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6.4.2011 | Von:
Eva Senghaas-Knobloch

Arbeitskraft ist mehr als eine Ware. Arbeiten in der postfordistischen Dienstleistungsgesellschaft

Decent Work für alle?

Die Arbeitskraft ist an die Person der Menschen und deren Würde gebunden; der Arbeitsmarkt darf daher nicht als Markt wie jeder andere begriffen werden. Diese Einsicht ist schon 1919 bei der Gründung der ILO feierlich in der Verfassung der Organisation verankert worden. Seit 1999 bemüht sich die ILO mit ihrer "Agenda für Decent Work" den Fehlentwicklungen der Globalisierung im Arbeitsleben entgegenzutreten. Zu den Säulen der Decent Work-Agenda gehören Rechte bei der Arbeit, Beschäftigungsförderung, Sozialschutz und Sozialdialog.[29] Man könnte dies ein Programm zur Achtsamkeit in Gesellschaften und Unternehmen nennen.[30]

Welche Folgen müsste es in Deutschland zeitigen? In Deutschland müsste das Politikziel Decent Work bei der Förderung produktiver Beschäftigung eine nachhaltige Arbeitsqualität anstreben, in der sich gute Arbeitsbedingungen mit guten Arbeitsergebnissen und ökologischer Sensibilität verbinden: Angesichts atypischer Beschäftigungsverhältnisse bedarf es neuer Bezugsgrößen für Sozialschutz im Falle von Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit. Das von der EU-Kommission lancierte Konzept der Flexicurity (Flexibilität und Sicherheit), so diskussionsbedürftig es noch konzeptionell sein mag, hat vor allem ein Umsetzungsproblem.[31] Weiterhin bedarf es der organisierten Vertretung von Beschäftigten, vor allem in transnational agierenden Unternehmen; für Alleinselbstständige wären neue genossenschaftliche Formen zu erproben.

Neben diesen gesellschaftspolitischen Ansätzen müssten auf der Seite der Unternehmen Routinen für Achtsamkeit eingeführt werden, zum Beispiel durch gesicherte (Zeit-)Räume für geschützte Dialoge zur gesundheitspräventiven Thematisierung problematischer Organisationsabläufe. Viele mittelständische Betriebe konnten bekanntlich auf der Grundlage achtsamer sozialer Beziehungen auch wirtschaftliche Turbulenzen erfolgreich überstehen. Es geht um notwendige Rahmenbedingungen, damit Unternehmen wieder als soziale Erfahrungsräume und nicht vor allem als Finanzanlage wahrgenommen werden. Die Geltung des Erwerbsbürgerprinzips für Männer und Frauen macht es zudem unabdingbar, dass auch die Flexibilitätsanforderungen der nicht beruflichen Sorgetätigkeiten in der Arbeitspolitik berücksichtigt werden, damit sie mit den Flexibilitätsanforderungen der Erwerbsarbeit in Einklang gebracht werden können. Eine innovative Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft ist ohne humane Arbeitsbedingungen nicht zukunftsfähig.

Fußnoten

29.
Vgl. Eva Senghaas-Knobloch, Internationale Arbeitsregulierung, in: APuZ, (2010) 34-35, S . 27-33.
30.
Vgl. Guido Becke et al. (Hrsg.), "Decent Work". Arbeitspolitische Gestaltungsperspektiven für eine globalisierte und flexibilisierte Arbeitswelt, Wiesbaden 2010.
31.
Vgl. Berndt Keller, Flexicurity. Umsetzung und Implementation von Konzepten, in: Arbeit. Zeitschrift für Arbeitsforschung, Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik, 19 (2010) 2-3, S. 195-208.