Eine Gruppe von Spielzeugfiguren bestehend aus Straßenreiniger, Krankenschwester und Polizist.

26.3.2021 | Von:
Siri Hummel
Rupert Graf Strachwitz

Zivilgesellschaft und gesellschaftlicher Zusammenhalt

Die vielbeschworene Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts[1] ist kein Phänomen der spätmodernen Gesellschaft. Aber durch die Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Milieus und Gruppen und die stärkere Sichtbarkeit unterschiedlicher Identitäten und Anspruchshaltungen in der Öffentlichkeit erscheint die Gesellschaft heute bunter zusammengesetzt als vor zwei oder drei Generationen. Zugleich zeichnen sich unterschiedliche Auswirkungen der Globalisierung auf unterschiedliche soziale Gruppen ab, die sich in Verteilungs- und Identitätsdebatten Luft machen. Der gesellschaftliche Zusammenhalt traditioneller Prägung wird dadurch in Frage gestellt.

Es überrascht nicht, dass sich dadurch auch der öffentliche Raum selbst verändert. Neue Interessen haben in den letzten 40 Jahren mehrfach zu erfolgreichen Parteineugründungen geführt. Mit steigender Tendenz beobachten wir aber auch die Verlagerung der politischen Debatte aus den Parteien in soziale Bewegungen und andere zivilgesellschaftliche Organisationen. Weltweit zeigen Protestbewegungen wie Black Lives Matter oder Fridays for Future ebenso wie Pegida- oder "Querdenker"-Demonstrationen die Mobilisierung sehr unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppierungen. Die kommunikative Revolution, mit der die sozialen Medien reichweitenstarke, aber möglicherweise auch abgeschottete Öffentlichkeiten schaffen,[2] unterstützt diese Entwicklungen und trägt dazu bei, dass sie selbstverstärkend und nicht selten radikalisierend wirken. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und allgemeinverbindliche Regelungen verlieren zunehmend ihre Bindungskraft und werden verstärkt als antagonistisch wahrgenommen. Im Streit über die Aufnahme von Geflüchteten, die Corona-Regularien, den Klimawandel oder die Vermögensverteilung scheinen sich einzelne Befürworter und Gegner im bürgerschaftlichen Raum unversöhnlich gegenüberzustehen. Besonderes Augenmerk richtet sich auf populistische und rechtsextreme Bewegungen, die durch den Zulauf tatsächlicher wie vermeintlicher Globalisierungsverlierer nicht nur erstarken, sondern vor allem die Konsensfindung im öffentlichen Raum bewusst strapazieren und die Fragmentierung mittels Provokation vorantreiben.

Auch die Zustimmung zum System der Demokratie nimmt ab;[3] die über Jahrzehnte beschworene "freiheitlich-demokratische Grundordnung" steht, so möchte man meinen, zur Disposition. Weniger als die Hälfte der Befragten zeigte sich jedenfalls in einer 2019 durchgeführten Umfrage mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden, in Ostdeutschland kaum mehr als ein Drittel.[4] Zudem zeigt sich, dass sich die Kritik am politischen System nicht diffus über die Gesellschaft verteilt, sondern in manchen Gruppen wesentlich heftiger ausfällt als im Durchschnitt der Gesellschaft.[5] Zugleich umfasst der öffentliche Raum heute sehr viel deutlicher als noch vor 30 Jahren auch die organisierte und spontane Zivilgesellschaft, sodass diese Fragmentierungen auch in ihr zunehmend zu beobachten sind.

Die Corona-Pandemie hat zudem einen besonderen Gefahrenherd entstehen lassen, der in der politischen Beobachtung allzu häufig vernachlässigt wird: Für viele Bürgerinnen und Bürger ist gesellschaftlicher Zusammenhalt primär mit ihrem aktiven Vereinsleben verbunden, wobei die Ziele des Vereins gegenüber dem Gemeinschaftserlebnis in den Hintergrund treten. Die Folgen des nunmehr einjährigen, fast vollständigen Ausfalls dieses Erlebnisses sind im Einzelnen noch nicht absehbar; dass sie im Hinblick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt negativer Natur sind, ist aber offenkundig.[6]

Nimmt man die skizzierten Bedrohungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts und die Veränderung der gesellschaftlichen Realität gesamthaft in den Blick, ist zu fragen, bis zu welchem Grad diese Fragmentierungen tolerierbar, ja vielleicht sogar notwendig erscheinen,[7] aber auch, welche Verantwortung welcher Arena kollektiven Handelns in der Überwindung einer daraus entstehenden Bedrohung zukommt. Im Folgenden soll es im Wesentlichen darum gehen, welche Rolle, wenn überhaupt, die Zivilgesellschaft hier übernehmen kann.

