Bei einem Black Lives Matter Protest in Bristol wird die Statue von Edward Colston in das Hafenbecken geworfen

1.10.2021 | Von:
Iman Attia
Olga Gerstenberger
Diane Izabiliza
Ozan Zakariya Keskinkılıç
Iris Rajanayagam
Isidora Randjelović

Verwobene Geschichten – geteilte Erinnerungen

"Verwobene Geschichte(n)" ist ein Gemeinschaftsprojekt,[1] das an Erinnerungen anknüpft, die wir – politisch engagierte Wissenschaftler*innen mit Rassismuserfahrungen – in der erinnerungskulturellen Landschaft Deutschlands vermissen. Das Projekt macht kollektive Erinnerungen sicht- und hörbar, die in der hegemonialen Forschung, Bildung, Kultur und Politik entweder gar nicht vorkommen oder aber in einer Weise erforscht, erzählt, ausgestellt und gelehrt werden, die einer erneuten Rassisierung,[2] stereotypisierenden, instrumentalisierenden, viktimisierenden, ein- und ausschließenden Missrepräsentationen bis hin zur aktiven Auslöschung und Entinnerung[3] gleichkommt. Die verwobenen Geschichten stellen globalhistorische, verflechtungsgeschichtliche Bezüge her,[4] die in nationaler Geschichtsschreibung ausgespart bleiben,[5] trivialisiert[6] oder als Migrationsgeschichten[7] von der "eigentlichen" deutschen Geschichte abgetrennt werden, um sie über den Umweg ihrer Exotisierung und Externalisierung als fremde Geschichten neu einzuführen. Demgegenüber verbindet unser Praxisforschungsprojekt Geschichtsbezüge, Narrative und Erinnerungen marginalisierter Communities mit deutscher Geschichte einerseits und miteinander andererseits.

Erinnern an Widerstand und Solidarität

"Verwobene Geschichte(n)" bringt marginalisierte Geschichte(n) und Erinnerungen miteinander ins Gespräch, sodass das Verbindende und das Trennende, die gemeinsame und die vielen spezifischen Erfahrungen mit rassistischer Gewalt aus der Perspektive des Widerstands sichtbar werden. Die Unterscheidung in "Rassen", Religionen und Kulturen hält den fluiden, vielschichtigen und hybriden Identifizierungen nicht stand und hat doch reale Folgen. Die Rassismen werden im Zuge ihrer Konstruktion und Durchsetzung materialisiert, strukturieren Gesellschaften, normieren Wissen, bilden Subjekte. Sie wirken in die Gegenwart hinein und bringen neue Formen von Rassismus und Widerstand hervor. Sie sind als soziale und historische Bedingungen wirkmächtig und bilden in vielfach widersprüchlichen und ambivalenten Weisen und in Intersektion mit anderen Verhältnissen Identitäten, Communities, Gesellschaften und Kulturen. Der Widerstand gegen Rassismus formiert sich in Auseinandersetzung mit ihm. Er folgt der Konstruktion und antwortet (strategisch) essentialistisch, er begegnet der rassistischen Hierarchisierung mit solidarischen, grenzüberschreitenden Allianzen, er setzt den unterkomplexen Stereotypisierungen interrelationale Verbindungen, globalhistorische Verflechtungen und intersektionale Perspektivierungen entgegen. "Verwobene Geschichte(n)" spürt jene Antworten auf Rassismen auf, die ihnen effektiv begegnen, ohne in ihrer Logik des Teilens/Hierarchisierens und Herrschens/Beherrschtwerdens gefangen zu bleiben.

