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Merlin Münch am 31.07.2014

Internet Marke Eigenbau

Seit den frühen 90'er Jahren basteln die Mitglieder des Individual Network e.V. Berlin an ihrem ganz eigenen Zugang zum Netz. Mittlerweile sind sie selbst zum Provider geworden. Was sie von anderen Anbietern unterscheidet, wie man überhaupt zum Provider wird und welche Hürden man auf dem Weg dorthin nehmen muss, haben sie uns im Interview erklärt.

Aufgebohrtes RoutergehäuseUm selbstständiger Provider zu werden reichte es nicht zu wissen, wie man Löcher in Router bohrt. Leider. Lizenz: cc by-nc-sa/2.0/de (mlaaker)

Ihr nennt euch ,Individual Network' - was ist bei euch anders als bei anderen Providern?

Chris: Die Namensgebung "Individual Network" kam zunächst dadurch zustande, dass wir Internet für Privatpersonen, also ‚Individuals’ anbieten.

Angelika: Bei uns gibt es außerdem immer schon das ganze Internet - nicht nur das ‚Bunte’. Gerade früher gab es im Internet z.B. noch viele weitere Protokolle, die von den meisten Providern jedoch nicht angeboten wurden (z.B. ftp, ssh, email, gopher usw.). Bei den damaligen Providern wurde "das Internet" mit www-Diensten gleichgesetzt. Mit Mühe und Not konnte man da eine Mailadresse erhalten. Das heißt, dass man nicht direkt im Internet war, sondern es immer einen „Vorsteher“ (englisch: Proxy) gab, über den jeder Internetverkehr geleitet wurde. Viele Dinge sind mit Proxy gar nicht möglich. Standleitungen waren großen Firmen vorbehalten, statische IP-Adressen für Privatpersonen vollkommen unüblich. Allerdings war auch die Anzahl der Provider Ende der 90er Jahre sehr viel geringer als heute: ich erinnere mich z.B. nur an Compuserve und T-Online, AOL und den kleinen Berliner Provider snafu.

Thomas: Der IN-Berlin e.V. hat seit jeher auf s.g. Unix-Systeme gesetzt, z.B. Linux. Das ist zum einen eine finanzielle Frage – Windows-Lizenzen sind in der Masse teuer. Zum anderen ist gerade im professionellen Umfeld, jedenfalls in der Administration, Windows nicht so üblich. Außerdem sind einige von uns auch selber in der Freien Software-Szene aktiv, also entwickeln und benutzen freie Software. Da will man das natürlich auch bei seinem Provider machen. Als "Provider zum Anfassen" und Mitmachen kann der / die Interessierte lernen, wie das Internet funktioniert. Dienste, die wir für unsere Teilnehmer_innen (wir sprechen bewusst von Teilnehmer_innen, nicht "Kund_innen") realisieren, sind immer Komplettpakete, ohne weiteren Aufpreis. Noch letztes Jahr hatten diverse kommerzielle Anbieter beispielsweise SSL-Verschlüsselung als "business-Feature" angesehen, das man extra einkaufen musste. Unser Anspruch ist es, mehr als nur ISP zu sein. Wir möchten Kontakt mit unseren Nutzer_innen und sie zum Mitmachen animieren. Bei uns gibt es Vorträge und wir leisten uns einen Vereinsraum, der allen Gruppen, die sich mit "freier Software" beschäftigen, offen steht. So geben wir der Community wieder etwas zurück.

Logo des IN-BerlinDer IN-Berlin verspricht Internet und mehr. (© IN-Berlin)



Bei euch bekommt man Internet ,ohne Abstriche und Kompromisse' - was heißt das konkret? Welche Abstriche machen Nutzer_innen anderer Provider?

Angelika: Der IN-Berlin lebt vom Mitmachen. Es gibt hier kaum massenhaft aufgesetzte Server, vieles wird in mühseliger Handarbeit selbst installiert und konfiguriert. Das ermöglicht dann auch wünsch-dir-was-Konfigurationen, selbst wenn man keine Ahnung davon hat. Aber auch der Sicherheitsaspekt ist uns sehr wichtig. IN-Berlin ist als Verein nämlich nicht überall den gleichen Gesetzen unterworfen, wie die großen Provider. So haben wir es immer wieder hinbekommen, Mitglieder vor Zugriffen des Staates zu schützen. Wir stellen alle möglichen (und auch einige unmögliche) Internetdienste zur Verfügung. Die Nutzer_innen können also bekommen, was sie wollen und nicht, was der Provider vorschreibt.


Warum habt ihr euch entschieden ein selbstständiger Provider zu werden?

