Der Ortsname Gorleben steht auf einem Ortsausgangsschild.

20.5.2021 | Von:
Jenny Hagemann

Gorleben als kulturelles Erbe. Die Anti-Atom-Bewegung zwischen Historisierung und Aktualität

Wer in der kleinen Stadt Lüchow im Landkreis Lüchow-Dannenberg – im allgemeinen Sprachgebrauch meist auch "Wendland" genannt – günstig übernachten möchte, kann ein Zimmer in der "Wendenschänke" buchen. Die Pension wird in familiärer Atmosphäre geführt; Gruppen oder Einzelgäste bewirtschaften Küche und Speiseraum selbst. Jeder Zimmerschlüssel hat einen einzigartigen Schlüsselanhänger. Einer davon ist ein gelbes X aus dickem Filz. Es findet seine Entsprechung in meterhohen gelben X-en aus Holz, die an den Mauern der pittoresken Bauernhäuser lehnen oder auf zeithistorischen Baudenkmalen wie den Dömitzer Brücken prangen. Sie sind, kurz gesagt, überall im Landkreis zu sehen.

Seinen Ursprung hat das gelbe X auf einem Plakat der Anti-Atom-Bewegung aus dem Jahr 1984. Ikonografisch führt es mitten ins Herz der Bewegung – und damit, wie der Schlüsselanhänger der Wendenschänke zeigt, auch ins Herz der regionalen Identität des Wendlands. Die Geschichte ist bekannt: Am 22. Februar 1977 verkündete Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) via Fernsehübertragung, ein etwa 15 Kilometer großes Areal bei Gorleben sei als Standort für ein Nukleares Entsorgungszentrum (NEZ) ausgewählt worden. Doch anders, als erwartet, regte sich im Wendland, diesem unscheinbaren Zonenrandgebiet im östlichsten Zipfel der Bundesrepublik, sofort reger Protest. Getragen von einem breit gefächerten Widerstand aus der national und international gut vernetzten Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, Kulturschaffenden, LandwirtInnen sowie ortsansässigem Adel entwickelte sich in und um Gorleben eine der wirksamsten und bedeutendsten Umweltbewegungen der Zeitgeschichte.[1]

Heute, über 40 Jahre später, ist die Suche nach einem Endlager für nukleare Abfallstoffe aktueller denn je, obwohl sich der öffentliche Diskurs vollständig verändert hat: Mit dem Inkrafttreten des Standortauswahlgesetzes von 2013 beziehungsweise 2017 und der im Herbst 2020 durch die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) beschlossenen Absage an Gorleben als Standort geht es inzwischen nicht mehr darum, sozioökologische Überlegungen gegen wirtschaftliche Interessen der Atomindustrie anzubringen, sondern vielmehr um einen möglichst verantwortungsvollen Umgang mit dem "atomaren Erbe" einer endenden Ära in der Energiepolitik. Dieser gesamtgesellschaftliche Aushandlungsprozess beeinflusst auch die Anti-Atom-Bewegung als solche sowie die Art und Weise, wie wir sie demokratiehistorisch wahrnehmen, bewerten und einordnen. Gorleben steht längst nicht mehr nur für medienwirksame Protestaktionen, für Polizei-Großeinsätze, Hüttendörfer und an Schienen gekettete Menschen. Es gewinnt zunehmend Anerkennung als Erinnerungs- und Lernort für politische Partizipation, wird ein Thema für Ausstellungen, Forschungsprojekte und Archive. Es wird immer weiter Teil einer Vergangenheit, die für die Zukunft bewahrt und weitergegeben wird – es wird zum kulturellen Erbe.[2] Im vorliegenden Beitrag werden dieser Deutungswandel, seine Ursprünge und seine Auswirkungen auf die regionale Identität des Wendlands aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive der Heritage Studies nachgezeichnet.[3]

