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Alexander Pschera am 12.03.2014

Big Data und das Eliteloch

Warum machen uns große Daten Angst? Das hat sowohl mit der Drohkulisse des totalitären, allwissenden Systems zu tun, als auch mit der Fähigkeit von Big Data menschliche Erfahrungen zu automatisieren und aus den Rechenergebnissen Prognosen abzuleiten, die in den Händen von mächtigen Menschen großen Schaden anrichten können. Soweit das Horroszenario. Warum das nur die halbe Wahrheit ist, erklärt Alexander Pschera.

Big Data auf Tafel mit KreideBig Data Love Lizenz: cc by/2.0/de (CC, jalbertbowdenii)

Warum machen uns große Daten Angst? Erstens, weil die Akkumulation von Informationen per se totalitären Charakter hat. Denn Wissen ist bekanntlich Macht, und wer alles wüsste, der wäre allmächtig. Zweitens, und das ist mindestens ebenso bedrohlich, weil Big Data menschliche Erfahrungen automatisiert und aus den Rechenergebnissen Prognosen ableitet: Wie werden Menschen sich in bestimmten Situationen verhalten? Wie reagieren soziale Systeme auf Herausforderungen? Welchen Verlauf nehmen typischerweise Krankheiten? Wenn diese Prognosen in die Hände der Mächtigen geraten, ist das Horrorszenario perfekt: Eine prädeterminierte Welt entsteht, in der die Starken die Schwachen unterdrücken, weil sie wissen, was zukünftig passieren wird.

Mit dem Fortschritt der Technik zu wachsen bedeutet Freiheit – sich ihm zu verweigern deren Verlust

Das Szenario ist nicht unrealistisch - aber es ist nur die halbe Wahrheit. Denn: es beruht auf der Annahme, dass die Technologie sich ständig weiter entwickelt, und zwar exponentiell, der Mensch und seine Institutionen jedoch nicht. Das Ergebnis dieser Asynchronität wäre der Verlust von Freiheit. Die Geschichte hat aber gezeigt, dass bei technologischen Paradigmenwechseln immer zwei Dinge parallel geschehen: Diejenigen Menschen und sozialen Systeme, die sich eine neue Technologie aneignen und sie produktiv machen, die diese Technik ‚inkulturieren’ und institutionell verankern, erleben einen enormen Zuwachs an Freiheit - an Mobilität, Wissen, Kommunikation, Lebensqualität, Sicherheit. Diejenigen aber, die sich der Technologie, aus welchen Gründen auch immer, verweigern oder sich mit ihr schwertun, erleben einen enormen Verlust an Freiheit, weil sie an der Gesellschaft immer weniger partizipieren können. Ein schlichtes Beispiel: Wer nach der Whatsapp-Übernahme in die digitale Einsamkeit von Threema flüchtete, gehört zur zweiten Kategorie.

Es braucht einen radikal offenen Dialog

Es ist geradezu die Pflicht einer aufgeklärten Gesellschaft, die Kluft zwischen diesen beiden Gruppen so klein wie möglich zu halten. Das kann nur in einem radikal offenen Diskurs geschehen, der jede Einseitigkeit vermeidet und vorurteilsfrei und kenntnisreich alle Optionen prüft. Dies ist in der aktuellen Big Data Debatte nun gar nicht der Fall. In dieser Debatte wird permanent die Technologie mit ihrer Anwendung verwechselt. Sie gleicht einem Aufstand der Schriftelite des 20. Jahrhunderts, die auf einem überholten Freiheits- und Individualitätsbegriff beharrt, gegen die, wie der Kommunikationsforscher Vílem Flusser es treffend nannte, „alpha-numerische Elite“ des 21. Jahrhunderts, die in der Lage ist, die Maschinensprache zu lesen und sich diese Maschinen nutzbar zu machen. Die Alphanumeriker sind ihrer Zeit ständig voraus, die Schriftgelehrten hinken der Wirklichkeit permanent hinterher. Zwischen diesen beiden Eliten, der analogen Nachhut und der digitalen Vorhut, klafft ein riesiges Eliteloch, das es zu füllen gilt.

Wir brauchen kreative Lösungen für Technik und Gesellschaft, keine aufgebrühte Datenschutzdebatte

Unsere Zukunft wird datengetrieben sein. An dieser Einsicht führt kein Weg vorbei. Um in der Komplexität der zukünftigen Welt überleben zu können und um dort unsere Lebensqualität zu sichern, bedarf es der künstlichen Intelligenz. Es bedarf Zentren der Macht wie Google, Amazon oder Facebook, die aufgrund ihrer Konzentration von alphanumerischer Intelligenz alleine dazu in der Lage sind, diese Technologie voranzutreiben und weiter zu entwickeln. Aber es bedarf auch neuer Formen der Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine, zwischen Gesellschaft und Konzernen. Um die Erkenntnismöglichkeiten, die uns große Daten bieten, abzuschöpfen, müssen wir neue mentale und soziale Modelle der Bewältigung schaffen. Wir müssen nicht nur technologisch kreativ sein, sondern auch institutionell, juristisch und gesellschaftlich. Wir müssen Lösungen finden, die es uns erlauben, mit intelligenten Systemen so zu interagieren, dass wir dabei nicht unsere Autonomie verlieren – als Individuen wie als soziale Formationen. Mehr als eine aufgebrühte Version der Datenschutzdebatte ist am Horizont der denkenden Nation aber bislang nicht auszumachen. Die Big Data-Debatte muss endlich erwachsen werden. Sie muss sich aus dem lähmenden Dilemma von „Prognose oder Privatheit“ befreien. Denn Big Data gibt uns die Chance, das Universum unseres eigenen Wissens zu beherrschen.

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Über den Autor

Alexander Pschera ist Geschäftsführer der Münchner Agentur Maisberger, Autor und Blogger. Zuletzt erschien von ihm der Essay „Vom Schweben. Romantik im Digitalen“.


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