Eine Gruppe von Spielzeugfiguren bestehend aus Straßenreiniger, Krankenschwester und Polizist.

26.3.2021 | Von:
Ute Fischer
Sina-Marie Levenig

Bürgerschaftliches Engagement zwischen individueller Sinnstiftung und Dienst an der Gesellschaft. Empirische Ergebnisse aus dem Ruhrgebiet

Es ist ein Allgemeinplatz, dass moderne Gesellschaften ohne vielfältiges freiwilliges Engagement nicht funktionsfähig wären und schon gar nicht lebenswert.[1] Ob es Bedarfslagen vor Ort abdeckt, wie etwa Lesepatenschaften in inklusiven Klassen einer Grundschule, oder ob es globale Problemstellungen, beispielsweise des Umwelt- und Klimaschutzes, adressiert und bearbeitet: Bürgerschaftliches Engagement wird gemeinhin als wertvoll erachtet. Über den praktischen Nutzen der unzähligen Angebote von Vereinen im Bereich des Sports, der Freizeit, des Sozialen und der Kultur hinaus kann der soziale Gewinn freiwilligen Engagements kaum überschätzt werden, geht es bei ihm doch nicht um den schwer zu quantifizierenden volkswirtschaftlichen Mehrwert,[2] sondern um die Stärkung des sozialen Zusammenhalts und um verwirklichte Solidarität im Sinne einer zweckfreien Gegenseitigkeit.[3]

Ob es sich hierbei um gelebte oder um erzwungene Solidarität handelt, darüber wird in der Bürgerschafts- und Ehrenamtsforschung kontrovers diskutiert. Kritik an allzu sozialromantischen Vorstellungen über Aktivitäten, die sich auf das Gemeinwesen beziehen, kommt vor allem von jenen, die den Rückzug des Sozialstaats aus vielen gesellschaftlichen Bereichen beklagen.[4] Auf kommunaler Ebene manifestiert sich dieser Rückzug zum Beispiel im Verlust von sozialen und kulturellen Freizeiteinrichtungen: Eissporthallen werden geschlossen, Vereine erfahren nur noch geringe öffentliche Unterstützung, die Budgets der Jugendkunstschulen werden gekürzt. Mit dem Rückgang der finanziellen Ressourcen sinkt auch der soziale Ausgleich. Vor diesem Hintergrund erscheint bürgerschaftliches Engagement als Sparvariante und Substitut für die Aufrechterhaltung öffentlicher Daseinsfürsorge, wenn es an die Stelle einst kommunal getragener Dienstleistungen tritt. Ein Beispiel hierfür sind etwa alle jene "Bürgerbäder", deren Betrieb von Vereinen aufrechterhalten wird, weil die Kommunen ihn nicht mehr finanzieren können oder wollen.

Doch vom Gegenstand des Engagements lässt sich noch nicht auf die dahinterliegenden Motivationslagen und seine Wirkungen schließen. Wer sich wie und mit welcher Motivation engagiert, unter welchen Rahmenbedingungen und mit welchem Ergebnis bürgerliches Engagement stattfindet, waren Fragen, denen sich ein empirisches Forschungsprojekt an der Fachhochschule Dortmund gewidmet hat.[5] Den Anstoß für das Projekt gab die Praxis selbst: In Unna, einer Mittelstadt im östlichen Ruhrgebiet, hatte sich vor einigen Jahren ein Kreis von sozial- und kommunalpolitisch aktiven Personen mit der Frage beschäftigt, wie sich der demografische Wandel auf die Kommune auswirken würde und wie er zu gestalten sei. Aus diesem Kreis interessierter Bürger*innen entstand ein Bürgerschaftsnetzwerk, das unter seinem Dach das vorhandene bürgerschaftliche Engagement bündeln, stärken und vervielfältigen wollte. Ausgangspunkt sollte eine Ist-Analyse bereits bestehender bürgerschaftlicher Tätigkeiten und ihrer Kooperationsformen sein. Die Ergebnisse dieser Analyse werden im Folgenden genauer dargestellt.

