Das Sowjetische Ehrenmal im Tiergarten in Berlin mit Gerüst zur Renovierung, 14.09.2020

16.4.2021 | Von:
Maike Lehmann

Von der Hartnäckigkeit eines Attributs. Das (Post-)Sowjetische als politische und identitätsrelevante Ressource

Mittlerweile ist es 30 Jahre her, dass der sowjetische Staat zu existieren aufhörte. Mit ihm endeten auch der Kalte Krieg und die bipolare Aufteilung der Welt in einen durch Moskau weitgehend dominierten sozialistischen Block und westliche liberale Staaten, die ihre konkurrierenden Gesellschaftsmodelle mithilfe von Entwicklungsprogrammen, wirtschaftlichen Kooperationen, Bildungsaustausch und militärischen Einsätzen in damals als "Dritte Welt" und "blockfreie Staaten" bezeichneten Regionen zu etablieren suchten. Auf die euphorische Rede vom "Ende der Geschichte", die den umfassenden Sieg des Liberalismus postulierte,[1] folgten im Westen der Entwurf von Transformationstheorien, die die Härten des Zusammenbruches lediglich als eine Übergangszeit entwarfen, die mittels einer Schocktherapie umso schneller überwindbar wäre.

Mittlerweile ist eine ganze Generation ohne eigene Erfahrung mit dem Staatsozialismus aufgewachsen. Doch die Sowjetunion bleibt präsent. Denn auch die Nachgeborenen, nicht nur ihre vor 1991 aufgewachsenen Eltern und Großeltern, wurden durch die Sowjetunion und ihren Zusammenbruch geprägt. So halten sich positive Bezugnahmen etwa auf die entscheidende Rolle der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg, auf die Breschnew-Zeit oder gar auf Stalin als erfolgreichen Manager der sowjetischen Modernisierung. Dies sind Abschnitte in der Geschichte, die trotz der Millionen Opfer, die Krieg und Terror forderten, und der Einschränkung von Meinungs- und Versammlungsfreiheit in der späten Sowjetunion nicht nur in Russland mit Erfolgen, Sicherheit und globalem Status in Verbindung gebracht werden. Entsprechend fand die Deklaration des ehemaligen KGB-Offiziers Wladimir Putin, der Zusammenbruch der Sowjetunion stelle die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts dar,[2] in Russland wie im postsowjetischen Raum Zustimmung. Immerhin hatten Finanzreformen und -krisen wiederholt Familienersparnisse vernichtet; Arbeitsverhältnisse bleiben bis heute fragil. Auch widerlegten die kriminelle Gewalt auf den Straßen postsowjetischer Städte der 1990er Jahre und die zahlreichen Bürgerkriege an der ehemaligen sowjetischen Peripherie den westlichen Mythos eines gewaltfreien Regimewechsels.

Trotz der Berichte über diese Zustände irritierte Putins Aussage im Westen. Hier wird der Zerfall der multiethnischen Sowjetunion keineswegs als Tragödie, sondern als Befreiung angesehen, und positive Erinnerungen an die Sowjetzeit als fehlgeleitete, da vergessliche, verharmlosende "Nostalgie" gefasst.[3] Zugleich werden Rechtsbeugung, Korruption, die Schwäche der Zivilgesellschaft, Zustimmung für Putins Geopolitik oder auch die regelmäßige Nennung Stalins als bedeutendste Figur in der russischen Geschichte[4] als Ausweis für ein noch nicht überwundenes sowjetisches Erbe gewertet. Diese konträren Interpretationen sind Grund genug, sich das (Post-)Sowjetische als Attribut und seine unterschiedlichen Bedeutungen näher anzusehen.