Anstatt Rassismen in ihrer Gewalttätigkeit und ihrem Verletzungspotenzial erneut Raum zu geben, setzen wir die Kenntnis seiner Existenz und ihrer Wirkungsweise voraus. Im Unterschied zu Erinnerungsarbeit, die (Mit-)Täter*innen und ihre Nachkommen sowie die Profiteure rassistischen Unrechts wachrütteln und aufklären will und vor der Rückkehr rassistischer Gewalt warnt ("Nie wieder!"), liegt unser Fokus auf der kulturellen und narrativen Dokumentation und Entfaltung widerständiger Praktiken gegen die verschiedenen Formen und Ausmaße von Rassismus mitsamt seinen anhaltenden Nachwirkungen und fortwährenden Kontinuitäten. Ohne die Verletzungen und den Schmerz immer wieder neu zu entfachen, aufrechtzuerhalten und sich davon paralysieren zu lassen, zielen "Verwobene Geschichte(n)" auf die Handlungsfähigkeit rassisierter Personen und Communities. Wir rufen aus der Perspektive des Widerstands gegen rassistisches Unrecht seine genozidale Gewalt und die alltäglichen Mikroaggressionen implizit in Erinnerung, ohne uns daran aufzuhalten. Vielmehr explizieren wir das Wissen, die Erzählungen und die Praktiken rassisierter Personen und nehmen ihre Handlungsmacht, Solidarität und Heilungspotenziale in den Blick. Da Rassismus nachwirkt und anhält, geht es uns nicht darum, die Vergangenheit als Mahnung in all ihren Grausamkeiten in Erinnerung zu halten. Vielmehr dient uns die Erinnerung als Fundus an Handlungsoptionen, die in unterschiedlichen gesellschaftlichen Konstellationen der rassistischen Gewalt durch Kreativität, Menschlichkeit und Überleben widerstanden haben. Erinnerung dient uns auch als Grundlage, um zu verstehen, wie rassisierte Subjekte und Communities sowie aktuelles Unrecht, institutioneller Rassismus und gesellschaftliche Machtverhältnisse geworden sind, sodass wir uns anerkennen und unser Wissen und unsere Kulturen wertschätzen.

"Verwobene Geschichte(n)" versucht, der rassisierenden Differenzierung und Hierarchisierung zu widerstehen, die nicht nur zwischen dem weißen, christlich-/säkularen Westen und dem Rest gezogen wird, sondern auch zwischen den rassisierten Gruppen und den historischen Ereignissen, in denen Rassismen zwar interrelational, aber spezifisch gegen verschiedene Gruppen gewaltsam durchgesetzt wurden. Rassismen in Relation zueinander zu denken, läuft dann Gefahr, Unvergleichliches zu vergleichen, wenn der Vergleich darauf zielt, die Ordnung und die Hierarchie des rassistischen Denkens nachvollziehen und aus dieser Logik heraus Empathie und Wiedergutmachung proportional zur Gewalt zu verteilen. Die enge Anbindung an die Logik von "Rassen"-Hierarchien wiederholt ihre Gewalt und vermag es nicht, die Täter*innenperspektive zu verlassen. Es liegt ihr keine emanzipatorische Kraft inne. Sie bringt erneut ihre Opfer zum Schweigen, macht sie als Opfer handlungsunfähig und als Subjekte unsichtbar, abhängig von der Einsicht, der Reue und der Gnade der (Mit-)Täter*innen.

Demgegenüber interessieren wir uns für solidarisches und relationales Erinnern und Gedenken, um die aus dem hegemonialen Gedächtnis gelöschten Narrative und Perspektiven auf Geschichte sichtbar zu machen und zu würdigen, ihre Potenziale in der Vergangenheit zu erkennen und in der Gegenwart zu nutzen. Das Entinnern[8] lässt nicht nur einige Perspektiven aus, sondern verdrängt sie aus dem öffentlichen Raum, spricht ihnen Wahrheit und Relevanz ab, deutet sie zu hegemonialen (politischen, pädagogischen, kulturellen) Zwecken um. Die Neu-Erzählung[9] von Geschichte aus marginalisierten Perspektiven geht kontrapunktisch[10] vor, ihre Narrative ergänzen nicht bloß das nationale Narrativ, sondern provinzialisieren[11] und korrigieren es. Kontrapunktische Neu-Erzählungen setzen in Relation, was im Rassismus getrennt wird, und bringen zum Vorschein, was darin auszulöschen versucht wurde. Rassismus als globalhistorische Beziehungsgeschichte aus widerständigen Perspektiven zu erzählen, verbindet die Welt räumlich und zeitlich miteinander und fordert hegemoniale Perspektiven heraus.

