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Redaktion am 06.09.2013

"Unternehmen und Geheimdienste sind von einem bedenkenlosen Machtverlangen erfüllt"

Die Debatte um Überwachung und den NSA-Skandal kommt ohne ihn nicht aus: George Orwell. Sein 1949 erschienen Buch 1984 ist omnipräsent und klettert wieder auf die Bestseller-Listen. Doch wie passend ist der 1984-Vergleich heute, im Jahre 2013? Im Interview mit Patrick Stegemann erklärt der Literaturprofessor Dr. Heinz-Joachim Müllenbrock, was an Orwell aktuell ist und warum er bei den ersten NSA-Enthüllungen trotzdem nicht gleich an 1984 dachte.

OrwellBig Brother ist überall - doch warum eigentlich? (flickr - CC BY-NC-ND 2.0 - World of Good)

In der ersten Woche unseres September-Schwerpunkts auf netzdebatte.bpb.de haben wir uns dem Thema Überwachung und Tracking genähert. Nachdem Markus Heidmeier und Patrick Stegemann den Stand der Debatte nachgezeichnet haben und Ole Reissmann gezeigt hat, wie wir als Nutzer_innen getrackt werden, widmen wir uns in diesem Exkurs George Orwell. Mit dem emeritierte Literaturwissenschaftler Heinz-Joachim Müllenbrock von der Georg-August-Universität in Göttingen gehen wir am Ende der ersten Woche der Frage nach, was wir eigentlich von Orwell lernen können.


Sie haben noch vor den NSA-Enthüllungen ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "George Orwell - Aktueller denn je". Fühlen Sie sich durch die nun bekannt gewordenen Details bestätigt?

Durchaus, wobei mein Band einen etwas anders gelagerten Schwerpunkt hat. Da geht es eher um die öffentliche Meinungskultur, die Orwell im England seiner Zeit bedroht sah. Zentral ist bei ihm die Gedankenpolizei, die eine ständige Disziplinierung sprachlicher Art ausübt. Orwell nennt das Newspeak oder zu deutsch Neusprech. Die wichtigste Funktion von Newspeak ist, alle unerwünschten, dem System gefährlichen Wörter auszumerzen, sodass unabhängiges Denken aufgrund fehlender sprachlicher Voraussetzungen unmöglich wird. Dieser Aspekt der sprachlichen Kontrolle ist in der angelsächsischen Rezeption Orwells viel präsenter als hierzulande. Konservative englische Bewunderer Orwells bis zu David Cameron schätzen ihn als frühen Kritiker von ‚Political Correctness’.

Sprachliche Kontrolle klingt reichlich abstrakt: Welche Beispiele dieses Newspeaks nennt Orwell? Und wo sehen Sie die Parallelen zur heutigen, vor allem deutschen Öffentlichkeit?

In 1984 wird z.B. ein Zwangsarbeitslager nicht mehr als "forced-labour camp" bezeichnet, sondern als als "joycamp". Euphemismen, für Orwell ein typisches Merkmal der auf Verschleierung abgestellten politischen Sprache, spielen im Newspeak eine große Rolle. Und die sind auch in der heutigen deutschen Sprache sehr präsent. Nur ein Beispiel: Die Behörden sprechen von "Aufenthaltsbeendende Maßnahme" und meinen Abschiebung. Das ist ein Euphemismus, der den wahren Kern zu überdecken versucht.

In der deutschen Rezeption ist Orwell vor allem für seine Kritik am Überwachungsstaat und den Entwurf einer Dystopie kompletter Kontrolle bekannt. Als Sie von den NSA-Enthüllungen gehört haben, haben Sie da sofort an Orwell gedacht?

