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6.4.2011 | Von:
Eva Senghaas-Knobloch

Arbeitskraft ist mehr als eine Ware. Arbeiten in der postfordistischen Dienstleistungsgesellschaft

Flexibilisierung der Beschäftigung

In Deutschland ist es seit den unter dem Namen "Hartz-Gesetze" bekannt gewordenen Reformen am Arbeitsmarkt zwar zu einem Abbau der registrierten Arbeitslosigkeit gekommen, aber bis heute nicht zu einem nennenswerten Anstieg der existenzsichernden, sozialversicherten Vollzeitbeschäftigung, welche die Referenzfolie für die Regelungen im Sozialschutz bildet. Trotz eines leichten Wiederanstiegs aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung vor der Finanzkrise im Jahre 2008 konnte weder der Anteil des Jahres 2001 noch der Anteil von 1994 wieder erreicht werden.[17] Auch die im Januar 2011 erneut gefeierte Überschreitung der 40-Millionen-Grenze bei den Beschäftigten beruht auf einem Anstieg atypischer Beschäftigung. In Dienstleistungsbereichen verschiedenster Art von der Reinigungs- bis zur Medienbranche werden zum Beispiel seit Langem vermehrt Kauf-, Werk- und Honorarverträge mit Alleinselbstständigen und freien Mitarbeitern (Freie, feste Freie, Freelancer) statt Arbeitsverträge abgeschlossen.[18]

Teilzeitarbeit findet sich besonders häufig unter Frauen. Auch im EU-Durchschnitt (der 27 Länder) haben nach Eurostat-Daten nur 8 Prozent der Männer eine Teilzeitbeschäftigung, aber 31 Prozent der erwerbstätigen Frauen, wobei die Niederlande mit 75 Prozent und Deutschland mit 46 Prozent der beschäftigten Frauen einen besonders hohen Anteil aufweisen. Dabei ist nicht nur die Teilzeitquote für sozialversicherungspflichtige Beschäftigung für Frauen höher, auch die Quote sogenannter geringfügiger, nicht sozialversicherter Beschäftigung ist stark gestiegen. In keinem Land der EU findet sich im Übrigen (unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Zahl der Arbeitsstunden) eine so ausgeprägte Einkommensungleichheit zwischen den Geschlechtern wie in der Bundesrepublik Deutschland.

Von Bedeutung ist zudem - allerdings auf deutlich niedrigerem Niveau - die Zunahme der Leiharbeit, auch Zeitarbeit genannt, die zwischen 1994 und 2008 auf knapp 3 Prozent stieg. Die starke Zunahme ist durch Veränderungen im entsprechenden Gesetz geprägt wie die Aufhebung des besonderen Befristungsverbots, des Synchronisationsverbots (das heißt des zeitlichen Zusammentreffens des Arbeitsvertrags bei der Zeitarbeitsfirma mit der Auftragsdauer bei der Kundenfirma) sowie des Wiedereinstellungsverbots. In der Krise wurden diese Menschen als Erste arbeitslos; im Konjunkturaufschwung greifen Unternehmen jetzt vermehrt auf Leiharbeit als externe Flexibilisierungsstrategie zurück. Für die Beschäftigten (meist Männer) ist also Leiharbeit mit großer Unsicherheit verbunden, aber auch mit bedeutenden Lohneinbußen - deshalb die gewerkschaftliche Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit im selben Betrieb.

Auch die Quote befristeter Beschäftigung ist zwischen 1992 und 2009 von 10,5 Prozent auf 14,5 Prozent gestiegen. Der entsprechende Anteil bei neuen Beschäftigungsverhältnissen wuchs im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts gemäß den vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erhobenen Betriebspanel-Daten sogar von 32 Prozent auf 47 Prozent. Bei Akademikern stieg der Anteil auf über 40 Prozent.[19]

Fußnoten

17.
Zu den folgenden Angaben vgl. Martin Dietz/Ulrich Walwei, Mehr Beschäftigung um jeden Preis?, in: Karin Kaudelka/Gerhard Kilger (Hrsg.), Die Arbeitswelt von morgen. Wie wollen wir leben und arbeiten?, Bielefeld 2010, S. 57-87.
18.
Vgl. Karin Gottschall/Annette Henninger, Freelancer in den Kultur- und Medienberufen: freiberuflich, aber nicht frei schwebend, in: Nicole Mayer-Ahuja/Harald Wolf (Hrsg.), Entfesselte Arbeit - neue Bindungen, Berlin 2005, S. 153-183.
19.
Vgl. Markus Heckmann et al., Stellenbesetzungen in der Krise, in: IAB-Kurzbericht, (2010) 23, S. 5.