Leerstellen, Lücken, Sackgassen

Erinnerungen rassisierter Communities weisen Gemeinsamkeiten mit und Unterschiede zu hegemonialen Narrativen auf. Gemeinsam ist dem historischen Denken und der kulturellen und narrativen Repräsentation vergangener Erfahrungen, dass sie die Gegenwart erklären und die Zukunft entwerfen, dass sie zudem Gemeinschaft stiften und sie handelnd organisieren. Im Unterschied zu hegemonialen Narrativen beziehen sich marginalisierte Narrative nicht nur auf ihre eigene Erinnerung, sondern setzen sich – zwangsläufig – mit hegemonialen und häufig auch mit weiteren marginalisierten Narrativen auseinander. Sie sind aufgrund ihrer Marginalisierung und der Entinnerung ihrer Erfahrungen damit konfrontiert, ihre Erinnerungen ins Verhältnis zu den hegemonialen zu setzen. Dies verbindet verschiedene marginalisierte Erinnerungen ebenso miteinander wie die Notwendigkeit, ihre Geschichte(n) als globalhistorische zu erzählen, um die Konstellationen, in denen ihre Rassisierung wirksam werden konnte, zu verstehen und sich von Auswirkungen und Kontinuitäten – perspektivisch – befreien zu können. Da die Erzähler*innen hegemonialer, nationaler Narrative in der Regel kein Interesse daran haben, die von ihnen ausgehende Gewalt und die darauf beruhenden Privilegien rechtlicher, ökonomischer, materieller, kultureller und emotionaler Art als strukturelle Bedingungen von Gesellschaft in Erinnerung zu halten, archivieren und kanonisieren ihre Konstrukteur*innen nur jene Zeugnisse, die ihren Narrativen den gewünschten Sinn verleihen. Marginalisierte Communities stoßen meist auf Leerstellen, Lücken und Sackgassen, wenn sie Zeugnisse für ihre Erinnerungen in Museen, Archiven und Bibliotheken suchen. Oder aber sie sehen sich mit gewaltvollen Deutungen der gemeinsamen Geschichte konfrontiert, die als sekundärer Rassismus zu erneuten Verletzungen führen. Eigene Archive und Formen des Erinnerns und Weitergebens von Geschichte sind also nötig.

Auch andere marginalisierte Perspektiven auf Geschichte, etwa jene nicht-rassisierter Frauen, Lesben, Schwuler, Trans und Queers beziehen ihr Wissen aus anderen Quellen als aus jenen Archiven, die die politisch Herrschenden, kulturell Dominanten und akademisch Einflussreichen einrichten und deren Bestände sie ihren eigenen Interessen folgend aufbereiten, kanonisieren und verbreiten. Rassisierte Kollektive sind auf narrative und materielle Kulturgüter und Vermittlungsweisen angewiesen, die in den eigenen Communities entwickelt und weitergegeben werden. Mündlich überliefertes Wissen, Fotos von Orten und Personen, die die Existenz trotz gegenläufiger hegemonialer Narrative belegen, Notizen, Skizzen, Gedichte, Lieder, Anekdoten und andere Dokumente eröffnen Perspektiven auf Geschichte, die den Subjektstatus und die Menschlichkeit rassisierter Personen lebendig werden lassen. Sie korrigieren die Missrepräsentationen politischer Interessenvertretungen, hegemonialer Archive und instrumentalisierender Bildungsprogramme, die jeweils auf ihre Weise rassisierte Subjektpositionen auslöschen, objektivieren und viktimisieren.

Gleichwohl stößt die Suche nach Zeugnissen für entinnerte Erinnerungen auf Lücken und Leerstellen, die zwar als solche für sich sprechen, aber dennoch schmerzhaft daran erinnern, dass sie (lange Zeit) aus dem hegemonialen Gedächtnis ausgeschlossen wurden und unerwünscht waren. Damit einhergehende Herausforderungen werden am Beispiel unseres Praxisforschungsprojekts beschrieben.

