APUZ Dossier Bild

6.4.2011 | Von:
Eva Senghaas-Knobloch

Arbeitskraft ist mehr als eine Ware. Arbeiten in der postfordistischen Dienstleistungsgesellschaft

Doppelter Transformationsprozess

Die Struktur der Erwerbsarbeit selbst ist in Deutschland seit 1990 durch einen doppelten Transformationsprozess[5] tiefgreifend verändert worden: zum einen durch die Transformation der gesellschaftlichen und politischen Institutionen und Strukturen im Osten mit Blick auf Anpassung an westdeutsche Muster; zum anderen durch eine allgemeine Transformation der Wirtschaft in Richtung neoliberale Politikziele, Deregulierung und grenzüberschreitende Produktionen und Dienstleistungen in globalen Strukturen - ein Strukturwandel, der durch neue Schlüsseltechnologien wie Mikroelektronik und Internet unterstützt wurde.

Was im Rückblick in West und Ost als fordistisches Produktions- und Regulationsregime beschrieben wurde,[6] beruhte einst auf industrieller Massenproduktion stark standardisierter Produkte für den Massenkonsum in regulierten Märkten. In solch einem Kontext konnten im Westen selbstbewusste Gewerkschaften mit Arbeitgebern über Löhne und Lohnrahmenbedingungen sowie über die sozialstaatliche Ausrichtung in gemeinsam getragenen Institutionen innerhalb je konsolidierter Volkswirtschaften verhandeln. Die Beschäftigten waren mehrheitlich in sozialversicherten Vollzeitbeschäftigungen tätig, und zwar sowohl in typischen Angestelltenberufen als auch in Fach- und angelernten Tätigkeiten der industriellen Produktion.[7]

Mit Blick auf Freiheitsspielräume, Abwechslungsreichtum sowie Kooperations- und Lernchancen bei der Arbeit waren die Arbeitsbedingungen aber sehr unterschiedlich. Produktionstätigkeiten in der verarbeitenden Industrie waren durch die Prinzipien tayloristischer Arbeitsvorgaben bestimmt, das heißt durch eine vom Management durchgesetzte Abspaltung aller planerischen von ausführenden Tätigkeiten, mit der Folge minutiös vorgegebener Handgriffe und strikter hierarchischer Kontrolle. Prototyp solcher Arbeitsbedingungen war das Fließband. Schon in den 1960er Jahren wurden wegen der wenig menschengerechten Arbeitsbedingungen in der Bundesrepublik willige Arbeitskräfte im Ausland gesucht. Wer gleichwohl aus Deutschland in der industriellen Produktion von Massenkonsumgütern, zum Beispiel von Autos, tätig war, kam vielfach aus Ausbildungsberufen und kleinen Betrieben (Kraftfahrzeugmechaniker, Koch, Frisörin u.a.); bei diesem Wechsel wurden deutlich höhere Löhne oder familiengerechtere Arbeitszeiten, aber auch Arbeitsplätze eingetauscht, die als schwer, monoton, freiheitsberaubend und kränkend erlebt wurden. Eine Arbeiterin beschrieb dies im Rückblick auf die ersten Abende, nachdem sie ihren alten Arbeitsplatz als Fleischfachverkäuferin mit einem Platz am Montageband in einem Automobilwerk getauscht hatte, folgendermaßen: "(...) hab mich aufs Sofa gesetzt und habe nur geheult".[8]

Während die betriebliche Sozialordnung in kleinen und mittelgroßen Unternehmen weiterhin durch sehr unterschiedliche Ausgestaltungen des Verhältnisses von Kooperation und Konflikt zwischen Belegschaft und Unternehmer geprägt blieb,[9] waren die sozialen Beziehungen in großen Unternehmen überwiegend durch eine strenge Hierarchie und Kontrollkultur charakterisiert. Misstrauen war das prägende Prinzip in der Industrie; eine Vertrauenskultur war eher im Angestelltenbereich anzutreffen. In dieser Situation wurde die später von Betriebsvereinbarungen getragene Einführung von qualifizierter Gruppenarbeit, zum Beispiel in der Automobilindustrie, von vielen Beschäftigten als Befreiung von Demütigung und Unterdrückung bewertet.[10]