Funktionen von Zivilgesellschaft

Sowohl in der politischen Theorie, in deren Konzepte von direkter und deliberativer Demokratie sich die Funktion von Zivilgesellschaft sehr gut integrieren lässt, als auch in der empirischen Politikforschung erfährt die Idee der Zivilgesellschaft seit den 1990er Jahren eine stark normative, demokratiepositive Aufladung, auch wenn hinsichtlich der Begrifflichkeit, der Zugehörigkeit zu ihr sowie ihrer politiktheoretischen Beurteilung bis heute nicht unerhebliche Divergenzen bestehen.[8] Ohne Zweifel aber hat die Zivilgesellschaft als gesellschaftsgestaltende Kraft in den letzten Jahrzehnten eine starke Aufwertung erfahren. Heute herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass sich Zivilgesellschaft – in der Übersetzung des englischen civil society – anhand bestimmter Merkmale sowohl analytisch als auch in der Praxis vom Staat und dem Markt abgrenzen lässt.[9] Die rund 800.000 Bewegungen, Organisationen und Institutionen der Zivilgesellschaft in Deutschland unterscheiden sich in Größe, Funktionen, Rechtsformen und Zielen erheblich. Gemeinsam ist ihnen, dass sie auf Selbstermächtigung und Selbstorganisation gegründet sind, keine staatlichen oder hoheitlichen Aufgaben wahrnehmen und nicht primär auf Gewinnerzielung, sondern subjektiv auf die Förderung des allgemeinen Wohls ausgerichtet sind. Zur Erfüllung ihrer Mission sind sie auf solidarische Gaben von Empathie sowie Zeit, Sach- und Geldspenden angewiesen. Zivilgesellschaftliche Organisationen (ZGO) lassen sich darüber hinaus nicht nur nach ihrer Zielsetzung (etwa Sport, Bildung oder Menschenrechte), sondern auch nach ihrer Funktion unterscheiden. Zu diesen Funktionen gehören neben der Erbringung von Dienstleistungen (etwa durch die Wohlfahrtsverbände) auch solche Dinge wie Themenanwaltschaften (beispielsweise durch Menschen- und Bürgerrechtsgruppen), Wächteraufgaben (etwa der Verbraucherschutzverbände), Mittlerfunktionen (zum Beispiel von Dachverbänden oder Förderinstitutionen), Selbsthilfe (von Sportvereinen oder Patientenselbsthilfen), politische Mitgestaltung (etwa durch Think Tanks) sowie, geradezu zentral, die Funktion der Gemeinschaftsbildung. In freiwilligen Gemeinschaften, also solchen, in denen das Gemeinschaftserlebnis im Mittelpunkt der Tätigkeit steht – etwa in Kegel-, Trachten-, Schützen- oder Karnevalsvereinen, aber auch in solchen, in denen dies ein unverzichtbares Attribut der Sinnstiftung und Zielerfüllung darstellt, etwa in Religionsgemeinschaften, Gewerkschaften und Freundeskreisen (etwa von Kultureinrichtungen) –, wird permanent das Zusammenleben mit anderen erprobt, eingeübt und praktiziert.