Angelika: In den 90er Jahren gab es kaum private Internetnutzer. Das Netz war vor allem Institutionen wie z.B. Universitäten vorbehalten, denn es gab ja auch kaum Internetverbindungen. DSL war in der Endphase der Entwicklung und weit davon entfernt, überall verfügbar zu sein. Um das ganze zu veranschaulichen helfen vielleicht zwei Zahlen: 1990 gab es 313.000 Hosts (d.h. Ans Internet angeschlossene Computer), 2011 waren es 850.000.000! Wir hatten Glück: Dank Kontakten zu den Universitäten und konnten wir damals das Deutsche Forschungsnetz DFN nutzen. So konnten wir auch Privatpersonen Zugang zum Internet ermöglichen. Heute spielt der Zugang kaum noch eine Rolle, der ist bei großen Providern schneller und billiger. Dafür bieten wir eben flexible Angebote von Diensten und Software auf dem Webserver.


Und wie gründet man so einen eigenen Provider?

Julian: An sich steht als erstes die Anmeldung bei der Bundesnetzagentur als Provider. Danach muss man sich um das organisatorische kümmern: Man braucht einen Standort, außerdem braucht man IP-Netze, d.h. man muss sich beim RIPE NCC (Réseaux IP Européens Network Coordination Centre – das sind die, die in Europa die IP-Nummern vergeben) anmelden. Einen Internetzugang braucht man auch, dazu eignet sich am besten das s.g. Peering. Das bedeutet, dass man mit einem anderen Provider ausmacht, dass untereinander kostenlos Datenverkehr austauscht. Dafür braucht man natürlich auch noch irgendeine Netzverbindung zueinander. In Berlin wird das oft über große Knotenpunkte, s.g. CIXe (Commercial Internet Exchanges) geregelt. Das sind im wesentlichen große Switches, an die sich viele Provider anschließen um Datenverkehr miteinander zu teilen. Ganz ohne einen Provider, der einem den Zugang zu denen gibt, mit denen man nicht peeren kann, geht es als kleiner Provider meistens nicht. Dann muss man noch einen Weg finden, die Nutzer_innen zu erreichen. Das kann man über WLAN, Glasfaser oder DSL machen. Es gibt auch kleine Provider (z.B. in einigen Studentenwohnheimen), die direkt die Hausverkabelung benutzen, um darüber normales Netzwerk (Ethernet) zu leiten. Dazu kommt die ganze technische Infrastruktur. Das ist dann auch der Bereich in den man am meisten Geld stecken muss. Allein für die Internetanbindung braucht man einen Router und einen Switch, dazu braucht man noch Rechner für die Anmeldung der User, einen Mailserver, einen Webserver, usw. Damit das ganze ausfallsicher ist, will man alles redundant haben, d.h. zweimal vorhanden. Wir reden hier auch nicht von Rechnern, wie man sie sich zu Hause hinstellt, sondern von teurer Serverhardware. Da kostet ein Server schnell mal 4000 Euro. Vor allem braucht man aber natürlich auch das technische Know-how und Verbindungen zu anderen Providern. Mit denen muss man nämlich zusammen arbeiten. Das kann wie gesagt Peering sein, oder auch ‚DSL_Reselling’, also z.B. die Leitungen der Telekom zu nutzen.

Räumlichkeiten des IN-BerlinHier wird fleißig am Netz getüftelt. (© IN-Berlin)



An wessen Infrastruktur seid ihr angeschlossen?

Chris: In den Anfangszeiten waren wir an das Deutsche Forschungsnetz (DFN) angebunden. Nach Auflösung des Dachverbandes (Individual Network e.V.) haben wir dann Internetdienste bei anderen kommerziellen Providern eingekauft. Im Jahre 2003 haben wir von der für Europa zuständigen Vergabestelle für Internetressourcen (RIPE NCC, https://ripe.net) ein eigenes Autonomes System und IP-Adressbereiche erhalten. Damit sind wir komplett unabhängig von einzelnen Providern geworden. Für den direkten Datenaustausch mit anderen Providern sind wir an verschiedene Peeringpunkte (BCIX, ECIX) angebunden und bekommen so Zugriff auf das komplette Internet.

Julian: Für die Anbindung von DSL-Teilnehmer_innen greifen wir natürlich auf die DSL-Leitungen der Telekom zurück. Da direktes Verhandeln mit der Telekom als kleiner Provider quasi unmöglich ist, gibt es noch einen s.g Reseller dazwischen, der uns die DSL-Verbindungen zur Verfügung stellt. Wenn es den nicht gäbe, müssten wir ungefähr fünfstellige Beträge in die Hand nehmen. So wie es jetzt läuft, bauen die DSL-Nutzer eine Verbindung mit dem Reseller bzw. mit der Telekom auf und werden dann verschlüsselt zu uns weitergeleitet.