Chronologie und Politik

Die Begriffe des "Sowjetischen" und des "Postsowjetischen" scheinen zunächst schlicht eine Chronologie zu umreißen – 70 Jahre Sowjetunion einerseits, das "Danach" andererseits. Doch jenseits dieser Zeitfolge signalisieren diese Attribute auch etwas anderes: Sie sind so politisch aufgeladen wie analytisch, sie stehen in einer spezifischen Tradition und verzeichnen ihre eigenen Konjunkturen. So markierte das Attribut des Postsowjetischen in der Berichterstattung der 1990er Jahre zunächst einen Übergang, der – eingeläutet durch die Auflösung des politischen Systems und den Denkmalsturm auf Statuen sowjetischer Führer, dann veralltäglicht in durch den Westen inspirierten Namen neuer, nun in privater Hand befindlicher Geschäfte[5] – die Loslösung vom Sozialismus als Ideologie und Weltbild verhieß. Auch die Kultur- und Sozialwissenschaften wandten sich nach 1991 zunächst dem vermeintlich Neuen zu, etwa religiösen Praktiken und wirtschaftlichen Aktivitäten, die in einem Kontrast zur antireligiösen Propaganda des untergegangenen Sowjetstaates und seiner Planwirtschaft standen.[6] Jenseits der Adaptionsleistung an unsichere Zeiten, in denen etwa Religiosität einen neuen Halt versprach, übersah diese Perspektive aber oft, dass es trotz Ressentiments etwa gegenüber Juden und Muslimen sowie der Verfolgung von Sekten und Untergrundkirchen spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion durchaus gestattet war, Religion auszuüben, sofern sie sich im Rahmen staatlich kontrollierter Kirchenstrukturen bewegte.[7] Hinzu kommt, dass Moralvorstellungen von nach 1991 bekehrten Gläubigen gleichermaßen von Kirchenlehren wie von im Sozialismus propagierten Werten geprägt waren.[8]

Das Amalgam aus sowjetischen Erwartungen, sowjetischer Sprache und sowjetischen Verhaltensweisen einerseits und postsowjetischen Adaptionsleistungen und Praktiken andererseits fiel vor allem AnthropologInnen bald ins Auge. So hatte etwa Caroline Humphrey bereits in den 1980er Jahren Feldforschungen auf einer nach Karl Marx benannten Kolchose im ostsibirischen Burjatien vorgenommen. Sie stellte Mitte der 1990er Jahre fest, dass das Sowjetische nicht einfach ad acta gelegt war, trotz Kritik an der Politik des sowjetischen Staates und der Existenz sowjetischer Arbeitslager, die nicht zuletzt die gewaltsame Kollektivierung und Zwangsansiedlung von Burjaten im Stalinismus deutlich machten. Auch die Loyalität zum russischen Staat stand keineswegs infrage. Vielmehr fand Humphrey heraus, dass die zur Gruppe der mongolischen Völker gehörenden BurjatInnen eine als "rückständig" verstandene Identifikation als MongolInnen ablehnten. Denn sie gehörten zu den Gruppen, die vor 1991 vor allem als nicht-sesshafte, traditionelle Strukturen fortschreibende, abergläubische und somit antimoderne Gemeinschaft imaginiert wurden. Doch laut desselben staatlich beförderten Diskurses konnten sie ihre Rückständigkeit überwinden, indem sie die emanzipatorisch und aufklärerisch gefassten Modernisierungsvisionen des multiethnischen Sowjetstaates verinnerlichten. Die Langzeiteffekte dieser Vorstellungen spiegelten sich nach 1991 darin wider, dass BurjatInnen sich nicht als solche, sondern in Anlehnung an überethnische, staatsbürgerliche Kategorien identifizierten – waren sie vorher SowjetbürgerInnen, sahen sie sich nun als RussländerInnen.[9] Wenige Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mochte es aber nicht überraschen, dass auch Alltagspraktiken und -regeln, Vorstellungen von Erfolg und Scheitern und die Logiken sozialer Distinktion von im Stalinismus etablierten Regeln geprägt blieben.[10]

Nach 2000 wurde dann verschiedentlich das Ende der postsowjetischen Zeit ausgerufen, meist in Zusammenhang mit den Versuchen Russlands, sich als geopolitischer Hegemon zu reetablieren, und einer Abkehr von einer Reformpolitik im postsowjetischen Raum, die auf eine Demokratisierung im westlichen Sinne ausgerichtet war.[11] Das Chaos der 1990er Jahre befeuerte nicht nur eine Sehnsucht nach sozialer Absicherung und politischer Stabilität, die die Bevölkerung in der späten Sowjetunion als Normalität kennengelernt hatten. Dieses Chaos diskreditierte auch die Demokratie, die für die Mehrheit der Bevölkerung in der Russländischen Föderation nun nicht mehr mit ihren großen Versprechen, sondern mit permanenter Instabilität assoziiert war. Orientierung brachten neue Zeithorizonte in Gestalt einer affirmativen Einordnung der sowjetischen Geschichte in eine längere Kontinuität russischer imperialer Größe, die es schon in den 1990er Jahren gab, aber durch Putin und russische Intellektuelle nun verstärkt referenziert wurde.[12] Doch diese positiven Bezugnahmen auf die Sowjetzeit und das Zarenreich waren mehr als eine Erweiterung des Betrachtungszeitraumes. Russland stellte sich damit in eine längere politische Tradition, in der Sicherheit und Stärke großgeschrieben wurden, die brutale Modernisierungspolitik des Stalinismus und der Sieg im Zweiten Weltkrieg nicht in Bezug auf ihre Kosten und Opfer reflektiert, sondern die Heroisierung der Opferbereitschaft der Bevölkerung politisch instrumentalisiert wurden. Eben diese Interpretation der Rolle Russlands und der Sowjetunion, die sich wie jede Traditionsbildung selektiv der Vergangenheit bedient,[13] ist im Westen traditionell negativ besetzt.

