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30.11.2011 | Von:
Gemma Pörzgen

Russische Medien zwischen Vielfalt und Bedrohung

"Küchengespräche" im Internet

Das Internet gilt in Russland bislang als Reservat der Pressefreiheit. Anders als in China oder im Iran gibt es in der Russischen Föderation keine staatliche Zensur im Netz. Als die US-Organisation "Freedom House" im April 2011 das russische Internet nur als "eingeschränkt frei" charakterisierte, protestierten viele Blogger gegen diese Einschätzung und bestanden darauf, dass das russische Internet frei sei. Die Zahl der regelmäßigen Nutzer steigt beständig und liegt nach Schätzungen des Moskauer Umfrageinstituts WZIOM 2011 bei 40 Prozent der russischen Bevölkerung und damit elf Prozent höher als noch vor einem Jahr. Unter jungen Leuten zwischen 18 und 24 Jahren sollen sich sogar 91 Prozent im Netz tummeln, wobei dabei noch keine Aussage gemacht ist, wie viele von ihnen tatsächlich auf informative Inhalte zugreifen.[14]

Ohne Frage spielt das Internet in Russland eine sehr große Rolle, und die russischsprachige Blogosphäre ist grenzüberschreitend. Die Blogger sitzen nicht nur in der Russischen Föderation, sondern in mehr als 90 Ländern. Über das Internet ist die weitverzweigte russische Diaspora heute aktiver Teil der Debatten im Inland. Kritische Intellektuelle, die in anderen Medien nicht zu Wort kommen, können ihre Stimme erheben und schreiben regelmäßig ihre vielgelesenen Blogs. Die meisten russischen Blogger tummeln sich auf der Massen-Plattform "Live-Journal", liebevoll "Schiwoj Schurnal" oder "Sche-Sche" genannt.[15] Während in westlichen Ländern Blogger meist vereinzelt auftreten und vor allem "Facebook" als wichtigstes soziales Netzwerk dient, ist dies in Russland auf dem "Live-Journal" von Anfang an verschmolzen. Auf diese Weise haben einige bekannte Blogger sehr schnell eine große Leserschaft versammelt und die russische Blogosphäre stärker politisiert als beispielsweise in Deutschland.

Vielen Russen dient die Blogosphäre als moderner Ersatz für die "Küchengespräche" der Sowjetzeit, bei denen über alles gesprochen wurde, was damals in keiner Zeitung stand. Heute wandern viele Themen und Debatten ins Internet und werden dort sehr aufmerksam verfolgt. Längst haben sich im Netz auch hochwertige journalistische Angebote wie www.gazeta.ru etabliert, die als wichtige, glaubwürdige Informationsquelle gelten. Russische Blogger berufen sich gerne auf die Tradition des "Samisdat" in der Sowjetunion, als im Selbstverlag entstandene Schriften in Dissidentenkreisen kursierten und verbotene Texte die Runde machten.

Abseits der größeren Städte bleibt es vielerorts noch schwer, einen Internetzugang zu bekommen. Deshalb ist strittig, wie weit der Einfluss des Internets auf die russische Bevölkerung reicht. Auch der russische Journalist und Blogger Oleg Kaschin zeigt sich skeptisch, ob die Freiheit im Internet wirklich politische Wirkung entfaltet: "Hier lassen die Leute ihren 'Dampf' ab. Gäbe es im Internet diese Möglichkeit nicht, dann wäre in Russland schon millionenfach der 'Arabische Frühling' ausgebrochen. Aber so verbreiten die Unzufriedenen ihren Unmut im Netz." In der Wirklichkeit verändere dies nichts, zeigt sich Kaschin überzeugt.[16] Vermutlich ist es auch deshalb so, dass die Behörden kaum gegen kritische Internet-Medien oder Blogger vorgehen. "Auf die Kampagnen der Blogger reagiert der Staat meistens überhaupt nicht - obwohl viel Geld ausgegeben wird, um Leute anzuheuern, die zu Tausenden die gleichen Kommentare auf den Blogs hinterlassen", so Kaschin. Allerdings würden inzwischen einzelne Posts in den Blogs juristisch verfolgt. Auch gab es inzwischen schon Verurteilungen von Bloggern. Zudem wurde das "Live-Journal" 2011 wiederholt von Hackern attackiert, was einige Blogger dazu veranlasste, auf andere Plattformen zu wechseln. Sorge bereitet auch, dass russische Behörden eine Software testen, mit der schon bald angebliche "extremistische Inhalte" aufgespürt werden sollen.

Nach Darstellung des Chefredakteurs des Radiosenders "Echo Moskwy", Alexej Wenediktow, sind die Machthaber von der Entwicklung des Internets und der sozialen Netzwerke gewissermaßen befremdet. "Putin begegnet dem Internet generell mit Misstrauen. Er nutzt es nicht, im Unterschied von dem jetzigen Präsidenten, der sogar seinen Zeitplan im iPad speichert. Putin meint, das Internet sei die Zone der gefälschten Informationen und des Manipulierens, was bis zu einem gewissen Grad auch stimmt."[17] Während Medwedew selbst bloggt und twittert und sich mit seiner Internetaffinität als moderner Weltbürger präsentiert, spricht bislang wenig dafür, dass Putin diese Sympathie für neue Medien teilt. Ob er es allerdings wagen wird, auch dieses letzte Reservat der Freiheit unter seine Kontrolle zu bringen, werden vermutlich bereits die kommenden Monate seines Wahlkampfes zeigen.

Fußnoten

14.
Internet-Nutzer in Russland in der Mehrheit: 53 Prozent, in: Russland-Aktuell vom 29.9.2011, online: www.aktuell.ru/russland/news/internet_
nutzer_in_russland_in_der_mehrheit
_53_prozent_30538.html (9.11.2011).
15.
Vgl. Gemma Pörzgen, Demokratische Bastion, in: Medienmagazin Insight, (2008) 2, S. 9-13.
16.
Vgl. Anton Barbashin, Blogosphäre in Russland: Viel Dampf, wenig Veränderung. Interview mit Oleg Kaschin, 3.11.2011, online: www.boell.de/weltweit/europanordamerika/
europa-nordamerika-blogosphaere-in-russland-ohne-blogs-haette-es-laengst-aufstaende-gegeben-13252.html (9.11.2011).
17.
Briefing (Anm. 13).