Für die Untersuchung wurde 2017 eine empirische Netzwerkanalyse auf der Basis problemzentrierter Interviews mit zentralen Akteur*innen vorgenommen, die durch zwei vertiefende Analysen ergänzt wurde: 2018 um eine Analyse der vorhandenen Vereine und Organisationen und 2020 um eine Befragung der Bevölkerung in ausgewählten Stadtteilen von Unna. Im Zentrum dieses Beitrags stehen die empirischen Ergebnisse der Studie. Insbesondere die Befragungen liefern Anhaltspunkte für vorhandene Motivationen, Hindernisse und mögliche neuartige Zugänge für bisher nicht engagierte Personen. Ziel der Darstellung ist es nicht nur, auf Potenziale und Leerstellen hinzuweisen, sondern auch, anhand des empirischen Beispiels die Fallstricke und Chancen von bürgerschaftlichem Engagement für die Stadtentwicklung zu veranschaulichen. Zuvor jedoch wollen wir einen theoretischen Rahmen für die Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements für die Gesellschaft aufspannen.

Vom Ehrenamt zum bürgerschaftlichen Engagement

Es ist mehr als nur eine semantische Verschiebung, dass der Begriff des "bürgerschaftlichen Engagements" das "Ehrenamt" im wissenschaftlichen wie im politischen Diskurs verdrängt hat. War der Begriff des Ehrenamts historisch eng verknüpft mit einem übernommenen Amt in einer Organisation, wird das bürgerschaftliche Engagement als freiwillige, nicht monetär vergütete, gemeinwohlbezogene, öffentliche und in Zusammenarbeit stattfindende Tätigkeit definiert,[6] sowie als eine freiwillige Mitverantwortung und Bürgerpflicht gegenüber dem Gemeinwesen.[7] Somit beinhaltet die Bezeichnung "bürgerschaftliches Engagement" auch einen Appell an die Bürger*innen, ihre Pflichten für die Allgemeinheit zu erfüllen.

Gemeinwohlbezogene Tätigkeiten lassen sich damit als ein wichtiges und grundlegendes gesellschaftliches Problemfeld kennzeichnen,[8] das Gesellschaften zu ihrer Reproduktion und Weiterentwicklung bewältigen müssen. Mit Bezug auf Ulrich Oevermanns Bewährungstheorie[9] lassen sich gemeinwohlbezogene Tätigkeiten als gleichwertiges Bewährungsfeld neben den beiden anderen Feldern der generativen Reproduktion im Sinne der Sorge um den Nachwuchs (die meist in der Familie geleistet wird) und der materiellen Reproduktion im Sinne der Herstellung und Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen konzeptualisieren (was meist über den Arbeitsmarkt gewährleistet wird). In diesem Sinne dienen gemeinwohlbezogene Tätigkeiten der sozialen Reproduktion, das heißt, der Sicherung und Stärkung des sozialen Zusammenhalts von Gemeinschaften, wie sie der Nationalstaat ebenso darstellt wie die Kommune.

Aus der grundlegenden gesellschaftlichen Bedeutung, die der Problembewältigung in allen drei Feldern zukommt, leitet sich auch das individuell sinnstiftende Potenzial bürgerschaftlichen Engagements ab. Anders als oft behauptet, stammen die Handlungsimpulse, sich zu engagieren, nicht nur aus extrinsischen, dem ökonomischen Nutzenkalkül folgenden Anreizen, wie sie häufig auch zur Steigerung der Engagementbereitschaft in Erwägung gezogen werden.[10] Stattdessen verweist der bewährungstheoretische Blick auf einen intrinsischen Handlungsimpuls: Es stellt nicht nur ein psychologisches Grundbedürfnis dar, durch sein Handeln Zugehörigkeit zu erfahren, sondern es gehört, soziologisch betrachtet, auch zur Struktur der Lebenspraxis der Gattung Mensch, der eigenen Existenz und Lebensführung Sinn zu geben. Dies wiederum kann dadurch geschehen, in einer Weise tätig zu sein, die für die übergeordnete Gemeinschaft relevant ist – und damit über die eigene Person hinaus Bedeutung für ein Kollektiv zu erlangen.