Die fordistische Formation erodierte in der Folge von Absatzkrisen durch die Sättigung der Märkte für dauerhafte Konsumgüter, von neuen Konkurrenten auf dem globalen Warenmarkt, der Deregulierung der Finanzmärkte und der Ausbreitung neuer Technologien wie der Mikroelektronik. Als neoliberale Wirtschaftspolitik zur vorherrschenden Leitperspektive wurde, begannen Unternehmen eine Politik der Dezentralisierung und Transnationalisierung. Die Politik setzte in den Gemeinwesen auf die Privatisierung bisher staatlich organisierter Handlungsfelder; es zerbrach der sozialstaatliche Konsens in den europäischen Industrieländern.[11]

Produktion und Dienstleistungen großer westlicher Konzerne wurden in sogenannten globalen Wertschöpfungsketten dezentralisiert, also nach Maßgabe von Kostenminimierung und profitorientierten Investitionsimperativen auf Standorte an völlig verschiedenen Orten der Welt verlagert (outsourcing/insourcing), zurückverlagert oder auch aufgegeben (disinvestment). Hatte Henry Ford den Ehrgeiz gehabt, möglichst alle Bestandteile seiner Autos in eigenen Fabriken zu produzieren, so lautet die Devise in der postfordistischen Ära, alle Produktions- und Dienstleistungsprozesse dorthin auszulagern, wo sie billiger einzukaufen sind. Relativ hohe Löhne hatten im Fordismus dazu beitragen sollen, dass die neuen dauerhaften Konsumgüter von den Beschäftigten, die sie produzierten, selbst erworben werden konnten. Demgegenüber geht es jetzt den Firmen darum, Marktanteile durch möglichst billige Produkte (wieder) zu erobern. Das beinhaltet die Nutzung der billigsten Arbeitskraft, in den neuen Herkunftsländern der Produkte ebenso wie in Deutschland. Entsprechend gewannen auch neue Verkaufsstrategien und flexibilisierte Beschäftigungsverhältnisse im Einzelhandel an Boden.[12] Auf den (Teil-)Arbeitsmärkten erhöhte sich die Konkurrenz durch globale Strukturen. Niedriglöhne (gemessen an 60 Prozent des Medianlohns) haben daher auch in Deutschland stark zugenommen und betreffen heute 25 Prozent der Beschäftigten.[13]

Viele Unternehmen investierten überdies einen Teil ihrer Gewinne in spekulative Geschäfte, weil die sogenannten neuen Finanzinstrumente in einem deregulierten Finanzmarkt sehr viele höhere Rendite versprachen als realwirtschaftliche Prozesse. Diese spekulativen Transaktionen haben trotz einiger Neuregulierungen angesichts der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise seit 2008 auch heute wieder Konjunktur. In den Wirtschaftsmedien mehren sich kriegerische Ausdrucksweisen wie "feindliche Übernahme" ebenso wie Bilder von Katastrophen biblischen Ausmaßes ("Heuschreckenplage"). Tatsächlich hat sich die existenzielle Abhängigkeit von den Volatilitäten (Schwankungsbreite der Wertpapierkurse) des Weltfinanzmarkts für viele Beschäftigte auch hierzulande erhöht und angesichts des verminderten Sozialschutzes zu weit verbreiteten Unsicherheitsgefühlen beigetragen.[14]

In den Gemeinwesen hat die Politik der Privatisierung zur Umwandlung von Behörden in Unternehmen und zu umfassenden Strategien der Ökonomisierung geführt. Verbunden war dies mit einem Abbau der öffentlichen Beschäftigung und der Einführung neuer Managementstrategien auch in Organisationen für soziale Dienstleistungen. Die Idee, möglichst überall wenig regulierte Marktprozesse einzuführen, setzte sich auf breiter Front durch: In der Arbeits- und Sozialpolitik ging sie mit der Tendenz einher, die hohen Arbeitslosenquoten und Staatsausgaben durch Flexibilisierung und (Re-)Kommodifizierung von Arbeitskraft zu senken: durch eine Senkung der Zumutbarkeitsschwellen für angebotene Arbeit, durch Kürzung des Arbeitslosengeldbezugs und durch Anreize für atypische Beschäftigungsformen. Zu Letzteren gehören befristete Beschäftigung, sozial versicherte Teilzeit ohne existenzsicherndes Einkommen, geringfügige Beschäftigung, Leiharbeit und Alleinselbstständigkeit. Alle diese Beschäftigungsformen sind mit einem größeren Risiko mit Blick auf Einkommen, Sozialschutz, Mitsprachemöglichkeiten und Arbeitsbedingungen verbunden, mit weniger arbeitsrechtlichem Schutz und prekären Lebensbedingungen.[15]

