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7.9.2011 | Von:
Ina Wunn

Neue Wege für Musliminnen in Europa

Frauen, Islam und Europa

Muslimische Frauen in Europa sehen sich also heute vielfachen Herausforderungen ausgesetzt: Konfrontiert mit den Vorurteilen der Mehrheitsgesellschaft, möglicherweise belastet durch die familiäre Migrationsgeschichte, eingeschränkt durch eine traditionelle Lesart der Scharia und abgelehnt von der westlichen feministischen Bewegung, suchen sie ihren Platz in der europäischen Gesellschaft zwischen Anpassung und Selbstbehauptung. Darauf reagieren muslimische Frauen mit einer allgemein zu beobachtenden Intellektualisierung, indem die eigene Lebenssituation als Muslimin, aber auch der Islam selbst hinterfragt werden. Dies kann, bei entsprechend negativen eigenen Erfahrungen und Einsichten, zu einer bewussten Distanzierung von der angestammten Religion führen, wie zum Beispiel bei der türkeistämmigen Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek, der aus Somalia gebürtigen niederländischen Politikerin Ayaan Hirsi Ali, der ägyptischen Frauenrechtlerin Sérénade Chafik, der türkeistämmige Frauenrechtlerin und Anwältin Seyran Ate und den ebenfalls türkeistämmigen Autorinnen Sonja Fatma Bläser und Serap Çileli. Die Genannten, vielfach ausgezeichnet für ihren Einsatz für Frauen- und Menschenrechte, rufen die Öffentlichkeit immer wieder auf, Menschenrechtsverletzungen an jungen Frauen und Mädchen in ultrakonservativen muslimischen Familien nicht zu übersehen oder gar zu tolerieren. Von islamischer Seite wird ihnen daher häufig Verrat an der eigenen Religion vorgeworfen, der sich bis zu Morddrohungen steigern kann.

Eine weitere Frauengruppe verortet sich bewusst, auch als betonte Abkehr vom "westlichen Kulturimperialismus", innerhalb des Islam und versucht, über eine progressive Lesart von Koran und Hadithen die Situation der Frauen zu verbessern. Dabei orientieren sie sich oftmals an Bewegungen, die in den islamischen Ländern selbst entstanden sind und dort Frauenrechtlerinnen hervorgebracht haben. Deren Einfluss ist es nicht nur zu verdanken, dass sich die rechtliche und tatsächliche Situation der Frauen in den genannten Ländern bereits spürbar verbessert hat. Sie zwingen durch ihre öffentliche Präsenz auch islamistische Kreise, die Frauenfrage zu überdenken und neu zu diskutieren. Dabei können durchaus strategische Überlegungen eine Rolle spielen, denn: "It is extremely important for Muslim women activists to realize that in the contemporary Muslim world, laws instituted in the name of Islam cannot be overturned by means of political action alone, but through the use of better religious arguments. (...) The importance of developing (...) 'feminist theology' in the context of the Islamic tradition is paramount today in order to liberate not only Muslim women, but also Muslim men, from unjust social structures and systems of thought which make a peer relationship between men and women impossible."[40]

Die geforderten Argumente finden neben den bereits genannten Feministinnen Amina Wadud, Riffat Hassan, Irshad Manji, Fatima Mernissi auch progressive Theologinnen wie Nahide Bozkurt oder Asma Barlas auf dem Weg einer zeitgemäßen Koranexegese, bei der es darum geht, den "Hintergrund des Textes zu beleuchten und den historischen Kontext sichtbar zu machen, in dem der Koran offenbart und interpretiert wurde".[41] In Deutschland geht das Zentrum für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung e.V. (ZIF) den gleichen Weg.

Neben den Theologinnen gibt es inzwischen eine ganze Gruppe von muslimischen Frauen in gesellschaftlichen Schlüsselstellungen, die über Veröffentlichungen und Diskussionsforen ihre Stimmen erheben und ihren Platz als europäische Muslimin in der Mitte der Gesellschaft selbstbewusst einfordern. Hier sind zum Beispiel diejenigen Wissenschaftlerinnen zu nennen, die im Umfeld der neu errichteten Lehrstühle für islamische Religion ihre progressiven Ansätze in die islamische Religionsforschung und -pädagogik einbringen,[42] während sich islamische Sozialwissenschaftlerinnen und muslimisch-feministische Aktivistinnen aktiv in die Politik einmischen, um dort die Benachteiligung von (nicht nur) muslimischen Frauen anzusprechen.[43]

Kurzum: Muslimische Frauen wenden sich verstärkt Frauennetzwerken sowie säkularen wie dezidiert muslimischen Frauenbewegungen zu, um ihre Interessen sowohl in den islamischen als auch in den westlichen Gesellschaften zu thematisieren und öffentlich zu machen, entweder durch erklärte Distanz zum Islam, über die bewusste Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Prozessen, oder aber gerade in Zusammenhang mit einer betonten Hinwendung zu ihrer Religion als Reaktion auf Diskriminierungs- oder Migrationserfahrungen. Sie forcieren besonders die Möglichkeit einer progressiven bis feministischen Koranexegese, um daraus sowohl Argumente für ihre Gleichstellung innerhalb der islamischen Gemeinschaft abzuleiten, als auch Vorurteilen gegenüber einem angeblich nicht reformfähigen Islam zu begegnen. Dabei erweist sich der Islam als eine Religion, die sich gerade durch ihren Rückgriff auf liberale Traditionen als beweglich in ihrer Reaktion auf die Moderne erweist - eine Bewegung, die sich vor allem dem aktiven Engagement von muslimischen Frauen verdankt.[44]

Fußnoten

40.
Riffat Hassan, Women in Islam: Contemporary Challenges, in: Sybille Fritsch-Oppermann (Hrsg.), Zivilcourage - Frauensache? Über den Beitrag von Frauen für Zivilgesellschaft in verschiedenen kulturellen und religiösen Kontexten, Rehburg-Loccum 1998, S. 79.
41.
Asma Barlas, Der Koran neu gelesen, in: Islam und Gesellschaft, (2008) 6, S. 9.
42.
Vgl. Lamya Kaddor/Rabeya Müller, Der Koran für Kinder und Erwachsene, München 2008; Nimet eker, Ist der Islam ein Integrationshindernis?, in: APuZ, (2011) 13-14, S. 16-21.
43.
Vgl. Lale Akgün, Integration und sozialer Zusammenhalt in der Bürgergesellschaft, in: Michael Bürsch (Hrsg.), Mut zur Verantwortung - Mut zur Einmischung. Bürgerschaftliches Engagement in Deutschland, Berlin 2008; Barbara Pusch (Hrsg.), Die neue muslimische Frau. Standpunkte & Analysen, Istanbul-Würzburg 2001; Sineb El Masrar, Muslim Girls. Wer wir sind, wie wir leben, Frankfurt/M. 2010; zu nennen sind auch die Journalistin Hilal Sezgin, online: www.hilalsezgin.de, oder die Bloggerin Kübra Gümüsay, online: http://ein-fremdwoerterbuch.blogspot.com.
44.
Vgl. Margot Badran, Feminism in Islam. Secular and Religious Convergences, Oxford 2009.