Dies entspricht durchaus der Erwartungshaltung an die Zivilgesellschaft; sie wird heute weithin als Hoffnungsträgerin für eine bessere Demokratie, einen effizienteren Wohlfahrtsstaat oder eine bessere Gesellschaft gesehen. Ihr kulturell wahrendes Moment und das sozial Verbindende wird in der spätmodernen Zeit der "Singularitäten"[10] ebenso gesehen wie die vom Staat unabhängige Kraft sozialer Organisation und der Raum der individuellen Freiheits- und Abwehrrechte, den sie zur Kontrolle staatlicher Macht zur Verfügung stellt. Auch eine innovative Triebkraft zu einer gerechteren Welt wird ihr zugeschrieben.[11]

Dennoch bleibt die Frage, inwieweit diese Erwartungen gerechtfertigt sind. Kann der Zivilgesellschaft tatsächlich ein wesentlicher Anteil an der Aufgabe zugemessen werden, einer Desintegration der Gesellschaft vorzubeugen und ihren Zusammenhalt zu organisieren? Hierzu sind zwei weitere spezifische Integrationsleistungen zu diskutieren: zum einen die individuelle soziale Integration, zum anderen der Ausgleich von Gruppenpräferenzen, also die Abbildung des gesellschaftlichen Pluralismus und der diversen Lebensstile, die die spätmoderne Gesellschaft hervorbringt.

Integration und Pluralismus

Ideengeschichtlich hat die soziale Bindekraft der Zivilgesellschaft eine lange Tradition. Nach seiner Reise in die Vereinigten Staaten kam der französische Aristokrat Alexis de Tocqueville in den 1830er Jahren zu dem Schluss, dass plurale Assoziationen für die neue, mehr auf Gleichheit denn dem Ständewesen beruhende Gesellschaft die Voraussetzung für ein funktionierendes demokratisches Gemeinwesen darstellen. Und dies aus zwei Gründen: Hatte er im ersten Band seiner Abhandlung "Über die Demokratie in Amerika" die Vereinigungsfreiheit im politischen Verein als Möglichkeit des Einzelnen betont, sich gegen die Tyrannei der Mehrheit behaupten zu können, fügte er im zweiten Band die Notwendigkeit bürgerlicher Vereinigungen für die Gemeinwohlorientierung der Menschen im Gemeinwesen hinzu, da diese dort, in den Vereinigungen, die Sitten der Kooperation und der Empathie mit den ihnen sonst eher unverbundenen Mitmenschen lernen.[12] Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Putnam griff diese Idee 150 Jahre später erneut auf und brachte sie unter dem Begriff des "Sozialkapitals" erneut in die Diskussion.[13] Aus seinen Untersuchungen italienischer und nordamerikanischer Gemeinden leitete er die These ab, dass sich im Assoziationswesen einer Gesellschaft Sozialkapital bildet, das aus Netzwerken, Vertrauen und Normenbildung besteht und das Koordination und gemeinschaftliches Handeln ermöglicht. Im Vereinswesen üben die Mitglieder nach Putnam Kooperation und gegenseitiges Vertrauen ein und lernen damit letztendlich die Vereinbarung ihrer Egoismen mit ihrer, in wesentlichen Teilen auf Altruismus und Sozietät angewiesenen, Sozialgemeinschaft. Je ausgeprägter diese Zivilgesellschaft ist, so sein Fazit, umso stärker ist eine Gesellschaft darin, Konflikte und Probleme zu lösen.

Wie Tocqueville verbindet Putnam diese soziale Kompetenz mit der Idee von Demokratie. Je stärker eine Zivilgesellschaft, so seine Annahme, umso robuster ist das demokratische System, da jene sozialen Normen und Fähigkeiten, die in der Zivilgesellschaft gefördert werden, ebenso prodemokratisches Verhalten hervorbringen. Die Bürger und Bürgerinnen lernen, Probleme zusammen mit anderen im Kleinen zu lösen und bekommen dadurch auch ein besseres Verständnis für politische Kooperation und demokratische Verfahrensweisen. Sie können diese Fähigkeiten dann von ihrem isolierten, lokalen zivilgesellschaftlichen Handeln auf die gesamtgesellschaftliche Ebene abstrahieren und auf "die große Politik" anwenden. Deswegen sieht Putnam auch im Niedergang des Vereinswesens in den USA durch die zunehmende Individualisierung seit den 1960er Jahren eine Gefährdung für die dortige Demokratie. In dieser Lesart kommt der Zivilgesellschaft also eine hohe Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das demokratische Gemeinwesen zu.