Ich habe nicht unmittelbar an ihn denken müssen, aber bei näherem Hinsehen drängte sich der Bezug zu ihm schon auf. Man muss sich natürlich klar machen, dass die Umstände, unter denen in 1984 überwacht wird, andere sind als heute. In 1984 handelt es sich um einen skrupellosen Ein-Parteien-Staat, der die Staatsbürger mit brutalen Methoden verfolgt, bis hin zu physischer Folter und Vernichtung, die es in der westlichen Welt heute nicht mehr gibt. Das ist also ein deutlicher Unterschied. Ein zweiter, ganz wesentlicher Unterschied ist, dass heute ja nicht ausschließlich von einem omnipräsenten Staat überwacht wird. Heutzutage sind große Unternehmen daran ganz maßgeblich beteiligt. Zudem: In 1984 wird die große Masse der Bevölkerung überhaupt nicht überwacht. 85% der Menschen leben vollkommen unbehelligt; das sind die einfachen Arbeiter, die "proles", die den Machthabern aufgrund ihres politischen Desinteresses überhaupt nicht gefährlich werden können. Überwacht - und zwar in übelster Weise - werden nur die Mitglieder der äußeren Partei, das sind 13 Prozent der Bevölkerung. Auf die richten sich die Überwachungssysteme in all ihren Facetten. Das sind klare Unterschiede gegenüber heute. Manche wollen Orwell deswegen auch die Relevanz für heutige Zustände absprechen, das halte ich allerdings für falsch. Seine Aktualität ist trotzdem durchaus gegeben.

Orwell schrieb das Buch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Das großzügige Sammeln von Daten, die durch die Internetkommunikation anfallen, hatte er da sicher nicht im Blick. Welche Art von Überwachung entwirft Orwell denn in seinem Buch?

In 1984 ist schon auf der zweiten Seite die Rede von Hubschraubern, die in private Wohnungen hineinspähen. Es handelt sich also um einen hundertprozentigen Polizeistaat, der abgestellt ist auf eine vollkommene Überwachung der Staatsbürger. Und das wichtigste Mittel dazu sind die Zwei-Wege-Televisoren. Das sind metallische Fernsehschirme, die nicht abstellbar sind und sowohl senden als auch empfangen können. So sind die Staatsbürger einer ständigen optischen und akustischen Überwachung und Beeinflussung ausgesetzt. Daneben gibt es natürlich auch Abhörmikrophone und versteckte Objektive. Orwell hat sicher vor allem an die Mittel gedacht, deren sich die Diktaturen des 20.Jahrhunderts bedienten.

Die NSA hat Glasfaserkabel angezapft, bei großen Internetunternehmen gesammelte Kommunikationsdaten ausgewertet. Ist nicht gerade diese technische Komponente der Überwachung derart zentral in der Diskussion, dass die Vergleichbarkeit von 1984 mit der heutigen Situation eher schwierig ist?

Nein, es ist nicht entscheidend, ob einige technische Details übereinstimmen oder nicht. Es kam Orwell auch gar nicht darauf an, technische Details zu schildern. 1984 ist kein Science-Fiction-Roman, der sich in technischen Details verliert. Ihm ging es um die Rückwirkung dieser technischen Mittel der Überwachung auf die Psyche. Die Hauptfigur Winston Smith sagt gleich zu Anfang des Romans: "Nichts gehört dir selbst als die wenigen Kubikzentimeter innerhalb deines Schädels". Das, was als größtes Unglück von Smith empfunden wird, nämlich die Überwachung bis in die Intimsphäre hinein, wird doch heute von vielen Menschen ganz anders gesehen. Wir erleben heutzutage die paradoxe, ja perverse Situation, dass Menschen bereit sind, ihre privaten Details leichtfertig preiszugeben. So werden Menschen immer mehr zu stillen Kooperationspartnern der Datensammler. Auch das ist ein gewaltiger Unterschied. Winston Smith dagegen ist glücklich, wenn er einen winzigen Zipfel Privatheit erhaschen kann.

Nun leben wir ganz offensichtlich in keinem totalitären Staat, wie ihn Orwell beschreibt. Die Überwachung, von der wir heute reden, geht ja von demokratisch verfassten Staaten aus.

Natürlich sind die politischen Instanzen nicht zu vergleichen mit denen in 1984. Worum es aber Orwell zentral ging, ist der grauenvolle Wille zur Macht, dieses skrupellose Durchsetzungsbegehren, seine Interessen durch Überwachung zu verfolgen. Und diejenigen, die heute ausspähen, Unternehmen und Geheimdienste, sind auch von einem entsprechenden Machtverlangen erfüllt, das sie bedenkenlos verwirklichen. In diesem Zusammenhang sehe ich auch jene Unternehmen, die versuchen, alles total in den Griff zu bekommen, um ihre Interessen durchzusetzen. Und noch etwas: Dem rücksichtslosen Machtwillen auf der Seite der Überwacher steht die Hilflosigkeit der Bürger gegenüber. Auch wir fühlen uns doch hilflos gegenüber diesen gigantischen Ausspähungsorganisationen. Sogar die Bundesregierung zeigt ja zur Zeit ihre Hilflosigkeit.

