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Sophie Scholz am 12.12.2013

Soziale Medien schaffen Möglichkeitsräume für das „Bürger-Sein“

Das Internet hat das Potential, den Bürger_innen die Politik wieder näher zu bringen. In ihrem Beitrag erklärt Sophie Scholz, Gründerin der Socialbar, warum gerade die sozialen Medien dazu beitragen, dass viele Menschen ihr Verständnis vom Bürgersein neu definieren. Jetzt schon enttäuscht zu sein vom Internet und dessen angeblich demokratisierenden Potential, findet sie verfrüht.

socialbar, TwitterSophie Scholz ist Gründerin der Socialbar Lizenz: cc by/2.0/de (CC, Socialbar)

Das Ziel von Initiativen wie der Socialbar ist es, einen zivilgesellschaftlichen Selbstverständigungsprozess über die Potenziale der sozialen Medien für die Zivilgesellschaft anzustoßen. In diesem Rahmen wurden innerhalb von 4 Jahren von freiwilligen Teams in über 20 Städten in Deutschland, über 200 Abendveranstaltungen in diesem Themenfeld organisiert – mit wenig bis gar keinem Geld, dezentral organisiert und ohne hauptamtliche Kräfte. Ohne den Einsatz der sozialen Medien, welche die Organisationslogik und –praxis der Socialbar prägen, wäre es nicht möglich gewesen, innerhalb kürzester Zeit ein derartiges Netzwerk zu schaffen.

Wenn von Politikverdrossenheit und mangelnder Beteiligung der Bürger_innen gesprochen wird, muss ich immer daran denken, wie engagiert sich in diesem Projekt viele Menschen eingebracht haben.

„Bürger-Sein“

Der Begriff des „Bürgers“ nach Vortkamp (2013) besagt, dass man sich das „Bürger-Sein“ durch seine Kompetenzen und sein Handeln erst erwirbt. In der Rolle des „Bürger-Sein“ werden egoistische Partikularinteressen durch Orientierung am Gemeinwohl überwunden. Um diesen Schritt zu ermöglichen braucht es institutionalisierte Räume politischer Beteiligungsmöglichkeiten, die über den vierjährlichen Urnengang hinaus gehen. Ich möchte zudem behaupten, dass zivilgesellschaftliche Formate wie die Socialbar, die zur aktiven Partizipation einladen um Ideen mit praktischem Mehrwert lokal umzusetzen und Engagierte online vernetzen, genau so zu diesem Entstehen des „Bürger-Seins“ beitragen.

Weder die politische Partizipation über die sozialen Medien, noch über die klassischen Wege, wird ohne dieses Erstarken des „Bürger-Seins“ zunehmen. Die Frage ist: welche Schlussfolgerungen lassen sich aus den Erfahrungen der Socialbar und vergleichbaren Prozessen darüber ziehen, wie die sozialen Medien das „Bürger-Sein“ fördern können?

Das Internet schafft einen neuen Möglichkeitsraum der Beteiligung und Transparenz

Heute ist es realistisch 10.000 Bürger_innen zu einem aktiven Online-Dialog einzuladen. Damit dieser Möglichkeitsraum für formale Beteiligung erfolgreich genutzt werden kann, braucht es einen echten Beteiligungsbedarf, eine Orientierung an Qualitätskriterien (wie z.B. klare Zielsetzungen oder Dialog auf Augenhöhe) und die Verpflichtung, dass Ergebnisse auch umgesetzt werden. Soziale Medien können nur ein „Mehr“ beisteuern, wenn ihre tatsächlichen Vorteile erkannt und genutzt werden. Diese können an vielfältigen Stellen liegen:

Soziale Medien schaffen und stärken Gemeinschaften

Es braucht (langfristige) Gemeinschaften um aktiv zu werden. Soziale Medien ermöglichen es verhältnismäßig kostengünstig große dezentrale Beziehungsnetzwerke aufzubauen und zu pflegen. „Bürger-Sein“ erfährt online eine Verstärkung und Verstetigung, indem sich Netzwerke formieren, selbstvergewissern und sichtbar werden .

Soziale Medien schaffen Transparenz

Engagement setzt Vertrauen in Institutionen und Menschen voraus. Soziale Medien ermöglichen Institutionen eine nie gekannte Transparenz herzustellen. Gerade wenn hierdurch die Menschen hinter den Organisationen als solche sichtbar werden, kann Vertrauen geschaffen werden.

Soziale Medien ermöglichen effiziente Selbstorganisation

Mit Hilfe sozialer Medien können in lokalen Selbstorganisationsprozessen gesellschaftliche Bedürfnisse erkannt und angegangen werden. Bestes Beispiel sind die Erfahrungen während des Hochwassers in Mitteleuropa 2013. Die Erkenntnis über die tatsächliche Möglichkeit eigener Einflußnahme, lässt die sozialen Medien zu dem erhofften „goldenen Medium“ der Partizipation werden.

Wir stehen noch am Anfang von Online-Dialog und Online-Partizipation

Jetzt schon Enttäuschung aufkommen zu lassen, ist verfrüht! Die sozialen Medien sind nur so partizipativ, dialogisch und offen, wie die Menschen und Institutionen die sie nutzen. Wir alle haben noch viel zu lernen um eine entsprechende „Kultur“ zu etablieren. Das „Bürger-Sein“ kann durch die sozialen Medien gestärkt werden. Dafür müssen die Dynamiken und Funktionsweisen der menschlichen Online-Kommunikation weiter erforscht werden. Es braucht weitere technische Entwicklungen: Stellen Sie sich ein neues Tool wie tricider, das Online-Abstimmungsprozesse ermöglicht, in 10 Jahren vor! Lernprozesse für die Bürgergesellschaft, wie sie von den Socialbars lokal organisiert werden, müssen dabei gefördert werden. Die Nutzung der sozialen Medien für die Zivilgesellschaft bleibt weiter eines der spannendsten Experimentier- und Lernfelder für neue Praktiken unserer Demokratie.



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