Anti-Atom-Bewegung und Identität im Wendland

Die Anti-Atom-Bewegung rund um Gorleben entwickelte eine ganz eigene "Strahlkraft" für die Region. Sie führte zu einer vollständigen Veränderung der Selbst- und Fremdwahrnehmung, zu einem Wandel der bundes- wie landespolitischen Strukturen und zu einem Wandel in der Bevölkerungszusammensetzung: Noch in den 1970er Jahren gehörte der Landkreis Lüchow-Dannenberg zu den am dünnsten besiedelten Landkreisen der Bundesrepublik; politisch stärkste Kraft war die CDU.[4] Nach 1949 grenzte der Kreis im Nord- und Südosten an die Deutsche Demokratische Republik und war sogenanntes Zonenrandgebiet. Die ökonomischen Strukturen waren nach wie vor landwirtschaftlich geprägt. Trotz Zonenrandförderung mangelte es an qualifizierten Arbeitsplätzen in der Industrie, denn es fehlte an Bodenschätzen und Infrastruktur.[5]

Die Auswahl von Gorleben als Standort für ein NEZ sollte dies ändern. Mit dem geplanten Projekt erhoffte sich die Landesregierung wirtschaftlichen Aufschwung für den Landkreis; davon abgesehen deutete das konservative Wahlverhalten auf wenig Widerstand in der Bevölkerung hin. Weitere Gründe für die Standortbenennung, wie die Nähe zur DDR oder die geringe Bevölkerungsdichte, sind heute nach wie vor Gegenstand historiografischer und politscher Debatten. Die Frage, inwieweit der Standortauswahl wissenschaftliche Überlegungen zugrunde lagen und inwieweit Dynamiken zwischen Landes- und Bundesregierung, das Verhältnis zu VertreterInnen der Atomindustrie, das Verhältnis zur DDR-Regierung sowie eine zum Zeitpunkt der Entscheidung unvollständige Informationslage über die favorisierten Salzstöcke den Auswahlprozess beeinflussten, bleibt auch nach zeithistorischen Expertisen und parlamentarischen Untersuchungsausschüssen umstritten.[6]

Zum Zeitpunkt der Standortbenennung hatte sich die anfängliche gesellschaftliche Euphorie gegenüber der Atomenergie im Lauf der 1970er Jahre jedoch weitgehend gelegt; eindrückliche Berichte von den Ausschreitungen rund um die geplanten Atomkraftwerke in Wyhl und Brokdorf hatten breite Teile der Öffentlichkeit für die Problematik sensibilisiert. Auch vor Ort formierte sich überaus schnell entsprechender Widerstand. Vor allem in den ersten Jahren handelte es sich bei dem Protest gegen das NEZ allerdings nicht um ein gesamtregionales Phänomen. Ob man nun für oder gegen Gorleben als Standort war, erzeugte vielmehr einen "Riss (…) durch die Familien, durch Beziehungen, Vereine".[7]

Wie es für soziale Bewegungen kennzeichnend ist, entwickelte der wendländische Protest ein spezifisches kollektives Selbstverständnis, das insbesondere im Rahmen der Besetzung der Probebohrstelle 1004 vom 3. Mai bis zum 4. Juni 1980 – dem Hüttendorf "Freie Republik Wendland" – Konturen gewann. Für die regionale Identität des heutigen Wendlands ist die "Freie Republik" nicht nur deshalb entscheidend, weil hier die generelle Gewaltfreiheit des Widerstands und dementsprechend der zivile Ungehorsam als entscheidendes Mittel etabliert wurden, sondern vor allem, weil die Bewegung hier "wendisch" wurde – und mit ihr der "Landkreis" vermehrt zum "Wendland".

Die Bezeichnung als "Land der Wenden" rekurriert dabei auf die slawische Besiedlung des Gebietes im Mittelalter und war bis 1980 entweder historisierend oder abwertend verwendet worden.[8] Entsprechende antislawische Stereotype blieben bis weit ins 20. Jahrhundert bestehen; "wendisch" zu sein, galt schlicht als rückständig. Die "Freie Republik Wendland" änderte diese negative Wahrnehmung grundlegend, indem die Bewegung das Narrativ der unterdrückten widerständigen slawischen Minderheit für sich adaptierte und als positives Identitätsangebot nutzte: So verkaufte die Bürgerinitiative auf dem Gelände zur Selbstfinanzierung einen "Wendenpass", der seinen Besitzer oder seine Besitzerin als "freie/n Wenden/in" auszeichnete. Auch eignete sich die Adaption der slawischen Vergangenheit, um "darauf einen Industrialisierung ablehnenden Heimatbezug [aufzubauen]".[9] Wer den Pass besaß, wer zur Bewegung gehörte, wurde frei und wendisch. Diese Rückbesinnung auf die Region als "Wendland" entstand im Zuge der Gorleben-Proteste zwar nicht völlig neu, nahm aber zu und ergänzt inzwischen zunehmend die Rede vom "Landkreis".