Orwell wird heute sehr stark als politischer Autor gesehen, wird vor allem in politischen Kontexten zitiert und herangezogen. Wie stark war Orwells eigene politische Ambition? Hat er sich als politischen Schriftsteller verstanden?

Ich kann das nur absolut bejahen. In seinem autobiographischen Essay "Why I Write" von 1946 hat er die Motive seines schriftstellerischen Wirkens dargelegt. Und man kann klar sagen: Er sah sich als Publizist im wörtlichen Sinne, also als jemand, der öffentlich auftreten und Dinge an die große Glocke hängen will. Er hat zum Beispiel 1937 in seiner Sozialreportage "The Road to Wigan Pier" die menschenunwürdigen Lebensbedingungen der Grubenarbeiter in Nordengland angeprangert. Oder Animal Farm: Diese großartige Tierfabel, in der Orwell dem Kommunismus stalinistischer Prägung die Maske vom Gesicht reißt, obwohl er sich selbst als Sozialist verstand. Das Buch durfte erst nach dem Zweiten Weltkrieg erscheinen, weil die Verlage Rücksicht auf den alliierten Partner Sowjetunion nehmen wollten.

Orwells 1984 ist als Metapher omnipräsent, doch auch das Buch selbst klettert plötzlich wieder in die Bestseller-Listen. Wie erklären Sie sich das? Immerhin ist das Buch mehr als 60 Jahre alt.

Der Titel 1984 ist längst, von Autor und Werk abgelöst, zu einem ominösen Mahnmal für totale Überwachung geworden und ragt mit mythischer Wucht in das Gegenwartsbewusstsein hinein. Ich glaube auch, dass die in 1984 geschilderte skrupellose Ausnutzung von Macht mit diesen jetzt immer mehr bekannt werdenden Abhörvorgängen in Zusammenhang gebracht werden darf. Die Leute spüren: Da hat jemand ein Buch geschrieben, das menschliche Bedrohung durch düstere Machenschaften welcher Art auch immer schildert. Die Leser können sich ihm sozusagen anvertrauen. Literatur spricht ja Verstand und Gefühl gleichermaßen an. Darin besteht der Mehrwert der Literatur gegenüber wissenschaftlichen Abhandlungen. Orwell analysiert einerseits rational diesen hemmungslosen Willen zur Macht. Aber andererseits beschreibt er mit Empathie die Lage des Protagonisten Winston Smith. Der Name besagt ja schon, dass es sich um einen Durchschnittsengländer handelt. Dieser arme Wicht, körperlich schon angeschlagen, der typische Underdog, der sich gegen dieses grausame Unterdrückungssystem auflehnt, das ist natürlich etwas, was Leser auch emotional mitnimmt. Diese konkreten Details haben eben eine mitmenschliche Dimension. Orwell greift hier zu Requisiten des Schauerromans: Der wehrlose Held gegen den absoluten Bösewicht O‘Brien, der ihn in die Knie zwingt. Und die Leute spüren, dass die ganze Persönlichkeit Orwells dahinter steht, dass er nicht nur ein literarisches Feuerwerk abbrennt, sondern sich zugleich als Humanist engagiert. Ich denke, dass es das ist, was Menschen fasziniert: Er gibt keine Antworten, aber er macht ein Identifikationsangebot durch die Sympathielenkung, die er in dem Roman betreibt.

Dr. Heinz Joachim Müllenbrock

Prof. (em.) Dr. Heinz-Joachim Müllenbrock ist Literaturwissenschaftler an der Georg-August Universität in Göttingen. Seine besondere Schwerpunkte sind die Literatur des 18. - 20. Jahrhunderts mit kulturwissenschaftlicher Akzentuierung, Utopie und Antiutopie. Aktuell leitet er an der Georg-August Universität das Seminar für Englische Philologie.



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