Netzdebatte Logo

Merlin Münch am 20.11.2013

Interview mit Stefan Münker: Was ist das Neue an den neuen "Öffentlichkeiten"?

Das Internet hat unser Verständnis von Öffentlichkeit grundlegend transformiert. Im Interview erklärt Medienwissenschaftler Stefan Münker was die digitale Öffentlichkeit von ihren analogen Ahnen unterscheidet, was dies für neue Teilhabemöglichkeiten bedeuten und weshalb wir alle mehr Medienkompetenz brauchen.

Bebilderung für den Begriff der VernetzheitVernetzheit und Fragmentierung in der digitalen Öffentlichkeit Lizenz: cc by/2.0/de (CC, Chris Potter)

Was bedeutet für sie Öffentlichkeit?

'Öffentlichkeit' ist ein Name für die Möglichkeiten einer Gesellschaft, sich selbst kritisch zu beobachten und zu reflektieren. Diese Selbstreflektion kann vielfache Formen annehmen; sie ist aber immer an die Vermittlung durch Medien gebunden, deren Charakter die Art und Weise der je realisierten Öffentlichkeit entsprechend prägen.

Was unterscheidet die so genannten digitalen Öffentlichkeiten am grundlegendsten von ihren ‘analogen’ Vorgängern?

Wo Öffentlichkeiten mit Hilfe digitaler Medien realisiert werden, sind die Prozesse der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung und kritischen Selbstreflektion geprägt von einer technisch implementierten Möglichkeit der interaktiven Partizipation. Waren die primär öffentlichkeitsbildenden Massenmedien des zwanzigsten Jahrhunderts strukturell immer nur als Verbreitungsmedien von Meinungen und Argumenten institutionalisiert, sind die digitalen Netzmedien der Gegenwart immer schon Verbreitungs- und Kommunikationsmedien zugleich. Der grundlegendste Unterschied ist die Tatsache, dass Medien damit nicht länger auf die Rolle der Vermittlung von Teilöffentlichkeiten (klassisch zum Beispiel: der Presse und ihren Rezipienten) festgelegt bleiben, sondern zur prinzipiell allen Beteiligten offenstehenden Arena der diskursiven Reflektion werden können.

Was bedeuten diese Unterschiede für die Partizipationsmöglichkeiten der Bürger_innen am politischen Diskurs?

Die technischen Möglichkeiten neuer, digitaler Öffentlichkeiten bieten historisch bisher einzigartige Teilhabe- und Interaktionsoptionen. Über die Frage der Auswirkungen für die Beteiligung von Bürgern an politischen Diskursen freilich entscheidet nicht die Technik allein, und wahrscheinlich nicht einmal zuerst. Ob und inwieweit die strukturelle Offenheit digitaler Medien tatsächlich die politischen Debatten und Diskurse unserer Öffentlichkeiten entscheidend verändern werden, entscheidet sich maßgeblich dadurch, ob ihre Nutzer diese Möglichkeiten auch tatsächlich annehmen und ausschöpfen.

Medienwissenschaftler Stefan MünderStefan Münker (© Hochschule der Medien)
Häufig hört man, dass die ‘neue Öffentlichkeit’ im Netz die Durchlässigkeit bestehenden Grenzen fördert. Was bedeutet das?

Digitale Öffentlichkeiten entstehen einzig durch die kollaborative Partizipation ihrer Nutzer. Ihre Medien vermitteln nicht zwischen verschiedenen Sphären – etwa der Politik auf der einen und der Zivilgesellschaft auf der anderen Seite -, in ihnen vermischen sich diese Sphären. Und was für Politik und Gesellschaft gilt, gilt auch für andere Bereiche: Die Grenze zwischen Experten und Laien wird ebenso durchlässig wie die Grenze zwischen professionellen Künstlern und Amateuren oder die Grenze zwischen öffentlichen und privaten Bereichen des eigenen Lebens. Der Grund ist, dass der strukturell offene Raum zumindest theoretisch jedem die Möglichkeit bietet sich an digitalen Produktions- und Distributionsprozessen zu beteiligen – auch wenn diese Möglichkeiten tatsächlich nicht jedem gegeben sind (siehe Nicole Zilliens Beitrag zur Digitalen Spaltung).

Wie entgegnen Sie dem Vorwurf, dass das Internet 'die Öffentlichkeit' aufgrund der vielen Teilöffentlichkeiten die in ihm entstehen fragmentiert, Prozesse der sozialen Isolierung fördert und möglicherweise sogar neue, vorher nicht dagewesene Grenzen zieht? Inwiefern kann man überhaupt von 'der Öffentlichkeit' reden?