Protest und Widerstand werden kulturelles Erbe

Ein Plakat mit einem großen gelben X, unter dem steht "Verhindert die Atommülltransporte ins Wendland"Unbekannt/Joseph Beuys, Tag X, Plakat (Offsetdruck), 1984/85 (© Gorleben Archiv e. V.)
Vor diesem Hintergrund ist es kaum mehr verwunderlich, dass wir in einer Schänke der Wenden ausgerechnet ein gelbes X am Schlüsselbund finden. Letzteres verweist auf den Tag "X", der für die Bewegung am 25. April 1995 kam: An diesem Tag wurde erstmals hochradioaktiver Abfall – der erste Castor – nach Gorleben transportiert.[10] Im Vorfeld sägten AtomkraftgegnerInnen kurze Stücke der Schienenstrecke aus, auf denen der Castortransport fuhr, und arrangierten sie zu einem X.[11]

Vor diesem Tag hatte bereits 1984 das durch die Bürgerinitiative vertriebene Plakat "Tag X" gewarnt, das zur Blockade möglicher Transporte nach Gorleben aufrief. Kurz nach seiner ersten Verteilung war es verboten worden.[12] Daraufhin hatte der Künstler Joseph Beuys es 1985 mit einem Schriftzug versehen (Abbildung): "Menschengemäße Kunst muss 1. die Zerstörung des Menschengemäßen verhindern 2. das Menschengemäße aufbauen[;] nur das ist Kunst und sonst gar nichts".[13] Durch seine Bearbeitung hob der Künstler das Plakat aus dem Alltäglichen, indem er seine Funktion als Informations- und Kommunikationsmittel um die Funktion der künstlerischen Reflexion erweiterte. Von einem Aufruf zum zivilen Ungehorsam wurde das Plakat zu einem Kunstwerk. International bekannt, verstärkte Beuys zudem die überregionale Aufmerksamkeit für die Bewegung und ihre Verbindung zu Kunst- und Kulturschaffenden.

Seitdem gehört das gelbe X neben der Wendensonne zu den zwei wichtigsten Symbolen der Bewegung. Aber wie und wann wird aus – teils auch kriminalisiertem – zivilgesellschaftlichem Engagement etwas Bewahrenswertes? Wann wandert der Protest von der Straße ins Museum und wird so kulturelles Erbe? Längst ist Gorleben nicht mehr nur der Kristallisationspunkt atompolitischer Debatten. Vielmehr ist die Geschichte der Bewegung dadurch gekennzeichnet, dass sie "noch keine ist", da die Endlagerfrage für Deutschland nach wie vor ungeklärt ist. Demzufolge ist die Anti-Atom-Bewegung durch ihre Aktualität und ihre Historizität gleichermaßen gekennzeichnet. Ähnlich wie das Tag-X-Plakat durch Beuys’ Beschriftung seiner Alltäglichkeit enthoben wurde, rückt auch die Anti-Atom-Bewegung aus dem Alltag vermehrt in das kollektive Gedächtnis der Region. Sprechendes Zeichen hierfür ist der Verein Gorleben Archiv mit heutigem Sitz in Lüchow, an dem sich die Mechanismen und Logiken vererbender Prozesse beispielhaft nachvollziehen lassen.