Community-basiert und kollaborativ arbeiten

Vor dem Hintergrund der Leerstellen und Lücken sowie Missrepräsentationen und Instrumentalisierungen hegemonialer Erinnerungskultur und -politik ist ein community-basiertes Vorgehen angezeigt. "Verwobene Geschichte(n)" zielte aber nicht nur darauf, marginalisierte, ausgeblendete, vernachlässigte Geschichte(n) öffentlich zugänglich zu machen, sondern auch, diese mit der hegemonial-zentrierten Geschichte globalhistorisch zu verweben und gleichzeitig mit anderen marginalisierten, ausgeblendeten, vernachlässigten Geschichte(n) als solidarische, gemeinsame, sich überlappende, interrelationale und intersektionale zu erzählen. Einer Verkürzung globalgeschichtlicher Erinnerungen durch zwar marginalisierte, aber dennoch partikulare Perspektiven auf einzelne historische Ereignisse und Erfahrungen sowie eine einseitige Interpretation in dem Verstehen und Darstellen der geteilten Geschichte(n) versuchten wir zu begegnen, indem wir kollaborativ mit unterschiedlichen Communities forschten und die Präsentation der Ergebnisse konzipierten. Diese Vorgehensweise zielte darauf, spezifische Erinnerungen und Narrative verschiedener Communities sichtbar zu machen sowie Gemeinsamkeiten, Interrelationen und Schnittstellen herauszuarbeiten und diese stets in ihrem Bezug zu oder gar als deutsche Geschichte zu erzählen. Auch hiermit waren Herausforderungen verbunden, gleichwohl konnten einige interessante Erfahrungen im Forschungsprozess gemacht und Ergebnisse im Produkt festgehalten werden.

Das kollaborative, community-basierte Vorgehen bestimmte die Arbeitsweise, die Inhalte und die Präsentation der Ergebnisse. Wissenschaftler*innen, politische Bildner*innen und Aktivist*innen wurden zunächst zu einem Workshop eingeladen, um Impulse für die Recherche community-relevanter Orte, Themen und Biografien zu geben und das Potenzial verwobener Geschichten an Fallbeispielen zu diskutieren. Unser Anliegen war es, marginalisierte Perspektiven in der Berliner Stadtgeschichte zusammenzubringen. Nicht die community-spezifische Unterscheidung zwischen Geschichten verschiedener Communities, sondern die verschachtelten, gleichzeitigen, oft ambivalenten und miteinander verknoteten Erinnerungsfäden zum Ausgangspunkt einer Spurensuche zu nehmen, bildete das grundlegende Interesse. Nachdem Orte gefunden waren, die sich für geteilte Erinnerungen und verwobene Geschichten eigneten, nahmen die Recherchen ihren Lauf. Gespräche mit verschiedenen Akteur*innen trugen dazu bei, die Lücken in hegemonialen Archiven zu schließen und die Blickrichtung zu wechseln, sodass jene Aspekte und Thematisierungsweisen im Mittelpunkt stehen, die für rassisierte Perspektiven relevant sind. In Kooperation mit der Akademie des Jüdischen Museums Berlin, Berlin postkolonial, dem RomaniPhen Archiv, Jugendliche ohne Grenzen, International Women’s Space und vielen Personen aus unterschiedlichen Communities und mit verschiedenen fachlichen Kompetenzen entstanden über die Jahre die Webseite http://www.verwobenegeschichten.de«, ein Audioguide zu "Unfreier Arbeit und Rassismus", der Film "Die Mauer ist uns auf den Kopf gefallen" und eine Ausstellung zu "Schule zieht Grenzen – wir ziehen nicht mit!", die im Folgenden vorgestellt werden.

Ergebnisse des Praxisforschungsprojekts

Die Ergebnisse des community-basierten und kollaborativen Forschungsprozesses können auf der Seite http://www.verwobenegeschichten.de« nachgelesen und zum Teil auch gehört werden. Sie folgen der klassischen Aufteilung in thematische Cluster, Erinnerungsorte und Biografien, ermöglichen aber auch das eigenständige Navigieren auf der Seite mit Hilfe von Verlinkungen. Dem Projektziel, verwobene Geschichten zu erzählen, verpflichtet, kann jedoch weder deutscher als linearer, nationaler Geschichte gefolgt werden, noch führen Pfade zu linearen Erzählungen der Geschichte einer homogenen Community. Vielmehr werden die Erinnerungen an Rassismuserfahrungen in einer Weise miteinander verwoben, die Überlappungen, Solidaritäten und gemeinsame Kämpfe in den Blick nehmen, ohne die spezifischen Positionen und Kontexte zu vernachlässigen.