Spätestens hier entpuppt sich das Postsowjetische als ein politischer und, wie das Sowjetische, ein politisierter Begriff. Während er in Russland mit Chaos assoziiert blieb, implizierte er im Westen den Abschied vom Staatssozialismus als einer "anderen" Ordnung. In dieser Perspektive waren Russland und andere ehemalige Sowjetrepubliken nach 1991 auf dem "richtigen" Weg. Demokratie und Recht sollte in der postsowjetischen Ära endlich zum Durchbruch verholfen werden, hatte die Vorannahme gelautet. Solche Vorannahmen schwingen dann auch in der Feststellung mit, dass mit dem Ende der 1990er Jahre viele Staaten im postsowjetischen Raum von diesem "richtigen" Weg immer mehr abwichen. Die kritische Berichterstattung zur zunehmend autoritär und auf eine Führungsfigur fokussierte Politik in diesen Staaten, Menschenrechtsverletzungen, Korruption und ökonomischer Raubbau an Gesellschaft und Umwelt sowie die Verweise auf Russlands Großmachtambitionen enthielten immer eine doppelte Referenz, die nun stärker sichtbar wurde: Sie setzte die liberale westliche Demokratie und die von ihr propagierten Werte als universalen Referenzrahmen, für den Staaten im postsowjetischen Raum mit ihrer Abweichung von dieser Ordnungsvorstellung wieder als Kontrast, als das "Andere" dienten. Dieses "Andere" wurde als Bedrohung gelesen, nicht zuletzt aufgrund der geopolitischen Konsequenzen russischer Großmachtambitionen. Deren Verunsicherungspotenzial wird ausgeglichen durch eine umso bestimmtere Beharrung auf dem "eigenen" Modell, der eigenen Identität. Der Begriff des Postsowjetischen markiert somit nicht einfach einen Zeitabschnitt, sondern verweist auch auf die jeweilige politische Position und dahinterstehende Identitätskonstruktionen.

Die Tradition des "Anderen" als Resonanzraum des (Post-)Sowjetischen

Hierfür lieferte eine Tradition Bilder und Zuschreibungen, die nicht erst in der Zeit des Kalten Krieges Verbreitung gefunden hatten. Als Beispiel können Karikaturen dienen, die im Westen die russische Politik kommentierten und zugleich positionierten. So wurde Putin im Kontext der russischen Invasion in Georgien 2008 als Krake dargestellt, der nicht nur den Kaukasus, sondern auch das Baltikum, die Ukraine und Belarus in den Würgegriff nahm. Einen Oktopus mit Putins Kopf zierte auch die Titelseite einer Ausgabe des "Economist" zur russischen Einflussnahme auf den US-Präsidentschaftswahlkampf 2016.[14] Diese Karikaturen zitierten Darstellungen Stalins in den 1930er Jahren, die die Angst vor einem Sieg des Kommunismus nicht nur im Spanischen Bürgerkrieg versinnbildlichten, oder eine Europakarte von 1877, die Russlands Agieren in der Balkankrise ebenfalls mit einer Krakenallegorie kommentierte.[15] Weitere Kriege und Krisen produzierten Varianten dieser entmenschlichten Darstellung Russlands sowie der Sowjetunion – wie Russland als Bär oder Wolf, das auf Europakarten den als Menschen dargestellten west- und südeuropäischen Ländern die Zähne zeigt, oder Stalin, der als sich gen Westen vorarbeitendes menschenfressendes Monster auf Landkarten des Kalten Krieges präsentiert wird. Diese Bilder illustrieren so sehr die Kritik an russischer beziehungsweise sowjetischer Politik, wie sie das Selbstbild des Westens untermauern: die Imagination Russlands beziehungsweise der Sowjetunion als unberechenbares, "unvernünftiges", "barbarisches" Tier bestätigt das Bild einer zivilisatorischen Überlegenheit des aufgeklärten Westens.