Diese grundlegende Bedeutung, die dem bürgerschaftlichen Engagement für die Reproduktion und Weiterentwicklung einer Gesellschaft zukommt, bestätigt sich auch in anderen Studien und Theoriekonzepten. Zur Ergänzung des Sozialstaats in einer alternden Gesellschaft ist bürgerliches Engagement ebenso von Bedeutung wie als Unterstützung politischer Maßnahmen gegen die Abwanderung ganzer Bevölkerungsteile.[11] Auch die Integrationschancen von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte können dadurch erhöht und Möglichkeiten einer aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Miteinander gefördert werden. Gestaltungserfahrungen fördern grundsätzlich den sozialen Zusammenhalt, und dies sogar in nachbarschaftlichem Mikro-Engagement.[12]

Kommunale Herausforderungen

Die von uns untersuchte Stadt Unna war und ist in einer Situation, die sie mit vielen andere Kommunen teilt: Durch die alternde Stadtbevölkerung entstehen neue Bedarfe an Freizeit- und Hilfsangeboten, die mit den vorhandenen Mitteln nicht ohne Weiteres gedeckt werden können. Die kommunalen Haushaltsmittel reichen oft nicht aus, um alle nötigen oder wünschenswerten Angebote zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig steigt der Anspruch der Bewohner*innen, ihren Sozialraum selbst mitzugestalten. Viele "junge Alte" möchten frei gewordene Zeit nützlich zur Gestaltung "ihrer" Stadt einbringen. Engagement erzeugt beziehungsweise verstärkt soziale Bindungen und stellt eine wichtige Ressource für die Stadtentwicklung dar; Gesellschaft funktioniert auch auf kommunaler Ebene nur durch die Verbundenheit ihrer Bürger*innen.[13]

Das Bürgerschaftsnetzwerk in Unna hat sich zum Ziel gesetzt, das vorhandene bürgerschaftliche Engagement produktiv und proaktiv mitzugestalten. Die bereits bestehenden Institutionen und Organisationen sowie die Aktiven des Initiativkreises "Forum Generationen" haben einen sogenannten "Demografieprozess" in Gang gesetzt, der die vorhandenen Prozesse und das Engagement der Akteur*innen verstetigen und voranbringen soll. So bildete sich etwa ein Lenkungskreis zur Koordination und Unterstützung der bestehenden bürgerschaftlichen Aktivitäten. Diese Gruppe stellte sich die Frage, wie ihr Selbstverständnis, ihre Arbeitsweise und Aufgaben, ihre Ziele und ihr Charakter weiterentwickelt werden sollten. An dieser Stelle setzt unsere Forschung ein.

Studie zu Akteur*innen, Engagierten und Nicht-Engagierten

Die Ist-Analyse des bestehenden Engagements in der Stadt sowie zu Art und Umfang der Kooperation der Akteur*innen vor Ort wurde in Form einer Netzwerkanalyse angelegt. Qualitative Experteninterviews in ausgewählten Engagementbereichen wie etwa der Kultur, dem Sport, der Gesundheit, der Religion, der Umwelt oder im sozialen Bereich wurden dafür rekonstruktiv analysiert.[14] Im Vordergrund stand die Rekonstruktion von Deutungen, die Aufschluss geben können über den jeweiligen Bereich des Engagements, seine bürgerschaftliche Beschaffenheit, die Verbindung zu anderen Bereichen und über die Ansichten zum Bürgerschaftsnetzwerk insgesamt. Unter den Interviewten befanden sich beispielsweise die Leitung der Volkshochschule, mehrere Mitbegründer des "Forum Generationen", Vertreter*innen der kommunalen Wirtschaft und solche des Kreissportbundes. Über diese Interviews hinaus wurde für die Netzwerkanalyse eine quantitative Befragung unter den 195 Vereinen und Organisationen der Stadt durchgeführt. Ziel war unter anderem, eine Art "Netzwerk-Landkarte" zu erstellen, die die unterschiedlichen Akteur*innen, ihre Organisationsstrukturen, die Art ihrer Zusammenarbeit und auch fehlende Schnittstellen sichtbar machen und die vorhandenen und fehlenden Angebote in den thematischen Feldern abbilden kann.