Der Verein wurde von TrägerInnen des örtlichen Widerstands 2001 gegründet. Im Sinne des Kulturwissenschaftlers Jan Assmann kann das Gorleben Archiv als ein Speichergedächtnis für all das gelesen werden, was Widerständige in 40 Jahren Anti-Atom-Bewegung zusammengetragen haben.[14] Es geht allerdings weniger um die Erinnerung an historische Ereignisse wie die Standortbenennung, den Treck oder die Castortransporte als um die Weitergabe von Wissen für die historische Forschung sowie von demokratischen Werten an jene, die nicht zur "Erlebnisgeneration" gehören.[15] Durch die Aneignung etablierter Formen kollektiver Gedächtnisse, durch die Archivierung seiner selbst, erlangt der Widerstand so Deutungshoheit über die Vergegenwärtigung seines Wirkens.

Dieser Gedanke gewinnt vor allem im Kontext der Gründung des Gorleben Archivs an Gewicht: Zwei Jahre zuvor, also 1999, ging der vielzitierte "Riss" im Wendland zwar kaum noch durch Familien, verlief aber nach wie vor zwischen Atomkraft-BefürworterInnen und -GegnerInnen. Als der Leiter des Museums Wustrow in dem Jahr ein Konzept für ein "Zentrales Gorleben-Archiv" veröffentlichte, zog dies eine monatelange öffentliche Debatte nach sich. Der Grund: Er war zu diesem Zeitpunkt nicht nur Leiter des Museums und Mitherausgeber von dessen Schriftenreihe, sondern auch im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit der damaligen Deutschen Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe (DBE) tätig.[16] Entlang der Frage, ob Privatperson und Beruf getrennt werden dürften, wurde letztlich das Selbstverständnis der Anti-Atom-Bewegung diskutiert: Während auf der einen Seite eine atompolitische Taktik hinter der Idee vermutet und eine generelle Zusammenarbeit im Rahmen kultureller Veranstaltungen abgelehnt wurde, nahm die andere Seite die Debatte zum Anlass, das Selbstverständnis des Widerstands und die Folgen der eigenen Abgrenzung zu reflektieren.[17]

Letztlich stieß die Idee, nach einer Ausstellung auch eine zentrale Dokumentationsstätte für die materiellen Artefakte des Gorleben-Konflikts einzurichten, auf deutlichen Widerstand. Die privaten und teils heiklen Unterlagen sollten nicht von einem DBE-Angestellten verwaltet werden. Es ging also nicht um die Archivierung der Bewegung als solche – wie die parallele Gründung des Gorleben Archiv e.V. beweist. Vielmehr ging es um die Frage, wessen kulturelles Erbe der Protest gegen Gorleben ist. Als das Museum Wustrow ab Februar 2002 die Sonderausstellung "Gorleben sammeln" zeigte, wurde diese von TrägerInnen der Bewegung deutlich kritisiert und teilweise auch boykottiert.[18] Die Dokumentationsstätte wurde letztlich nie umgesetzt.

Dieser Konflikt zeigt deutlich, wie eng die Aushandlung von kulturellem Erbe mit der Konstruktion kollektiver Selbstverständnisse verknüpft ist und welche Bedeutung Erbe bei der Abgrenzung nach außen zukommt. Der Soziologe Stuart Hall fasste diese Beobachtung bereits 2004 unter der Frage "Whose heritage?" pointiert zusammen.[19] Wer etwas erbt, nimmt es als Teil des eigenen Selbstbildes an, und wer etwas vererbt, entscheidet und gestaltet dieses Erbe nach diesem Selbstbild.

Ebenso zeigt sich, dass kulturelles Erbe nicht einfach vorhanden ist, sondern vielmehr in einem anhaltenden Inwertsetzungsprozess von Akteuren "gemacht" wird, die im Rahmen dessen immer wieder um Deutungsmacht ringen.[20] Um die Jahrtausendwende war die Anti-Atom-Bewegung bereits ein zentraler Aspekt der regionalen Identität des Wendlands; entsprechend kam ihren TrägerInnen auch die Deutungshoheit über ihre Bewahrung und Weitergabe zu. Aus einer allgemeineren Perspektive auf Vererbungsprozesse ist es außerdem bemerkenswert, dass die GründerInnen des Gorleben Archivs das Dokumentationszentrum in Wustrow nicht einfach verhinderten, sondern die zugrundeliegende Idee vielmehr adaptierten und so etablierte Formen vererbender Diskurse nutzten, nämlich Archivierung und ehrenamtliches Engagement in einem eingetragenen Verein. Das deutet darauf hin, dass Kulturerbe unabhängig davon, ob es offiziell als solches anerkannt wird – indem es beispielsweise durch die UNESCO ausgezeichnet wird – oder nicht, den gleichen Logiken folgt und ähnlich institutionalisiert wird.[21] Damit ist kulturelles Erbe ein integraler Bestandteil kollektiver Gedächtnisse, dem bei der Konstitution und Begrenzung von Gruppen jeglicher Art entscheidende Bedeutung zukommt.