Das ist nicht unkritisiert geblieben.[14] So wurde etwa infrage gestellt, ob die Bildung von Vertrauen im Verein per se zur Erhöhung eines generalisierbaren sozialen Vertrauens führt.[15] Empirisch lässt sich der Zusammenhang zwischen Mikro- und Makroebene, also die Übertragung von Vertrauen in einer kleinen Gruppe auf das Vertrauen in politische oder gesellschaftliche Institutionen, kaum bestätigen. Auch die Annahme einer kausalen Generierung prodemokratischer Tugenden durch zivilgesellschaftliches Engagement wird bezweifelt, nicht zuletzt mit Blick auf Deutschland in den 1920er und 1930er Jahren, als ein ausdrücklich nicht demokratieorientiertes Assoziationswesen in der Lage war, den demokratischen Staat aus den Angeln zu heben.[16] Der Blick in die Geschichte lässt sich, wenngleich nicht mit vergleichbarem Ergebnis, durch die Betrachtung beispielsweise von Pegida, rechten Burschenschaften oder der sogenannten Identitären Bewegung durchaus auf heute übertragen.[17] Die Tatsache, dass eine Seite von Zivilgesellschaft existiert, die sich explizit exkludiert, unter Inanspruchnahme eines Wir-Die-Feindschemas desintegrierend wirkt und in diesem Sinne unsoziales Kapital hervorbringen kann, ist nicht zu übersehen.[18] Jenseits dieser normativen Kritik hat Albert O. Hirschman schon 1970 darauf hingewiesen, dass sich jede Organisation als "loyal-", "exit-" oder "voice-orientiert" klassifizieren lässt, also keineswegs notwendigerweise integrierend wirken muss.[19] Organisationen können zudem durchaus von Hierarchisierung und Autoritätsstrukturen geprägt sein (etwa durch Rangsysteme oder Initiationsriten), insbesondere aber, indem der Ausschluss spezifischer Fremdgruppen zu den zentralen Voraussetzungen der eigenen Gruppenbildung gehört. Putnam, der sich mit dieser Kritik auseinandergesetzt hat, unterscheidet deswegen exkludierende Formen von Netzwerken ("bonding") von inkludierenden ("bridging"), ohne damit jedoch seine Demokratiethese verteidigen zu können – letztlich muss er eingestehen, dass das eine wie das andere in der Zivilgesellschaft vorkommt.

Auch der Soziologe James Coleman, der sich stärker als Putnam auf einen Rational-Choice-Ansatz im Sozialkapital stützt,[20] betont die den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt potenziell gefährdenden Bindungen sogenannter "strong ties" in Vereinigungen. Diese starken persönlichen Bindungen, die eigentlich für den engen Familienverband charakteristisch sind, können, da sie auf Vertrauen, der Erwartung unmittelbaren Nutzens der Gruppenmitglieder untereinander oder auf sehr dezidierten gemeinsamen Überzeugungen weltanschaulicher Art aufbauen, ein fehlendes Interesse am Rest der Gesellschaft oder sogar extreme Abgrenzung von dieser beinhalten. "Weak ties" hingegen, losere Vertrauensverhältnisse, die ein ausgeglicheneres Verhältnis von Vertrautheit und Abgrenzung aufweisen, fördern eher die konstruktive Auseinandersetzung und bergen damit jenes kritische Potenzial, auf das demokratische Verfahren angewiesen sind.

Fügt man dies alles zusammen, wird klar, dass Zivilgesellschaft nicht automatisch gesellschaftlichen Zusammenhalt garantiert, sondern dass es dafür bestimmter Voraussetzungen bedarf.

Dies gilt bei näherer Betrachtung auch hinsichtlich der Pluralismusleistung. Die Bündelung von gemeinsamen Interessen kann im Sinne der von Jürgen Habermas beschriebenen deliberativen Demokratie,[21] die er als Gegengewicht zur von Parteien beherrschten Verfahrens- und Entscheidungsdemokratie und für ein langfristiges Überleben demokratischer Strukturen für unabdingbar hält, von den Akteuren der Zivilgesellschaft geleistet werden, indem diese als Artikulationsventile einerseits und Ideenentwickler andererseits fungieren.[22] Dies entspricht dem heutigen Demokratieverständnis mehr als die ausschließlich repräsentativ-parlamentarische Demokratie,[23] die mit der Organisation von politischer Macht zunehmend ausgelastet erscheint. Zu beobachten ist dies etwa an den sogenannten Protestbewegungen, die heute weltweit fast jeden bedeutenden politischen Prozess begleiten und sich keineswegs auf Protest beschränken. Dass sich hierbei Menschen zusammenfinden, um ein spezifisches gemeinsames Ziel zu verfolgen, gehört heute zum demokratischen Alltag. Insoweit hat die Zivilgesellschaft, der diese Bewegungen fast ausnahmslos zuzurechnen sind, einen grundlegenden Wandel erfahren, indem langfristig angelegte, fest gefügte Organisationen nur noch einen von mehreren Subsektoren bilden.