Insbesondere die Themencluster verbinden historische Epochen und Ereignisse, die häufig getrennt erforscht, ausgestellt und gelehrt werden. Kolonialismus, Nationalsozialismus und aktuelle Formen von Rassismus weisen jeweils Spezifika auf, die jedoch sowohl innerhalb der Epochen Transformationen erfuhren als auch zwischen den Ereignissen Gemeinsamkeiten und Kontinuitäten aufweisen. Letztere nehmen unsere Themen in den Blick, ohne aber die Unterschiede auszublenden.

Orte werden gerne für erinnerungspolitische Manifestationen genutzt: Wege führen alltäglich an ihnen vorbei, Führungen können Geschichte erlebbar werden lassen, Relevanz wird spezifischen Ereignissen oder Personen verliehen, sie werden gewürdigt, ihrer wird gedacht, sie bleiben in Erinnerung, um sie ranken sich Geschichten, mit ihrer Hilfe wird Geschichte perspektiviert. Namen von Straßen und Plätzen sind daher umkämpft, aus verschiedenen marginalisierten Perspektiven wird seit Jahrzehnten eingefordert, dass nicht nur weißen, deutschen Männern in machtvollen Positionen gedacht wird und diese nicht als Helden präsentiert werden, wenn sie Verbrechen begangen haben. In verschiedenen deutschen Städten führen Initiativen zähe Kämpfe und Überzeugungsarbeit, um im öffentlichen Raum Widerstandskämpfer*innen zu würdigen, die sich gegen verschiedene Formen von Rassismus einsetzten. Einige der unter den Biografien vorgestellten Menschen sind inzwischen Namensgeber*innen von Straßen und Plätzen, andere erhielten Gedenktafeln an Orten, an denen sie gelebt oder gegen rassistisches Unrecht gekämpft haben.

Die Vorstellung von Menschen, die in unterschiedlichen historischen Konstellationen gegen Rassismus gekämpft haben und hierzu Wissen, Kreativität, Durchhaltevermögen und solidarische Unterstützung durch Communities erfahren haben, haben Vorbildcharakter, der dazu einlädt, sich selbst zu engagieren.

Unfreie Arbeit und Rassismus
Ein Audioguide verbindet an neun Stationen historische Epochen und Ereignisse mit persönlichen Schicksalen. Die Tour führt zu Orten, die die Einbindung der Stadt Berlin in rassistisch gerechtfertigten Zwang zur Arbeit deutlich macht. An einigen Orten erinnern – häufig erst nach langen Verhandlungen und mühsamen Kämpfen der Überlebenden und ihrer Communities – Gedenktafeln oder Straßennamen an die Verbrechen der Vergangenheit und den Widerstand dagegen. An einigen Orten deutet weiterhin nichts auf die Verstrickung Berlins in koloniales und nationalsozialistisches Unrecht hin.

Die Tour beginnt an einem Relief, auf dem Berlins Beteiligung an der Plantagensklaverei deutlich wird, führt über einige Stationen, an denen der deutsche Kolonialismus in seinen verschiedenen Facetten thematisiert wird, gefolgt von Stationen zur nationalsozialistischen Zwangsarbeit bis hin zu Kontinuitäten am Beispiel eines Unternehmens und der Umbenennung einer Straße. Die historischen Ereignisse werden jeweils aus den Perspektiven der rassisierten Communities erzählt. Afrikaner*innen, Juden und Jüd*innen, Sinti*zze und Rom*nja, Pol*innen, Ukrainer*innen, Belarus*innen und Russ*innen verbindet die deutsche Geschichte des rassistisch begründeten Zwangs zur Arbeit. Kontinuitäten und Folgen sind bis in die Gegenwart hinein wirksam. Die Tour vergleicht ihre Erfahrungen nicht miteinander, gleichwohl werden die Gemeinsamkeiten und Kontinuitäten sowie die jeweils spezifischen historischen Umstände deutlich, in denen rassisierte Menschen zu Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen gezwungen wurden. Widerständige Praktiken und konkrete Personen lassen die Erinnerung an vergangenes Unrecht lebendig werden, ohne in Ohnmacht zu verharren oder die Gegenwart davon abzutrennen.