Das Gorleben Archiv firmiert vor diesem Hintergrund und aufgrund seines anhaltenden Engagements als bedeutender Erbe-Akteur im Wendland. Gleichzeitig markiert seine Gründung den Übergang der Anti-Atom-Bewegung von einem rein gegenwartsorientierten zu einem historisierenden Phänomen, das in dieser Form zunehmend breite gesellschaftliche Anerkennung findet. Unlängst, zwischen 2017 und 2018, wurde die Plakatsammlung des Archivs digitalisiert und in die Online-Plattform "Kulturerbe Niedersachsen" aufgenommen. Auch das von Joseph Beuys beschriftete Plakat zum Tag X ist dort einsehbar.[22] Eine analoge Version hängt heute in den Räumlichkeiten des Gorleben Archivs, wird dort bewahrt und ausgestellt. So kommt den Plakaten nun die Funktion als (landes)identitätsstiftendes bewahrenswertes Gut zu, als kulturelles Erbe. Sie wandelten sich auf diese Weise – pars pro toto für die Bewegung – vom Kriminalisierten zum Schützenswerten, das nicht landesrechtlich verfolgt, sondern weltweit zugänglich und regional verortet weitergegeben wird.

Das Beispiel zeigt auch auf, dass die klare Unterteilung in immaterielles und materielles Erbe, wie wir sie von der UNESCO kennen, oftmals wenig zielführend ist. Im Archiv werden zwar materielle Dinge gesammelt – Plakate, Zeitungen, persönliche Aufzeichnungen, Akten, Fotos. Aber diese Dinge werden eben gesammelt, um die damit assoziierten demokratischen Werte und Kompetenzen weiterzugeben und für die Forschung verfügbar zu machen.

Ähnlich ist auch das Konzept einer Ausstellung zu verstehen, die von März bis Juli 2019 im Historischen Museum Hannover gezeigt wurde: Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des "Gorleben-Trecks" zeigte das Museum die Sonderausstellung "Treck(er) nach Hannover. Gorleben und die Bewegung zum Atomausstieg". Parallel dazu entwickelte das Gorleben Archiv eine eigene, auf ZeitzeugInnen zentrierte Ausstellung zum Treck, die im Kreishaus Lüchow gezeigt wurde. Auch hier ging es von vornherein nicht darum, lediglich an den Treck als historisches Ereignis zu erinnern. Die Ausstellung sollte vielmehr Teil einer aktuellen Debatte über Möglichkeiten demokratischer Teilhabe und Protestformen werden. Am 17. Juni 2019 luden ExpertInnen und politische EntscheidungsträgerInnen denn auch zu einer Diskussion rund um die aktuelle Endlagersuche in das Historische Museum Hannover. Ziel war, interessierte BürgerInnen über den neuesten Stand des Standortauswahlverfahrens zu informieren. Der große Fehler von damals – die fehlende Beteiligung der Bevölkerung an der Standortauswahl für ein Endlager – sollte nicht wiederholt werden und stattdessen ein Dialog stattfinden.[23] Die Wahl des Veranstaltungsortes wurde von den Teilnehmenden durchaus kritisch betrachtet: Unter anderem wurde Wolfram König, dem Präsidenten des Bundesamtes für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE, heute Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung, BASE) und Veranstalter, vorgeworfen, sich durch die Ausstellung scheinbar in die Nähe des Widerstands zu rücken, ohne jedoch dessen Forderungen nach echter BürgerInnen-Beteiligung und Wissenschaftlichkeit des Verfahrens nachzukommen.[24] Aus der Perspektive der Heritage Studies wird deutlich, dass die Inanspruchnahme der Ausstellung durch das BfE auch deshalb problematisiert wurde, weil sie eine unerwünschte Zugehörigkeit markierte, nämlich die der Atompolitik zum Erbe der Anti-Atom-Bewegung.