Zugleich ist die Zivilgesellschaft insgesamt signifikant politischer geworden. Einerseits hat sich dabei eine relativ große Koalition von Akteuren herausgebildet, die sich ausdrücklich dem demokratischen Pluralismus, den Menschen- und Bürgerrechten oder auch einer kosmopolitischen Weltordnung verpflichtet fühlt und bewusst einen respektvollen Ausgleich unterschiedlicher Standpunkte anstrebt. Andererseits aber stehen diesen Akteuren andere unversöhnlich gegenüber, die diese Form von Pluralismus ausdrücklich ablehnen.[24]

Voraussetzungen

Aus dem bisher Gesagten lassen sich Hypothesen darüber ableiten, welchen Anforderungen die Zivilgesellschaft insgesamt und ihre Akteure genügen müssen, um tatsächlich soziales, zwischenmenschliches Vertrauen und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken zu können.
  1. Organisationen, in denen sich Mitglieder aus verschiedenen sozialen Schichten und Milieus treffen können, sind dem Zusammenhalt tendenziell förderlicher als andere Organisationen. Während in homogenen Gemeinschaften die Ähnlichkeit der Gruppenmitglieder und deren Identität vorhandene Intoleranz verstärken können, können in diversen Gemeinschaften Bewusstsein und Sensibilität für andere Perspektiven ausgebildet werden, da Abwertungen aus kulturellen und sozialen Gründen in der Regel durch persönliche Erfahrung abgebaut werden.[25] Obwohl bürgerschaftliches Engagement durchaus anfällig ist für Distinktionsprozesse[26] und die Partizipation in der Zivilgesellschaft häufig bildungs- und einkommensabhängig ist, bietet Zivilgesellschaft doch Gelegenheitsfenster, aus Sozialräumen und Milieus auszubrechen. Interessen- oder leidenschaftszentrierte Zusammenschlüsse wie Subkulturen, Tierschutzvereine oder Bürgerinitiativen bieten Gelegenheit, soziale Verhärtungen zwischen Milieus aufzuweichen.
  2. Andere Autoren betonen die strukturellen Elemente im Aufbau von Netzwerken und deren Auswirkungen auf mögliche übergreifende Gruppenbindungen. Sie unterscheiden beispielsweise zwischen horizontal und vertikal organisierter Vereinsstruktur. Stärker hierarchisch strukturierte Organisationen, die sich etwa hauptsächlich durch einzelne Großspenden oder ein Stiftungsvermögen finanzieren, haben in Hinsicht auf verbindendes Sozialkapital eine geringere Wirkung als heterarchisch, also eher gleichberechtigt verfasste Vereinigungen.[27]
  3. Die gemeinschaftsbildende Wirkung der Vereinigung hängt auch von den Rahmenbedingungen ab, etwa der Intensität und Gestaltung der Interaktion zwischen Zivilgesellschaft und Staat. In korporatistisch geprägten Gesellschaften haben zivilgesellschaftliche Organisationen wegen der stark verfestigten und tendenziell ritualisierten Verhandlungskanäle wahrscheinlich weniger Aussicht, den autonomen, selbst organisierten und freiwilligen Assoziationen zu entsprechen, die als Voraussetzung für übergreifendes Vertrauen gelten.[28]
