Junge Frau mit FFP2-Maske mit der Aufschrift 1,5 Grad 2

17.9.2021 | Von:
Yağmur Mengilli

Chillen als jugendkulturelle (Protest-)Praxis?!

"Chillen", "chillig", "gechillt" und "Chill dich mal!" – diese jugendsprachlichen Ausdrücke gehören heute längst zum Standardwortschatz junger Menschen. Mit ihnen ist eine Praxis verbunden, die von vielen sogenannten Erwachsenen[1] kritisch beäugt und als "Rumhängen", "Entspannen" oder "Nichtstun" abgetan wird. Mit der kritischen Betrachtung gehen Forderungen nach mehr gesellschaftlichem Engagement einher – denn gleichzeitig wird häufig pauschal festge- beziehungsweise unterstellt, dass Jugendliche politikverdrossen seien und kein Interesse an öffentlichen Belangen hätten. Derlei Ansprüche richten sich insbesondere an Jugendliche, die lediglich mit Freund:innen rumhängen und vermeintlich nichts anderes tun, als sich mit sich zu beschäftigen.

Die Frage, ob und wie politisch und engagiert Jugend ist, hat Erwachsene und Forschende schon immer beschäftigt – so auch heute: Inwiefern also kann das Chillen Jugendlicher als ein Ausdruck von Desinteresse oder Lustlosigkeit gelten? Oder handelt es sich nur um ein Missverständnis oder Vorurteil? Denn selbst wenn Jugendliche damit Erschöpfung, Gleichgültigkeit oder Apathie ausdrücken sollten – hat Jugend nicht ein Recht darauf, ungestört aufzuwachsen? Zugespitzt könnte auch danach gefragt werden, ob das Chillen nicht vielleicht sogar eine jugendliche Protestform sein könnte: Denn gerade die Situation in der Covid-19-Pandemie verdeutlicht doch, dass Jugendliche sich von Erwachsenen weder gesehen noch gehört fühlen und dass sie kaum oder gar nicht in gesellschaftliche Entscheidungsprozesse einbezogen werden.

Um zu verstehen, wer was unter "chillen" versteht, werde ich im Folgenden zunächst skizzieren, wie der Begriff Eingang in die deutsche Sprache fand und was er bedeutet. Anschließend werden einige Diskurse – und damit auch unterschiedliche Verständnisse – des Chillens dargestellt, um diese letztlich der Perspektive junger Menschen gegenüberzustellen und zu diskutieren, welche Folgerungen sich daraus ergeben.

Von der Szene in die Jugendsprache

Das vom englischen Verb to chill (kühlen) abgeleitete Wort "chillen" kam erstmals gegen Ende der 1980er Jahre in der Techno-Szene auf, im Zusammenhang mit Chill-Out-Räumen oder dem Chill-Out mit Freund:innen, als Möglichkeit des Runterkommens nach einer durchtanzten Nacht. Das Chillen an sich wurde als Zustand "fauler Geselligkeit auf oder nach einer Party, das Sich-Zurückziehen nach wildem Tanzen, um Kräfte zu sammeln" beschrieben.[2] Etwa zur selben Zeit wurde Chillen auch als ein zentraler Bestandteil von Events in der Hip-Hop-Szene ausgemacht.[3]

2003 nahm der Duden den Begriff in sein Fremdwörterbuch auf und erklärte ihn folgendermaßen: "dem Nichtstun frönen; faulenzen; sich ausruhen". Bei diesen Übersetzungen und Bedeutungen blieb es jedoch nicht, denn das englische to chill erfuhr bereits im anglophonen Raum einen Bedeutungswandel von "(ab)kühlen" zu "sich entspannen". Eine Spielart davon findet sich etwa in der deutschen Aufforderung "chill (dich) mal!", was so viel heißt wie "entspann dich" beziehungsweise "reg dich nicht auf".[4] Die Mehrdeutigkeit und die diversen Einsatzmöglichkeiten des Wortes zeigen sich hier bereits. Aber was machen Jugendliche eigentlich, wenn sie chillen?