Auf Basis der so gewonnenen Übersicht über die Strukturen des Engagements sollte die Befragung der vorhandenen Vereine und ihrer Aktiven Auskunft darüber geben, wer bürgerschaftlich engagiert ist und welche Unterstützung für dieses Engagement benötigt wird. Unter der Frage "Wer ist und was braucht das Ehrenamt?" interessierten sich das Forschungsteam und die Ehrenamtsagentur Unna sowohl für die Sicht des Waffelbäckers beim Vereinsfest als auch für die Einstellungen des Fahrdienstes der Sportvereine, der die jeweiligen Mannschaften zu den Spielen transportierte.[15]

Hinsichtlich der Motivation, sich bürgerschaftlich zu engagieren, brachte die Untersuchung wenig Überraschendes zutage. Die meisten Befragten engagieren sich in erster Linie wegen der Freude an der Tätigkeit, gefolgt vom Wunsch, einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten und das gesellschaftliche Zusammenleben aktiv mitzugestalten. Interessant waren hingegen die Antworten bezüglich der Zufriedenheit mit den örtlichen Gegebenheiten. Zufrieden sind die befragten Bürger*innen ausschließlich mit der Unterstützung durch den Verein oder die Institution, in der sie sich engagieren. Deutliche Unzufriedenheit zeigt sich etwa in Bezug auf die Unterstützung ihrer Arbeit durch die Stadt, die allgemeine Anerkennung ihres Engagements oder in Bezug auf den allgemeinen Informationsstand zum bürgerschaftlichen Engagement.

Zur Stärkung des Engagements in der Stadt wünschen sich die Befragten mehr Werbung und Öffentlichkeitsarbeit für ihre Tätigkeit, Vergünstigungen als Zeichen der Anerkennung (beispielsweise durch einen Ehrenamtsausweis), die Bereitstellung von Räumen und weniger bürokratische Hindernisse. An Politik und Verwaltung ergeht vor allem der Wunsch, die Arbeit stärker zu unterstützen, statt nur "Lippenbekenntnisse" zum bürgerschaftlichen Engagement abzugeben.

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigten zudem, dass es deutliche Unterschiede in der Organisation, dem Aktivitätsgrad und dem Selbstverständnis des Engagements in den einzelnen Stadtteilen der untersuchten Stadt gibt. Unna zeichnet sich durch einen überschaubaren, historisch gewachsenen Innenstadtkern mit angrenzenden urbanen Siedlungen sowie einem Ring aus ländlich strukturierten, ehemals selbstständigen und nachträglich eingemeindeten Dörfern aus. Um diese strukturellen Unterschiede genauer zu untersuchen und ihre Auswirkungen auf bürgerschaftliches Engagement abschätzen zu können, wurde exemplarisch in zwei Sozialräumen eine Bevölkerungsumfrage durchgeführt. Ziel war es, die Spezifik und den Eigensinn des Engagements herauszufiltern und die Unterschiede bezüglich der Motivationen, der möglichen Hindernisse und der nötigen Unterstützung offenzulegen.