Aus für Gorleben als Ende oder Neuanfang?

Wie das anhaltende Ringen um "das Erbe Gorleben" verdeutlicht, ist die Absage an den Ort als Endlagerstandort weit davon entfernt, ein Ende zu markieren. Dementsprechend endet auch nicht die Arbeit des Archivs selbst. Jedoch ändert sich nun dessen Bedeutung. Aktuelle Tätigkeiten wie die Mitgestaltung der Ausstellung "Treck(er) nach Hannover" weisen darauf hin, dass das Archiv nicht nur als Speicherort für das kommunikative Gedächtnis der Bewegung fungiert, sondern zunehmend als Ort der historisch-politischen Bildung. Es ist nicht zuletzt ein Ergebnis der jahrzehntelangen politischen Wandlungsprozesse, dass Themen der Bürgerbeteiligung an diskursiver Bedeutung gewonnen haben und ihre historische Aufarbeitung dementsprechend öffentlich-finanziell gefördert wird.

So beauftragte das BASE im Mai 2020 neben weiteren Institutionen das Gorleben Archiv, um das staatliche Handeln zwischen 1974 und 1983 und dessen Bedeutung für das heutige Standortauswahlverfahren am Beispiel des "Bürgerdialogs Kernenergie" zu analysieren. Dies ist auch insofern bemerkenswert, als das BASE Ergebnis des aktualisierten Standortauswahlgesetzes ist, das in Paragraf 4 Absatz 2 das Amt als Träger für die Öffentlichkeitsbeteiligung festlegt. Die Situation ist damit eine grundlegend andere als vor 40 Jahren: Demokratisches Bewusstsein und demokratische Teilhabe sind nicht nur in die regionale Identität des Wendlands eingeflossen, sondern werden auch im größeren Kontext der Endlagersuche verhandelt. Verhandlungssache bleibt sie jedoch, weil die Erbe-Werdung Gorlebens und die damit verbundene Anerkennung als historisch und gesellschaftlich bedeutsames Phänomen nicht gleichzusetzen sind mit einer vollständigen oder konfliktfreien BürgerInnenbeteiligung an der aktuellen Endlagersuche. Insbesondere der Grad der tatsächlichen Beteiligung und die Möglichkeiten, die Suche nachhaltig mitzugestalten, werden nach wie vor stark kritisiert.[25]

Dementsprechend endet auch nicht das politische Engagement der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, die sich zum Ziel gesetzt hat, insbesondere die aktuellen Teilgebietskonferenzen kritisch zu begleiten und so mitzugestalten, dass breite zivilgesellschaftliche Beteiligung am Auswahlprozess möglich wird.[26] Damit beeinflusst die Bürgerinitiative als gestaltender Akteur das Verfahren letztlich auf Basis einer Idee von partizipativer Demokratie, die durch Akteure wie das Gorleben Archiv als Kulturerbe verhandelt wird. Es ist aufschlussreich, dass beide Akteure hier unterschiedliche Perspektiven auf die Demokratie und unterschiedliche Positionen im regionalen beziehungsweise überregionalen Diskurs einnehmen: Wird etwas zu Kulturerbe, rückt es – scheinbar – in die Vergangenheit. Es muss vergangen sein oder vom Verschwinden bedroht, um als bewahrenswert erzählt zu werden, darüber sind sich die aktuellen Heritage-Studies weitgehend einig.[27] Aus dieser Logik heraus ist Erbe jedoch per definitionem – wiederum scheinbar – nicht von tagesaktueller Relevanz. Wäre das, was als Kulturerbe in Wert gesetzt wird, Teil des Alltags, müsste es nicht bewahrt werden. Diesem Dilemma begegnen Akteure der Bewegung im Wendland, indem sie unterschiedliche Positionen im Endlager-Diskurs besetzen: auf der einen Seite die Bürgerinitiative mit ihrem Fokus auf das Auswahlverfahren, auf der anderen Seite das Gorleben Archiv mit seinem Fokus auf das kollektive Gedächtnis der Bewegung. So begegnen sie einer Geschichte, "die keine ist".