Ganz unabhängig von den großen Providern geht also nicht?

Angelika: Jein. Wären wir vollkommen unabhängig, hätten wir nicht mal physikalischen Kontakt zu anderen Netzen. Die Alternative wäre eine internationale Etablierung eines neuen, "privaten" und "geschlossenen" Internets.

Julian: Ein anderes Problem ist natürlich gerade bei der Anbindung, dass man als kleiner Provider nicht selber Datenleitungen zu den Nutzern legen kann. Hier sind wir darauf angewiesen, dass die Telekom einen DSL-Anschluss zur Verfügung stellt. Ansonsten müssen wir eigene Alternativen bauen (z.B. über W-LAN). Wenn man aber mit dem DSL-, bzw. Telefonnetz insgesamt arbeitet, ist man immer abhängig von den großen Providern. Es gibt auch diverse Schnittstellen, an denen man nicht vorbeikommt. Transatlantikkabel z.B.: Wenn man nicht nur in Europa bleiben will, muss der Datenstrom natürlich irgendwo an einen Netzbetreiber abgegeben werden, der ein Transatlantikkabel betreibt.


Ihr setzt euch für den ,,Abbau von Zugangsbarrieren und die Förderung freier Infrastrukturen" ein. Was bedeutet das genau und wie geht ihr vor?

Steffen: An einigen Standorten in der Nähe unseres Vereinsraums bieten wir Internet per WLAN an. Das ist eine unabhängige, von uns selbst betriebene Infrastruktur. Auch das Internet selbst kommt von unseren Standorten per WLAN zu diesen Verteilerstandorten und wird nicht über DSL-Anschlüsse großer Provider abgeführt. Der Aufbau solcher komplett unabhängigen Standorte ist allerdings recht aufwendig. Das liegt an den vielen notwendigen Genehmigungen und Verträgen. Da vergehen von der Idee bis zur Realisierung oft Monate. Es wäre schön, wenn diese (Genehmiguns-)Prozesse so vereinfacht werden, dass auch kleinen Vereinen, kleinen Providern und Privatpersonen eine schnellere und bessere unabhängige Einbindung ins Netz möglich wird. Das könnte zu einer Dezentralisierung des Netzes führen - eine der Besten Möglichkeiten, die Netzneutralität zu sichern.

Julian: Wir fördern auch diverse Projekte, die das als Ziel haben, indem wir ihnen z.B. unsere Räumlichkeiten für Treffen zur Verfügung stellen. Die Diaspora-Usergruppe ist ein gutes Beispiel dafür (Diaspora ist ein alternatives soziales Netzwerk a la Facebook). Auch mit den Leuten von freifunk arbeiten wir zusammen. Bei unseren s.g. Usertreffen helfen wir Nutzern mit ihren Problemen oder erklären, wie bestimmte Dinge funktionieren, wie man bestimmte Software benutzt, usw.

Raum des IN-BerlinGadgets die Bastlerherzen höher schlagen lassen. Wir können gerade mal den Laptop identifizieren. (© IN-Berlin)



Könnten individuelle Provider, so wie ihr es seid, ein Modell ¸für die Zukunft sein?

Gernot: So, wie wir das machen, in unserer Freizeit und aus Spaß, wird man nicht 80 Millionen Menschen Internet anbieten können. Es ist aber gut, dass es neben 08/15-Providern auch welche wie uns gibt.

Steffen: Weil ein Verein sind, können und wollen wir keine kommerziellen Bereiche im Internet abdecken. Es gibt aber durchaus auch kommerzielle Anbieter, die, ähnliche Dienste wie wir anbieten. Oft sind das Genossenschaften. Es wäre schon schön, wenn es mehr davon gäbe. Ab einer gewissen Anzahl dieser eigenständigen Provider wäre ein dezentrales und von den ganz Großen unabhängiges Internet denkbar.

Thomas: Den Begriff "Provider" müsste man allerdings genauer differenzieren und zwischen Zugangsanbieter und Dienstanbieter unterscheiden. Wir bieten z.B. Zugang zum Netz indirekt über die Telekom an, direkt per Telefon-Einwahl, oder per WLAN, unmittelbar im Kiez. Leitungen in jedes Haus von Endnutzern zu legen hingegen, oder per WLAN flächendeckend Zugang zu schaffen¸ übersteigt unsere personellen und finanziellen Mittel. Als Dienstanbieter bieten wir z.B. Web-Mail, News, XMPP und vieles andere mehr an, bzw. ermöglichen es unseren Nutzern, dies selbst zu tun. Das geht ganz ohne die "Großen" und in feiner, an die Bedürfnisse der Nutzer abgestimmter Granularität.


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