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Philipp Blank am 15.07.2014

Streit um einen Mythos

Bei der Debatte um die sogenannte Netzneutralität könne man den Eindruck gewinnen, es ginge um das Ende des Abendlandes. Tatsächlich gehe es aber um die Weiterentwicklung des freien und offenen Internets. Dessen Ende müsse hierzulande niemand befürchten schreibt Phillip Blank, Corporate Blogger für die Telekom. Ein Kommentar.

Netflix LadevorgangBei datenintensiven Diensten wie Netflix oder Maxdome kommt es öfter mal zu lästigen Wartezeiten. Um das zu verhindern, würde die Telekom den Verkehr im Netz gerne über s.g. 'Managed Services' umleiten. (© Screenshot Netflix)

Die wichtigste Botschaft vorweg: Das Internet, wie wir es heute kennen, wird es auch in Zukunft geben. Allerdings entwickelt sich das Netz weiter, denn mit der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung unserer Gesellschaft entstehen neue Dienste. Die Beispiele reichen von Videokonferenzen über komplexere Online-Spiele bis hin zu Telemedizin.

Gemeinsam haben viele der neuen Dienste (z.B. Video-Streaming oder Online Gaming), dass sie höhere Qualitätsanforderungen, zum Beispiel hinsichtlich der Geschwindigkeit, haben als etwa eine E-Mail oder der Aufruf einer Webseite. Nach dem herkömmlichen Verkehrsprinzip im Netz – dem so genannten Best Effort-Prinzip – kann solch eine höhere Übertragungsqualität allerdings nicht garantiert werden. Die Daten werden so schnell oder langsam übertragen, wie es die aktuelle Verkehrslage eben hergibt. Zur Rushhour im Netz kann es da schon einmal ruckeln. Die Folge: Qualitätsempfindlichere Dienste können nicht mehr ausgeführt werden oder womöglich gar nicht erst entstehen. Innovationen bleiben aus.

Europa hinkt der Digitalisierung hinterher

Damit sich das Netz weiterentwickeln kann braucht es also so genannte Managed Services oder Spezialdienste. Das sind Dienste, bei denen eine bestimmte Übertragungsqualität garantiert wird. Etwa wie bei einem Postpaket, bei dem die Kund_innen ja auch einen Expressversand wählen können. Werden solche Spezialdienste in Europa verhindert, verliert die europäische Internetwirtschaft den Anschluss an die USA und Asien noch weiter (die in den USA zuständige Telekommunikationsbehörde FCC z.B. hat für die Einführung solcher Sonderdienste kürzlich den Weg geebnet).

Und das in doppelter Hinsicht: Nicht nur, dass innovative Dienste direkt unterbunden werden. Hinzu kommt, dass Netzbetreiber_innen die Möglichkeit genommen wird, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Und diese werden dringend benötigt. Denn Fakt ist: Die Umsätze der Telekommunikationsbranche schrumpfen seit Jahren. Gleichzeitig stehen Milliardeninvestitionen in die Netzinfrastruktur an, um möglichst überall immer schnellere Internetanschlüsse bieten zu können. Denn ohne flächendeckendes Hochleistungsnetz gibt es keine Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft.

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Für die einen fast ein Schimpfwort für die anderen die logische Konsequenz aus dem ständig wachsenden Verkehrsvolumen im Internet: Managed Services. In diesem Werbevideo z.B., zeigt die Telekom, warum man dort der Meinung ist, dass die Bevorzugung bestimmter Datenströme unbedingt notwendig ist. Ganz anders sehen das die Macher dieses Videos!

Die Gleichbehandlung aller Daten im Netz ist ein Mythos

Kritiker wittern das Ende der Netzneutralität, wenn Spezialdienste eingeführt werden sollten. Doch schon der Begriff "Netzneutralität" ist von ihren Befürwortern geschickt gewählt. Er suggeriert, dass jede Qualitätsdifferenzierung nicht neutral und diskriminierend sei. Allerdings ist die Vorstellung vom Internet als völlig ungesteuertes Medium, bei dem jedes Datenpaket die gleichen Chancen hat, schon heute ein Mythos. Natürlich kann und muss der Verkehr im Internet gelenkt werden. Sonst würde er genauso zusammenbrechen wie ungesteuerter Autoverkehr. Wenn ein Router ausfällt, muss sichergestellt sein, dass der Datenverkehr eine Umleitung findet. Schon das zeigt, dass es ungesteuerten Datenverkehr nicht geben kann.

Managed Services schaffen Chancengleicheit

Hinzu kommt: Bislang können es sich vor allem große Internetkonzerne leisten, die Qualität ihrer Dienste zu verbessern. Beispielsweise durch weltweite Serverparks, die die Inhalte näher an die Kund_innen bringen und damit die Datenübertragung wenn nicht beschleunigen, aber zumindest sicherstellen. Kleinere Anbieter haben diese Möglichkeit nicht. Durch Managed Services bekommen sie erst die Chance, qualitätsempfindliche Dienste auf den Markt zu bringen. Das muss auch nicht durch Vorab-Bezahlung der Netzbetreiber erfolgen. Denkbar ist beispielsweise eine Umsatzbeteiligung. Die neuen Spezialdienste schaffen also erst die Chancengleichheit, die die Netzaktivisten durch diese bedroht sehen. Entscheidend dabei ist: Netzbetreiber dürfen weder Dienste noch Anbieter diskriminieren. Jeder muss einen Managed Service nutzen können, wenn es für den jeweiligen Dienst sinnvoll ist.

Es wird Zeit, in der emotionalen Debatte stärker auf die Fakten zu schauen. Sonst riskieren wir, dass durch eine falsch verstandene Netzneutralität die Weiterentwicklung des Internets in Europa behindert wird.

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