  4. Unpolitische Gemeinschaftsbildung erscheint für integrative Prozesse oft besser geeignet als politische. Diese Hypothese ist umstritten, da traditionell das Gegenteil vermutet wurde. Bisher galt, dass bürgerschaftliches Engagement mit politischer Partizipation einhergeht, wer sich bürgerschaftlich engagiert also auch häufiger wählen und demonstrieren geht und umgekehrt. Eine breite politische Partizipation sollte demnach demokratie- und integrationsfördernd wirken. Das ist aber nicht per se so. Eher unpolitische Zusammenschlüsse, etwa Laienchöre, Trachten- oder Karnevalsvereine, denen häufig unterstellt wird, wenig zur Demokratie beizutragen, weil der Zusammenhang zwischen Engagement und politischem Institutionenvertrauen schwer nachzuweisen ist, können, sofern sie denn milieuübergreifend aktiv sind, gerade deswegen eine Annäherung oder Überwindung von Antagonismen ermöglichen, weil sie Gesprächs- und Interaktionsebenen eröffnen, die vergleichsweise wenig durch unterschiedliche Eingangsvoraussetzungen kontaminiert sind.[29] Auch Sportvereinen kann hier eine herausragende Gemeinschaftsbildungsfunktion zugeschrieben werden. Der Lernprozess, der darin besteht, andere Menschen unabhängig von Unterschieden in Herkunft, sozialem Milieu, Lebensform oder Überzeugungen mit Respekt und Lernbereitschaft zu akzeptieren, kann hier eingeübt werden, bevor sich die Möglichkeit zu einer politischen Diskussion ergibt. Dass dies in der gelebten Praxis nicht in jedem Fall gelingt, ist allerdings ebenso wenig zu übersehen.
  5. Die neuen Protestbewegungen mit ihren klaren politischen Positionierungen weisen in sich relativ homogene Mitglieder- und Wertestrukturen auf. Das gilt für die Fridays-for-Future-Initiative, der zu großen Teilen die gut gebildeten, nicht migrantischen Kinder und Jugendlichen der neuen Mittelschicht angehören, ebenso wie für das globalisierungskritische Pegida-Milieu, das sich vornehmlich aus der alten Mittelschicht rekrutiert.[30] Die Präferenz für einen ganz bestimmten Weg der Politiksetzung und Gesellschaftsgestaltung in Kombination mit einem geschlossenen Weltbild innerhalb einer geschlossenen "Werte-Blase" nebst fehlender Ambiguitätstoleranz scheint wenig Möglichkeiten zu bieten, verbindendes Sozialkapital herauszubilden. Diese Diagnose klingt ernüchternd, denn sie impliziert im Endeffekt einen biedermeierlich anmutenden Rückzug aus dem Politischen. Angesichts der Verhärtung in der Kommunikation und der Verweigerung, andere Gruppen und Milieus überhaupt als Gesprächspartner zu akzeptieren, sollte die Zivilgesellschaftsforschung die Annahme dringend weiterer Überprüfungen unterziehen.
  6. Die Funktionen der einzelnen zivilgesellschaftlichen Organisationen haben Einfluss auf die Förderung des Zusammenhalts. Mit Ausnahmen lassen sich im Hinblick auf die oben dargestellten Grundfunktionen jeder Organisation Unterschiede in Bezug auf diese Qualifikation feststellen. So sind zweifellos Mittlerorganisationen (etwa Dachverbände) am wenigsten geeignet, den Zusammenhalt zu fördern, da sie als Lobbyisten ihrer Mitglieder deren gemeinsame Interessen gegenüber Dritten zu vertreten haben. Am anderen Ende der Skala sind Organisationen anzusiedeln, bei denen die Gemeinschaftsbildung im Vordergrund steht – allerdings nur dann, wenn sie in ihrer Mitglieder-Aufnahmepolitik bewusst diesen Aspekt aufgreifen. Dass dies oft schwierig ist, haben jahrelange Debatten, die zum Beispiel in bayerischen Trachtenverbänden um die Aufnahme von Menschen mit Migrationshintergrund (und früher bereits von deutschstämmigen Flüchtlingen) geführt wurden, in großem Umfang bewiesen. Selbsthilfeorganisationen verfolgen naturgemäß eher ein gegenteiliges Ziel, während Dienstleister und Themenanwälte den Zusammenhalt stärken können, aber – abhängig von Mitgliederstruktur und Mission – nicht müssen.