Nichtstun und Rumhängen?

In aktuellen Jugendstudien, in denen unter anderem Alltagswelten, Lebenslagen und auch Freizeitaktivitäten junger Menschen untersucht werden, wird ebenfalls auf unterschiedliche Verständnisse von Praktiken des Chillens junger Menschen aufmerksam gemacht.

So erscheint alle vier Jahre die vom Mineralölkonzern Shell herausgegebene "Shell Jugendstudie", für die unabhängige Forschungsinstitute empirische Daten über Einstellungen, Werte, Gewohnheiten und das Sozialverhalten junger Menschen in Deutschland erheben. In der jüngsten Studienausgabe von 2019 wurden Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren mit standardisierten Fragebögen und vertiefenden Interviews hinsichtlich ihrer Lebenssituation und Einstellungen befragt. Die repräsentative Jugendstudie bezog dabei auch die Freizeitgestaltung und Internetnutzung ein. Zu den häufigsten Freizeitaktivitäten zählen demnach Musik hören (57 Prozent) und "sich mit Leuten treffen" (55 Prozent). Aber auch "nichts tun, ‚chillen‘" wird durchschnittlich von 26 Prozent der befragten Jugendlichen als Freizeitaktivität angegeben. Ins Verhältnis gesetzt mit der sozialen Herkunft der Jugendlichen ergibt sich, dass "Jungen aus den unteren sozialen Schichten besonders häufig medienzentrierten und ‚häuslichen‘ Beschäftigungen nach[gehen]: Internetsurfen, Fernsehen, die Nutzung sozialer Medien oder Chillen". In einer Freizeittypologie wird das Freizeitverhalten der Jugendlichen in "Medienfokussierte", "Familienorientierte", "Gesellige" und "Kreativ-engagierte Aktive" zusammengefasst. Die "Medienfokussierten" werden als jene Gruppe beschrieben, die "seltener etwas mit anderen unternehmen."[5]

Über diese Erkenntnisse wird folgendes Bild vom Chillen gezeichnet: Geselligkeit, also "sich mit Leuten treffen", und der Rückzug ins "Nichts tun, ‚chillen‘" sind scheinbar konträre Aktivitäten und werden überwiegend von einer spezifischen Gruppe von Jungen ausgeübt. Mit der Zusammenfassung beider Aktivitäten werden Chillen und Nichtstun letztlich sogar gleichgesetzt. Ferner werden soziale Ungleichheit und Zuschreibungen (re)produziert, wenn festgestellt wird, dass "Jungen aus den unteren sozialen Schichten" mehr chillen als andere Jugendliche. Weiterhin wird das Chillen einem Offline-Format zugeordnet und ein Chillen online nicht in Betracht gezogen. Mit dieser Form der Darstellung werden Freizeitaktivitäten hierarchisiert und unterschiedliche Aktivitäten nicht ins Verhältnis gesetzt. Ob beim Chillen Musik gehört oder Freund:innen getroffen werden, geht daraus nicht hervor.

Szene am Ufer der Donau in Regensburg, Mai 2021.Szene am Ufer der Donau in Regensburg, Mai 2021. (© Valentin Goppel (Serie "zwischen den Jahren" über Jugend in Zeiten von Corona), www.valentingoppel.com)