Die Flexibilitätsanforderungen, denen sich Unternehmen durch neue Marktverhältnisse ausgesetzt sehen, sind an die Beschäftigten in Gestalt von externen (atypische Beschäftigungsformen) und internen (Arbeitszeitflexibilisierung, neue Managementstrategien) Flexibilisierungsstrategien weitergegeben worden. Grundlegende Veränderungen der Erwerbsarbeit finden sich daher in der postfordistischen Formation in dreifacher Hinsicht: erstens bei flexiblen Beschäftigungsformen, zweitens bei organisationsinternen Vermarktlichungsprinzipien innerhalb der Unternehmen und drittens bei Anforderungen an das Engagement der Beschäftigten.[16]

Fußnoten

5.
Vgl. Hellmuth Lange/Eva Senghaas-Knobloch, Wissenschaftlich-technische Fachkräfte im doppelten Transformationsprozess. Deutsch-deutsche Verständigungsschwierigkeiten, in: Hellmuth Wollmann/Helmut Wiesenthal/Frank Bönker (Hrsg.), Transformation sozialistischer Gesellschaften. Am Ende des Anfangs, Leviathan, Sonderheft 15 (1995), S. 299-320.
6.
Vgl. Alain Lipitz, Demokratie nach dem Fordismus, in: Das Argument, 189 (1991), S. 677-694. Für die DDR vgl. Katharina Bluhm, Vom gescheiterten zum nachholenden Fordismus?, in: Eva Senghaas-Knobloch/Hellmuth Lange (Hrsg.), DDR-Gesellschaft Innen. Arbeit und Technik im Transformationsprozess, Bonn 1992, S. 44-56.
7.
Diese Beschäftigungsbedingungen galten auch für die meisten Frauen, wenngleich dies keineswegs ihrem Verständnis von idealer Arbeitszeit entsprach; vgl. Christel Eckart, Der Preis der Zeit. Eine Untersuchung der Interessen von Frauen an Teilzeitarbeit, Frankfurt/M. 1990.
8.
Zit. nach Brigitte Nagler/Annette Dohms, Arbeitserfahrungen und Lebensziele im Rückblick. Jungsenioren, in: Eva Senghaas-Knobloch/Brigitte Nagler/Annette Dohms, Zukunft der industriellen Arbeitskultur. Persönliche Sinnansprüche und Gruppenarbeit, Münster 1997, S. 103.
9.
Vgl. Hermann Kotthoff/Josef Reindl, Die Soziale Welt kleiner Betriebe, Göttingen 1990.
10.
Vgl. E. Senghaas-Knobloch/B. Nagler/A. Dohms (Anm. 8). Viele der Mitte der 1990er Jahre eingeführten Partizipationsformen sind im Zuge einer Retaylorisierung wieder zurückgenommen worden.
11.
Vgl. Norbert Altmann/Fritz Böhle (Hrsg.), Nach dem "Kurzen Traum". Neue Orientierungen in der Arbeitsforschung, Berlin 2010.
12.
Vgl. Ellen Hilf/Heike Jakobsen, Deregulierung der Öffnungszeiten und Flexibilisierung der Beschäftigung im Einzelhandel, in: Arbeit. Zeitschrift für Arbeitsforschung, Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik, 9 (2000) 3, S. 204-216.
13.
Thorsten Kalina/Claudia Weinkopf, Niedriglohnbeschäftigung 2007 weiter gestiegen, zunehmende Bedeutung von Niedrigstlöhnen, in: IAQ-Report, (2009) 5.
14.
Vgl. Marcel Erlinghagen, Mehr Angst vor Arbeitsplatzverlust seit Hartz?, in: IAQ-Report, (2010) 2.
15.
Vgl. APuZ, (2008) 33-34; APuZ, (2008) 51-52. Arbeitswissenschaftler und der Deutsche Gewerkschaftsbund haben auf diese Entwicklung mit einer Debatte über die Qualität der Arbeit und ihre Messung durch einen Index reagiert.
16.
Vgl. Eva Senghaas-Knobloch, Wohin driftet die Arbeitswelt?, Wiesbaden 2008.