Fazit

Es besteht kein Zweifel, dass zivilgesellschaftliche Akteure ein hohes Maß an Vertrauen genießen.[31] Das kann ihnen einen Vertrauensvorschuss verschaffen, der es ihnen ermöglicht, auch milieu-übergreifend zu vermitteln, und nimmt sie in die Verantwortung, wenn es gilt, prioritäre gesamtgesellschaftliche Ziele zu vermitteln. Insoweit können die kollektiven Akteure der Zivilgesellschaft Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken oder sich sogar als Voraussetzung dafür erweisen. Zu Recht wird ihnen eine große gesellschaftliche Bindekraft attestiert, eine größere, als der moderne Verwaltungsstaat zu erzeugen vermag.

Absehbar ist, dass die Zivilgesellschaft die Arena darstellen wird, in der wir verhandeln, was wir mit gesellschaftlichem Zusammenhalt meinen. Sie wird immer stärker zum Ort der kommunikativen Aushandlung von Gesellschaftspositionen genutzt werden. Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist allerdings ein Begriff, den Menschen unterschiedlich definieren. So zeigt eine Studie zum bürgerschaftlichen Engagement, dass Menschen sich sowohl gegen als auch für Migration engagieren, weil sie um den gesellschaftlichen Zusammenhalt fürchten. Die beiden Gruppen assoziieren aber mit gesellschaftlichem Zusammenhalt etwas fundamental anderes: die erste Gruppe eine geschlossene Gesellschaft, die zweite eine offene.[32]

Tatsächlich also steht die Zivilgesellschaft dem Problem der gesellschaftlichen Spaltung ambivalent gegenüber: Auf der einen Seite bildet sie die Fragmentierung in der Gesellschaft spiegelbildlich ab; bei Fridays for Future, Pegida, Amnesty International, Attac oder in den Vereinen der Abtreibungsgegner organisieren sich sehr unterschiedliche Positionen.[33] Die Ziele zivilgesellschaftlicher Akteure sind auch nicht notwendigerweise in ein großes Spektrum von liberaler Demokratie, Kosmopolitismus und dergleichen eingebettet, das einvernehmlich mit gesellschaftlichem Zusammenhalt unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts assoziiert wird.

Will Zivilgesellschaft ihre gemeinwohlorientierte Logik behaupten, muss sie daraus erwachsende Konflikte gewaltfrei und zivilisiert verhandeln. Sie muss dabei einerseits, da diese Konflikte nicht mit der Organisation von politischer Macht verbunden sind, viel weniger als der Staat darum besorgt sein, Kompromisse in der Operationalisierung grundsätzlicher Positionen auszuhandeln; andererseits aber muss sie Maximen wie Respekt und Vertrauen zur Wahrung ihres Propriums einen hohen Stellenwert beimessen.

Somit kann keine Rede davon sein, dass Zivilgesellschaft "automatisch" der Ort des gesellschaftlichen Zusammenhalts ist. Nur soweit sie sich des Problems desintegrativer Prozesse bewusst ist und aktiv versucht, diesen entgegenzuwirken, kann sie ein solcher Ort sein. Das Ausmaß der Befähigung ihrer Akteure, sich mit gesellschaftlichen Herausforderungen auseinanderzusetzen, gibt dafür den Ausschlag.