Das, was wir 'Öffentlichkeit' nennen, gab und gibt es immer nur im Plural. Die Öffentlichkeit der Leser einer Zeitung wie der FAZ ist eben eine andere als die Öffentlichkeit der BILD-Leser. Und die Öffentlichkeit der bürgerlichen Elite des 19. Jahrhunderts war eine andere als die Öffentlichkeit der schlesischen Weber. Die Entstehung digitaler Öffentlichkeiten kann die Öffentlichkeit oder das öffentliche Bewusstsein gar nicht unterminieren, weil es die Öffentlichkeit oder das öffentliche Bewusstsein im Singular nie gegeben hat. Was es allerdings unbestreitbarer Weise gibt, ist eine Zunahme medialer Plattformen zur öffentlichen sozialen Interaktion. Diese Pluralisierung von Öffentlichkeiten durch das Internet aber ist kein Nachteil, sondern ein Vorteil für eine demokratische Gesellschaft.

Es wird viel von den Möglichkeiten geredet, die die neue Öffentlichkeit für den politischen Diskurs und politische Beteiligungsmöglichkeiten bietet. Wo sehen Sie konkrete Gefahren?

Im gleichen Maße, in dem digitale Medien prinzipiell offene Plattformen für interaktive und partizipatorische Kommunikationen und Interaktionen bereitstellen, stellen sie auch neue Techniken der Überwachung und Beeinflussung eben dieser Kommunikationen und Interaktionen zur Verfügung. Der aktuelle Skandal um die Abhörmaßnahmen der NSA und anderer Geheimdienste ist hier sicher nur die äußerste Spitze des Eisbergs. Wir brauchen deswegen eine breite gesellschaftliche Debatte und wir brauchen mehr Medienkompetenz – sowohl bei den Nutzern, als auch bei Akteuren in der politischen Arena.

i

Stefan Münker

Stefan Münker ist Medienwissenschaftler und Publizist. Unter anderem unterrichtet er als Privatdozent an der HU-Berlin und arbeitet zurzeit als Kulturredakteur für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Hier beschäftigt er sich insbesondere mit der Emergenz neuer, digitaler Öffentlichkeiten.


Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Ihr Kommentar:

(*) Diese Felder sind Pflichtfelder

Ihr Kommentar wird von der Redaktion geprüft und dann freigeschaltet


Kommentare anderer Nutzer

Dirk Hansen | 20.11.2013 um 12:57 [Antworten]

Qualitative und Quantitative Öffentlichkeit

Noch nie waren die Möglichkeiten zur Teilhabe und Teilnahme so große. Rein theoretisch. Denn völlig zu recht weist Herr Münker darauf hin, dass es auf die tatsächliche Nutzung ankommt. Dabei spielt die Handhabbarkeit eine Rolle, aber auch die Zugangsmöglichkeit sowie die internationale Rechtssicherheit. Enorm kompliziert. Bislang wissen wir also nicht, ob das Ziel gesellschaftlicher Öffentlichkeit mit den Tools des Digitalzeitalters besser erreicht werden kann. Theoretisch vielleicht ja, praktisch noch nicht. Hier habe ich eine andere Position als Herr Münker: Es ist keinesfalls sicher, ob eine "Pluralisierung durch das Internet" ein Vorteil für die Gesellschaft ist. Nicht auf die Quantität kommt es an, sondern auf die demokratisch-funktionale Qualität.


Themengrafik

Politische Partizipation

Bei Wahlen können die Bürger Einfluss auf die Politik nehmen. Doch auch zwischen den Wahlen gibt es zahlreiche Möglichkeiten, um sich politisch zu engagieren und einzumischen.

Mehr lesen

Dossier Deutsche Demokratie

Politische Beteiligung

Über Wahlen oder die Mitgliedschaft in Parteien, Vereinen oder Bürgerinitiativen kann sich jeder Einzelne in politische Entscheidungen einbringen. Aber auch alltägliche Dinge können eine Form der politischen Beteiligung darstellen.

Mehr lesen

netzdebatte.bpb.de in Social Media

Debatte

Bedingungsloses Grundeinkommen

Was wäre, wenn jede_r von uns jeden Monat vom Staat einen festen Betrag aufs Konto überwiesen bekäme - ohne etwas dafür tun zu müssen? Das ist, vereinfacht gesagt, die Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE). Die Idee ist kontrovers, denn sie kratz an einigen elementaren Fragen: Ist der Mensch von Natur aus faul oder fleißig? Wie sehr vertrauen wir unseren Mitmenschen wirklich? Was ist der eigentliche Sinn von Arbeit? Woran misst sich eigentlich der Wert von Arbeit?

Mehr lesen

Debatte

Robotersteuer

Machen uns Roboter in Zukunft überflüssig? Oder schaffen sie neue Freiräume? Gewiss ist, dass die Automatisierung der Arbeit, aktuell unter dem Schlagwort Industrie 4.0, unsere Arbeitswelt verändern wird. Wie Politik, Gesellschaft und Wirtschaft darauf reagieren, ist allerdings noch offen. Diskutiert wird im Zuge dessen auch über die Einführung einer sogenannten Robotersteuer, die die befürchteten negativen sozialen Effekte abmildern soll. Wir haben zwei Experten zum Thema, um ihre Einschätzung gebeten.

Mehr lesen