Die Mauer ist uns auf den Kopf gefallen
Der Dokumentarfilm zeigt die Perspektiven von fünf rassisierten Feministinnen auf den Mauerfall. Sie erzählen in Einzel- und Gruppengesprächen, wie sie den Mauerfall erlebten. Sie analysieren die politischen Verhältnisse und sprechen über ihre persönlichen Lebenssituationen als politische und gesellschaftliche. Sie brechen mit dem Narrativ einer glücklichen und geglückten Wiedervereinigung und halten ihm die Pogrome gegen rassisierte Personen entgegen. Die Anschläge auf Unterkünfte von Geflüchteten, die diskursive Gewalt und die täglichen Angriffe und Anfeindungen sind ihnen noch gut in Erinnerung. Die Protagonistinnen des Dokumentarfilms ziehen Parallelen zu den rassistisch aufgeladenen Debatten über Geflüchtete, die im Sommer 2015 geführt wurden. Sie beschreiben auch, wie sie sich gegenseitig unterstützten. Ein weiteres Thema, das die interviewten Feministinnen beschäftigt, ist der weiße Feminismus und seine Ausschlussmechanismen. Interventionen als rassisierte Feministinnen verschaffen ihren Perspektiven Aufmerksamkeit und bieten Möglichkeiten zur eigenen Öffentlichkeitsarbeit und Formierung.

Der Dokumentarfilm bricht mit dem hegemonialen Blick auf den Mauerfall und macht feministisch-rassismuskritische Aktivitäten in den 1990er Jahren öffentlich, die vielen jüngeren Aktivist*innen nicht (mehr) bekannt sind. Die fünf politisch aktiven ost- beziehungsweise westdeutschen Schwarzen, indigenen, im Exil lebenden und eingewanderten Frauen, die inzwischen alle in gesellschaftlich angesehenen Positionen weiterhin antirassistisch-feministische Kämpfe führen, dienen als Vorbilder sowohl für solidarische Bündnisse als auch für Anknüpfungspunkte an widerständige Erfahrungen.

Schule zieht Grenzen – wir ziehen nicht mit!
Die kollaborativ entwickelte Ausstellung zeigt am Beispiel Berlins, wie Kinder, Jugendliche und Lehrkräfte an gleichberechtigter schulischer Teilhabe gehindert werden. Hier sind insbesondere historische und rechtliche Zusammenhänge von Interesse sowie der Umgang von betroffenen Schüler*innen, ihren Eltern, Lehrer*innen und Communities mit Mechanismen und Strukturen des Ausschlusses und der Ungleichbehandlung. In der Ausstellung werden Schlaglichter geworfen auf unterschiedliche Epochen (Deutscher Kolonialismus, Nationalsozialismus, DDR und heute, Arbeits- und Fluchtmigration) und diese miteinander in Beziehung gesetzt. Der Schwerpunkt der Recherchen im Vorfeld lag auf der schulischen Segregation und den rassistischen Zugangsbarrieren im Kontext von Schule und im Zusammenhang mit (Nicht-)Zugehörigkeitsordnungen. Besonders interessierten uns historische Kontinuitäten und Brüche, Gemeinsamkeiten und Spezifika sowie Parallelen und Ambivalenzen in ihren historischen, gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Bedingungen und Kontexten. Ein Augenmerk galt hierbei Handlungsspielräumen und -strategien. Der Konkretisierung dienen in der Ausstellung exemplarisch drei Biografien aus verschiedenen Epochen, spezifische Schulformen, die zwischen deutsch und nicht-deutsch unterscheiden, sowie verschiedene Proteste gegen Schulausschluss und Segregation. Interviews mit ehemaligen Schüler*innen, Aktivist*innen und Pädagog*innen vertiefen einzelne Fragestellungen.