Sozialräume, Ressourcen und Bedarfe

Für die Umfrage wurden im März 2020 ein urbaner und zwei ländliche Sozialräume als Erhebungsorte ausgewählt. Die Bevölkerungszusammensetzung des städtischen Sozialraums ist vergleichsweise heterogen. Zum einen zeichnet sich das Quartier durch einen hohen Anteil an Eigenheimbesitzer*innen mit gutbürgerlichem Hintergrund aus, zum anderen gibt es eine hohe Anzahl von Sozialwohnungen, in denen überwiegend Menschen mit schwächerem sozioökonomischem Status sowie Personen mit Migrationserfahrung leben. Seit über zehn Jahren gibt es dort ein Quartiersprojekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Lebensqualität der Bewohner*innen und das Image des Stadtteils zu verbessern, den sozialen Zusammenhalt zu stärken und zur Bürgeraktivierung beizutragen. Die beiden ländlichen Sozialräume weisen eine eher traditionelle Dorfstruktur mit landwirtschaftlichen Betrieben und Eigenheimen sowie mit Neubaugebieten auf.

Die Ergebnisse des Freiwilligensurveys 2014 hatten gezeigt, dass sich Menschen im städtischen Raum deutlich seltener bürgerschaftlich engagieren als Menschen auf dem Land. Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass freiwilliges Engagement überwiegend mit den Attributen männlich, älter, gut situiert und hoher Bildungsgrad konnotiert ist.[16] Plausibel anzunehmen war auch, dass sich die ländlichen und die städtischen Sozialräume durch die Besonderheiten in ihren Erfahrungsräumen und Gelegenheitsstrukturen – traditionelle Verbundenheit auf den Dörfern, moderne und anonyme Lebenssituation im urbanen Stadtteil – unterscheiden würden.

Um diese Annahmen zu überprüfen, wurden insgesamt knapp 8.000 Fragebögen an alle Bewohner*innen über 14 Jahre der ausgewählten Stadtteile versandt. Die Zustellung der Fragebögen fiel mit dem Beginn des ersten pandemiebedingten Lockdowns im Frühjahr 2020 zusammen. Dies führte unter anderem dazu, dass zum Teil die für den Fragebogen vorgesehenen Rückgabestellen insbesondere im urbanen Stadtteil nicht mehr verfügbar waren, was sich deutlich in den unterschiedlichen Teilnahmezahlen im städtischen und im ländlichen Raum bemerkbar machte. Betrug die Rücklaufquote auf den Dörfern 13,8 Prozent, war sie im städtischen Sozialraum nur halb so hoch. Besonders interessant war die hohe Beteiligung nicht-engagierter Bürger*innen: Im urbanen Sozialraum kamen 57 Prozent der Antworten von Nicht-Engagierten, auf den Dörfern 47 Prozent. Die Bereitschaft, sich auch als (noch) nicht Engagierter an der Befragung zu beteiligen, kann durchaus als Anzeichen von Bindung zum Gemeinwesen gedeutet werden.

Erwartungsgemäß haben sich auch an dieser Umfrage eher Höherqualifizierte beteiligt, kaum vertreten sind Alleinerziehende und Beziehende von Transferleistungen. Vor allem im urbanen Sozialraum korreliert die Engagementquote stark mit der Wohndauer im Viertel. Allerdings zeigt sich eine erhöhte Engagementquote auch bei Bürger*innen mit einer Wohndauer bis zu fünf Jahren. Offenkundig bildet sich hier ein Integrationspotenzial für Zugezogene ab, das mittelfristig durch neue, kreative Einflüsse der Entwicklung des Sozialraums zugutekommen könnte. Da das persönliche Engagement zugleich auch den Bezug zur Stadt erhöht, wäre hier ein doppelt positiver Effekt zu erzielen. In den Dörfern hingegen fördern die gewachsenen Familien- und Siedlungsstrukturen und die damit verbundene geringere Anonymität die Engagementbereitschaft schon biografisch früher.

Allgemein bestätigen sich auch in dieser Untersuchung die Ergebnisse des Freiwilligensurveys: Wer über weniger Bildung und Einkommen verfügt, wer zugewandert, arbeitslos oder alleinerziehend ist, engagiert sich weniger. Anders, als der Freiwilligensurvey berichtet, ist das Engagement in den befragten Gebieten mit 57,4 Prozent jedoch mehrheitlich weiblich. Entsprechend der Ergebnisse neuerer Erhebungen[17] fällt auch hier ein hohes Engagement Jugendlicher auf.