Eine andere Vorstellung vom Chillen wird in der bundesweiten Studie "Jugend und Corona" (JuCo I und II) vermittelt, in der der Forschungsverbund "Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit" die Veränderungen des jugendlichen Alltags im Zuge der Eindämmung der Corona-Pandemie untersucht hat. Im Mittelpunkt der Studie stehen die Erfahrungen und Perspektiven junger Menschen auf Grundlage von Online-Befragungen von etwa 7.000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Forscher:innen stellen fest, dass es für junge Menschen besonders herausfordernde Zeiten waren: "Viele konnten ihre Träume und Pläne nicht verwirklichen, die sie schon lange verfolgt haben: Sie wurden ausgebremst. Chillen mit Freund:innen, ausgelassen sein, feiern, Neues ausprobieren, war nicht möglich." Da sich das Jugendleben üblicherweise an vielen unterschiedlichen Orten abspielt, wurde das dauerhafte Zuhausebleiben als herausfordernd erlebt. Das Chillen wird in dieser Studie mit dem Fehlen von "Orten des Abhängens" in Verbindung gebracht und zu den "elementare[n] Formen des sozialen Miteinanders junger Menschen" gezählt. Ohne solche Orte und Momente des Chillens fühlen sich einige Jugendliche stärker psychisch belastet "als jene ohne Bedarf an offenen Orten, wo sie ihre Freund:innen treffen und chillen können".[6] Anders als die Shell Jugendstudie bezieht die JuCo-Studie das Chillen also auf Freundschaft und Orte zum Abhängen (die in der Pandemiesituation fehlen).

Über die Darstellung dieser beiden Studien wird bereits ersichtlich, dass es unterschiedliche Thematisierungsweisen des Chillens gibt: Einerseits wird das Chillen als Nichtstun mit Passivität und Rückzug ins Zuhause verbunden, andererseits mit Vergemeinschaftung im öffentlichen Raum. Beide Betrachtungsweisen deuten darauf hin, dass die Jugend chillt und für Erwachsene uneindeutig ist, was dabei passiert.

Nichtstun als Widerstand?

Das Chillen, Nichtstun oder Abhängen sind altbekannte Aktivitäten, die bereits in den 1970er Jahren in England vom Birminghamer Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) untersucht wurden. Sowohl Paul Willis als auch Paul Corrigan haben sich als Mitarbeiter des CCCS in ihren Studien mit der britischen Arbeiterjugend und deren Kultur auseinandergesetzt. Zentral war die Thematisierung des Verhältnisses zwischen der Gesellschaft und der Jugend sowie die Deutung des jugendlichen Verhaltens des Nichtstuns als Widerstandspositionen gegen die Überheblichkeit der "Erwachsenen-Gesellschaft".

Willis betrachtete 1977 in seiner Studie "Spaß am Widerstand. Learning to Labour" das Rumhängen in der Schule als Opposition zur Arbeit. Er untersuchte die Gegenschulkultur und stellte unter anderem die alltäglichen Widerstandspraktiken im Unterricht als eine Art der Opposition gegen die Lehrerschaft und das Bildungssystem heraus. Im Wesentlichen reichten die "feindlichen Übergriffe" der Jugendlichen von mittäglichen Schulferien-Besäufnissen bis zu "Mikro-Interaktionen", geheimer Rede sowie dem "Rückzug ins Informelle". Die Arbeiterschicht, so Willis, suche den Ausdruck der Opposition dort, wo das Gesetz der Schule sie haarscharf nicht mehr erreiche. Elemente dieser Kultur seien auch das "Rumhängen, Blödeln, Schwänzen", das er als ein "Ringen um symbolische und physische Freiräume, um sich von der Institution und ihren Regeln zu lösen" sah und als einen Versuch, "ihr wichtigstes Anliegen zu vereiteln: einen zum Arbeiten zu bringen".[7] Das Schwänzen oder im Klassenzimmer zwar anwesend zu sein, aber nichts zu tun, dienten als Strategien, um sich von den Erwartungen der Erwachsenen abzugrenzen.

Paul Corrigan hingegen beschrieb 1979 die Straße als Ort der Jugendlichen, wo etwas los ist und hauptsächlich nichts getan wird. Die Hauptbetätigung der britischen Jugend sei das "Nichtstun" beziehungsweise das "Rum- oder Abhängen". Als paradox beschrieb er, dass das Herumhängen der Jugendlichen auf der Straße von Außenstehenden nicht als Aktivität anerkannt wird, obwohl eine Reihe von Aktionen damit verbunden ist. Die Auseinandersetzung mit dem, was Jugendliche tun, wenn sie sagen, sie würden Nichtstun, wurde somit für Corrigan zentral. Eine typische Beobachtung des Nichtstuns gab Corrigan folgendermaßen wieder:

    "Was tut ihr denn so, wenn ihr mit euren Kumpels zusammen seid?
    Duncan: Na, einfach rumstehen und Quatsch reden. Über irgendwas.
    Tut ihr sonst noch was?
    Duncan: Spaßmachen, Blödeln, sich aufspielen. Wozu wir gerade Lust haben, wirklich.
    Und das ist alles?
    Duncan: Einfach irgendwelche Sachen. Letzten Samstag fing jemand an mit Flaschen zu schmeißen, und wir haben alle mitgemacht.
    Was passierte dann?
    Duncan: Eigentlich nichts."
    [8]
Corrigan zeigte somit, dass Jugendliche beim Nichtstun durchaus etwas tun: Es werden zum Beispiel interessante Stories erzählt. Die mangelnde Kommunikation über das Nichtstun bedeute daher nicht, dass nichts geschieht, sondern dass Ideen "aus Langeweile geboren werden".[9] Ein Beispiel dafür ist das Flaschen-Schmeißen, das nicht geplant geschieht, sondern aus der Situation heraus. Corrigan zufolge führen diese aus dem Nichtstun entstehenden Dynamiken und Handlungen über Verbote und Regeln dazu, dass das Verhalten der Jugendlichen häufig als kriminell wahrgenommen wird.

Die Studien von Willis und Corrigan verdeutlichen eine spezifische aktionistische Dynamik jugendkultureller Praktiken. Nichtstun wird von den untersuchten Jugendlichen einerseits als Strategie genutzt, um sich bestimmten Erwartungen zu entziehen, und andererseits als eine Art Code für spontane und ungeplante Situationen. Weiterhin zeigt sich, dass diese Aktivitäten der Jugendlichen von Erwachsenen – sofern sie erwischt werden – in der Regel geahndet werden. Zudem wird deutlich, dass in der Schule und auch im öffentlichen Raum das Nichtstun eine Abgrenzung markiert, aber gleichzeitig nicht ohne die Intervention Erwachsener möglich ist. Wo können Jugendliche ungestört tun, was sie möchten?

Zwischen Schule und Chillen

Wie bereits skizziert, kollidiert die Art und Weise des Nichtstuns, Abhängens und Chillens Jugendlicher im öffentlichen Raum mit den Interessen anderer. Immer wieder zeigen sich diese Kollisionen in Konflikten, bei denen ordnungspolitische und auch strafrechtliche Probleme mit Jugendlichen ins Zentrum öffentlicher Debatten treten.[10] So wurde in den vergangenen zwei Jahren mehrfach über Auseinandersetzungen und Ausschreitungen Jugendlicher in Stuttgart, Frankfurt am Main und anderen deutschen Städten berichtet. Randalierende Jugendliche wurden im öffentlichen Raum mit Repressionen, Alkoholverboten und Polizeipräsenz des Orts verwiesen. Verkürzt lässt sich dies damit erklären, dass der öffentliche Raum keine "keine Liegewiese für jedermann" ist.[11] Folglich besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen öffentlichen Räumen, den dort "verorteten Normen" sowie Kontrollinstanzen, die von den Jugendlichen wahrgenommen werden und sich auch auf das Verhalten auswirken.[12]

Gleichzeitig haben Forderungen nach Orten zum Abhängen und nach "Freiräumen für junge Menschen" in jugend- und bildungspolitischen Stellungnahmen, Studien und Berichten bereits seit einigen Jahren Konjunktur.[13] Zwar gibt es neben den Sozialisationsorten wie Familie, Schule, Ausbildung, Freizeitangeboten auch selbstgestaltbare Spiel- und Erprobungsräume und Rückzugsorte für Auszeiten – aber diese scheinen zu schwinden oder funktionalisiert zu werden. Das heißt, dass es immer mehr betreute Angebote und Projekte für Jugendliche gibt und immer weniger frei verfügbare Orte, die sie sich selbstständig aneignen können.

