vgl. Talal Asad, Europe Against Islam: Islam in Europe, in: The Muslim World, 87 (1977) 2, S. 183-195.
10.
Birgit Rommelspacher, Feminismus, Säkularität und Islam. Frauen zwischen Modernität und Traditionalismus, in: M.Selçuk/I. Wunn (Anm. 4).
11.
Vgl. Ina Wunn et al., Muslimische Patienten. Möglichkeiten und Grenzen religionsspezifischer Pflege, Stuttgart 2006, S. 18-32.
12.
Vgl. Sabiha Banu Yalkut-Breddermann, Das Volk des Engel Pfau. Die kurdischen Yeziden in Deutschland, Berlin 2001, S. 52.
13.
Vgl. die autobiografischen islamkritischen Darstellungen von Ayaan Hirsi Ali, Ich klage an. Plädoyer für die Befreiung der muslimischen Frauen, München-Zürich 20054; Necla Kelek,Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland, Köln 2005.
14.
Vgl. Ursula Boos-Nünning/Yasemin Karakaolu, Familialismus und Individualismus. Zur Bedeutung der Erziehung von Mädchen mit Migrationshintergrund, in: Urs Fuhrer/Haci-Halil Uslucan (Hrsg.), Familie, Akkulturation & Erziehung, Stuttgart 2005, S. 127.
15.
Vgl. Hasan Alacioglu, Muslimische Religiosität in einer säkularen Gesellschaft, Münster 2001, S. 93.