Die konkreten Tätigkeitsfelder weisen in den städtischen und in den ländlichen Sozialräumen leichte Unterschiede auf, die auf spezifische Schwerpunkte der lokalen Netzwerke hindeuten: Entgegen der Erwartung hat die Kirche im städtischen Sozialraum eine größere Bedeutung als auf dem Land. Dort wird am häufigsten Engagement im Freizeitbereich, inklusive der Traditions- und Brauchtumspflege, geleistet, gefolgt von den Bereichen Kirche und Sport. Im städtischen Sozialraum folgen auf das Engagement in der kirchlichen Gemeinde die Bereiche Sport und Schule/Kindergarten.

Unerwartet überwiegen in allen Sozialräumen ausführende Tätigkeiten in festen Strukturen gegenüber projektförmigem Engagement. Dieser Befund unterstreicht die nach wie vor starke Bedeutung von Vereinsstrukturen und gefestigten Organisationen und steht nur scheinbar im Widerspruch zum Trend projektförmiger, vereinzelter Einsätze. Tatsächlich sind die gewachsenen Strukturen zugleich die Basis für punktuelles Engagement.

Die zeitliche Dauer des Engagements unterscheidet sich unter den Befragten hingegen deutlich. Im städtischen Sozialraum ist ein Drittel der Engagierten weniger als fünf Jahre aktiv, ein Viertel gibt an, sich seit über 25 Jahren zu engagieren. Auf den Dörfern sind die Langzeit-Engagierten noch stärker vertreten und bilden die größte Gruppe, was nochmals die Selbstverständlichkeit des Engagements im dörflichen Lebensentwurf bestätigt. Viele Aktive sind in mehreren Bereichen engagiert und sorgen zudem auch für Angehörige. Gerade dieses "Multi-Engagement" verdient Beachtung.

Die Hauptmotive, sich bürgerschaftlich zu engagieren, lauten in allen Sozialräumen: Freude am Engagement, Menschen helfen und Andere kennenlernen. Unterschiede bestehen in den zusätzlich genannten Motiven, wie etwa auf den Dörfern die Tradition des Engagements, das gelebte Engagement in der Familie oder auch der Wunsch nach kommunaler Mitgestaltung. Im städtischen Sozialraum steht die Stärkung des sozialen Zusammenhalts im Vordergrund. Überraschenderweise spielt der Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung bei den schon Engagierten die geringste Rolle.

Die Ansichten zum bürgerschaftlichen Engagement zeigen keine sozialräumlichen Unterschiede, wohl aber solche zwischen Engagierten und Nicht-Engagierten. Sind sich beide Gruppen noch darin einig, dass persönliches Engagement in unserer Gesellschaft nicht ausreichend wertgeschätzt wird und stärker politisch gefördert werden sollte, vertreten die Nicht-(mehr-)Engagierten oft die Meinung, dass es keiner zusätzlichen Aufforderung zum Engagement bedürfe und die Engagierten häufig als billige Arbeitskräfte missbraucht würden. Diese Personengruppe möchte mit bürgerschaftlichem Engagement nichts (mehr) zu tun haben. Tiefergehende Analysen zu möglicherweise negativen vorherigen Erfahrungen wäre hier überaus wünschenswert.

Ideen zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements betreffen insbesondere engagementbezogene Vergünstigungen (zum Beispiel Fahrtkostenerstattungen oder zeitliche Anrechnungen bei der Studienplatzvergabe oder den Regelstudienzeiten) sowie eine bessere finanzielle Unterstützung von Vereinen und Projekten. Drittwichtigster Faktor aus Sicht der Befragten ist die gesellschaftliche Anerkennung für das gemeinwohlorientierte Tun. Zwar spielt Anerkennung, wie gesehen, für das eigene Engagement kaum eine Rolle, sie wird aber gleichwohl als möglicher Ansporn für (noch) Nicht-Engagierte wahrgenommen. Unterstützend gewünscht werden mehr Informationen und Ansprechpartner*innen in Politik und Verwaltung. Dies ist umso erstaunlicher, da beides vor Ort eigentlich vorhanden ist – und verweist auf die Notwendigkeit einer Stärkung der Öffentlichkeitsarbeit. Sehr deutlich gewünscht wird mehr kommunale Unterstützung bürgerschaftlichen Engagements, eine Stärkung der Stadtteile sowie mehr Möglichkeiten zur Partizipation an Diskussionsprozessen in den entsprechenden kommunalen Gremien.