In Abgrenzung zur Kindheit und mit Blick auf das Erwachsenenleben wird Jugend als eigenständige Lebensphase begriffen, mit der diverse Herausforderungen des Erwachsenwerdens verbunden sind. "Was Jugend bedeutet – und zwar sowohl für die Gesellschaft als auch für die jungen Menschen selbst – wird weitaus stärker durch diese gesellschaftlichen Muster, durch die ‚Vergesellschaftung‘ der Jugendphase bestimmt als durch das Lebensalter selbst."[14] Die Jugendphase und damit auch das Jugendlich-Sein-Können, erscheint überladen mit Anforderungen und Aufgaben des künftigen Erwachsenenstatus. Jugendliche müssen Passungsverhältnisse zwischen den zentralen Lebensbereichen Familie, Freundeskreis, Qualifikation und den eigenen Interessen herstellen und gleichzeitig vielen unterschiedlichen Ansprüchen der Sozialisationsinstanzen sowie Rollenerwartungen unter anderem von Eltern, Lehrer:innen und Ausbilder:innen gerecht werden.[15] Somit zeigt sich, das die jugendkulturelle Praxis des Chillens, Abhängens und Nichtstuns eine wichtige Funktion der Lebensbewältigung und Identitätsarbeit erfüllt: einerseits als Gegenpunkt zum oft auch von den "Jugendlichen beklagten, aber akzeptierten Anpassungs- und Leistungsdruck im Bildungs- und Arbeitssystem, andererseits als Medium von Zugehörigkeit und Anerkennung".[16]

Resümee: Chillen als Protest?!

Ausgehend von der eingangs formulierten Frage danach, was sich in dem Chillen Jugendlicher ausdrückt, kann abschließend zusammengefasst werden: In jugendkulturellen Praktiken drücken sich sowohl Reaktionen auf gesellschaftliche Erwartungen und Anforderungen als auch eigensinnige Umgangs- und Ausdrucksweisen aus. Das Chillen kann als ein Möglichkeitsraum zwischen "Nichts-Tun-Müssen und Etwas-Tun-Können" gefasst werden.[17] Es markiert einerseits Unverfügbarkeit für externe Anforderungen gegenüber Erwachsenen und andererseits Verfügbarkeit für Vergemeinschaftung und ungeplante Erlebnisse mit Gleichgesinnten.

Im Lichte der skizzierten Studien zeigen sich einige (Miss-)Verständnisse und unterschiedliche Ansprüche von Erwachsenen an Jugendliche: Versuche des Verstehen-Wollens von jugendlichem Handeln, aber auch die Begrenzung über Platzzuweisungen, Deutungen und Bewertungen. Selbst die Deutung des Chillens als Protest funktionalisiert es letztlich wieder als eine Form des Widerstands und verkennt die Artikulation von Nicht-Verfügbarkeit. Auch die Benennung des Chillens als "Nichtstun" weist auf das Verhältnis zu etwas hin – zu einem nützlichen oder zielorientierten Tun. Um sich dieser Bewertung zu entziehen und sich nicht ständig erklären zu müssen, eignet sich das Chillen als eine Art Code gegenüber Erwachsenen, aber auch Gleichaltrigen. Die Herstellung dieses Zeichenvorrats ist mühsam, denn Jugendliche schaffen sich Räume zum Chillen, organisieren sich mit ihren Freund:innen oder Peergruppen und machen sich frei von externen Anforderungen.[18] Einer Entschlüsselung sowie dem Verständnis durch Erwachsene über eine Benennung als Nichtstun, Widerstand oder Protest entzieht sich diese jugendkulturelle Praxis.[19]

Ob und inwiefern sie somit als Protest markiert werden kann, obliegt der Absicht der Leser:innen, denn nicht ohne Grund hat sich die Formel "chill mal!" als Anrufung, sich locker zu machen, unter anderem als Reaktion auf erwachsene Anfragen etabliert.

