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6.4.2011 | Von:
Eva Senghaas-Knobloch

Arbeitskraft ist mehr als eine Ware. Arbeiten in der postfordistischen Dienstleistungsgesellschaft

Universalisierte Bedeutung der Erwerbsarbeit

Die tektonischen soziokulturellen Verschiebungen im Gefüge der Gesellschaft machten sich Anfang der 1980er Jahre durch eine auffällige Ungleichzeitigkeit bemerkbar: Während auf Soziologie-Kongressen mit Verweis auf Hannah Arendts Kritik an der Gesellschaft von Jobholders, denen die Arbeit ausgeht,[2] das vermeintliche Ende der Arbeitsgesellschaft thematisiert wurde, ging es der neuen Frauenbewegung um das Recht auf diskriminierungsfreie Zugänge zu allen Berufen und Berufspositionen. Tatsächlich blieb und wurde Erwerbsarbeit verstärkt der Dreh- und Angelpunkt für individuelle Biografien und für die Anrechte auf sozialstaatliche (Transfer-)Leistungen: Statt vom Bedeutungsverlust der Erwerbsarbeit beispielsweise zu Gunsten gemeinwesenorientierter Bürgerbetätigung (letztere wurde von Ralf Dahrendorf vorgeschlagen) kann heute von einer Universalisierung des "Erwerbsbürgers" gesprochen werden:[3] Die Pflicht zum Erwerb wurde Schritt für Schritt gleichermaßen auf Frauen wie auf Männer ausgedehnt; in der EU ist diese Orientierung seit dem Jahre 2000 politisches Programm.

Im Zuge dieser Entwicklung hängen mehr als je zuvor der persönliche Unterhalt und Wohlstand, Sozialschutz im Fall von Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit, gleichberechtigte Bürgerschaft und das Selbstwertgefühl der einzelnen Menschen von der Einbeziehung in den monetarisierten Tauschzusammenhang ab. Durch diese gesellschaftliche Zentrierung auf Erwerbsarbeit in Verbindung mit kultureller und institutioneller Enttraditionalisierung geraten andere wichtige Tätigkeiten, ohne die eine Gesellschaft nicht bestehen kann, unter Druck, so vor allem die bisher von Frauen erbrachten unbezahlten Sorgetätigkeiten für Angehörige, Kinder, Kranke und Alte. Von einer Universalisierung solcher Tätigkeiten kann also keineswegs gesprochen werden, trotz Elterngeld, Pflegegeld und Familienaudits für Unternehmen, welche die Angehörigenbetreuung und Pflege für Frauen und Männer ermöglichen sollen. Zum Teil werden diese Tätigkeiten fürsorglicher Praxis professionalisiert, vermarktlicht und transnationalisiert. Für manche Sorgetätigkeiten, besonders in den Herkunftsländern der oft in diesem Bereich tätigen Migrantinnen, gibt es aber keinen Ersatz mit entsprechend problematischen Folgen.[4]

Fußnoten

2.
Vgl. Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 1992, S. 12
3.
Vgl. Markus Promberger, Hartz IV im sechsten Jahr, in: APuZ, (2010) 48, S. 10-17; Irene Dingeldey, Agenda 2010: Dualisierung der Arbeitsmarktpolitik, in: ebd., S. 18-25. Zur Herausforderung für eine gendersensible Arbeitsforschung vgl. Ingrid Kurz-Scherf/Lena Correll/Stefanie Janczyk (Hrsg.), In Arbeit: Zukunft. Die Zukunft der Arbeit und der Arbeitsforschung liegt in ihrem Wandel, Münster 2005.
4.
So ist in Rumänien und anderen Ländern, aus denen Betreuungs- und Pflegepersonen zu günstigen Konditionen in die EU kommen (Care Drain), schon von "Migrationswaisen" die Rede. Vgl. Le Monde diplomatique vom 12.9.2008, S. 12f.