Fehlende Informationen über die Möglichkeiten bürgerschaftlichen Engagements sind ein direktes Hindernis für (weiteres) Engagement, am häufigsten jedoch wird der Faktor "fehlende Zeit" genannt. Wer wegen gestiegenen Arbeitsdrucks oder des "Multi-Engagements" in Familie, Beruf und Gemeinwesen ohnehin schon stark eingebunden ist, dem fehlt die Zeit für andere Formen des Engagements. Gerade in dem von höherer Anonymität gekennzeichneten städtischen Sozialraum sind Ansprechpartner*innen vor Ort hilfreich, um die erste Schwelle der Kontaktaufnahme zu engagierten Personen und Kreisen zu überwinden. Auch erfordert die Sozialstruktur speziell dort Angebote für Menschen mit schwächerem ökonomischem Status. Auf den Dörfern hingegen kann die – eigentlich positiv konnotierte – Verbundenheit zum Gemeinwesen schnell zu einem starken Verpflichtungsgefühl mutieren, das mitunter zu einer Vereinnahmung der/des Engagierten und in der Folge zu einem Rückzug aus dem Engagement führt, da eine Eingrenzung des eigenen Engagements schwierig erscheint oder von der Umgebung nicht akzeptiert wird.

Ausblick

Gesellschaften können ihre notwendigen Erhaltungs- und Entfaltungsgrundlagen nicht allein aus familialen oder ökonomisch erbrachten Leistungen sichern. Hierfür bedarf es Tätigkeiten, die auf die Gemeinschaft bezogen sind. Bürgerschaftliches Engagement ist daher grundlegend wichtig. Neben der gesellschaftlichen Ebene gilt dies auch aus individueller Sicht: Bürgerliches Engagement birgt sinnstiftendes Potenzial.

Die Relevanz dieser Erfahrung lässt sich insbesondere dann erkennen, wenn die Sinnstiftung fehlt, sich Krankheiten (etwa Burn-outs) ausbilden oder eine generelle Abkehr vom Gemeinwesen beobachtbar wird. Zeigt sich dies in aggressiven oder apathischen Reaktionen auf gesellschaftspolitische Entscheidungen und Entwicklungen – wie derzeit zum Beispiel an den Protesten gegen die Pandemiebekämpfungspolitik –, wird auch das Gefährdungspotenzial für lebendige Demokratien sichtbar. Bürgerschaftliche Formen der Partizipation, gelebte Zugehörigkeit und erfahrene Selbstwirksamkeit können dann als Schutz vor Demokratieverdrossenheit dienen, sozusagen als Radikalisierungsprophylaxe.

Um das bürgerschaftliche Engagement zu stärken, bedarf es vor allem eines: Man muss es zulassen. Bereitschaft und stille Reserven sind vorhanden. Die Gemeinden und ihre politischen und verwaltenden Verantwortlichen sollten den Eigensinn der Engagierten nicht fürchten, sondern sie wirken lassen und Ermöglichungsstrukturen schaffen, also etwa die nötige Infrastruktur für Engagement zur Verfügung stellen. Zu guter Letzt gehört dazu auch eine Wertschätzung auf breiter Basis, die sich nicht nur in monetärer Absicherung des Engagements ausdrückt, sondern vor allem darin, ernst- und wahrgenommen zu werden mit den persönlichen Erfahrungen und Kenntnissen und der eigenen Gestaltungsbereitschaft.