Identitätskonstruktion mittels Abgrenzung zum "Anderen" ist kein Alleinstellungsmerkmal des westlichen Russlanddiskurses. Das antike Rom wie die italienische Renaissance produzierten ähnliche Bilder von den "Barbaren" nördlich der Alpen. Der Historiker Larry Wolff hat untersucht, wie sich diese Nord-Süd-Polarisierung der (Un-)Zivilisiertheit mit der französischen Aufklärung in einen Ost-West-Gegensatz verlagerte, mit dem die Beschreibung von Dunkelheit und Barbarei im "Osten" die neue Ära der westlichen Vernunft in ein umso helleres Licht tauchte.[16] Beliebte "Reiseberichte" des 18. Jahrhunderts etwa von Giacomo Casanova oder des Lügenbarons Münchhausen exotisierten dieses Bild des Russischen Reiches mit Beschreibungen eines vermeintlich ungebändigten Sexualtriebes oder Schilderungen von Banketten, bei denen echte Bären die Speisen auftrugen.[17] Dieses wenig an Realitäten vor Ort interessierte Bild Russlands diente als aufregender Kontrast für das Selbstbild westlicher Autoren und LeserInnen.

Nach 1917 fungierte dann die Sowjetunion als Projektionsfläche unterschiedlichster politischer Bewegungen und den Zyklen ihrer Identitätskonstruktionen: Intellektuelle aus Asien und Afrika sahen sich in ihrem Kampf gegen die westliche Kolonialpolitik durch die Unterstützung der in Moskau ansässigen Kommunistischen Internationale (Komintern) bestärkt.[18] Der Einfluss der Komintern auf Kommunistische Parteien weltweit produzierte wiederum Bedrohungsszenarien eines langen Armes Moskaus im Westen, obwohl die Sowjetführung sehr bald das Projekt der Weltrevolution ans Ende ihrer politischen Prioritätenliste gesetzt hatte und die Komintern selbst von der Radikalisierung der Arbeiterschaft infolge der Weltwirtschaftskrise kaum profitieren konnte. Während die Nationalsozialisten ihre Rassen- und Expansionspolitik unter anderem mit dem Bild von Slawen als unzivilisierten "Untermenschen" legitimierten, fuhren westeuropäische Intellektuelle selbst zu Hochzeiten des stalinistischen Terrors nach Moskau auf der Suche nach einer politischen Alternative zum europäischen Faschismus.[19] Die Studentenbewegungen von 1968 waren wiederum eklektisch in ihrer Auswahl sozialistischer Lehren – neben Lenin wurden Mao und Trotzki studiert, um die Kritik an den Missständen der westlichen Industriegesellschaften auf eine theoretische Grundlage zu stellen.[20] Zugleich fanden Berichte über die Verbrechen des Stalinismus im Westen eine breite Resonanz. So befeuerte etwa die Publikation von Alexander Solschenizyns "Archipel Gulag" 1974 nicht nur die Legitimitätskrise der Sozialistischen Parteien in Frankreich und diente rechtsnationalen Kreisen in der Bundesrepublik zur Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen.[21] Ein Exemplar des Buches durfte zugleich in keinem Haushalt fehlen, der etwas auf sich hielt.

Die zyklische Reproduktion solcher identitätsrelevanten Bilder und Bezugnahmen auf Russland und die Sowjetunion bilden den Resonanzraum, in dem wir die Attribute "sowjetisch" und "postsowjetisch" im politischen Sinne weiterhin verwenden. Sie kommen besonders in Krisen zum Zuge, wie etwa während der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim 2014. Jenseits des Mobilisierungseffektes innerhalb der russischen Gesellschaft schufen sie auch Klarheit und Einheit im "Westen". Dieser war sich zu dem Zeitpunkt unschlüssig über seine Rolle im eskalierenden Bürgerkrieg in Syrien, und die EU rieb sich im Streit über den Euro-Rettungsschirm und die Staatsschuldenkrise in Griechenland auf.