Dennoch lässt sich der skizzierte Deutungswandel auch darauf zurückführen, dass es nun darum geht, ein Ende, einen Ausstieg aus der Atomkraftnutzung zu gestalten. Wirtschaftliche Interessen stehen weit weniger im Vordergrund, als es 1977 bei der Standortbenennung Gorlebens noch der Fall war. So markiert das Gorleben-Aus einen generellen Wandel im Atomkraft-Diskurs, der auch durch die zunehmende Erbe-Werdung des Atomkonflikts markiert wird: Jüngst äußerte die ukrainische Regierung die Idee, das Gebiet rund um Tschernobyl zum UNESCO-Welterbe zu ernennen – was auch noch einmal das Prestige und die kulturökonomische Bedeutung offiziellen Kulturerbes verdeutlicht.[28]

Die Endlagerthematik als vererbenden Prozess zu beleuchten, zeigt letztlich: "Gorleben" ist nicht nur eine Protestgeschichte, deren demokratische Werte von den Akteuren selbst als Teil ihres kollektiven Selbstverständnisses weitergegeben werden. "Gorleben" ist nach wie vor aktuell, denn der Prozess der Endlagersuche dauert noch an – nach wie vor mit potenziellen Standorten in der niedersächsischen Umgebung.[29] Was die Erbe-Werdung der Bewegung auszeichnet, sind eben diese Archivierung und Musealisierung der Proteste auf der einen Seite und die ungeklärte Endlagersuche auf der anderen. So zeigt sich auch, dass Kulturerbe zwar eine Inwertsetzung von Vergangenheit darstellt, dass es aber stets genutzt wird, um Gegenwart und Zukunft zu gestalten.