Fußnoten

1.
Vgl. Julia Simonson/Claudia Vogel/Clemens Tech-Römer (Hrsg.), Freiwilliges Engagement in Deutschland. Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014. Empirische Studien zum bürgerschaftlichen Engagement, Wiesbaden 2017.
2.
Für Versuche, einen Vergleichsmaßstab zum ökonomischen Äquivalent herzustellen, vgl. etwa die Berechnungen von Prognos AG/AMB Generali Holding AG, Engagementatlas 09. Daten, Hintergründe, volkswirtschaftlicher Nutzen, Aachen 2009. Demnach entsprachen die 4,6 Mrd. Arbeitsstunden, die als freiwilliges Engagement im Jahr 2009 geleistet wurden, einer Arbeitsleistung von 3,4 Mio. Vollzeitbeschäftigten.
3.
Vgl. Ute Fischer, Anerkennung, Integration und Geschlecht. Zur Sinnstiftung des modernen Subjekts, Bielefeld 2009, S. 39ff.
4.
Vgl. z.B. Thomas Röpke, Bürgerschaftliches Engagement und sozialstaatliche Daseinsvorsorge. Bemerkungen zu einer verwickelten Beziehung, Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2012, http://library.fes.de/pdf-files/do/08956.pdf«; Silke van Dyk/Tine Haubner, Gemeinschaft als Ressource? Engagement und Freiwilligenarbeit im Strukturwandel des Wohlfahrtstaats, in: A. Doris Baumgartner/Beat Fux (Hrsg.), Sozialstaat unter Zugzwang? Zwischen Reform und radikaler Neuorientierung, Wiesbaden 2019, S. 259–279.
5.
Vgl. http://www.fh-dortmund.de/de/news/2020/11/viel-potenzial-fuer-buergerschaftliches-engagement.php«.
6.
Vgl. Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" des Deutschen Bundestags, Bürgerschaftliches Engagement: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft, Opladen 2002, S. 86.
7.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Erster Engagementbericht: Für eine Kultur der Mitverantwortung, Berlin 2012, S. 6, http://www.bmfsfj.de/resource/blob/93678«.
8.
Vgl. Fischer (Anm. 3).
9.
Vgl. Ulrich Oevermann, Ein Modell der Struktur von Religiosität. Zugleich ein Modell von Lebenspraxis und von sozialer Zeit, in: Monika Wohlrab-Saar (Hrsg.), Biographie und Religion. Zwischen Ritual und Selbstsuche, Frankfurt/M. 1995, S. 27–102.
10.
Vgl. BMFSFJ, Motive des bürgerschaftlichen Engagements, Berlin 2014.
11.
Vgl. Christiane Dienel, Bürgerengagement und demografischer Wandel, Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2010.
12.
Vgl. Ansgar Klein, Mikro-Engagement, sozialer Zusammenhalt und soziale Bürgerrechte, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 1–2/2018, S. 101–109.
13.
Vgl. Claudia Pinl, Ehrenamt statt Sozialstaat? Kritik der Engagementpolitik, in: APuZ 14–15/2015, S. 49–54.
14.
Vgl. Aglaja Przyborski/Monika Wohlrab-Sahr, Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch, München 2008. Für die Netzwerkanalyse siehe Sonja Blum/Klaus Schubert (Hrsg.), Politikfeldanalyse, Wiesbaden 2011, S. 61–68.
15.
An der online durchgeführten Befragung beteiligten sich sehr viele Vereine, allerdings antworteten häufig weniger die einfachen Mitglieder als die jeweiligen Vorstände.
16.
Vgl. Simonson/Vogel/Tech-Römer (Anm. 1), S. 21.
17.
Vgl. Holger Krimmer (Hrsg.), Datenreport Zivilgesellschaft, Wiesbaden 2019, S. 68; Mathias Albert/Klaus Hurrelmann/Gudrun Quenzel, 18. Shell Jugendstudie – Jugend 2019, Weinheim 2019, S. 97.
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