In diesem Resonanzraum verschwimmt die Definitionsschärfe des Sowjetischen und Postsowjetischen genauso wie in der Identitätspolitik des Kremls.[22] Letzterer vermag Kontinuität und Bruch mitunter meisterlich zusammenzubringen und in politisches Kapital umzuwandeln, etwa wenn Putin verkündet: "Wer die Sowjetunion nicht vermisst, hat kein Herz, wer sie sich zurückwünscht, hat keinen Verstand."[23] Dieser viel zitierte Ausspruch unterstreicht, dass das Sowjetische zählt, obwohl die Sowjetunion nicht mehr existiert und ihr Ende anerkannt wird. Jenseits einer bewussten Traditionsbildung wird hier aber auch jenseits des Politischen ein Erbe adressiert, das bis heute fortwirkt. Bezeichnenderweise haben sich dann auch Vorschläge für Nachfolgeattribute für das (Post-)Sowjetische nicht wirklich etabliert, um den Einfluss der Lebenszeit und -erfahrung der heute in der Russländischen Föderation Lebenden auf den Punkt zu bringen.

Das (Post-)Sowjetische als Erbe

Somit bedienen wir uns dieser Attribute weiterhin, zumal sie auch jenseits vermeintlich klarer politischer Implikationen auch diffusere soziale und kulturelle Konstellationen immer noch am besten umreißen. Dabei sind Politik und Kultur oft genauso schwer voneinander zu trennen wie Tradition von dem, was man als das (post)sowjetische Erbe bezeichnen könnte. "Erbe" ist das spezifische Reservoir an Ereignissen, Erfahrungen und Erinnerungen, die Gesellschaften in ihren Wahrnehmungen, Emotionen, Reflexen und Verhaltensmustern nachhaltig prägen. Es bildet die Grundlage für "Tradition" als selektive Bezugnahme auf die Vergangenheit, geht über sie jedoch hinaus und umfasst damit auch das, was man sich nicht aussuchen kann.

Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg im postsowjetischen Raum ist ein Beispiel für die erfolgreiche Mobilisierung dieses Erbes für eine fortgesetzte Traditionsbildung. Während im Westen die Bedrohungsszenarien des Kalten Krieges den entscheidenden Beitrag der Sowjetunion zum Sieg über das "Dritte Reich" aus dem Bewusstsein verdrängten, bildet der "Sieg über den Faschismus" beziehungsweise der "Große Vaterländische Krieg" den emotionalen Schlüssel für eine positive Identifikation mit der Sowjetunion vor wie nach 1991. Bezeichnenderweise wurde der Krieg zu einer Identitätsressource auch für Gruppen, die vor und nach 1945 unter staatlicher Unterdrückung und gesellschaftlicher Exklusion gelitten hatten, noch bevor der Staat überhaupt begann, Kriegserinnerung zu instrumentalisieren.[24] Dass sich bis heute nachgeborene Generationen mit diesem Sieg identifizieren, wird zwar staatlich befeuert durch den geschickten Einsatz unter anderem von sowjetischen Kriegsliedern bei Popkonzerten am Tag des Sieges (9. Mai) oder von Gedenkmärschen etwa im sibirischen Novosibirsk, dem tatarischen Kasan, im kirgisischen Bischkek oder dem Treptower Park in Berlin, bei denen die TeilnehmerInnen Plakate mit dem Bild von Familienmitgliedern tragen, die am Zweiten Weltkrieg teilgenommen hatten.[25] Letztere waren jedoch ursprünglich eine Graswurzelinitiative, deren Erfolg und Übernahme durch den russischen Staat letztlich auf die übergenerationelle emotionale Bindung an das Thema Kriegsteilnahme zurückgeht. Und während die recht breite Definition von Kriegsteilnahme in diesen staatlich geförderten Märschen eine neue postsowjetische Tradition darstellt, gehört zum Erbe der Sowjetunion, dass sich Familien auch daran erinnern, dass in Gefangenschaft geratene oder unter deutscher Besatzung zwangsrekrutierte SowjetbürgerInnen als vermeintliche VaterlandsverräterInnen im Gulag landeten.[26] Auch Invaliden konnten kaum mit staatlicher Hilfe rechnen.[27]