Fußnoten

1.
Zum Phänomen selbst, dem Begriff und der jüngsten Entwicklung vgl. Thomas Brand/Robert Follmer/Kai Unzicker, Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Deutschland 2020 – Eine Herausforderung für uns alle. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsstudie, Bertelsmann-Stiftung, Gütersloh 2020.
2.
Vgl. hierzu z.B. Bob Woodward, Furcht – Trump im Weißen Haus, Reinbek 2018, S. 456ff.
3.
Vgl. Steven Levitsky/Daniel Ziblatt, How Democracies Die. What History Reveals About Our Future, New York 2018.
4.
Vgl. Frank Decker et al., Vertrauen in Demokratie, Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2019.
5.
Vgl. Laura-Kristine Krause/Jérémie Gagné/Gesine Höltmann, Vertrauen, Demokratie, Zusammenhalt: Wie unterschiedlich Menschen in Deutschland die Corona-Pandemie erleben, Berlin 2020.
6.
Zu den Folgen der Pandemie für die Zivilgesellschaft siehe Malte Schrader, Zivilgesellschaft in und nach der Pandemie: Bedarfe – Angebote – Potenziale, Berlin 2021 (i.E.).
7.
Zur Notwendigkeit antagonistischer Konflikte in einer Demokratie siehe etwa Chantal Mouffe, Deliberative Democracy or Agonistic Pluralism, Wien 2000.
8.
Vgl. Ansgar Klein, Der Diskurs der Zivilgesellschaft, Wiesbaden 2001.
9.
Vgl. Rupert Graf Strachwitz/Eckhard Priller/Benjamin Triebe, Handbuch Zivilgesellschaft, Berlin–Boston 2020.
10.
Vgl. Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten, Berlin 2019.
11.
Vgl. Colin Crouch, Post-Democracy After the Crisis, Cambridge 2020, S. 151.
12.
Vgl. Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika, Frankfurt/M. 1956 [1835/1840].
13.
Vgl. Robert Putnam, Making Democracy Work: Civic Traditions in Modern Italy, Princeton 1993; ders., Bowling Alone – The Collapse and Revival of American Community, New York 2000.
14.
Zur methodischen Kritik an Putnam siehe z.B. Bettina Westle/Oskar W. Gabriel, Sozialkapital, Baden-Baden 2008.
15.
Siehe hierzu Niklas Luhmann, Vertrauen, Stuttgart 2000, S. 24ff.
16.
Vgl. Sheri Berman, Civil Society and the Collapse of the Weimar Republic, in: World Politics 3/1997, S. 401–429.
17.
Vgl. Siri Hummel, Shrinking Spaces? Contested Spaces! Zum Paradox im zivilgesellschaftlichen Handlungsraum, in: Forschungsjournal Soziale Bewegung 3/2020, S. 649–670.
18.
Vgl. Margaret Levi, Social and Unsocial Capital: A Review Essay on Robert Putnam’s Making Democracy Work, in: Politics and Society 1/1996, S. 45–55.
19.
Vgl. Albert O. Hirschman, Exit, Voice, and Loyalty. Responses to Decline in Firms, Organizations, and States, Cambridge, MA 1970.
20.
Vgl. James R. Coleman, Grundlagen der Sozialtheorie, München 1991.
21.
Vgl. Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, Frankfurt/M. 1992.
22.
Vgl. hierzu Klein (Anm. 8).
23.
Vgl. Crouch (Anm. 11), S. 150.
24.
Vgl. Tito Boeri et al., Populism and Civil Society, IMF Working Paper 245/2018.
25.
Vgl. Meindert Fennema/Jean Tillie, Social Capital in Multicultural Societies, in Dario Castiglione/Jan W. van Deth/Guglielmo Wolleb (Hrsg.), The Handbook of Social Capital, Oxford 2008, S. 349–370.
26.
Vgl. Chantal Munch, Engagement und Diversity: Der Kontext von Dominanz und sozialer Ungleichheit am Beispiel Migration, München 2010.
27.
Vgl. Mark E. Warren, Democracy and Association, Princeton 2001.
28.
Vgl. Roland Roth, Die dunklen Seiten der Zivilgesellschaft, in: Ansgar Klein et al. (Hrsg.), Zivilgesellschaft und Sozialkapital, Wiesbaden 2004.
29.
Siehe hierzu bspw. Eva Maria Hinterhuber, Abrahamischer Trialog und Zivilgesellschaft, Stuttgart 2009, S. 184ff.
30.
Vgl. Moritz Sommer et al., Fridays for Future. Profil, Entstehung und Perspektiven der Protestbewegung in Deutschland, Institut für Protest- und Bewegungsforschung, IPB Working Paper, Berlin 2019. Zur Idee der alten und neuen Mittelschichten siehe Reckwitz (Anm. 10).
31.
Siehe hierzu z.B. den Edelman Trust Barometer Deutschland 2020, 21.1.2020, http://www.edelman.de/research/edelman-trust-barometer-2020«.
32.
Vgl. Christel Kumbruck/Maik Dulle/Marvin Vogt, Flüchtlingsaufnahme kontrovers. Band I: Einblicke in die Denkwelten und Tätigkeiten von Engagierten, Baden-Baden 2020.
33.
Vgl. Rupert Graf Strachwitz, Zivilgesellschaft – immer gut?, Maecenata Observatorium Nr. 23, Berlin 2018.
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