Fußnoten

1.
Vgl. Philipp Gassert, Bewegte Gesellschaft. Deutsche Protestgeschichte seit 1945, Bonn 2019, S. 146–158.
2.
Vgl. Barbara Kirshenblatt-Gimblett, Theorizing Heritage, in: Ethnomuseology 3/1995, S. 367–380.
3.
Grundlegend zu Heritage Studies vgl. Markus Tauschek, Kulturerbe. Eine Einführung, Berlin 2013 sowie die aktuelle kritische Auseinandersetzung bei Kynan Gentry/Laurajane Smith, Critical Heritage Studies and the Legacies of the Late-twentieth Century Heritage Canon, in: International Journal of Heritage Studies 25/2019, S. 1148–1168.
4.
Siehe die Zusammenstellung der Landtagswahlen von 1947 bis 2008 bei Wolfgang Jürries (Hrsg.), Wendland Lexikon, Bd. 2: L–Z, Lüchow 2008, S. 612.
5.
Vgl. Karl-Friedrich Kassel, Von der Zonenrandförderung zur Regionalentwicklung – An Modellen für die Zukunft Lüchow-Dannenbergs fehlte es nicht, in: Ulrich Brohm/Elke Meyer-Hoos (Hrsg.), Kali und Leinen. Industrialisierungsansätze im Raum Wustrow 1874 bis 1928, Wustrow 2005, S. 288.
6.
Vgl. Anselm Tiggemann, Gorleben als Entsorgungs- und Endlagerstandort. Der niedersächsische Auswahl- und Entscheidungsprozess. Expertise zur Standortauswahl für das "Entsorgungszentrum" 1976/77, Hannover 2010, S. 94, S. 99; Bundestagsdrucksache 17/13700, 23.5.2013.
7.
Gorleben Archiv e.V. (Hrsg.), "Mein lieber Herr Albrecht!" Wie der Gorleben-Konflikt eine Region veränderte, Lüchow 2019, S. 71.
8.
Vgl. Henning Schröder, Slawen und Deutsche. Wahrnehmungsgeschichtliche Aspekte in der Frühen Neuzeit, Bielefeld 2010, S. 88f.
9.
Vgl. Kassel (Anm. 5), S. 289.
10.
Vgl. Susanne Kamien/Max Rheinländer, ÜberMacht und Phantasie. Geschichte(n) des Gorleben Widerstands, Lüchow 2008, S. 215.
11.
Vgl. Reimar Paul, Chronologie der Bewegung, in: Redaktion des Atom-Express (Hrsg.), … und auch nicht anderswo! Die Geschichte der Anti-AKW-Bewegung, Göttingen 1997, S. 143.
12.
Vgl. ebd., S. 102.
13.
Unbekannt/Joseph Beuys, Tag X, Plakat (Offsetdruck), 1984/85.
14.
Vgl. Jan Assmann, Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: ders./Tonio Hölscher, Kultur und Gedächtnis, Frankfurt/M. 1988, S. 9–19.
15.
Siehe http://gorleben-archiv.de/wordpress/ueber-uns«.
16.
Zeitzeugen-Interview mit Rolf Meyer, am 14.8.2019 im Rahmen des Forschungsprojekts "Konstruktionen und Reflexionen zu kulturellem Erbe abseits urbaner Agglomerationsräume. Rural Heritage im Hannoverschen Wendland" innerhalb des Forschungsverbunds "CHER: Cultural Heritage als Ressource? Konkurrierende Konstruktionen, strategische Nutzungen und multiple Aneignungen kulturellen Erbes im 21. Jahrhundert" an der Leibniz Universität Hannover.
17.
Die Debatte lässt sich insbesondere anhand der Leserbriefe in der örtlichen "Elbe-Jeetzel-Zeitung" zwischen Januar und März 1999 nachvollziehen. VertreterInnen der Bürgerinitiative, KünstlerInnen, Ortsansässige und langjährige BeobachterInnen der Bewegung sind dort vertreten.
18.
Vgl. Thomas Maron, Der Feind in meinem Ort, in: Frankfurter Rundschau, 16.10.2002, S. 7.
19.
Vgl. Stuart Hall, Whose Heritage? Un-settling "the Heritage", Re-imagining the Post-nation, in: Jo Littler/Roshi Naidoo (Hrsg.), The Politics of Heritage. The Legacies of "Race", London–New York 2005, S. 23–35.
20.
Vgl. hierzu ausführlich Laurajane Smith, Uses of Heritage, New York 2006.
21.
Vgl. Rodney Harrison, Heritage: Critical Approaches, New York 2013, S. 15.
22.
Siehe https://kulturerbe.niedersachsen.de/objekt/record_kuniweb_948124«.
23.
Vgl. "Nicht die alten Fehler wiederholen": Wohin mit 1900 strahlenden Castoren?, 20.6.2019, http://www.haz.de/Nachrichten/Politik/Niedersachsen/Gesucht-Lager-fuer-1900-Castoren«.
24.
Vgl. ebd.
25.
Vgl. Andreas Conradt, BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, in: Gorleben Rundschau III-IV/2021, S. 17.
26.
Vgl. ebd.
27.
Vgl. grundlegend Christoph Brumann, Cultural Heritage, in: James D. Wright (Hrsg.), International Encyclopedia of the Social & Behavioural Sciences, Amsterdam 2015, S. 414–419.
28.
Vgl. Jan Becker, Tschernobyl. Vom Super-Gau zum UNESCO-Welterbe?, in: Gorleben Rundschau III-IV/2021, S. 15. Zur kulturökonomischen Bedeutung offiziellen Kulturerbes vgl. Regina Bendix et al. (Hrsg.), Prädikat "Heritage". Wertschöpfungen aus kulturellen Ressourcen, Göttingen 2007.
29.
Vgl. Bundesgesellschaft für Endlagerung, Aktuelle Auflistung der Teilgebiete, http://www.bge.de/de/endlagersuche/zwischenbericht-teilgebiete/liste-aller-teilgebiete«.
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