Haus Vaterland
Das Haus Vaterland verbindet Spuren rassisierter Minderheiten an einem urbanen Knotenpunkt, der sich seit den 1920er Jahren zu einem beliebten Standort der Berliner Erlebnisgastronomie mitten am Potsdamer Platz entwickelt hatte. Unterschiedliche Aspekte von Kolonialismus, Nationalsozialismus und Widerstand werden hier deutlich. Das Haus Vaterland bündelt die Biografien rassisierter Menschen aus der Zeit des Kaiserreiches über die Weimarer Republik bis in die Gegenwart der Bundesrepublik. Ihre Geschichten sind durchdrungen von den Erfahrungen mit dem deutschen Kolonialismus und der Arbeitsmigration aus ehemaligen Kolonien nach Europa; sie deuten auf die Verstrickung des Wissenschaftsbetriebes mit imperialer Politik hin; sie stellen ambivalente Verortungen rassisierter Subjekte und ihrer beruflichen und künstlerischen (Über-)Lebensstrategien dar; und sie bieten diverse Anknüpfungspunkte, um die Verbindungslinien zwischen Communities, Epochen und Machtdynamiken nachzuzeichnen und um über Kontinuitäten, Solidaritäten und Handlungsmöglichkeiten nachzudenken.

Das Haus Vaterland wurde von dem jüdisch-deutschen Unternehmen der Familie Kempinski betrieben; in den diversen Themenrestaurants traten afroamerikanische Musiker*innen auf. Auch Berliner*innen afrikanischer und arabischer Herkunft fanden hier Arbeit, etwa in der "Wild-West-Bar" und im "Türkischen Café", wo sie in "landestypischer" Verkleidung kellnerten. Viele rassisierte Menschen arbeiteten gleichzeitig in mehreren Betrieben, die ihr Aussehen und ihre Herkunft vermarkteten, etwa in Völkerschauen und kolonialpropagandistischen Spielfilmen. Auch die Tätigkeit als Lektor am Seminar für Orientalische Sprachen bot die Gelegenheit, zu überleben. 1933 dringt die nationalsozialistische "Rassen"-Politik in die kulturelle Landschaft ein, im Haus Vaterland dürfen jüdische und "nicht-arische" Künstler*innen nicht mehr auftreten; das Familienunternehmen Kempinski wird "arisiert" und seit 1937 von der Aschinger AG betrieben. Das Gebäude existiert heute nicht mehr. Nach dem Zweiten Weltkrieg liegt es im Sowjetischen Sektor, dann auf DDR-Territorium. 1953 brennt es aus, 1976 wurden die Überreste abgerissen. Doch den Namen Kempinski führt die internationale Hotelkette weiter. Dagegen protestiert seit den 1980er Jahren Fritz Teppich, ein Verwandter und Überlebender der Familie. Er erinnert an die "Arisierung" des Familienunternehmens und fordert die Hotelkette auf, sich angesichts ihrer Verstrickungen der Geschichte zu stellen. 1994 bringt das Bristol Hotel Kempinski in der Fasanenstraße eine Gedenktafel an.

Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas
Das Denkmal-Mahnmal vereint in sich mehrschichtige symbolische Doppelfunktionen: im Verhältnis zwischen einem Denkmal und einem Mahnmal; in der Beziehung zwischen dem Erinnerungsort an die Verbrechen des Nationalsozialismus und dem Ort einer erkämpften Erinnerung während der "zweiten Verfolgung" nach 1945; sowie als genutzter Raum für offizielle Gedenkarbeit und zugleich als ein von Rom*nja beziehungsweise Sinti*zze temporär in Besitz genommener Zufluchtsort für gegenwärtige politische Protestaktionen. Mit diesen verschiedenen Funktionen eröffnet der Ort die Möglichkeit zur Reflexion darüber, wie von der Gegenwart ausgehend auf die Vergangenheit(en) geblickt und daraus vielschichtige Deutungen der Gegenwart sichtbar werden können. Es werden einerseits Opfer und deren Familien und andererseits Täter*innen und ihre Nachkommen adressiert; es wird einerseits an den Genozid erinnert, und andererseits verkörpern die Kämpfe um das Monument den sekundären Rassismus in der Aufarbeitung nach 1945; es manifestiert sich einerseits die offizielle und stark auf Deutschland bezogene Erinnerung architektonisch, und andererseits zentrieren die Proteste geflüchteter Rom*nja an dem Denkmal sowohl die europäische als auch die transnationale Dimension des Genozids. Damit werden die institutionellen Bedingungen des Erinnerns, die Zusammenhänge zwischen Erinnerung an vergangenes Unrecht und Kämpfe um Bleiberecht und somit die politischen Folgen für die Gegenwart in den Fokus gerückt.

