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Matthias Horx am 18.12.2013

Schwarm und Politik - ein neues Machtgefälle

Viele der Probleme unserer heutigen Zeit sind enorm komplex. Um sie zu lösen brauchen wir aber Experten, nicht nur das gesammelte Halbwissen des ‚Schwarms’. Zukunftsforscher Matthias Horx schreibt darüber was an der vermeintlichen Intelligenz der vielen problematisch ist, welche Rolle grundlegende psychologische Faktoren dabei spielen und wie sie aussehen soll, die ideale Balance zwischen Schwarm und Politik.

Bienen, Schwarm, BienenschwarmZukunftsforscher Matthias Horx über die Macht der Massen Lizenz: cc by-nc-sa/2.0/de (CC, Wak111)

In der Wohngemeinschaft, in der ich vor bald einem halben Jahrhundert lebte, gab es ein mit Filzstift an die Raufasertapete im Flur geschriebenes ehernes Gesetz: „Keine Macht für Niemand!“. Die Folge waren wunderbare Jahre, die jedoch meistens in Bergen von ungewaschenem Geschirr und bisweilen sehr hässlichen Psycho-Konflikten endeten. Seitdem wissen wir ein bisschen mehr über das, was ein kluger Kopf damals den „Horror unstrukturierter Gruppen“ nannte. Egalität ist keineswegs demokratisch, sie neigt vielmehr zur Bildung emotionaler Terror-Regimes.

Lehren aus der Wissenschaft

Ist die „flüssige Demokratie“, in Kombination mit der gelobten „Schwarmintelligenz“, eine Alternative zu diesem korrupten undemokratischen System, in dem wir – so glauben es jedenfalls viele – heute leben? Nicht die Internettechnik, sondern die neue Wissenschaft der Verhaltensökonomie wird uns bei der Beantwortung dieser Frage weiterbringen. So hat ein Team um den System- Zukunftsforscher Dirk Helbing in Zürich die Schwarmintelligenz in Experimenten getestet. Wenn man ein unstrukturiertes Kollektiv nach bestimmten Sachverhalten fragt, etwa dem Gewicht eines Gegenstands oder der Einwohnerzahl einer Stadt, liegt der „Schwarm“ dann richtig, wenn die Ergebnisse nicht ständig veröffentlicht werden. Wird aber der Mittelwert von Anfang an mitgeteilt, entstehen enorme Abweichungen.

Wir glauben gerne, was andere glauben

Dieser Effekt nennt sich die „Gruppenverzerrung“ oder „Confirmation Bias“. Wir glauben gern, was andere glauben. Wir halten kollektive Erregungen für unsere höchst individuelle Meinung. In der ständig von Erregungsschüben und durchaus ökonomischen Sensationsinteressen geschüttelten Mediengesellschaft (was wären die Medien ohne hässliche Skandale), wäre deshalb das Sich-Verlassen auf die kollektive Meinung einfach nur fatal. Entweder es käme dauernd zu Meinungshysterien. Oder zur gut gemeinten Entpolitisierung, weil natürlich alle Guten nur „das Gute“ wollen: Mehr Bildung, bedingungsloses Grundeinkommen, tolle Krankenhäuser, freie Musik. Das Piraten-Programm.

Experten bedeuten Gefälle, Hierarchie, Delegation. Und das ist gut so.

Viele moderne Probleme, von der Zukunft des Gesundheitssektors bis zur Planung von Bahnhöfen, sind enorm komplex. Dafür brauchen wir Experten. Auch Experten finden, wie das berühmte Tetlock-Experiment von 2006 zeigt, nicht immer die richtigen Lösungen. Trotzdem wird es ohne sie nicht gehen. Experten bedeuten immer auch: Gefälle, Hierarchie, Delegation. Und das ist gut so. Wenn bei einem Notfall im Cockpit eines Flugzeuges eine WG-Debatte ausbricht, möchte ich nicht drin sitzen.

Die Zukunft steckt im Feinschliff

Die Zukunft der Demokratie besteht nicht in Umkrempelung, sondern Verfeinerung des Repräsentationsverhältnisses zwischen „Schwarm“ (Bürgern), Experten und politischen Spezialisten. Am besten machen das heute die Schweizer. Die haben eine Regierung, in der alle Parteien kooperieren, und in der (parteineutrale) Experten hohe Anerkennung genießen. Aber das Volk hat ständig die Möglichkeit, Entscheidungen abzulehnen oder zu erzwingen. Die Volksabstimmung, so wissen weise Schweizer (und Demokraten), dient in erster Linie gar nicht der Kontrolle der Politiker. Sie gibt den Bürgern (Schwarm) die Möglichkeit, etwas über ihre eigenen Irrtümer zu lernen. Wenn die Piraten wirklich schlau sind, verstehen sie das. Und bereichern uns mit ihrem Konzept der „liquid democracy“ um neue produktive Irrtümer.


Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Frankfurter Rundschau (FR-Rundschau, 19. April 2012)


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Kommentare anderer Nutzer

Lennaron | 16.01.2014 um 11:38 [Antworten]

Streitbare Studie

Was ich an der Studie von Dirk Helbing kritikwürdig finde, ist die Tatsache, dass den Teilnehmer ein monetärer Anreiz für eine Antwort gegeben wurde. Damit animierte man die Teilnehmer zur Beantwortung von Fragen, auf die sie eigentlich keine genaue Antwort wussten. Das sehe ich nur bedingt auf reale Anwendungen übertragbar.
www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1008636108


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