Ähnlich emotional, aber bislang weniger Teil einer ausgesprochenen Tradition, sind die Erinnerungen an den Systemwechsel und die Erfahrung von Chaos der 1990er Jahre. Das Trauma klingt an etwa in den Apellen von Eltern und LehrerInnen an Kinder und Jugendliche, sich nicht an regimekritischen Demonstrationen zu beteiligen. Die in Ton und Körpersprache enthaltene Angst vor einer Destabilisierung sowie einer Wiederkehr von Gewalt unterlegt die mit Handykameras festgehaltenen Mahnungen eindrücklich. Ähnliche Effekte sind in der Ablehnung etwa des Euromaidans in Russland und dem trotz kremlkritischer Proteste bislang mehrheitlich auf Stabilität zielenden Wahlverhalten zu sehen – beide spiegeln die negative Erfahrung mit den politischen Umbrüchen der Transformationszeit in Russland, die sich dann auch die Berichterstattung der staatlichen Medien zunutze macht.

Vor diesem Hintergrund erscheint die sowjetische Vergangenheit umso attraktiver. Die Erinnerungen an eine im Krieg gewonnene, auf Völkerfreundschaft und Solidarität gebaute Gemeinschaft und Stabilität überdecken die Erfahrungen etwa von ethnischer Diskriminierung und abnehmender sozialer Mobilität in der späten Sowjetunion. Obwohl widersprüchlich, zählen alle diese Elemente zu den Realitäten einer (post)sowjetischen Gesellschaft, deren Heterogenität die Sozial- und Kulturwissenschaften weiterhin beschäftigt. Immerhin schreibt sich das Amalgam aus sowjetischen und postsowjetischen Elementen, das Humphrey in den 1990er Jahren in Burjatien beobachtete, bis heute fort. Referenzen auf offiziell propagierte Ideale und sowjetische Filmklassiker tauchen bis heute in Alltagskonversationen auf und markieren die Sprechenden als Teil derselben Gemeinschaft. Auch wenn Lenin mittlerweile eher selten zitiert wird, prägen vor 1991 erlernte Sprech- und Sichtweisen weiterhin die Verhandlung von Zugehörigkeit, auch im Konflikt. So erntete etwa Alexey Navalny 2017 Spott, als er in einem Fernsehinterview behauptete, Usbeken würden Alexander Puschkin nicht kennen, worauf zahlreiche UsbekInnen mit Rezitationen des Dichters in den sozialen Medien reagierten.[28] Was wie ein kleines Detail in einem Konflikt um die Reisefreiheit von postsowjetischen ArbeitsmigrantInnen erscheinen mag, hat im postsowjetischen Raum umso mehr Bedeutung. Denn beide Seiten validierten lange nach dem Zerfall der Sowjetunion einen fest verankerten Maßstab für die Zugehörigkeit zu einer kultivierten Sowjetgemeinschaft, den aber alle unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft erfüllen konnten. Hier fällt Politik mit Alltag in einer sehr spezifischen Art und Weise zusammen, für die wir bei aller Situativität und Ambivalenz um das Attribut des (Post-)Sowjetischen nicht herumkommen.