Schlussbemerkungen

Im Forschungsprozess begegneten uns viele Namen von Personen, über die wir nichts weiter in Erfahrung bringen konnten. Rassisierte Frauen*, nicht-binäre Personen, geschlechtliche und sexuelle Minderheiten suchten wir gezielt, aus Andeutungen und eigenen Hörerfahrungen wissend, dass sie eine Rolle in verschiedenen Widerstandsbewegungen gespielt haben. Über sie ist besonders wenig dokumentiert und (uns) zugänglich. Wir entschieden uns, dies an einigen Stellen als Ausgangspunkte des Nachdenkens und als Erinnerung an künftige Forschungstätigkeit durch markierte Leerstellen im Text sichtbar zu halten. Diese und weitere Auslassungen erinnern uns daran, an diesen Stellen künftig bewusster hinzuhören und konsequenter nachzufragen. Einige Projekte rassisierter Communities widmen sich bereits der Recherche, Aufbereitung und Verbreitung von Erinnerungen rassisierter Communities. Der Verein xart splitta etwa zielt mit "The Living Archives" auf die Verstetigung und Dissemination von community-übergreifendem, bewegungspolitischem Wissen und der Rezentrierung marginalisierter Perspektiven und Erzählungen. Hegemoniale Konzepte und Praktiken des Archivierens werden umgedeutet und neu definiert, Lücken und Leerstellen identifiziert und im Sinne des Delinking[12] Räume geschaffen, in denen kollektive, selbstbestimmte Wissensproduktion zirkuliert. Das RomaniPhen Archiv wiederum recherchiert seit Jahren Geschichten von Romnja* und Sintizze*, die in ihrer Zeit durch politische, künstlerische oder andere Aktivitäten widerständig gegen Rassismus agierten, stärkend innerhalb der eigenen Community wirkten und häufig genug auch darüber hinaus wichtige Beiträge zur Menschlichkeit der Gesellschaft, insbesondere in Zeiten größter Verfolgung, geleistet haben.

Fußnoten

1.
Das Praxisforschungsprojekt wurde unter den Kurztiteln "Erinnerungsorte" (2014–2016) und "Passkontrolle!" (2017–2019) vom Institut für angewandte Forschung gefördert. Auf Grundlage der Forschungsergebnisse wurde der Audioguide durch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa finanziert. Die Fertigstellung des Dokumentarfilms wurde durch eine Spende der Lush GmbH ermöglicht.
2.
"Rassisierung" ist ein komplexer Prozess der historischen und sozialen Hervorbringung von "Rassen".
3.
Vgl. Kien Nghi Ha, Macht(t)raum(a) Berlin. Deutschland als Kolonialgesellschaft, in: Maureen Maisha Eggers et al. (Hrsg.), Mythen – Masken – Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster 2005, S. 105–117.
4.
Vgl. Sebastian Conrad/Shalini Randeria (Hrsg.), Jenseits des Eurozentrismus, Frankfurt/M.–New York 2002.
5.
Vgl. Stuart Hall, Rassismus und kulturelle Identität, Hamburg 1994.
6.
Vgl. Aleida Assmann, Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur, München 2013.
7.
Vgl. Jan Motte/Rainer Ohliger (Hrsg.), Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft, Essen 2004.
8.
Vgl. Ha (Anm. 3).
9.
Vgl. Hall (Anm. 5).
10.
Vgl. Edward W. Said, Kultur und Imperialismus. Einbildungskraft und Politik im Zeitalter der Macht, Frankfurt/M. 1994.
11.
Vgl. Dipesh Chakrabarty, Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung, Frankfurt/M.–New York 2000.
12.
Vgl. Walter Mignolo, DeLinking. The Rhetoric of Modernity, the Logic of Coloniality and the Grammar of De-Coloniality, in: Cultural Studies 2/2007, S. 449–514.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Iman Attia, Olga Gerstenberger, Diane Izabiliza, Ozan Zakariya Keskinkılıç, Iris Rajanayagam, Isidora Randjelović für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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