Fußnoten

1.
Als Erwachsene werden hier alle bezeichnet, die das Chillen Jugendlicher mit Distanz betrachten, beispielsweise Eltern, Lehrer:innen und andere Pädagog:innen.
2.
Jannis Androutsopoulos, … und jetzt gehe ich chillen: Jugend- und Szenesprachen als lexikalische Erneuerungsquellen des Standards, in: Ludwig Eichinger/Werner Kallmeyer (Hrsg.), Standardvariation: Wie viel Variation verträgt die deutsche Sprache?, Berlin–New York 2005, S. 171–206, S. 171.
3.
Vgl. Ronald Hitzler/Arne Niederbacher, Leben in Szenen: Formen juveniler Vergemeinschaftung heute, Wiesbaden 20103, S. 86.
4.
Nils Bahlo et al., Jugendsprache. Eine Einführung, Heidelberg 2019, S. 114.
5.
Matthias Albert/Klaus Hurrelmann/Gudrun Quenzel (Hrsg.), Jugend 2019. 18. Shell Jugendstudie, Weinheim 2019, S. 214, S. 218, S. 222.
6.
Sabine Andresen et al., Das Leben von jungen Menschen in der Corona-Pandemie. Erfahrungen, Sorgen, Bedarfe, Gütersloh 2021, S. 6, S. 28. Siehe auch den Beitrag von Sabine Andresen in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
7.
Paul Willis, Spaß am Widerstand. Learning to Labour, Hamburg 2000 [1977], S. 54.
8.
Paul Corrigan, Nichts tun, in: John Clarke et al. (Hrsg.), Jugendkultur als Widerstand. Milieus, Rituale, Provokationen, Frankfurt/M. 1979, S. 176–180, hier S. 176.
9.
Ebd., S. 177.
10.
Vgl. Gabriela Muri/Sabine Friedrich, Stadt(t)räume – Alltagsräume? Jugendkulturen zwischen geplanter und gelebter Urbanität, Wiesbaden 2009, S. 9.
11.
Christian Reutlinger, Machen wir uns die Welt, wie sie uns gefällt? Ein sozial-geographisches Lesebuch, Zürich 2017, S. 26.
12.
Vgl. Martin Klamt, Verortete Normen. Öffentliche Räume, Normen, Kontrolle und Verhalten, Wiesbaden 2007, S. 275.
13.
Vgl. etwa Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), 15. Kinder- und Jugendbericht, Berlin 2017, S. 109.
14.
Richard Münchmeier, Jugend als Konstrukt. Zum Verschwimmen des Jugendkonzepts in der "Entstrukturierung" der Jugendphase – Anmerkungen zur 12. Shell-Jugendstudie, in: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 1/1998, S. 103–118, hier S. 104.
15.
Vgl. Jutta Ecarius et al., Spätmoderne Jugend – Erziehung des Beratens – Wohlbefinden, Wiesbaden 2017.
16.
Andreas Walther, Lokale Konstellationen von Jugendpartizipation. Ein Städtevergleich, in: Axel Pohl et al. (Hrsg.), Praktiken Jugendlicher im öffentlichen Raum – Zwischen Selbstdarstellung und Teilhabeansprüchen, Sozialraumforschung und Sozialraumarbeit, Wiesbaden 2019, S. 167–193, hier S. 186f.
17.
Peter Cloos et al., Die Pädagogik der Kinder- und Jugendarbeit, Wiesbaden 20092, S. 21.
18.
Vgl. Yağmur Mengilli "Nur n’ bisschen chillen?!" – Eigensinnige Raumaneignung als Konflikt, in: Johanna Betz et al. (Hrsg.), Frankfurt am Main – eine Stadt für alle? Konfliktfelder, Orte und soziale Kämpfe, Bielefeld 2021 (i.E.).
19.
Vgl. dies., Chillen, abhängen, sitzen in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, in: Ulrich Deinet et al. (Hrsg.), Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit, Wiesbaden 2021, S. 1331–1336.
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