Fußnoten

1.
Francis Fukuyama, The End of History?, in: The National Interest 16/1989, S. 3–18.
2.
Vgl. Heiko Pleines, Nach dem Ende der Sowjetunion, 10.10.2014, http://www.bpb.de/192802«.
3.
Vgl. Walter Sperling Die Ruinen von Grosny. Nostalgie, Imperium und Geschichte im postsowjetischen Russland, in: Historische Anthropologie 2/2015, S. 290–315.
4.
Das unabhängige Levada-Zentrum erhebt dazu regelmäßig Daten und hat einen Anstieg von positiven Stellungnahmen zu Stalin zwischen 2008 und 2018 festgestellt. Vgl. Levada-Center, The Perception of Stalin, 17.4.2018, http://www.levada.ru/en/2018/04/17/the-perception-of-stalin«.
5.
Vgl. Alexei Yurchak, Privatize Your Name. Symbolic Work in a Post-Soviet Linguistic Market, in: Journal of Sociolinguistics 3/2000, S. 406–434.
6.
Vgl. Chris Hann (Hrsg.), Postsocialism. Ideals, Ideologies and Practices in Eurasia, London 2002.
7.
Vgl. Ulrike Huhn, Glaube und Eigensinn. Volksfrömmigkeit zwischen orthodoxer Kirche und sowjetischem Staat, 1941–1960, Wiesbaden 2014; Eren Tasar, Muslim and Soviet. The Institutionalization of Islam in Central Asia, 1943–1991, New York 2017.
8.
Vgl. Jarret Zigon, Aleksandra Vladimirovna. Moral Narratives of a Russian Orthodox Woman, in: Mark Steinberg/Catherine Wanner (Hrsg.), Religion, Morality, and Community in Post-Soviet Societies, Bloomington 2008, S. 85–114.
9.
Im Sinne einer nicht ethnisch-russischen, sondern staatsbürgerlich-russländisch definierten Identität. Entsprechend ist "Russländische Föderation" der korrekte Name für das multiethnische Russland.
10.
Vgl. Caroline Humphrey, Marx Went Away, But Karl Stayed Behind. Updated Edition of The Karl Marx Collective. Economy, Society, and Religion in a Siberian Collective Farm, Ann Arbor 1998, insb. S. VII-XIX.
11.
Vgl. Kevin M.F. Platt, The Post-Soviet Is Over. On Reading the Ruins, in: Republics of Letters 1/2009, https://arcade.stanford.edu/rofl/post-soviet-over-reading-ruins«.
12.
Vgl. Isabelle de Keghel, Die Staatssymbolik des neuen Russland. Traditionen – Integrationsstrategien – Identitätsdiskurse, Münster 2008.
13.
Vgl. Eric Hobsbawn/Terence Ranger, The Invention of Tradition, Cambridge 1992.
14.
Siehe The Economist, 22.2.2018, http://www.economist.com/weeklyedition/2018-02-24«.
15.
Vgl. How Communism Works. Keep This Pamphlet Moving (1938), in: Frank Jacobs, Cartography’s Favourite Map Monster. The Land Octopus, 5.7.2011, https://bigthink.com/strange-maps/521-cartographys-favourite-map-monster-the-land-octopus«; Serio-Comic War Map For the Year 1877, http://www.landkartenarchiv.de/satire.php?q=rose_revised_edition_serio_comic_war_map_for_the_year_1877«.
16.
Vgl. Larry Wolff, Inventing Eastern Europe. The Map of Civilization on the Mind of the Enlightenment, Stanford 1994.
17.
Vgl. ebd.; Rudolph Erich Raspe, The Travels and Surprising Adventures of Baron Munchhausen, New York 1888 [1785].
18.
Vgl. Elisabeth McGuire, Red at Heart. How Chinese Communists Fell in Love with the Russian Revolution, Oxford 2017.
19.
Vgl. Karl Schlögel, Terror und Traum. Moskau 1937, München 2008; Katerina Clarke, Moscow. The Fourth Rome, Cambridge 2011.
20.
Vgl. Gerd Koenen, Das Rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967–1977, Köln 2001.
21.
Dazu führten etwa rechtsnationale Publikationen wie die "Deutsche National-Zeitung" in den 1970er Jahren die Schriften Alexander Solschenizyns und Lew Kopelews ins Feld.
22.
Vgl. dazu auch Jutta Scherrer, Russland verstehen? Das postsowjetische Selbstverständnis im Wandel, 11.11.2014, http://www.bpb.de/194818«.
23.
Putin – Kto ne zhaleet ot razpade SSSR, u togo ne serdtsa, in: Argumenty i fakty, 16.12.2010.
24.
Vgl. Amir Weiner, Making Sense of War. The Second World War and the Fate of the Bolshevik Revolution, Princeton 2001; Harriet Murav/Gennadyi Estraikh (Hrsg.), Soviet Jews in World War II. Fighting, Witnessing, Remembering, Boston 2014.
25.
Vgl. dazu Beiträge in Mischa Gabowitsch/Cordula Gdaniec/Ekaterina Makhotina (Hrsg.), Kriegsgedenken als Event. Der 9. Mai 2015 im postsozialistischen Europa, Paderborn 2017.
26.
Vgl. Ekaterina Makhotina, Der Krieg der Toten und der Krieg der Lebenden. Russlands Familien haben ein tieferes Wissen über "1945", als dem Kreml lieb sein kann, 9.5.2019, http://www.nzz.ch/ld.1479685«.
27.
Vgl. Beate Fieseler, Die Invaliden des "Großen Vaterländischen Krieges", in: Osteuropa 4–6/2005, S. 207–218.
28.
Vgl. Russian Opposition Leader Aleksei Navalny Is Facing a Social-Media Backlash After Making a Controversial Comment About Uzbeks, 16.6.2017, http://www.rferl.org/a/navalny-uzbeks/28559046.html«.
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